Helmut Hofbauer: Wer hat das Wissen in der Wissenschaft versteckt? Königshausen & Neumann, Würzburg 2011.
Gehen wir doch mal von der allgemein geteilten Vorstellung aus, wonach Wissenschaft in methodisch geleiteter objektiver Erkenntnis besteht, und sehen wir, ob folgende Thesen plausibel sind:
1. Wissenschaft ist eine Art von heteronomer, indirekter Erkenntnis
Das Erste, das einem auffällt, wenn man die Wissenschaft unvoreingenommen betrachtet, ist, dass dort niemand sagt: „Da habe ich das und das daraus gelernt!“, sondern man sagt: „Damit wird eine Forschungslücke im Bereich … geschlossen.“ oder „Das ist ein Fortschritt für die (Name der Disziplin).“
Man führt also in der Wissenschaft nicht Erkenntnisbemühungen aus eigener Initiative oder auf eigene Rechnung durch, sondern man erkennt für eine Institution.
Es ist denkbar, dass einem Menschen, der auf diese Weise Erkenntnisarbeit „im Auftrag von…“ durchführt ein wenig außer Kontrolle gerät, welche Erkenntnisziele er warum beforscht und welche Darstellungen von Ergebnissen aus welchem Grund als Erkenntnisse anzusehen sein sollen.
2. Wissenschaft ist eine Karriere/ein Beruf
Die Vorstellung, von der wir ausgegangen sind, wonach man sich in der Wissenschaft darum bemüht, mithilfe von methodischem Vorgehen die Wahrheit zu erkennen, lässt es so erscheinen, als ob bei diesem Unternehmen grundsätzlich ein jeder Mensch mitmachen könnte, der sich an diese Regeln hält. In der Wirklichkeit sieht das aber nicht so aus: Es hat sich eine Reihe von Institutionen gebildet, die WissenschaftlerInnen Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung stellen, und ebenso ein System von Veröffentlichungsmöglichkeiten (Journals, Kongresse etc.) wissenschaftlicher Arbeit. In diesem institutionellen, (ver)organisierten Umfeld erweist sich, dass eigentlich kein Betrag zur Sprache kommen und von den Anderen gehört werden kann, der nicht ohnehin bereits von innerhalb dieser Strukturen her kommt.
Wir können also entweder sagen: Der Ausgangspunkt, den wir gewählt haben, ist schlicht falsch, oder er muss wie folgt modifiziert werden: Wissenschaft besteht in methodisch geleiteter objektiver Erkenntnis – aber nur in solcher, die von Personen generiert wird, welche in wissenschaftlichen Institutionen arbeiten und dies im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Karriere tun.
Oder einfacher gesagt: Objektive Erkenntnis, von NichtwissenschaftlerInnen produziert, ist keine wissenschaftliche Erkenntnis.
3. Wissenschaft ist systematisches, systematisiertes Wissen
Diese These klingt unverdächtig und selbstverständlich, solange man sich nicht überlegt, was sie impliziert. Sie impliziert: Es genügt nicht, bei einer Erkenntnis nur darüber nachzudenken, ob sie wahr (objektiv) ist, sondern man muss sich auch darüber Gedanken machen, wie sie in den wissenschaftlichen Wissenskorpus einzuordnen ist.
Im Rahmen einer solchen Bemühung kann es dann auch schon mal vorkommen, wie ich im letzten Kapitel meines Buches zeige, dass jemand ein ganzes wissenschaftliches Werk lang die Aufmerksamkeit seiner LeserInnen ausschließlich damit beschäftigt, die Nachbarschaftsbeziehungen zwischen seinem Forschungsfeld und anderen, verwandten Forschungsfeldern aufzuzeigen und die historischen Schuldverhältnisse zwischen ihnen zu klären. Wissenschaft kann daher manchmal auch darin bestehen, dass man einfach nicht zur Sache kommt.
4. Wissenschaft ist ein utilitaristisches Unternehmen
Es scheint, die Exaktheit, mit der in der Wissenschaft Erkenntnisgegenstände erforscht werden, steht in einem ziemlichen Missverhältnis zur Pampigkeit der Entscheidung, mit der man sich entschließt, dieses und nichts anderes zu beforschen, sowie der Tatsache, dass eigentlich keine Rechenschaft über die Forschungsziele abgelegt wird, wo mit wissenschaftlichen Argumenten die Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Forschungsgegenstand begründet würde.
Anstatt dessen scheint es so zu sein, dass die Entscheidung über das Was der Forschung in großem Maße von der Politik gefällt würde, wobei das Argument schwer wiegt, dass diese oder jene Forschung besonders vielen Menschen nütze. Dieses quantitative Argument scheint dann den qualitativen Aspekt so sehr zu überwiegen, dass nicht einmal mehr danach gefragt wird, was es im konkreten Fall bedeutet, dass eine bestimmte Erkenntnis diesen oder jenen Menschen nützt – es genügt zu behaupten, dass sie möglichst vielen nützt.
5. Wissenschaft ist Macht
Doch was ist Macht? Macht ist ein sich selbst verfestigendes System.
An und für sich würden wir ja Wissenschaft nicht mit Macht assoziieren, denn dort regiert der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“, mit einem Wort: die Rationalität – und von der Rationalität denken wir doch gewöhnlich, dass sie so ungefähr das genaue Gegenteil von Macht ist.
Die These wird jedoch plausibler, wenn wir überlegen, worin das Ziel der Wissenschaft besteht: Wissen zu schaffen. Wissen nun ist eine Verfestigung, welche durch Kritik oder Neudurchdenken der Sachverhalte wiederum verflüssigt und durcheinandergebracht wird. Insofern die Wissenschaft also ihren Stolz darein setzt, jene Institution zu sein, die als einzige in der Gesellschaft wahres Wissen garantiert, werden Denken und Kritik immer etwas Ketzerisches und Unliebsames an sich haben, das man nur insoweit zu tolerieren bereit ist, als man schon von Vornherein mit freiem Auge sehen kann, dass das Projekt einer bestimmten Kritik in einem konkreten Fall sehr wahrscheinlich berechtigt sein wird.
Betrachtet man diese Angelegenheit auf der organisationellen Ebene, so stößt man auf die Frage, dass soziale Systeme sicherlich wohl auch so organisiert werden könn(t)en, dass Kritik und Denken gefördert werden; die Wissenschaft gehört aber offenbar nicht zu dieser Art sozialer Systeme.
6. Wissenschaft ist universales, allgemeingültiges Wissen
Auch diese These klingt so selbst-verständlich, dass sie uns nicht aus dem Schlaf unserer Gedankenlosigkeit aufweckt. Doch in ihrer Konsequenz bedeutet sie: Wissenschaft ist nicht die Erkenntnis des Einzelnen und Individuellen.
Wiederum müssen wir unseren Ausgangspunkt vom methodisch gewonnenen, objektiven Wissen modifizieren. Dass etwas als objektive Erkenntnis gewonnen wird, genügt noch nicht zu seiner Wissenschaftlichkeit; es muss sich auch wiederholen, damit es als wissenschaftliches Wissen gelten kann. Das heißt, es muss viele Eichen und viele Krankheiten oder andere Einheiten geben, die sich wiederholen. Dass es einen Jupiter gibt, ist streng genommen keine wissenschaftliche Erkenntnis, weil Wissenschaft darin besteht, abstrakte Begriffe zu gewinnen (z.B. „Krankheit“), um Phänomene miteinander zu vergleichen und auf diese Weise verallgemeinerbares Wissen zu gewinnen.
Das bedeutet aber auch: Wissenschaftliches Wissen ist abstrahiertes Wissen. Und es bedeutet auch: Wenn bei der Gewinnung von wissenschaftlichem Wissen von denjenigen Eigenschaften einer Sache abstrahiert wurde, die einen bestimmten Menschen interessieren und um derentwegen er diese Sache erkennen möchte, dann entfernt sich wissenschaftliches Wissen eigentlich bereits wieder vom Ideal der Objektivität.
Zusammenfassend:
Diese Liste von Thesen ist sicher nicht vollständig. Aber eines zeigt sie ganz gewiss: Die allgemein geteilte Überzeugung, wonach Wissenschaft in methodisch gewonnener, objektiver Erkenntnis besteht, ist unvollständig in einem Grade, dass sie irreführend ist.
Tatsache ist: Wir wissen nicht, was wissenschaftliches Wissen ist. Es ist schwer zu verstehen, was das ist. Es ist methodisch gewonnenes, objektives Wissen – aber dazu kommt noch vieles dazu, das sich aus der Dynamik des wissenschaftlichen Arbeitens in wissenschaftlichen Organisationen und Institutionen ergibt. Was belohnt die Organisation, was nicht? Was verfestigt sich als Wissen in solchen sozialen Strukturen, welches Wissen setzt sich durch und welches nicht? Wissen setzt sich ja nicht nur einfach deshalb durch, weil es richtig/wahr ist, sondern es kann sich auch deshalb durchsetzen, weil es einfach ist, veranschaulichende Kraft besitzt oder aus irgendeinem Grund von allen nachgeplappert wird.
Ich glaube, es gilt diesen systemischen Bedingungen nachzugehen, die bestimmte Erkenntnisse oder bestimmte Gestalten und Darstellungen von Erkenntnissen vor anderen bevorzugen. Am interessantesten finde ich die Frage, was denn die Wissenschaft wissen will. Wenn wir wie in meiner ersten These davon ausgehen, dass Wissenschaft nicht das Erkennen und Lernen des einzelnen Wissenschaftlers oder der einzelnen Wissenschaftlerin ist, sondern das Erkennen und Lernen einzelner wissenschaftlicher Disziplinen oder gar der Wissenschaft als ganzer, dann stellt sich tatsächlich die Frage: Was, bitte, wollen diese sozialen Einheiten wissen? Was interessiert die soziale Institution Wissenschaft?
In zwölf Einzelstudien habe ich in meinem Buch Wer hat das Wissen in der Wissenschaft versteckt? (Königshausen & Neumann, Würzburg 2011) versucht, diesen Fragen nachzugehen. Man kommt dabei bei den verschiedensten Phänomenen vorbei. Sie alle haben gemein, dass sie weit hinausgehen über das, was wir in unserer Ausgangsvorstellung als Wissenschaft beschrieben haben. Dass eine Erkenntnis objektiv und richtig ist, macht sie noch lange nicht zur Wissenschaft. Es ist noch herauszufinden, in welche Richtung sich dieses eigenwillige soziale Gebilde, das wir Wissenschaft nennen, hinbewegt und was das eigentlich genau ist, das sie uns verkauft, während wir Wissen von ihr verlangen und erwarten.
Die einzelnen Studien behandeln folgende AutorInnen und Themengebiete:
1. Jeanne Marie Gagnebin (Geschichte, Geisteswissenschaft)
2. Sandra Beaufaÿs (Geschichte, Biochemie)
3. Andreas Hütig (Kulturwissenschaften)
4. Carl Djerassi (Medizin, Naturwissenschaften)
5. Monika Wogrolly (Medizin)
6. Friederike Hassauer (Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaften)
7. Michel Foucault (Medizin, Metadiskurse)
8. John Stuart Mill (Utilitarismus)
9. Erich Visotschnig/Siegfried Schrotta (Macht)
10. Gordon A. Frutschnigg (Philosophie)
11. Oliver Sacks (Neurologie, Wissenschaft des Beobachtens)
12. Wilhelm Schmid (Lebenskunst als Wissenschaft)
Zu guter Letzt: Versteckt hat das Wissen in der Wissenschaft wohl niemand. Aber es scheint ein Wesenszug menschlicher Sozialität zu sein, dass uns Wissen und spezielle Fähigkeiten in Institutionen hineingeraten, welche sie verwalten und wo es dann Menschen gibt, die sie legitim besitzen und ausüben, während man von Menschen, die außerhalb stehen (oder innerhalb, aber da einen niedrigen Rang einnehmen), sagt: „Die machen das nicht ordentlich!“ oder „Die sind nicht dazu berechtigt.“ Hier zeigt sich, dass wissenschaftliches Wissen seinen Wert zu einem Gutteil aus der Tatsache bezieht, dass manche Menschen von den übrigen Menschen sagen können, diese besäßen dieses Wissen nicht oder jedenfalls in vertrauenswürdiger, bestätigter Weise. Ich denke, es erstaunlich, dass wissenschaftliches Wissen, das uns im Grunde doch alle schlauer und wissender machen sollte, versteckt werden muss, damit der soziale Austausch funktionieren kann, indem einige zu Experten werden und die Übrigen zu Laien – und diese jenen etwas anzubieten haben.





