| Interkulturelle
Kommunikation - philosophisch betrachtet
Eine
(Her-)Ausführung aus der Interkulturellen Kommunikation
 |
199 Seiten
Verlag: Oficyna Wydawnicza ATUT, Wroclaw 2009
http://www.atut.ig.pl
ISBN
978-39-4031-076-7,
ISBN 978-83-7432-538-7
|
Meine
Kritik am Fach der Interkulturellen Kommunikation
Meine
Kritik am Fach der Interkulturellen Kommunikation habe ich
in meinem Buch zwar anklingen lassen, aber nicht sehr weit
ausgeführt, da das Buch aus einzelnen Aufsätzen
zu spezielleren Themen besteht. Nichtsdestotrotz kreisen
alle diese Aufsätze natürlich um meine Kritik
an der Interkulturellen Kommunikation als um deren Zentrum.
Ich ergreife deshalb die Gelegenheit, an dieser Stelle meine
Kritik an der Interkulturellen Kommunikation noch einmal
zum Ausdruck zu bringen.
Ich
habe mich zwar sechs Jahre (2003-2009) beruflich mit Interkultureller
Kommunikation beschäftigt und alles, was mir dazu in
die Hände gekommen ist, dazu gelesen, es wäre
mir aber in der ganzen Zeit nicht aufgefallen, dass man
sich in diesem Fach für den anderskulturellen Gesprächspartner
(oder die Gesprächspartnerin) interessiert.
Das
kann man an vielerlei Symptomen ablesen. Es beginnt meist
schon bei der ersten Präsentation
des Faches Interkulturelle Kommunikation (am Anfang eines
Buches oder Aufsatzes). Da wird dann beispielsweise gesagt,
dass interkulturelle Kompetenz in einer globalisierten Welt
zunehmend wichtiger werde, weil sonst die Zusammenarbeit
mit internationalen Geschäftspartnern aufgrund von
interkulturellen Missverständissen scheitere oder ins
Ausland entsandte Arbeitnehmer (Expatriates) enttäuscht
und frustriert ihren Auslandsaufenthalt abbrächen (was
auch dem entsendenden Unternehmen viel koste), etc. Allein
daran kann man schon erkennen, dass es offenbar eher nicht
darum geht, vom Fremden (den anderen Kulturen) etwas zu
erfahren, sondern eher darum, in seinem Tun von den anderen
Kulturen nicht allzu sehr behelligt und gestört zu
werden.
Interkulturalität,
die Verschiedenheit der Kulturen wird also auf einer ganz
grundsätzlichen Ebene nicht als Chance und als eine
Form von Reichtum konzipiert, sondern rein negativ als ein
Problem, welches durch die Interkulturelle Kommunikation
behoben werden muss. Dem entsprechen in der Folge z.B. die
Bedeutung der interkulturellen Missverständnisse im
Fach der Interkulturellen Kommunikation sowie das fortwährende
Bestehen auf dem Wert der interkulturellen Kompetenz.
Die
allgemeine Tendenz in der Interkulturellen Kommunikation,
interkulturelle Missverständnisse tunlichst
zu vermeiden, ist aus meiner Sicht ein weiteres
Symptom, welches anzeigt, dass man sich mit dem anderskulturellen
Gesprächspartner gar nicht erst richtig auseinandersetzen
will. Man weicht allen Fettnäpfchen großflächig
aus und bleibt in der Kommunikation nur auf sicherem Terrain,
um nicht den Unwillen des Gesprächspartners/der Gesprächspartnerin
zu erregen. Das wird zur Folge haben, dass man die Andersheit
des anderskulturellen Menschen gar nicht bemerkt - und auch
selber wird man in seinen Überzeugungen nicht in Frage
gestellt und darf bleiben, wie man schon ist (was vielleicht
der eigentliche Sinn der Sache bei dieser Strategie ist).
Interkulturelle
Kompetenz soll man erwerben in Seminaren über
Interkulturelle Kommunikation, damit man mit dem anderskulturellen
Gesprächspartner/der Gesprächspartnerin "interkulturell
kompetent" und "erfolgreich" kommunizieren
kann. In Wirklichkeit ist allein der Ausdruck "interkulturelle
Kompetenz" bereits ein Anschlag auf die Möglichkeit
interkultureller Kommunikation, um diese zu zerstören.
"Kompetent" zu sein drückt in diesem Zusammenhang
aus, dass man schon alles weiß über Interkulturalität
und den anderskulturellen Gesprächspartner, sodass
man die Kommunikation mit diesem gar nicht mehr braucht,
um noch etwas über ihn zu erfahren. Eigentlich kann
jedoch interkulturelle Kompetenz - und zwar nie als ganze,
sondern immer nur in Form von Teilkompetenzen - nur durch
die Kommunikation mit dem jeweiligen interkulturellen Gesprächspartner
entstehen, nie aber durch das Seminar in Interkultureller
Kommunikation, weil dadurch ja alle nachfolgende Kommunikation
mit anderskulturellen Gesprächspartnern als Informationsquelle
über andere Kulturen überflüssig gemacht
werden würde.
Die
Besorgnis um interkulturelle Missverständnisse und
das Pochen auf interkulturelle Kompetenz erweisen sich somit
als zwei sehr deutliche Symptome dafür, dass man sich
mit dem anderskulturellen Gesprächspartner gar nicht
auseinandersetzen will, dass man nichts von ihm erfahren,
sondern seine Andersheit nur in der Kommunikation ruhigstellen
will, damit sie nicht in den Vordergrund tritt und vielleicht
Einfluss auf mich ausübt, denn ich möchte mich
ja nicht ändern.
Nun
ist es so: Diese allgemeine Verfasstheit der Interkulturellen
Kommunikation (als Fach) könnte man freilich ändern
- und dann wäre meine Kritik an ihr gegenstandslos.
Es
gibt allerdings gute Gründe in der Verfasstheit unserer
Gesellschaft (und den ihr entsprechenden Denkformen der
Menschen), die eine solche Orientierungsänderung unwahrscheinlich,
ja sogar unmöglich erscheinen lassen:
Nehmen
wir beispielsweise den Begriff der "interkulturellen
Kompetenz" her: Wäre denn irgend jemand bereit,
von jemandem zu lernen, der in einer Sache nicht
kompetent ist? Nein, niemand wäre dazu bereit.
Folglich dreht sich alles in unserer Gesellschaft um Kompetenz
- und so auch im Fach der Interkulturellen Kommunikation.
Das Sich-Zurücknehmen und Hinhören auf den anderskulturellen
Gesprächspartner/die Gesprächspartnerin muss in
einer Gesellschaft wie der unsrigen folglich zu kurz kommen.
Das Lernen, das Horchen, das Interesse an welchen Inhalten
auch immer haben einen schweren Stand in einer Gesellschaft,
die sich nicht am sokratischen "Ich weiß, dass
ich nichts weiß" orientiert (welches Lernen und
Kommunikation erst ermöglicht), sondern in allem und
jedem "Kompetenz" als ein "Ich weiß
schon!" und "Mir kann man nichts mehr erzählen!"
heraushängen lassen muss.
Die
Besorgnis um die interkulturellen Missverständnisse
bringt hinwiederum unser heute vorherrschendes Verhältnis
zum Wissen zum Ausdruck. Wir mögen Wissen
nämlich nicht. Wir sehen keinen Reichtum im Wissen,
sondern bloß etwas Mühsames und Zeitraubendes;
daher sind wir nur unter einem Umstand bereit, es uns anzueignen:
Wenn man uns dafür verspricht, dass wir durch dieses
Wissen ein Problem lösen oder einen Vorteil gegenüber
anderen Menschen erreichen können. Folglich kann Interkulturalität
in unserer Gesellschaft gar nicht als Reichtum erscheinen,
sondern muss als (unliebsames) Problem konzipiert werden,
das es zu lösen gilt. Wenn man heute den Menschen nicht
Probleme einredet (die sie oft gar nicht haben), kann man
sie nicht zum Lernen überreden.
Die
Folge von all dem ist, wie gesagt, dass man sich für
den anderskulturellen Menschen oder für die andere
Kultur eigentlich gar nicht interessiert. Dabei wäre
das doch eigentlich die Voraussetzung für eine wirkliche
interkulturelle Kommunikation. Für eine solche aber
wäre es notwendig, dass wir selbst als Individuen uns
als unwissend und inkompetent präsentieren dürfen
(denn nur der Wissensbedürftige wird etwas erfahren)
und dass wir uns mit Wissensinhalten beschäftigen,
nicht um bloß Probleme mit ihnen zu lösen, sondern
einfach deshalb, weil sie interessant sind.
Zu
beidem (und noch zu mehr dergleichen) fehlen in unserer
Gesellschaft einfach die Voraussetzungen. Die Fachleute
der Interkulturellen Kommunikation tragen daher auch nicht
wirklich die Schuld an der Verfassung des Fachs.
Wir leben eben in einer Gesellschaft, welche aufgrund der
Dominanz des ökonomischen Prinzips und des Wettbewerbs
auf dem Arbeitsmarkt, dem alle Individuen unterworfen sind,
interkulturelle Kommunikation grundsätzlich nicht zulässt.
Damit interkulturelle Kommunikation möglich werden
könnte, müssten zuerst andere Faktoren wie die
Bedeutung von ökonomischem Erfolg und wissenschaftlich/technischem
Fortschritt zurückgedrängt werden, welche die
Möglichkeit zur interkulturellen Kommunikation unterdrücken
und verdrängen.
Anders
gesagt, wenn man interkulturelle Kommunikation wollte, dann
müsste man für sie (auf gesellschaftlicher Ebene)
zuerst einen Raum schaffen, in dem sie sein/existieren dürfte.
Das ist aber nur möglich, wenn man sie selbst als Wert
anerkennt. Nicht aber, wenn man sie nur als dienende Disziplin
konzipiert, die dazu gut ist, beim Lösen von Problemen
anderer Disziplinen/Fächer (Wirtschaft, Politik, etc.)
zu helfen. Solange das nicht geschieht, wird Interkulturelle
Kommunikation immer nur Ökonomie, Politik, Verwaltungslehre,
Erziehungswissenschaft etc. sein (wessen Fach auch immer
Probleme man mit ihr lösen will), aber sie wird nie
interkulturelle Kommunikation sein.
So
kommt es, dass man in der Interkulturellen Kommunikation
keine interkulturelle Kommunikation findet.
|