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Eine Verteidigung der interkulturellen Missverständnisse

 

Eine jener Sachen, die mich am meisten verwundern in der Interkulturellen Kommunikation, ist, warum die WissenschaftlerInnen, die sich mit interkultureller Kommunikation beschäftigen, eine so schlechte Meinung von interkulturellen Missverständnissen haben und/oder in ihren Büchern eine so schlechte Meinung über interkulturelle Missverständnisse verbreiten?

Da ist dann zumeist die Rede davon, dass es in einer jeden Kultur kulturspezifische Regeln dafür gibt, wie man sich in Alltagssituationen richtig verhält – und wenn man sich nicht so verhält, weil man diese Regeln nicht kennt, dann ruft das Irritationen beim Gesprächspartner/der Gesprächspartnerin hervor, und der Gesprächspartner/die Gesprächspartnerin wird das Gespräch abbrechen und mehr noch: Er oder sie wird mich als unhöflich empfinden/einstufen, und es wird auf beiden Seiten zur Herausbildung/Verfestigung von negativen Stereotypen kommen.

Meiner Meinung nach stimmt das so nicht. (Das ganze dahinter stehende Modell von Kommunikation, wonach innerkulturelle Kommunikation läuft wie ein geschmiertes Uhrwerk und der Fremdsprachenlerner/die Fremdsprachenlernerin sich in dieses Uhrwerk so gut wie möglich einfügen müsse, stimmt nicht.) Zum Beispiel halte ich es nicht für die oberste Regel, dass Irritationen beim Gesprächspartner um jeden Preis vermieden werden müssen. Im Gegenteil, Irritationen beim Gesprächspartner hervorzurufen ist oft die einzige Möglichkeit, um etwas, das man dem anderen sagen will, wirklich rüber zu bringen, so dass es auch ankommt. Irritationen ermöglichen den Ausstieg aus Verhaltensroutinen, sodass der andere mal für kurze Zeit innehält und wirklich zuhört. (Dass Irritationen nicht unbedingt zu vermeiden sind, das sage übrigens nicht nur ich, auch Rhetoriktrainer setzen gezielt Irritationen ein, um die Wirkung der Redebotschaft zu erhöhen.)

Auch halte ich es für ein Vorurteil, dass da verbreitet wird, dass interkulturelle Missverständnisse unbedingt zu einem Scheitern der Kommunikation führen müssen. Die meisten Interaktionen funktionieren durchaus weiterhin, auch wenn man einander auf sprachlich-kultureller Ebene missversteht. Ein klassisches Beispiel dafür wäre: Der Verkäufer/die Verkäuferin in einem Geschäft in Großbritannien sagt zu mir zur Begrüßung: „How are you?“. Hier sei es wichtig zu wissen, sagen die WissenschaftlerInnen der Interkulturellen Kommunikation, dass diese Frage nur eine Begrüßungsfloskel sei und keine Frage nach der Befindlichkeit. Mir ist das gleich, ich rede trotzdem über meine Befindlichkeit – wird das unsere geschäftliche Aktivität des Verkaufens/Einkaufens beeinträchtigen? Ich bezweifle das.

Dann ist da aber noch etwas anderes: Es gibt da so etwas wie eine große Hoffnung, die wir mit der interkulturellen Kommunikation verbinden könnten, und diese Hoffnung besteht darin, dass wir in Zukunft vielleicht alle lernen werden, sensibler (vorsichtiger und rücksichtsvoller) miteinander zu kommunizieren und zwar in erster Linie deswegen, weil wir wissen, dass Menschen aus anderen Kulturen andere kulturelle Verhaltensstandards haben als wir selber und wir diese Regeln und Einstellungen unserer GesprächspartnerInnen aus anderen Kulturen nicht ausreichend kennen oder auch gar nicht ausreichend kennen können. Die kulturellen Regeln für richtiges Verhalten in verschiedenen Kulturen können aber nicht nur unterschiedlich sein, sondern sie können sogar gegensätzlich sein: Was in der einen Kultur gut ist, kann in der anderen schlecht sein und als unhöflich, arrogant oder dumm angesehen werden. Daher empfiehlt es sich von vornherein, alle interkulturellen Kommunikationssituationen mit einem gewissen Maß an Vorsicht anzugehen, nicht alle kommunikativen Mittel bis zum Anschlag auszunutzen – und auf diese Weise eine Art von Mitte (Mittelmaß, Mittelweg) einzuhalten.

Wir müssen bedenken, dass wir demgegenüber in unserer eigenen Kultur oft sehr verletzend kommunizieren. Wenn die kommunikativen Verhaltensregeln in der eigenen Kultur gut bekannt sind, so können diese auch dazu verwendet werden, um den anderen Menschen kommunikativ zu verletzen, ihn zu demütigen, ihn zu erniedrigen. Ein Mensch aus einer anderen Kultur wird nicht so gut wissen, wie er mich kommunikativ „treffen“ kann wie ein Landsmann/eine Landsfrau von mir. Das ist eine Seite der Angelegenheit, die bei den WissenschaftlerInnen der Interkulturellen Kommunikation immer unterbelichtet bleibt: Es ist ja nicht ausschließlich von Vorteil, wenn man einander gut versteht, das kann ja auch Nachteile haben.

Es kann insbesondere deshalb Nachteile haben, weil sich heutzutage im Zuge ihrer beruflichen Weiterbildung immer mehr Menschen kommunikativ schulen lassen. Sie benutzen die Sprache nicht als ein Mittel zur Verständigung (obwohl sie das behaupten und obwohl ihre KommunikationstrainerInnen das behaupten), sondern als ein Schwert, um andere damit zu verletzen und ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Die Grundlage dafür, dass solche kommunikative Schlachten ausgetragen werden können, ist natürlich die gemeinsame Kultur, die, weil sie die Regeln dafür anbietet, wie verschiedene Situationen definiert werden und wie sie abzulaufen haben, damit gleichzeitig auch (mit)bestimmt, welcher von den beiden (oder mehreren) Fechtern „gewonnen“ hat und welcher unterlegen ist.

Ich glaube, es ist nicht völlig abwegig angesichts dieser neueren gesellschaftlichen Entwicklung ein Loblied auf das Nichtverstehen und auf die interkulturellen Missverständnisse zu singen: Wenn ich jemanden nicht verstehe, verstehe ich es beispielsweise auch nicht, wenn er/sie mich in einer bestimmten Situation sprachlich/kommunikativ verletzen wollte. Und was soll letztlich eigentlich der Begriff „Missverständnis“ bedeuten? Etwas (einen Teil) verstehe ich ja immer. Es will fast so erscheinen, als ob die WissenschaftlerInnen der Interkulturellen Kommunikation die interkulturellen Missverständnisse deshalb so vehement bekämpfen, um jenes exakte Ineinandergreifen der Zahnräder der Kommunikation (so wie es innerhalb einer Kultur funktioniert) auch im kommunikativen Austausch zwischen verschiedenen Kulturen zu erreichen, um auf diese Weise die Möglichkeit zur Anwendung rhetorischer Tricks und kommunikativer Gewalt auch im Rahmen der interkulturellen Kommunikation zu ermöglichen.

Auf das Stichwort der „kommunikativen Gewalt“ sollte ich vielleicht in einem eigenen Absatz kurz eingehen. Wir müssen uns klarmachen (und das ist ja auch in der Interkulturellen Kommunikation bekannt), dass viele Gespräche, die „Gespräche“ heißen oder allgemein so genannt werden, in Wirklichkeit gar keine richtigen Gespräche sind. Wenn einer/eine der beiden GesprächspartnerInnen ungleich viel mehr Macht hat als der/die andere oder einen weit höheren sozialen Status, so hat er/sie auch die Macht, die Situation zu definieren und kann sprachliche oder kommunikative Gewalt ausüben. Wir sind im Alltag sehr unsensibel für kommunikative Gewalt; es scheint so, als ob wir die Augen vor diesem Thema verschließen wollten. (Ein Beispiel für diese Unsensibilität wäre etwa der Primararztplural: Man kennt die Situation, wenn die Ärzte im Krankenhaus zur Visite kommen, und der/die PatientIn vom Primararzt gefragt wird: „Na, wie geht es uns denn heute?“) Zum Phänomen der kommunikativen Gewalt gehört wesentlich mit dazu, dass Akte kommunikativer Gewalt nicht als solche bezeichnet/entlarvt werden dürfen (oder es auch als unhöflich angesehen würde, sie als solche zu bezeichnen), sondern als (freundliche) Gespräche oder als (gelungene) Kommunikation gelten. Das bedeutet, dass jemand, der das Gelingen von Kommunikation als oberstes Ziel setzt, immer auch zur Verschleierung von Akten kommunikativer Gewalt beiträgt. Anstatt zum Gelingen von Kommunikation beizutragen, sollten die WissenschaftlerInnen der Interkulturellen Kommunikation deshalb, meiner Meinung nach, die Menschen mehr über die Zusammenhänge zwischen Kommunikation und (sozialer) Macht sowie über die verschiedenen Formen von kommunikativer Gewalt aufklären.

Aber, um nicht vom Thema abzukommen: Ich würde die Phänomene der Globalisierung und der (dadurch zunehmenden) interkulturellen Kommunikation mit einer großen Hoffnung verbinden, wenn uns diese Hoffnung nur nicht durch die WissenschaftlerInnen der Interkulturellen Kommunikation zunichte gemacht wird. Die Tatsache, dass wir einander über Kulturgrenzen hinweg nicht hundertprozentig verstehen können und die Tatsache, dass in verschiedenen Kulturen die gleichen Verhaltensweisen als gut/toll/beindruckend oder als schlecht/arrogant/jämmerlich angesehen werden können, eröffnen uns die Möglichkeit, sensiblere und rücksichtsvollere Kommunikationsformen und Umgangsweisen miteinander zu finden, in welchen nicht selbstverständlich derjenige gewinnt, der die besseren Spin-Doktoren oder Kommunikationstrainer hat oder der die rücksichtslosere Kampfrhetorik anwendet. Interkulturelle Missverständnisse oder Missverständnisse überhaupt spielen in diesem Rahmen eine wichtige Rolle: Wir sollten Missverstehen nicht primär als einen Defekt in der Kommunikation ansehen, sondern vielmehr als eine unverzichtbare Bedingung für unsere individuellen Spielräume. Anstatt zu versuchen, sie gänzlich auszumerzen, sollten wir uns viel eher eine andere Einstellung ihnen gegenüber angewöhnen: Wir sollten uns klarmachen, dass das interkulturelle Missverständnis selber gar nicht das Problem ist, sondern erst unsere negative Einstellung dem/der GesprächspartnerIn aus der anderen Kultur gegenüber, mit der wir auf die missverständlich Situation reagieren. Wenn es also zu einem interkulturellen Missverständnis kommt und wir uns daraufhin damit zurückhalten, den anderen Menschen deshalb für unhöflich oder für dumm zu halten, dann ist der interkulturellen Verständigung damit weit mehr gedient als mit der Bekämpfung der interkulturellen Missverständnisse.

 

Bsp. für ein "interkulturelles Missverständnis"

„Gehen wir zuerst einmal von einer Situation aus, wie man sie typischerweise in der Literatur über interkulturelle Kommunikation findet, und schauen wir uns zum Beispiel die Verstörung an, die durch kulturell unterschiedliche Begrüßungsrituale entstehen kann! Was passiert etwa, wenn jemand in einem kulturellen Umfeld, wo man sich zur Begrüßung die Hand zu geben pflegt, die Hand nicht zum Gruß hinstreckt? Er oder sie enttäuscht die Erwartung des Kommunikationspartners und vermittelt diesem unter Umständen das Gefühl der Missachtung oder Distanz. Das heißt, es kommt zu einer Störung auf der „Beziehungsebene“, die man seit Watzlawick von der „Inhaltsebene“ unterscheidet. Beim „enttäuschten“ Kommunikationspartner bildet sich zugleich aufgrund der divergenten Erwartungen eine Vorstellung vom anderen, etwa als unhöflichem Menschen. […] Ein abweichendes Begrüßungsritual kann eben als Unhöflichkeit gedeutet werden, das Danke auf ein Kompliment – von Japanern und Chinesen etwa – als Mangel an Bescheidenheit, ja Arroganz (Günthner 1989, Knapp 2002). Auch auf der Appellseite ließen sich rasch Beispiele für kulturell bedingte Missverständnisse finden. So werden [von] uns fremde Begrüßungsformen wie „How are you“ oder (türkisch) „Nasilsiniz“ leicht als Aufforderung oder Angebot miss[ge]deutet, etwas über seine Befindlichkeit zu erzählen (Kotthoff 1989). Unverbindlich gemeinte Routineformeln wie „Komm mal vorbei!“ können als Einladung missverstanden werden (Günthner 1989, Knapp 2002).

Quelle: Georg Auernheimer: „interkulturelle kommunikation, vierdimensional betrachtet“, http://www.uni-koeln.de/ew-fak/paedagogik/interkulturelle/publikationen/muenchen.html
(Zugriff vom 24. April 2007)

 

Bsp. für gegensätzliche kulturelle Orientierungen

„[Es] gilt beispielsweise für viele deutsche Manager als wichtiges Ziel, sicher und selbstbewusst aufzutreten, eine bestimmte Autorität auszustrahlen und sich bei der Präsentation klar und überzeugend durchzusetzen. Genau diese in der eigenen Kultur wichtigen Qualitäten bzw. ihre kulturgebundenen Ausdrucksformen (Sprache, Körperhaltung, Gestik etc.) können jedoch in internationalen Verhandlungskontexten nicht nur Irritationen hervorrufen, sondern diese auch grundlegend behindern: Was in der einen Kultur als überzeugend, sachkompetent angesehen wird, kann in einer anderen Kultur als Ausdruck von Arroganz und Desinteresse am Kommunikationspartner ausgelegt werden. Was in der eigenen Kultur teilweise als Schwäche angesehen wird, beispielsweise die Fähigkeit zur Selbstkritik, zur Relativierung von Behauptungen, zur Perspektivierung von Meinungen etc. kann in interkulturellen Gesprächssituationen eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Erreichen eines gemeinsamen Kommunikationsziels sein. (Müller 1993, 64f.)“

Zitiert nach: Laurenz Volkmann: „Aspekte und Dimensionen interkultureller Kompetenz“, in: derselbe/Klaus Stiersdorfer/Wolfgang Gehring (Hg.): Interkulturelle Kompentenz. Narr Verlag, Tübingen 2002, S. 13.

 

Bsp. für die Wirkungen von Macht in der Kommunikation

„Macht lässt sich definieren durch ein Mehr an Ressourcen und damit Handlungsmöglichkeiten aufgrund von sozialem Status, rechtlichem Status, besserer sozialer Netzwerke, von Mehr an Wissen oder besserem Zugang zu Informationen. Macht als „diskursive Macht“ impliziert das Privileg zu entscheiden, was Thema sein kann oder darf. […] Statushöhere haben mehrere Privilegien. Ihr erstes Privileg ist, wie gesagt, die Definitions- und Deutungsmacht. Der Überlegene kann implizit den thematischen Rahmen einer Kommunikation bestimmen oder neu bestimmen (Framing und Reframing). Oft ist sich der nachrangige Kommunikationspartner schon aufgrund seines Vorwissens darüber im klaren, was Thema sein kann, was Tabu sein sollte. Der Mächtige definiert die Situation (Kortram/von Onna 1993: „dominante Situationsdefinition“) und weist die Rollen zu (Kortram/von Onna 1993: „selektive Rollenzuweisung“). Dergleichen geschieht selbstverständlich nicht explizit sprachlich, sondern meist nonverbal wie viele Beziehungsdefinitionen, oft auch schon vorweg institutionell. […] Statushöhere haben das Vorrecht, auch in die Privatsphäre der anderen einzudringen. So kann sich nach Goffman der Chef zwar beim Fahrstuhlführer im Büro (oder bei seinem Chauffeur) erkundigen, wie es zuhause geht. Umgekehrt wird eine solche Frage von Seiten des Untergebenen als deplaziert eingeschätzt, Überhaupt ist das Fragenstellen eines der Privilegien der Privilegierten.[...] Auch folgende Machteffekte sind für interkulturelle Kommunikationsprozesse bedenkenswert: Der Mächtigere bestimmt den Gesprächsverlauf. Er nimmt sich viel eher das Recht, zu unterbrechen und das Gespräch wieder an sich zu ziehen. Er kann Appelle des Gesprächspartners bzw. der Gesprächspartnerin übergehen. Sein "Appellohr" (Schulz von Thun) ist weniger gespitzt und entwickelt als das des Schwächeren. Er kann sich eher Witze leisten, auch wenn diese harmlos sein mögen. [...] Er kann eine lässige Haltung im Gespräch einnehmen oder durch "Dominanzgebärden" seine dominante Rolle zum Ausdruck bringen (s. Henley 1977, S. 185f.). Er bestimmt Nähe und Distanz ebenso wie die Zeit, das heißt, er kann warten lassen, Ungeduld zeigen etc."

Quelle: Georg Auernheimer: „interkulturelle kommunikation, vierdimensional betrachtet“, http://www.uni-koeln.de/ew-fak/paedagogik/interkulturelle/publikationen/muenchen.html
(Zugriff vom 24. April 2007)

 

© helmut hofbauer 2007