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Bezugspunkt Gesellschaft.Über die Geselligkeit und Ungeselligkeit der Menschen.
- weshalb dieser Titel?

 

Warum habe ich meinem Buch diesen eigentümlichen, vielleicht sogar ein wenig naiv klingenden Titel gegeben? Nun ich kann nicht verleugnen, dass vielleicht das ganze Buch ein wenig naiv ist, aber der Titel selber und der Untertitel bringen einfach sehr gut zum Ausdruck, was in diesem Buch gesucht ist.

Gesucht ist die Gesellschaft, aber nicht als solche, sondern als Bezugspunkt für das Leben, also für die Lebensorientierung des einzelnen Menschen.

Der Untertitel "Über die Geselligkeit und Ungeselligkeit der Menschen" schlägt die Brücke von der antiken Philosophie zur modernen Soziologie:

Aristoteles war mit seiner koinonia-Lehre nämlich noch davon ausgegangen, dass es die Geselligkeit der Menschen ist, die die Gemeinschaft oder auch die Gesellschaft bildet und auch zusammenhält: Viele Freundschaften bilden den Staat.

Die moderne Soziologie ist von dieser Idee abgegangen, dass die Geselligkeit der Menschen jene Kraft ist, die die Gesellschaft in ihrem Inneren zusammenhält; Ungeselligkeit kann in diesem Modell unter Umständen genauso zur Gesellschaftsbildung beitragen oder Geselligkeit als gesellschaftsbildende Kraft wird in der modernen Soziologie jedenfalls tendenziell irrelevant.

Eine zentrale These dieses Buches ist nun, dass wir diese "Aufklärung durch die Soziologie", die darin besteht, dass Geselligkeit in der Gesellschaft eigentlich kein relevanter Faktor ist, bis heute nicht wirklich verdaut haben. Es haben sie die Leute auf der Straße nicht verdaut, die Politiker nicht und bisweilen hat man diesen Eindruck sogar bei den Soziologen selber.

Erst heute (2. Feb. 2006) habe ich auf der Website des österreichischen Fernsehens unter dem Titel: "Hymnen-Singen für mehr Gemeinschaftsgefühl" einen Bericht darüber gelesen, wie in Australien nach rassistischen Randalen in jüngster Zeit die Schüler in der Schule in einem neu eingeführten Fach, das "Australische Werte" heißt, "die Bedeutung des harmonischen Zusammenlebens und des gegenseitigen Respekts gelehrt" bekommen sollen und "auch das neu eingeführte Singen der Nationahymne soll das Gemeinschaftsgefühl stärken". - Das sind Rückfälle in die aristotelische Konzeption der Gesellschaft als Gemeinschaft, und diese wirklich permanent immer wiederkehrenden Rückfälle haben offenbar damit zu tun, dass wir als Menschen eine Gesellschaft, die nicht irgendwo eine Gemeinschaft ist, also eine Gesellschaft ohne Geselligkeit, wie sie die moderne Soziologie vorschlägt, im Grunde gar nicht verstehen können.

Umgekehrt ist leicht zu sehen, was man den einzelnen Menschen erklären kann, wenn man die Geselligkeit als die zentrale Kraft bestimmt, die die Gesellschaft bildet und zusammenhält: Man kann ihm dann die Gesellschaft als Verlängerung seiner eigenen Geselligkeit erklären. Oder, wenn sich zeigt, dass die Menschen in der Gesellschaft in Wirklichkeit doch nicht so gesellig sind, kann man ihm erklären, dass das nur auf den ersten Blick so aussehe oder man kann ihm auch erklären, dass das nur eine Ausnahme von der grundsätzlichen Regel sei und welche Gründe diese Ausnahme habe.

Wenn man hingegen von der Geselligkeit erst gar nicht ausgeht, dann ist die Frage, was man dem Menschen denn überhaupt erklären könnte, was Gesellschaft denn sei. Ein Dschungel, in dem der Stärkere oder Rücksichtslosere sich durchsetzt? Die Geselligkeit wird somit zum Gradmesser, der misst, wie weit sich die heutige Soziologie mit ihren Erklärungen von den gewöhnlichen Menschen schon entfernt hat - und sie gar nicht mehr erreicht.

© helmut hofbauer 2006