| Bezugspunkt
Gesellschaft
- Individuell oder sozial
Eine
Sache, gegen die ich mich in meinem Buch Bezugspunkt
Gesellschaft zur Wehr setzen wollte oder gegen die
ich anargumentieren wollte, ist die weit verbreitete Argumentationsform:
Wenn etwas nicht individuell sei, dann müsse
es sozial sein. Ich habe das in meinem Buch in
Form eines virtuellen Streitgesprächs mit Norbert Elias
getan, einem Soziologen, den ich übrigens gerade als
Wissenschaftler ganz besonders schätze, weil er noch
jener alten Generation von Wissenschaftlern angehörte,
die Gelehrte waren und die den Menschen ihre Erkenntnisse
wirklich noch verständlich machen wollten, während
die Sozialwissenschaft heute ja sehr technizistisch geworden
ist, von der „Trennschärfe der Begriffe“
und vom „Theoriedesign“ spricht, aber eigentlich
niemandem mehr etwas erklären will.
Nun,
Norbert Elias hat eben auch, aber nicht nur er, denn diese
Argumentationsform ist ja wirklich überall zu finden,
dem sozialen Menschen den „homo clausus“ gegenübergestellt,
also diesen Menschen, der nur Individuum ist und ganz ohne
gesellschaftliche Abhängigkeiten oder Einflüsse,
um dann zu sagen, dass es diesen „homo clausus“
eben gar nicht gibt, weil der Mensch von Grund auf sozial
sei. Ich habe schon immer das Gefühl gehabt, dass diese
Gegenüberstellung – entweder individuell (und
allein) oder sozial – so nicht stimmen kann, weil
sie zu einfach ist – und dass es da etwas dazwischen
geben muss, zwischen diesen beiden Polen. Letztlich läuft
meine Argumentation darauf hinaus, dass der Mensch weder
individuell noch sozial ist, nämlich in der Form: Er
ist weder (ganz) Individuum, noch (ganz) Sozialwesen. Oder
eben, und das ist nur eine andere Möglichkeit dasselbe
zu sagen, dass man, wenn man schon sagt, dass er „sozial“
oder ein „Sozialwesen“ sei, sehr genau angeben
müsse, worin denn diese „sozialen“ Qualitäten
des Menschen bestehen – und dass sich dann wohl herausstellen
würde, dass sie wohl zum Teil ganz andere Dinge und
zum Teil auch sehr viel weniger umfassen, als man zuerst
gedacht hätte, solange man nur den Begriff „sozial“
unreflektiert und wahrscheinlich auch in ein wenig idealistischer
Weise gebraucht hatte.
Insbesondere
ist es mir dann auch noch darum gegangen, eine Doppeldeutigkeit
von „sozial“ zu kritisieren, welche in dieser
Gegenüberstellung von individuell versus sozial unthematisiert
drinnensteckt, da „sozial“ nämlich sowohl
bedeuten kann, dass das Individuum von sich aus Bedürfnis
nach Kontakten zu anderen Menschen hat und diese Kontakte
auch herzustellen und aufrechtzuerhalten versucht –
oder „sozial“ kann eben auch bedeuten, dass
man Teil der Gesellschaft ist, der man angehört, und
als solcher sozialisiert und durch die gesellschaftlichen
Einflüsse geprägt wird.
Ich
habe zu diesem Punkt eine Erfahrung vorgebracht, die ich
immer wieder einmal irgendwo antreffen kann und die mich
auch heute immer wieder noch höchst fasziniert, nämlich
die, dass der Mensch ja offenbar nicht "in der Gesellschaft"
lebt, sondern eher in einem Teil der Gesellschaft, wenn
nicht gar in einem Teil eines Teils der Gesellschaft.
Wenn
das nämlich so ist, dann stellt sich die Frage, wie
weit denn seine Sozialität reicht, wenn sie von ihm
ausgeht, ob sie sich also auf die ganze Gesellschaft bezieht
oder nur auf den Teil der Gesellschaft, der seine unmittelbare
Umgebung ausmacht; umgekehrt ist auch die Frage, ob der
Mensch von der Gesamtgesellschaft geprägt wird oder
nicht doch nur von dem Teil oder der Ecke der Gesellschaft,
in der er zu Hause ist.
Es
scheint mir nämlich eines der interessantesten Phänomene
überhaupt zu sein, was das Gesellschaftliche betrifft
- und das ist gewissermaßen die Form, in der sich
diese Erfahrung immer wieder einmal zeigt -, dass man immer
wieder beobachten kann, dass sich Menschen in anderen Teilen
der Gesellschaft oder in anderen sozialen Schichten überhaupt
nicht auskennen und dass selbst die intelligentesten und
gebildetsten Menschen nicht fähig sind, beispielsweise
die politischen Einstellungen anderer Menschen, oder die
Motivationen und sozialen Prägungen, die hinter diesen
politischen Einstellungen stehen, zu verstehen.
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