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Als Philosoph in der Interkulturellen Kommunikation

 

Als Philosoph, der sich zurzeit beruflich mit interkultureller Kommunikation beschäftigt, fühle ich mich nicht immer völlig fehl am Platz.

So zum Beispiel, als ich eine „Fallgeschichte“ im Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Band 2, (Hg. von Alexander Thomas, Stefan Kammhuber und Sylvia Schroll-Machl, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003), las, die von einem Amerikaner handelt, der als neuer Manager in das deutsche Tochterunternehmen des amerikanischen Konzerns kommt und dort zuerst einmal eine schwungvolle Präsentation hinlegt, in der er den deutschen Mitarbeitern davon berichtet, dass das amerikanische Headquarter mit den Geschäftsergebnissen nicht zufrieden ist und dass deshalb die Entwicklungzeiten für neue Produkte entscheidend verkürzt werden müssen. Danach bittet er seinen deutschen Kollegen zu einem Gespräch, in dem dieser ihm erklärt, dass sich die Entwicklungszeiten nicht entscheidend verkürzen lassen, wenn man Qualität garantieren will, was doch dasjenige ist, für das das Unternehmen steht. Als der Deutsche noch genauer auf diese Frage eingehen will, zeigt sich der Amerikaner ungeduldig, dann bricht er das Gespräch ab. (Vgl.: Emily Slate/Sylvia Schroll-Machl: „Nordamerika: USA“ (Länderdarstellungen), in: Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Band 2. S. 135 f.)

Das Scheitern dieser Kommunikation wird im Weiteren unter anderem durch folgende Gründe erklärt: Obwohl der Amerikaner „noch vom Jetlag erschlagen ist, zeigt er sich aktiv und energiegeladen.“ (S. 142) „Er ist ein Optimist (…). So tritt er auch bei der Präsentation auf: (…) Er will seine Mannschaft mitreißen.“ (ebd.) „Seine Präsentation ist zielorientiert: Er widmet sich nicht etwaigen Hintergründen und Details der Situation, sondern fokussiert unmissverständlich auf die Botschaft: Das Management ist mit den Geschäftsergebnissen nicht zufrieden. Dass genau diese Art zu denken und zu reden seinen deutschen Mitarbeitern zu skizzenhaft und zu oberflächlich erscheint, davon hat er keine Ahnung.“ (ebd.)

Was an diesem Beispiel interessant ist, ist, dass der amerikanische Chef und seine deutschen Beschäftigten zwei völlig unterschiedliche Wirklichkeitsauffassungen haben. Beide haben ihre Wahrnehmung auf ganz verschiedene Punkte scharf gestellt: Für den Amerikaner ist seine Präsentation die optimale – motivieren will er, und seine Hauptbotschaft, dass das Headquarter mit den Geschäftsergebnissen nicht einverstanden ist, bringt er auch. Die deutschen Beschäftigten hingegen sind an den konkreten arbeitstechnischen Abläufen in ihrem Unternehmen orientiert, das ist für sie die Realität, auf die alles bezogen werden muss, auf die der Amerikaner aber gar nicht eingeht. Der Amerikaner könnte sich von seinem deutschen Kollegen in diesem Gespräch, das er abbricht, wertvolle Hinweise darüber holen, „wie hier die Dinge laufen“, aber weil Optimismus für ihn der zentrale Inhalt seiner Präsentation war, „beleidigt“ ihn der Deutsche durch seine „Miesepeterei“.

Ich habe diese Geschichte nun nicht vorgebracht, um irgendwas daran zu erläutern, sondern ich möchte ganz etwas anderes sagen: Als (vom Studium her) Philosoph frage ich mich, wenn ich solche Beispiele für interkulturelle Unterschiede lese: Warum beschäftigt man sich in der Philosophie eigentlich nicht mir solchen Sachen?

An sich hätten wir in diesem Beispiel alles, was man zum Philosophieren braucht: Wir haben hier eine hochinteressante Geschichte mit zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen Wirklichkeitswahrnehmungen, Lebensweisen und Anschauungen darüber, was wertvoll ist im Leben. Man könnte jetzt nachdenken und diskutieren über die Einstellungen dieser beiden Menschen: Was ist gut daran? Was ist schlecht daran? Was sollen wir darüber denken? Eine solche Fallgeschichte allein lädt eigentlich schon zum Philosophieren ein.

Also manchmal, muss ich gestehen, habe ich wirklich das Gefühl, dass das, was eigentlich „wir“ (Philosophen) machen sollten, zunehmend immer mehr „die anderen“ (z.B. die Leute von der Interkulturellen Kommunikation) machen, weil wir es nicht (mehr) tun.

Ich weiß natürlich schon, warum das so ist, dass man in der Philosophie nicht über derartige konkrete Situationen diskutiert wie über die oben beschriebene: Die Philosophie ist ähnlich wie die Wissenschaft an dem Ideal einer Spitzenwissenschaft oder Spitzenforschung orientiert und möchte dementsprechend eine Hochleistungsphilosophie sein und keine solche für den Alltagsgebrauch. Wenn die Philosophen über solch alltägliche Probleme diskutieren würden - so erscheint es ihnen selber und so erscheint es auch den "normalen" Menschen - , dann würde das weder die Anwesenheit der Philosophie in der Universität, als Fach neben wissenschaftlichen Fächern, rechtfertigen, noch das Prestige, das die Philosophie in allen Schichten der Bevölkerung hat.

Dementsprechend orientiert man sich in der Philosophie auch nicht an "normalen" Problemen und an "gewöhnlichen" Einstellungen "gewöhnlicher" Menschen über diese Probleme und versucht, diese Probleme (gemeinsam mit den "gewöhnlichen" Menschen) zu lösen, sondern man orientiert sich an außergewöhnlichen Gedanken, die von außergewöhnlichen Denkern, den anerkannten und berühmten Philosophen, kommen, weil man nur diese für würdig hält, um von einem Professor und seinen Studenten in der Seminarstunde diskutiert zu werden.

Die Folge dieser interessanten (sozialen) Dynamik ist die, dass wir Gedanken wie diejenigen, die von "großen Philosophen" wie Jacques Derrida oder Jürgen Habermas (zum Beispiel) geäußert wurden, für die "eigentlich philosophischen Gedanken" und die "eigentlichen Fragen, die den Menschen philosophisch bewegen" halten - und man könnte hier eigentlich schon auf den ersten Blick sehen, dass da etwas nicht stimmen kann: Während die Philosophie an sich schon von ihrer Definition her am Allgemeinen orientiert ist (an dem, was den Menschen an sich ausmacht, wie das Leben an sich ist und wie der Mensch - nämlich jeder Mensch - handeln soll), orientieren wir Heutigen uns beim Philosophieren am Werk und am Leben von wenigen Ausnahmemenschen, von denen anzunehmen ist, dass sie ein Ausnahmeleben geführt haben und entsprechend diesem Ausnahmeleben Ausnahmegedanken entwickelt haben, die eben nicht repräsentativ sind für das Menschliche.

Ich wundere mich in diesem Zusammenhang immer wieder über die Philosophen und über die philosophierenden Studenten und Professoren: Merken sie wirklich nicht, dass sie sich für das "Sein des Menschen" (Heidegger) und sein tatsächliches Leben interessieren und sich, um das zu tun(!), von vornherein ausschließlich Büchern zuwenden, an denen mit freiem Auge erkennbar ist - gewöhnlich ist es an der Sprache schon erkennbar - dass diese Bücher möglichst weit vom "tatsächlichen Leben" entfernt sind?

Sieht man sich deminfolge an, was die Philosophie behauptet, dass sie macht und das, was die heutigen Philosophen und Philosophieprofessoren tatsächlich machen, dann erkennt man eine große Kluft zwischen diesen beiden Sphären: Auf der einen Seite behauptet die Philosophie allgemein etwas über den Menschen und das menschliche Leben zu sagen zu haben und auf der anderen Seite beschäftigen sich die Philosphen nur mit Ausnahmedenkern und Ausnahmegedanken, die vom Leben der meisten Menschen weit entfernt sind und für die sie sich deshalb auch mit Recht nicht interessieren.

Das (oft sogar aggressive) Desinteresse der meisten Menschen an der Philosophie halte ich aus diesem Grund für gerechtfertigt. Und auch mein eigenes zunehmendes Desinteresse an dem, was die Philosophen machen oder schreiben, halte ich immer mehr für gerechtfertigt. Mir scheint, wer sich noch irgendwo ein ursprüngliches Interesse an der Philosophie erhalten hat - also ein Interesse daran, Lebensfragen zu diskutieren, Probleme, die wir alle haben, zu hinterfragen - , der (kann zwar durchaus schon Platon oder Michel de Montaigne lesen, die sich noch um Derartiges kümmerten, aber) aus der Philosophie muss er wohl emigrieren. Er muss deshalb aus ihr emigrieren, weil man heute philosophische Fragen in dem Grade für philosophische hält, je ausgesuchter und seltener sie sind und je mehr sie sich dementsprechend vom Menschen und von der Welt, in der wir leben, entfernt haben.

Das geht in der Interkulturellen Kommunikation nicht: Sie muss Probleme lösen, die die Menschen tatsächlich haben - daraus bezieht sie ihre Daseinsberechtigung. Hieraus lässt sich der Widerspruch erklären, warum ich in der Interkulturellen Kommunikation philosophische Probleme finde, während ich sie in der Philosophie oft nicht finde. Angesichts dessen sollte ich vielleicht mit meinem Schicksal nicht allzusehr hadern: In der Philosophie findet man zwar oft Autoren, von denen man etwas lernen kann, weil sie sehr intelligent sind und weil sie argumentativ sehr gut sind, die Interkulturelle Kommunikation hingegen schafft es, Probleme zu thematisieren, die an sich philosophische Probleme sind, die aber in der Philosophie gar nicht thematisiert werden könnten, weil das den Philosophen viel zu trivial und gewöhnlich erscheinen würde.

In diesem Sinne könnte ich meine (derzeitige) Existenz als Philosoph im Feld der Interkulturellen Kommunikation vielleicht so bewerten, indem ich sage: Hier finde ich zumindest philosophische Probleme. Es wird zwar über sie nicht philosophiert, dazu scheinen sie zu heiß zu sein (Es ist allzu wahrscheinlich, dass sich bald jemand beleidigt fühlt, wenn man kollektive Lebenseinstellungen und Verhaltensweisen kritisch diskutiert - (und irgendwie scheint die Interkulturelle Kommunikation als Fach ja auch der Versuch zu sein, derartige Probleme, die sich aus interkulturellen Unterschieden ergeben, zu lösen ohne sie zu lösen, das heißt, allein dadurch, dass man erkennt und anerkennt, dass es woanders eben anders ist, zu einem Zustand zu kommen, in dem man beruhigt sein kann, mit dem man leben kann und den man dann nicht mehr "lösen" oder hinterfragen muss. Alle philosophischen Zugänge, also Fragen danach, was man von einer bestimmten Lebenseinstellung oder Werthierarchie in einer fremden Kultur nun wirklich halten soll, werden in der Interkulturellen Kommunikation eigentlich von vornherein ausgeschlossen und mit dem Hinweis, dass die Menschen in jeder Kultur das Recht haben, so sein zu dürfen, wie sie sein wollen, erstickt.)), aber zumindest da sind sie, die philosophischen Probleme in der Interkulturellen Kommunikation - ganz im Gegensatz zum Fach der Philosophie selber.

© helmut hofbauer 2006