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Bezugspunkt Gesellschaft
- was ist das eigentlich, das Gesellschaftliche?

 

Was ist das eigentlich das Gesellschaftliche? Auf diese Frage habe ich im "Exkurs über die Wahrnehmung des anderen Menschen über den Umweg der Gesellschaft" (siehe Inhaltsverzeichnis) geantwortet. Oder dort zumindest versucht zu beschreiben, wie ich das erlebe, wie das also vom Phänomen her aussieht:

Wenn Menschen in die Stadt kommen (oder in der Stadt aufwachsen), dann entwickeln sie dem anderen Menschen gegenüber so etwas wie eine "gesellschaftliche Haltung". Diese gesellschaftliche Haltung ist die Form, wie man das Gesellschaftliche erfährt. Wenn man der gesellschaftlichen Haltung begegnet, dann spürt man, wie sich das Gesellschaftliche anfühlt.

Worin besteht nun dieses Gesellschaftliche? Der Titel, den ich diesem Exkurs gegeben habe, verrät schon einiges: Die gesellschaftliche Haltung dem anderen Menschen gegenüber besteht darin, dass man den anderen Menschen nicht mehr direkt wahrnimmt und nicht mehr mit ihm direkt interagiert, sondern über den Umweg der Gesellschaft.

Man kann sich das ein bisschen so vorstellen wie wenn zwei Politiker im Fernsehen miteinander diskutieren: Es sieht so aus, als würden sie miteinander reden, aber in Wirklichkeit reden sie mit dem Fernsehpublikum. Man fragt sich bei solchen Politikerdiskussionen bisweilen, warum sie einander gar so unfaire Sachen vorwerfen oder warum sie ihren Gesprächspartner/ihre Gesprächspartnerin in seinen/ihren Intentionen, die ja durchaus auch gut sein können, so gar nicht anerkennen, mit einem Wort: warum sie in einer Weise miteinander reden, von der man sagen könnte, dass sie einander das Menschliche ganz absprechen?

Nun, die Antwort ist ganz einfach, (aber natürlich erst dann, wenn man sich dazu durchgerungen hat, die Sache von der Seite zu betrachten): Weil sie in Wirklichkeit eben gar nicht miteinander reden; weil es nur so aussieht, als würden sie miteinander reden, während sie in Wirklichkeit aber doch nur zum Publikum, zu den Fernsehzusehern sprechen. Ob sie den anderen also verletzen, ist egal, sie reden ja gar nicht mit ihm.

Etwas ähnliches nun gibt es beim gesellschaftlich orientierten Menschen. Der gesellschaftlich orientierte Mensch redet auch nur scheinbar mit dem anderen Menschen, mit dem er faktisch gerade redet; in Wirklichkeit aber steht er in einem Dialog mit der Gesellschaft. Er orientiert sich an den Werten der Gesellschaft, an dem was "cool", "toll" und "erfolgreich" in der Gesellschaft ist und möchte bei der Gesellschaft in diesen Dingen punkten. Wenn sein unmittelbarer Gesprächspartner dabei hilfreich sein kann, wird er ihn in dieser Hinsicht benutzen; kann er das hingegen nicht sein, so wird er ihn fallen lassen wie eine heiße Kartoffel und über ihn hinwegsteigen.

So oder so ähnlich stellt sich das Gesellschaftliche einem jungen Menschen dar, der vom Land in die Stadt kommt: Als ich in die Stadt kam, war für mich das Verblüffendste, sovielen Menschen zu begegnen, die mit mir redeten, aber eigentlich nur mit mir zu reden schienen - in Wirklichkeit redeten sie, (während sie mit mir redeten), mit jemand anderem oder mit etwas anderem: sie redeten mit der Gesellschaft, in der sie reüssieren, in der sie erfolgreich sein wollten. Mit mir aber, der ich ihnen direkt gegenüberstand, redeten sie nicht.

© helmut hofbauer 2006