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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Die babylonische Sprachverwirrung über den Begriff der "Kultur"

 

Als ich unlängst in Wien war, fragte mich mein Freund D.: „Warum werden eigentlich alle Kunstveranstaltungen als Kulturveranstaltungen bezeichnet?“ (Im Fernsehen in den so genannten „Kultursendungen“ oder auch in der so genannten „Auslandskulturarbeit“ werden Dichterlesungen, Konzerte und Ausstellungen als "Kulturveranstaltungen" bezeichnet; dabei sind Dichterlesungen, Konzerte und Ausstellungen doch eigentlich Kunstveranstaltungen – warum also nennt man sie nicht auch so?)

Ich habe natürlich schon eine Antwort auf diese Frage parat, aber ich war überrascht, meine eigenen Gedanken aus dem Mund eines anderen zu hören! Es ist ja so, dass das Thema „Kultur“ allgemein mit einem so dicken Schleier des Schweigens zugedeckt wird, dass man mit der Zeit seine eigenen Fragen vergisst, weil niemand mit einem über sie reden will. Aber wenn man dann wieder anfängt nachzudenken, so findet man ja ohnehin wiederum keine andere Einstiegsmöglichkeit als zum Beispiel diese: „Warum heißen in unserer Gesellschaft eigentlich alle Kunstveranstaltungen Kulturveranstaltungen?“ Diese Frage stellt sich halt tatsächlich – und eigentlich genügt sie sogar, um den Begriff der Kultur oder den Gebrauch, den wir heute von ihm machen, ganz ordentlich zu dekonstruieren.

Also: Warum ist das jetzt wirklich so, warum werden heute, in unserer Gesellschaft alle Veranstaltungen, die doch eigentlich Kunstveranstaltungen sind, als Kulturveranstaltungen bezeichnet? Ich würde sagen: Der Grund dafür liegt nicht in der Denotation dieser beiden Wörter, sondern in ihren Konnotationen. Kunst verbinden wir immer auch mit etwas Frivolem, Leichtfertigem, Ungehörigem; zumindest liegt diese Bedeutungsmöglichkeit immer noch in dem Wort „Kunst“; mit „Kultur“ hingegen verbinden wir höfliches, ordentliches, reines, eben „kultiviertes“ Verhalten (mithin also das Gegenteil von Kunst). Daraus folgt, dass man folgende Strategie verfolgen kann: Wenn man Kunst als „Kultur“ bezeichnet, kann man damit versuchen, möglichst viele (Klein-)Bürger, also alle diejenigen Menschen, die sich selbst für „anständige“ Menschen halten, davon zu überzeugen, dass Kunst (dieses Unanständige, Frivole, Tabugrenzen Brechende) letztlich doch einen Beitrag zur Kultur (zum Anständigen, Gesitteten und zur Höflichkeit) leistet.

Das ist – ein kleiner Etikettenschwindel also, wie so oft im Fall der „Kultur“. Es ist eigentlich fast nie Kultur drin, dort, wo „Kultur“ draufsteht, man muss dazu nur die Wortbedeutungen ein wenig auseinander nehmen und sie genauer analysieren. Aber darum geht es mir jetzt nicht. Es geht mir eher darum, dass diese Verwendungsweise des Begriffs „Kultur“, wonach man „Kulturveranstaltungen“ nennt, was doch eigentlich „Kunstveranstaltungen“ heißen müsste, eigentlich auch nicht dem aktuellen wissenschaftlichen Kulturbegriff entspricht. Man hat nämlich in der Wissenschaft eine Ausweitung des Kulturbegriffs vom so genannten Hochkulturbegriff hin zu einem allgemeinen Kulturbegriff vollzogen, der unter „Kultur“ die gesamte Lebensweise einer Gesellschaft versteht. Als Kultur also im wissenschaftlichen Sinne gelten heute alle jene Verhaltensweisen und Weltanschauungen, die in einer Gesellschaft allgemein verbreitet sind und deren Lebensweise bestimmen.

Wenn es also beispielsweise in einer Gesellschaft Brauch ist, den sprachlichen Ausdruck „Geh scheißen!“ zu verwenden, dann gehört dieser sprachliche Ausdruck nach wissenschaftlicher Anschauung zur Kultur dieser Gesellschaft, auch wenn er nach Ansicht der sich selbst so nennenden „anständigen“ Menschen sicher nicht zu ihr gehören würde und, im Gegenteil, ihrer Ansicht nach eher ein Zeichen von Unkultur oder Kulturlosigkeit darstellen würde.

2005 begann der damalige, aus der Schweiz stammende Chefredakteur des österreichischen Wochenmagazins „profil“ seinen Bericht über seine kulturelle Integration in die österreichische Kultur folgendermaßen:

„And the Wiener is…

Dass ich endgültig in Österreich – oder zumindest in Wien – angekommen war, erkannte ich an jenem Tag, als mir, genervt durch einen besonders verstockten Kollegen, unvermittelt eine Verwünschung auskam: „Geh scheißen!“ Die Menschen im Raum – gar nicht so wenige – verstummten; im Gesicht des Kollegen spiegelte sich meine eigene Verblüffung wider: Hatte ich das wirklich gerade gesagt? Und vor allem: Hatte ich, der zugereiste Schweizer, das wirklich gerade gesagt? Ich war zu verdutzt, um mich für meine Derbheit zu entschuldigen. Ein anderer Kollege, der mich bis dahin gern mit schlecht parodiertem Schwiitzerdüütsch („Schwitzertütsch“, wie er sagte) aufgezogen hatte, klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Ich brauchte ein paar Stunden, um die Tragweite dieser Geste zu ermessen: Es handelte sich um die nicht-amtliche Beglaubigung einer fortgeschrittenen Integration.“
(Sven Gächter: „And the Wiener is…“, in: profil extra, November 2005.)

Man sieht also, mein Beispiel ist nicht erfunden: Die Einübung in einen sprachlichen Ausdruck, der für viele Menschen nicht “Kultur” wäre, kann also offensichtlich dazu dienen, um sich in die Kultur eines Landes, hier in die österreichische, einzuüben. Und insofern stimmt der wissenschaftliche Kulturbegriff ja sogar, insofern hat er auch Recht: Wir verstehen unter der Kultur einer bestimmten Gesellschaft ja tatsächlich alle jene Denk- und Verhaltensweisen der in ihr lebenden Menschen, die die charakteristische Ausgestaltung des Lebens dieser Gesellschaft ausmachen, und da dürfen wir dann, wenn wir konsequent sind, eben nicht nur die Hochkultur oder die angesehenen Verhaltensweisen mit einbeziehen, sondern müssen uns auch zu den vulgären herablassen, wenn sie weit verbreitet sind. Aber man sieht: Auch hier spießt es sich – Kultur ist nicht gleich Kultur, und was für die Wissenschaft Kultur sein kann, kann (und wird) für viele Menschen (dennoch auch weiterhin) das Gegenteil von Kultur sein.

Was ich jedoch mit diesem Beispiel zum Ausdruck bringen will, ist: Die Wissenschaft hat ihren Kulturbegriff erweitert, von Kultur als Hochkultur zu einem allgemeinen Kulturbegriff hin; die Medien, die Politik und eigentlich die gesamte Öffentlichkeit haben, indem sie auch weiterhin Kunstveranstaltungen hartnäckig als „Kulturveranstaltungen“ bezeichnen, diesen Wandel jedoch nicht mit vollzogen. Indem sie die Kunstveranstaltungen auch weiterhin als Kulturveranstaltungen bezeichnen, halten sie nach wie vor daran fest, dass die Kultur eines Volkes oder einer Gesellschaft in ihrer Hochkultur ihr Vorbild haben müsse – und diese Hochkultur, das sind die Künste, die eine bestimmte Gesellschaft hervorbringt. Und jetzt Achtung: Sie orientieren sich auch nicht einmal am wissenschaftlichen Kulturbegriff, denn wenn sie sich an ihm (zumindest) orientieren würden, was würde dann als Kultur erscheinen und was nicht?

Als Kultur gelten der Wissenschaft heute, so habe ich erklärt, alle Denk- und Verhaltensweisen von Menschen (und alle dinglichen Hervorbringungen, die Ausdruck dieser Denk- und Verhaltensweisen sind), die in einer Gesellschaft weit verbreitet sind. Das ist klar, denn Gedanken und Verhaltensweisen, die nur ein einzelner Mensch hat, können nicht in diesem Sinne Kultur sein. Gerade solche Gedanken und ein solches Verhalten von Einzelnen kommen aber in Kunstveranstaltungen zum Ausdruck – das bedeutet: Mit dem wissenschaftlichen Kulturbegriff gemessen, sind Kunstveranstaltungen eigentlich dasjenige, was am wenigsten Kultur ist in einer Gesellschaft! Da gibt es dann natürlich Abstufungen: Umso bekannter ein Kunstwerk oder eine Kunstaufführung wird, umso mehr werden sie zu Kultur; aber solange man davon ausgeht, dass sich ein Künstler zuerst einmal etwas Neues ausdenkt und es dann seinen Mitmenschen vorstellt, ist es eben nicht Kultur – es ist nicht Kultur, weil es neu ist!

Und insofern kann man also zeigen, und man könnte das auch noch genauer ausführen, dass Kunstveranstaltungen nicht nur keine Kulturveranstaltungen sind, sondern – aus wissenschaftlicher Sicht! – sogar das Gegenteil von Kulturveranstaltungen. Aber das interessiert, wie gesagt, ohnehin niemanden, weil den Kulturbegriff nur ein jeder gern verwendet, weil er gut klingt, ohne damit aber irgendetwas Bestimmtes sagen zu wollen oder auf eine bestimmte Bedeutung bestehen zu wollen.

Von dieser Seite her kann also bei mir keine Verwunderung mehr entstehen. Was ich hingegen erstaunlich finde, ist dieses: Die Wissenschaft vollzieht eine neue Erkenntnis und hält von daher einen Bedeutungswandel des Kulturbegriffs für notwendig – und die Gesellschaft vollzieht diesen Bedeutungswandel nicht mit; sie bezeichnet weiterhin hartnäckig Kunstveranstaltungen als Kulturveranstaltungen. Eine verwunderliche Tatsache wie diese fügt sich insofern in meine Gedankenwelt, als ich schon längere Zeit beobachte, wie neue wissenschaftliche Erkenntnisse heute immer häufiger nur mehr direkt in technische Produkte und nicht mehr in gesellschaftliches Wissen umgesetzt werden.

Das bedeutet, wir nehmen es gar nicht mehr zur Kenntnis, wenn die Wissenschaft heute eine Entdeckung macht. Entweder eine wissenschaftliche Erkenntnis lässt sich direkt in ein noch besseres Handy oder in ein Medikament gegen Krebs beispielsweise transformieren oder sie verpufft wirkungslos im Raum, bleibt bei einigen Fachleuten oder in ungelesenen Büchern in den Bibliotheken stecken. Aber sie transformiert sich nicht mehr in gesellschaftliches Wissen: Wir haben zwar alle noch zur Kenntnis genommen, dass die Erde rund ist und nicht flach, aber das, was die Wissenschaft heute herausfindet, das nehmen wir schon nicht einmal mehr zur Kenntnis. Im Falle der „Kultur“ zum Beispiel, die ja nun wirklich ein Problem darstellt, das bei weitem leichter verständlich ist als die Probleme der angewandten Biochemie, versteifen wir uns auch weiterhin darauf, dass die Erde flach sei (dass Kunstveranstaltungen als Kulturveranstaltungen zu bezeichnen sind), als dass wir akzeptieren würden, dass die Wissenschaft sie für rund hält (indem sie für Kultur alles das hält, was in einer Gesellschaft weit verbreitet ist; Kunstveranstaltungen aber sind nicht weit verbreitet, weil sie zugleich elitäre wie auch singuläre Erscheinungen sind, die ihre weitere Verbreitung erst in der Folge, im Nachhinein – mit viel Glück – erreichen müssen).

Die Wissenschaft erforscht etwas – und wir, die Gesellschaft, nehmen es nicht zur Kenntnis. Das ist eine Formel, die immer mehr zu gelten scheint, jedenfalls dann, wenn sich die wissenschaftliche Erkenntnis nicht in ein technisches Erzeugnis und in ein wirtschaftlich verwertbares Produkt verwandeln lässt. Eigentlich müsste an dieser Stelle schon jemand fragen: Und was geschieht eigentlich mit den Erkenntnissen jener wissenschaftlichen Disziplinen, die sich ganz bestimmt nicht in technische Erzeugnisse verwandeln lassen - wie jene der ehemals so genannten "Geisteswissenschaften", die sich heute "Kulturwissenschaften" nennen? Aber erstaunlicherweise stellt diese Frage niemand, so wie ja auch die Frage, warum die Kunstveranstaltungen eigentlich immer noch Kulturveranstaltungen heißen, niemand stellt. Ich habe den Eindruck, die Gesellschaft fährt verbissen forschend auf einem einmal eingeschlagenen Weg in die Zukunft, schaut nicht nach links und nach rechts, schaut sich nicht um und lässt auch keine Diskussion zu.

Ich jedenfalls bin jetztzufrieden, diese Sache zumindest jetzt einmal notiert zu haben, bevor ich meine Fragen wieder vergesse, weil ich spüre, dass derlei Themen und Probleme in der heutigen Gesellschaft von einem dicken Schleier des Schweigens und der Kommunikationslosigkeit verhüllt werden – und deshalb, also weil es die Gesellschaft nicht zulässt, niemanden interessieren. Wir leben eben nicht gerade in einer nachdenklichen Zeit.

 


4. April 2008

© helmut hofbauer 2008