Philosophie aus Sicht der (philosophischen) Kommunikation

In seiner Einleitung zum Band Philosophie der Reihe Das Fischer Lexikon (hg. v. Alwin Diemer und Ivo Frenzel, Frankfurt/Main 1958. S. 9-17) stellte Helmuth Plessner Philosophie dar als etwas, das gegenwärtig (=1958) gerade eliminiert, ausgelöscht wird.

Und zwar wird die Philosophie seiner Ansicht nach ausgelöscht durch zwei Extrempositionen, die einander gegenseitig negieren, die analytische Philosophie und die Existenzphilosophie. Von diesen beiden Philosophierichtungen wird die Philosophie Helmuth Plessner zufolge deshalb ausgelöscht, weil die analytische Philosophie gänzlich in der Wissenschaft aufgeht und damit die philosophierende Person auflöst, die etwas Philosophisches kommunizieren könnte; die Existenzphilosophie hingegen (Plessner nennt Heidegger und Jaspers) löst dasjenige auf, das zwischen Philosophierenden kommuniziert werden könnte, indem sie behauptet, dasjenige, worum es beim Philosophieren eigentlich gehe, sei nur einer inneren Schau zugänglich oder verschließe sich überhaupt jeder rationalen Erkenntnis und dergleichen.

Analytische Philosophie und Existenzphilosophie zerstören also die Philosophie, indem die erste den philosophierenden Menschen umbringt und die zweite den Gegenstand philosophischer Kommunikation. Beides aber – kommunizierende Person und Kommunikat – braucht es zum Kommunizieren.

Das führt uns zur Frage, wie Plessner denn Philosophie überhaupt bestimmt: Er bestimmt sie als „Wissenschaft in einem sehr weiten Sinne“, deren Thema „Welt und Mensch“ ist, deren Probleme „persongebunden“ sind und deren Argumente „auf soziale Resonanz rechnen können“.

Anders gesagt: In der Philosophie denkt ein Mensch sich was zum Thema „Mensch und Welt“ aus, kommuniziert dies anderen und rechtfertigt es ihnen gegenüber rational. Damit es Philosophie wird, braucht es also einen Menschen, der sich etwas ausdenkt und auch einen Gegenstand des Denkens, der sich im rationalen Gespräch verteidigen lässt.

Und da das, was sich dieser Mensch ausdenkt, ihn auch persönlich interessieren wird (denn sonst täte er es sich nicht ausdenken), wird es sich dabei um persongebundene Erkenntnisse handeln (die diese Person nichtsdestotrotz versucht, dem intersubjektiven Urteil zugänglich zu machen).

Dieser Punkt ist wichtig, weil die Wissenschaft überhaupt kein persongebundenes oder personbezogenes Wissen hervorbringt; so etwas ist ihr fremd.

Gut. Und jetzt: Wie ist es nach Helmut Plessner soweit gekommen, dass die Philososphie sich heute (1958) selber auslöscht? Plessner erwähnt mehrmals in dem genannten Text die gesellschaftliche ARBEITSTEILUNG als Ursache für diese Entwicklung. Als weiterer Tatverdächtiger muss dieser Kriminalgeschichte aber auch noch die Idee des FORTSCHRITTS hinzugefügt werden, welcher die Philosophie nicht entsprechen konnte.

So lässt Plessner seine kleine Geschichte der gegenwärtigen Situation der Philosophie mit Immanuel Kant beginnen, der, beeindruckt vom Fortschritt der Physik und der Mathematik, einen vergleichbaren auch für die Philosophie wollte – und sie deshalb einschwor auf Fragen, die sich auch tatsächlich beantworten lassen.

Kants Ruf kam aber, so Plessner, erst später zu Resonanz, als Deutschland die industrielle Revolution nachgeholt und die Ausdifferenzierung der akademischen Unterrichtsfächer vollzogen hatte. Oder, und jetzt sage ich dasselbe nur umgekehrt: Kants Philosophie war selber nichts anderes als der Vorschlag, Philosophie der gesellschaftlichen Arbeitsteilung anzupassen, indem sie von Experten als Fachwissenschaft betrieben wird.

Die Neokantianer waren aber dennoch, so Plessner, eigentlich die Gemäßigsten in dem Bestreben, aus der Philosophie eine Fachwissenschaft zu machen. Radikaler waren die Positivisten. Plessner nennt auch Diltheys Lebensphilosophie und Husserls Phänomenologie als Versuche, Philosophie an die neue Gesellschaftsform (die Niklas Luhmann „funktional differenzierte Gesellschaft“ nennt) anzupassen.

Nachdem er dergestalt aufgezeigt hat, wohin die gesellschaftliche Entwicklung die Gleise legte, wird klar, wohin der Zug der Philosophie rollen musste: Im 18. Jahrhundert musste sie, beeindruckt durch die Wissenschaft, selbst Ergebnisse liefern, die glaubhaft machten, dass sie der Gesellschaft

  • Fortschritt brachte und
  • ein Expertenwissen besitzt, das ihr keine andere Disziplin streitig machen kann.

Das waren die „formalen“ Forderungen der Gesellschaft an sie, die fürderhin ihren Inhalt bestimmen würden.

Die Philosophie reagierte auf diese Forderungen, indem sie sich entweder der Wissenschaft gänzlich integrierte (indem sie zu Wissenschaftstheorie wurde) oder indem sie sich auf ein Gebiet zurückzog, auf dem sie sich unangreifbar wähnte.

Also: Entweder wurde sie zur analytischen Philosophie (und dadurch zur Wissenschaftstheorie) oder zur Existenzphilosophie.

Also: Entweder Sich-Anhängen an den stärkeren Partner Wissenschaft, weil er es ist, der Fortschritt bringt (wenn die Gesellschaft Fortschritt verlangt) oder Rückzug auf ein Gebiet, wo niemand genau nachprüfen kann, aber das man wenigstens – im Sinne eines Fachgebiets – unbestritten für sich hat.

Der „Verzicht der Philosophie auf eine eigene Aussage über die Welt“, habe, so Helmuth Plessner, „paradoxerweise in zwei diametral entgegengesetzten Positionen [ge]endet: in ihrer Umbildung zu einem Instrument der Vergesellschaftung und in ihrer Vereinsamung am Orte des eigensten Selbst.“ (Ebd. S. 17)

Mit dem „Instrument der Vergesellschaftung“ ist klarerweise die analytische Philosophie gemeint, die den Menschen so sehr vergesellschaftet, dass er aufhört individueller Mensch zu sein, welcher den Anderen etwas mitzuteilen hat. Das Gegenteil davon ist die Existenzphilosophie, welche die Individualität des Menschen so sehr betont, dass von ihr aus keine Botschaft mehr den anderen Menschen erreichen kann. Das ist wohl das Schöne an Plessners Text, dass darin Kommunikation als die Mitte zwischen totaler Vereinsamung und Auflösung des Menschen in der Gesellschaft aufgefasst wird.

Ich habe diese Situationsbeschreibung der Philosophie von Helmuth Plessner aus dem Jahr 1958 gewählt, weil sie mir auch heute noch zutreffend zu sein scheint. Oder gibt es irgendeine Entwicklung, durch welche die akademische Philosophie aus dieser Sackgasse (man lese richtig: aus diesem Ende der Philosophie) herausgekommen wäre?

Was mir bei der Lektüre von Plessners Text sehr stark aufgefallen ist, ist, dass ihm zufolge die Entwicklung der Philosophie in den letzten 200-300 Jahren ausschließlich an Forderungen der Gesellschaft (Fortschritt und Arbeitsteilung) orientiert hat; gar nicht hingegen daran, was der Mensch, der einzelne Mensch, in der Philosophie suchen oder von ihr wollen könnte.

Ich frage mich daher:

  • Hat niemand je in Erwägung gezogen, dass Philosophie überhaupt nicht dazu gut sein könnte, um Fortschritt für die gesamte Gesellschaft hervorzubringen?
  • Hat niemand je daran gedacht, dass Philosophie zur Vervollständigung individueller Erkenntnis und nicht zur Weiterentwicklung gesellschaftlicher Erkenntnis gut sein könnte?
  • Hat nie jemand ernstlich erwogen, dass Philosophie nicht dazu da sein könnte, um aus dem Menschen einen Experten zu machen, sondern um Laienwissen und Dilettantismus am Leben zu erhalten.

Kurz: Plessners Text macht eindrucksvoll klar, dass Philosophie als ein gesellschaftliches Unterfangen wenig Sinn macht. Ist nie jemand auf die Idee gekommen, sie aus der Perspektive des Individuums zu begreifen? – Jedoch nicht des Individuums, für das seine eigene Individualität der Ort unkommunizierbarer Einsamkeit ist, sondern jenes Individuums, das sich anderen Menschen mitteilen möchte?

10. Mai 2011

About philohof

I have studied at the University of Vienna. Diploma thesis "Ethics following Fernando Savater", doctoral thesis "Society as a Point of Reference"; one book about Intercultural Communication: "Outroduction out of Intercultural Communication". I am interested in ethics, the topics "What is philosophy?" and "What is science" and, last not least, in old school funk music of the 1970s.
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2 Responses to Philosophie aus Sicht der (philosophischen) Kommunikation

  1. Katrin says:

    Hallo!
    Ich glaube, dass sich im Rahmen des Ansatzes “buen vivir”, der von der indigenen Bevölkerung Südamerikas ausgeht und sich in der Verfassung Ecuadors bereits manifestiert hat, ein Paradigmenwechsel vollzieht: weg von der Fortschrittsgläubigkeit und dem immer “besseren Leben”, hin zum “guten Leben”. Ich hoffe, dass sich dieser Impuls aus dem Bereich der Politik und der Nachhaltigkeitsdebatte in 10 Jahren auch in der philosophischen Ethik und Anthropologie niederschlägt und das Philosophieren als Praxis des gelingenden Lebens dann wieder – wie in der Antike – an Bedeutung gewinnt.

    Bis dahin,
    mit solidarischem Gruß,
    eine individuelle Philosophin

    • philohof says:

      Hallo Katrin,
      danke für deinen netten Kommentar! Ich bekomme täglich die Nachrichten auf meinen Email-Account, welche neuen Comments es auf meiner Homepage gibt. Und deiner ist der erste, seitdem ich die neue Homepage mit wordpress gemacht habe, der von außen kommt, von jemanden, den ich nicht kenne, und der kein Spam ist. Ich dachte schon, das war ein großer Fehler, eine Homepage zu machen, wo man kommentieren kann – es will einem ohnehin niemand was mitteilen; es wollen einen nur alle zuspammen. Daher meine Erleichterung und Freude!
      Was deinen Kommentar betrifft: Dein Wort in Gottes Ohr! Ich bin halt bloß nicht so optimistisch wie du. Wenn es in Ecuador geht, toll! (Ich war schon zweimal dort, ich mag das Land!) Aber das ist natürlich politisch wie philosophisch eine marginalisierte Region. Wie die gesamte lateinamerikanische Philosophie sich mit dem Buchtitel eines ihrer bekannten Werke beschreiben lässt: “Signale aus dem Abseits” (Leopoldo Zea). Und ich habe gerade eine Diskussion mit analytischen Philosophen hinter mir, von der ich mich noch nicht erholt habe: ein Seinsverständnis, das bei den alten Griechen stehen geblieben ist und eine Technikbegeisterung, dass einem übel werden kann. Dabei: Ich habe ja nichts gegen Technik, aber wenn man sich heute mit seinem Smartphone spielen muss, weil man sich mit niemandem mehr unterhalten kann, ist, finde ich, was schiefgelaufen. Und die Analytische Philosophie beherrscht eben doch den gesamten englischen Sprachraum. Das heißt, das weiß ich nicht, ob sie das tut – das würde mich interessieren, wie die Machtverteilung in der Philosophie im akademischen Bereich in den Ländern der westlichen Welt wirklich aussieht. Ich weiß nur: Ich interessiere mich gegenwärtig für Ortega y Gasset – und der scheint ziemlich out zu sein.

      Liebe Grüße an die individuelle
      Philosophin!

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