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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Die besondere Attraktivität des Diskurses über Kultur in der gegenwärtigen Zeit

 

Wenn man sich der Gründe und Ursachen bewusst werden will, warum der Diskurs über Kultur in unserer gegenwärtigen Zeit der Globalisierung eine solche Popularität erlangt hat und warum der Begriff der „Kultur“ angefangen von Seminaren über „Interkulturelle Kommunikation“ bis hin zu den kulturwissenschaftlichen Studien im den ehemals geisteswissenschaftlichen Fächern im akademischen Bereich in aller Munde ist, so genügt es nicht, auf die finanziellen Einbußen hinzuweisen, die wirtschaftliche Unternehmen erleiden können, wenn sie ihre Mitarbeiter nicht interkulturell schulen lassen, sondern man muss auch dem nachgehen, was die besondere Attraktivität des Begriffs „Kultur“ in unserer heutigen Zeit ausmacht und die gemeinsame Welt- und Wirklichkeitsauffassung, die sich in diesem Begriff ausdrückt.

Fragt man einmal in diese Richtung, so wird man feststellen, dass der Begriff der „Kultur“ für Menschen linker politischer Orientierung ebenso wie für Anhänger rechter Parteien oder christlicher konservativer Zentrumsparteien eine ähnlich große Attraktivität zu genießen scheint. Alle reden gern über Kultur, egal welcher politischen Orientierung sie angehören, nur hat diese Rede über Kultur nicht immer den gleichen Sinn und die gleichen Ziele, wenn Vertreter verschiedener politischer Orientierung dieses Wort im Mund führen. Reden rechtsorientierte oder konservative Politiker über Kultur, dann meinen sie damit meistens die Bewahrung und Verteidigung der Heimatkultur, welche sie dadurch erreichen wollen, indem die Einwanderungsbestimmungen verschärft werden. Reden linke Politiker oder linksorientierte Intellektuelle über Kultur, dann verteidigen sie oft die sog. „multikulturelle Gesellschaft“ (oder heute, wo die multikulturelle Gesellschaft nach den Bombenanschlägen muslimischer Extremisten in Madrid und London in der Öffentlichkeit nicht mehr so populär ist, reden sie lieber von der Toleranz gegenüber anderen Kulturen und vom friedlichen Zusammenleben der Kulturen, was aber inhaltlich nicht wirklich etwas anderes ist als die Idee der multikulturellen Gesellschaft).

Diese beiden Gruppen, Mitte bis rechts auf der einen Seite, Mitte bis links auf der anderen Seite, scheinen einander entgegen gesetzte Wirklichkeitsauffassungen zu haben und ebenso einander entgegen gesetzte Vorschläge zur Lösung der aktuellen gesellschaftlichen Probleme zu machen: Wollen die politisch Rechtsorientierten die eigene Kultur schützen, indem sie die Grenzen für Ausländer und Immigranten schließen, sind die politisch Linksorientierten eher dazu bereit, die Grenzen für die Einwanderer zu öffnen und hegen als Zielvorstellung das friedliche und harmonische Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft in einem Land, was sich die Rechten einerseits nicht vorstellen können und was sie andererseits auch nicht für wünschenswert halten.

Bei all dieser Gegensätzlichkeit gibt es aber auch einen Punkt, in dem die beiden politisch einander entgegen gesetzten Welt- und Gesellschaftsanschauungen miteinander übereinkommen – und ebendieser Punkt ist es, der es ihnen ermöglicht, sich im gemeinsamen Diskurs über Kultur zu treffen. Es ist das die stillschweigende Übereinkunft, dass die Identität des anderen Menschen in erster Linie in seiner kollektiven, also in seiner kulturellen Identität zu finden sei. Der andere Mensch wird primär als Peruaner, Türke, Chinese und so weiter gesehen. Die Lösungsvorschläge sind dann verschieden: Die politisch Rechten sind der Meinung, dass die angemessene Behandlung von Kultur darin besteht, dass ein jedes Individuum in seiner Heimatkultur verbleibt, dass ein jeder "zu Hause bleibt" und sich die Kulturen nicht durch Immigration vermischen; die Linksorientierten sind der Ansicht, dass die angemessene Behandlung von Kultur darin besteht, dass auch im Gastland ein jedes Individuum als Mitglied seiner Herkunftskultur anerkannt und respektiert werden soll. Aber die Linken sind deshalb nicht individueller orientiert als die Rechten, nur weil sie sich um „sozial Schwache“ und Menschen aus „Randgruppen der Gesellschaft“, eben z.B. um Immigranten kümmern, (aber wann haben denn die Linken jemals eine individuelle Orientierung gehabt?) – sie sehen auch im sozial schwachen und arbeitslosen Immigranten nur den Peruaner oder den Türken, nicht aber den Menschen oder das konkrete Individuum.

Im Falle der Linken scheint übrigens die sog. „postkoloniale Theorie“, die ja von linken Theoretikern befördert wird, dieser kollektiven Sichtweise Vorschub zu leisten. Es ist in ihr von der „eigenen Identität“ die Rede, vom „Fremden“ und von „den Anderen“, z.B. davon, dass man die eigene Identität nur dann bestimmen könne, wenn man sich von den Anderen abgrenze – und es ist bei diesem Jargon, der stark existenzialistisch klingt, nicht möglich auszumachen, ob jeweils von einem Individuum die Rede ist, das um seine eigene Identität ringt, oder um eine Gruppe. Die Unterlassung der Differenzierung ist aber womöglich Absicht, wenn man von der leitenden Vorstellung ausgeht, dass auch eine individuelle Identität immer in erster Linie eine kollektive Identität, also das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Kulturgruppe, ist und sein muss. Wenn also auch der individuelle Mensch immer in erster Linie Deutscher, Peruaner, Türke oder Chinese ist, bevor noch andere Attribute zur Bestimmung seiner Identität zählen, dann ist die Rede von der eigenen Identität, die nur dadurch bestimmt werden kann, indem man sich von den Anderen, einer anderen Kulturgruppe, abgrenzt, klar verständlich: denn diese Abgrenzung bildet eine zweite Gruppe, die Gruppe der eigenen Leute, denen sich das Individuum zugehörig fühlen kann, worin es dann auch seine Identität sieht.

Dass für die Rechten "Kultur" ein wichtiger Begriff ist, ist von vornherein klar, weil sie mit diesem Begriff gewöhnlich die Vorstellung verbinden, ihr Heimatland, ihren Nationalstaat vor kultureller Verunreinigung („kulturell“ oder „Erhaltung der lokalen Traditionen“ klingt in diesem Zusammenhang freundlicher als „ethnisch“ und „Blut“, obwohl es da in Wirklichkeit vielleicht gar keinen Unterschied gibt) durch Ausländer schützen zu wollen. Schwieriger ist es zu verstehen, warum auch die Linken soviel von Kultur reden, die doch an und für sich eher kosmopolitisch und international orientiert sind (nicht umsonst heißt die kommunistische „Hymne“ „die Internationale“) – und man kann das wahrscheinlich nicht verstehen, solange man sich nicht klar macht, dass auch für die Linken, wenn sie von Multikulturalität reden, der einzelne Immigrant nicht als Mensch oder als Individuum erscheint, sondern in seiner Funktion als Peruaner, Türke oder Chinese. (Diese Nationalitäten sind übrigens nicht zufällig gewählt, denn so tritt Multikulturalität in Westeuropa gewöhnlich in Erscheinung: in Gestalt der peruanischen Andenmusikgruppe, des türkischen Kebabstandes oder des chinesischen Restaurants.) Es scheint, als ob die Linken durch den Diskurs über die Kultur die alte linke Leitvorstellung vom Vorrecht der Gruppe oder des Kollektivs vor dem Individuum bewahren wollten: Oft scheint es zwar um Individuen zu gehen, wenn dem einzelnen Immigranten oder Einwandererkind der zweiten Generation in seiner prekären Situation gegenüber der übermächtigen einheimischen Kultur Verständnis entgegengebracht wird, aber in Wirklichkeit gilt ihm die Toleranz ja auch nicht als Individuum, sondern als Mitglied oder Abkömmling einer kulturellen Gruppe.

Nachdem nun also das Gemeinsame herausgearbeitet wurde, das alle Diskursteilnehmer in der Gegenwart verbindet, wenn sie den Begriff der „Kultur“ verwenden, kann nun auch dasjenige erwähnt werden, was aus diesem Diskurs systematisch ausgeschlossen wird: Es ist das die individuelle Identität, die Möglichkeit, dass sich ein einzelner Mensch nicht in erster Linie durch die Zugehörigkeit zu einer Menschengruppe, sondern durch individuelle Merkmale definieren möchte. Vielleicht kann man behaupten, dass der heute so weit verbreitete Diskurs über Kultur nicht so sehr den Respekt „vor der Andersheit des Anderen“ zum Ausdruck bringt als die Tatsache, dass wir Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts uns selbst und die anderen Menschen hauptsächlich in kollektiven Dimensionen wahrnehmen und wahrnehmen wollen, auch wenn in der westlichen Welt soviel vom „überbordenden Individualismus“ viel die Rede ist.

Mit diesem kurzen Artikel ist nun das Frage der Attraktivität des Begriffs „Kultur“ nicht gelöst, aber es steht uns jetzt klarer vor Augen, um was für ein seltsames Rätsel es sich dabei handelt: Warum bevorzugen wir heutigen Menschen, die wir uns selber für so individuell halten (zumindest in der westlichen Welt), es (und zwar auch in der westlichen Welt), über uns in kulturellen Kategorien zu denken, in kollektiven Dimensionen und in solchen der Zugehörigkeit? Auf diese Frage weiß ich keine Antwort; was hingegen klar sichtbar ist, ist die deutliche Bevorzugung von kollektiven Sichtweisen und Beobachtungkategorien in allen gesellschaftlichen Gruppen und allen politischen Lagern, welche im Begriff der "Kultur" (wenn auch oft mit gegensätzlichen Bestimmungen dieses Begriffs) ihr Maß und ihr gemeinsames Thema findet und so dem Diskurs über Kultur seine Stärke und Popularität in den gegenwärtigen öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen verleiht.

 


14. Februar 2008

© helmut hofbauer 2008