| Gedanken
ausgelöst durch die Beschäftigung mit Geert Hofstedes
Kulturdimension Individualismus - Kollektivismus
Jeder, der mich kennt, weiß, dass
ich ein großer Anhänger und Verteidiger des Individualismus
bin. Das heißt, dass ich das Individuum verteidige
und an seine Rechte erinnere, die ihm gegenüber dem
Kollektiv zukommen oder zukommen sollten. Aber schon allein
der Begriff „Individualismus“ macht mir Probleme,
weil ich die Anhänger von –ismen und –lismen
für das gerade Gegenteil von Individualisten halte.
Das Wort „Individualismus“ scheint mir ein Widerspruch
in sich selbst zu sein, weil die Endung –ismus ganz
genauso wie bei Begriffen wie „Kommunismus“
oder „Liberalismus“ das Sich-Zusammenscharen
großer Menschenmengen rund um eine große, leitende
Idee ausdrückt, also genau das, was Individualisten,
so sie wirklich welche sind, nie tun würden. Was ich
mit dieser Einleitung sagen will ist, dass, wenn man vom
Individualismus redet oder wenn ich von ihm rede, von vornherein
mit (vielleicht unüberwindlichen) Missverständnissen
zu rechnen ist, weil allein schon die unter den heutigen
Menschen herrschende Gewohnheit und Neigung zu –ismen,
-lismen, -gien und –tümern zeigt, dass individualistische
Denkweisen weder sehr verbreitet sind, noch dass man annehmen
kann, dass überhaupt irgendjemand von meinen Zeitgenossen
wüsste, was Individualismus ist oder, zumindest, was
er wäre, wenn man ihn denn ernst nähme.
Zu
Beginn von Kapitel 3 seines Buches Lokales Denken, globales
Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management
(dtv, München 2006, 3. Auflage), das den Titel „Ich,
wir und sie“ trägt, erzählt Geert Hofstede
folgende sehr interessante Geschichte, die ich nun mit eigenen
Worten wiedergeben möchte. Ein mittelgroßes schwedisches
Technologieunternehmen wird von einem schwedischen Geschäftsmann,
der Kontakte nach Saudi-Arabien hat, angesprochen, ob man
nicht Interesse an einer geschäftlichen Zusammenarbeit
mit einer kleinen saudischen Ingenieurfirma hätte.
Das schwedische Unternehmen schickt einen Ingenieur, Hofstede
nennt ihn Johannesson, nach Riad, der dort die beiden Leiter
der saudi-arabischen Ingenieurfirma, zwei Brüder im
Alter von etwa fünfunddreißig Jahren kennenlernt,
die mit ihn nur in Gegenwart des schwedischen Geschäftsmannes
verhandeln wollen. Johannesson ist die Anwesenheit des anderen
Schweden unangenehm, aber er spielt mit. Bei den Verhandlungen
wird meistens nicht über Geschäftliches gesprochen,
sondern z.B. über Shakespeare, und nach sechs Besuchen
von Johannesson in Riad innerhalb von zwei Jahren ist noch
immer kein Vertragsabschluss in Sicht. Die Leitung des schwedischen
Unternehmens hat schon Zweifel an der Sinnhaftigkeit von
Johannessons teuren Reisen nach Saudi-Arabien, da kommt
plötzlich eine Nachricht von dort her, ein Vertrag
über mehrere Millionen Dollar sei unterschriftsreif.
Johannesson fliegt nach Riad, um den Vertrag zu unterzeichnen
und stellt dabei fest, dass sich die Haltung der Saudis
ihm gegenüber geändert hat: Sie scherzen, sind
fröhlich und halten einen Vermittler nicht mehr für
notwendig.
Nun kommt der zweite Teil dieser Geschichte: Johannesson
wird von seinem Unternehmen wegen des gelungenen Geschäftsabschlusses
befördert und kommt dadurch in eine andere Abteilung,
ein anderer schwedischer Ingenieur soll von nun an mit den
Saudis verhandeln. Da kommt eine Nachricht aus Riad, in
der die Saudis drohen, wegen eines Details in den Lieferbedingungen
aus dem Vertrag auszusteigen und gleichzeitig bitten, Johannesson
möge kommen, um dieses Problem zu beheben. Auf diese
Weise machen die Saudis dem schwedischen Konzern klar, dass
sie nur mit Johannesson verhandeln wollen, und der schwedische
Konzern strukturiert daraufhin den Kompetenzbereich von
Johannesson so um, dass dieser auch weiterhin das Geschäft
mit den Saudis betreuen kann.
Nach
der Lektüre dieser Geschichte war ich sehr verblüfft.
Ich wusste natürlich, auf welche Kategorien Hofstede
die Leser mit dieser Geschichte vorbereiten wollte. Die
Schweden sollten als relativ individualistisches Volk dargestellt
werden, die Saudis dagegen als ziemlich kollektivistisches
erscheinen. Wie kam es also, dass ich aus dieser Geschichte
genau das Gegenteil herauslas? Zum Glück half Hofstede
gleich mit den ersten Sätzen der auf diese Geschichte
folgenden Erklärungen mir und meinem Kopf auf die Sprünge.
Manchmal braucht es eben doch eine gelungene Formulierung,
um dem Verstand einen Gedanken klar und unverhüllt
vorzustellen. Hofstede schreibt: „Die Schweden
und Saudis in dieser wahren Begebenheit haben unterschiedliche
Vorstellungen von der Rolle persönlicher Beziehungen
bei Geschäften. Für die Schweden werden Geschäfte
mit einer Firma gemacht; für die Saudis mit einer Person,
die man kennengelernt und zu der man Vertrauen gefasst hat.“
(S. 100)
Genau das ist es! Und jetzt können
wir noch einmal die Frage stellen: Wer ist denn hier nun
wirklich individualistisch und wer kollektivistisch eingestellt?
Die Schweden, die (in ihrem Weltbild) Geschäfte machen
mit einer abstrakten Organisation? Oder die Saudis, die
Geschäfte mit konkreten Menschen machen wollen? Tatsächlich
hatte einem Individualisten wie mir das Herz bereits gelacht,
als die Saudis in der Geschichte von dem schwedischen Unternehmen
ihren liebgewonnenen Johannesson zurückforderten, der
ihnen wegen seines Erfolgs in eine andere Abteilung wegbefördert
worden war. So eine Geschichte erfreut einen jeden wahren
Individualisten, weil sie einer Eigenschaft widerspricht,
welche das Individuum so degradiert und entwertet wie kaum
etwas anderes sonst: seine Austauschbarkeit.
Davon ausgehend und damit zusammenhängend
kam mir sofort die Idee, dass da wohl etwas verkehrt herum
sein muss in Hofstedes Konzepten von Individualismus und
Kollektivismus. Aber wie bestimmt Hofstede Individualismus
und Kollektivismus eigentlich genau?
„Individualismus
beschreibt Gesellschaften, in denen die Bindungen zwischen
den Individuen locker sind; man erwartet von jedem, dass
er für sich selbst und für seine unmittelbare
Familie sorgt. Sein Gegenstück, der Kollektivismus,
beschreibt Gesellschaften, in denen der Mensch von Geburt
an in starke, geschlossene Wir-Gruppen integriert ist, die
ihn ein Leben lang schützen und dafür bedingungslose
Loyalität verlangen.“ (S. 102)
Es
ist das natürlich grundsätzlich auch gar nicht
anders zu erwarten, aber es scheint eben so zu sein, dass
Hofstede mit seiner (wissenschaftlichen) Kulturdimension
Individualismus versus Kollektivismus vor allem die oberflächliche
Meinung der westlichen Welt über den Individualismus
nachvollzogen hat. „Lockere Bindungen zwischen den
Individuen“ sind kein Individualismus, jedenfalls
dann nicht, wenn man den Individualismus ernst nimmt. Wenn
Individuen von der Gesellschaft relativ oder fast ganz alleingelassen
werden, dann sinkt dadurch ihr Wert, und es verringern sich
die Handlungschancen dieser Individuen ganz dramatisch;
so etwas Individualismus zu nennen, ist fast ein Hohn (den
Individuen gegenüber), besser und passender wäre
dafür der Ausdruck „Atomisierung von Individuen“.
Unter Individualismus stelle ich mir nicht vor, dass der
Wert der Individuen in der Wahrnehmung der Gesellschaft
fällt, sondern eher das Gegenteil, dass er steigt und
dass die Gesellschaft lernt, das Individuum wahrzunehmen,
das heißt es als ein Wesen, das sich von einem anderen
Individuum unterscheidet, zu sehen, was wiederum die Voraussetzung
dafür ist, dass eine Gesellschaft so etwas wie Rücksicht
dem Individuum gegenüber entwickeln kann.Von alledem
ist in westlichen Gesellschafen aber keine Spur zu sehen.
Übrigens,
Alexander Thomas bezieht sich auf dasselbe Phänomen
wie Hofstede in seiner Geschichte vom schwedisch-arabischen
Joint-Venture, nur schreibt er die Ursache für das
unterschiedliche Verhalten der Grundorientierung der Personenbezogenheit
bei den arabischen Geschäftspartnern zu.
"In
eher personenorientierten Gesellschaften (Thomas et al.
1998), etwa in arabischen, lateinamerikanischen oder asiatischen
Ländern, wird größerer Wert darauf gelegt,
zum Verhandlungspartner als Person und nicht nur als Repräsentant
der Organisation oder des Unternehmens eine soziale Bindung
aufzubauen. [...] Gerade Menschen aus sehr sachorientierten
Kulturkreisen wie zum Beispiel Deutschland, fällt dieser
erste Kontakt, das Schaffen gegenseitiger Sympathie recht
schwer." (Stefan Kammhuber: Kapitel "Interkulturelle
Verhandlungsführung", in: Alexander Thomas, Eva-Ulrike
Kinast, Sylvia Schroll-Machl (Hg.): Handbuch Interkulturelle
Kommunikation und Kooperation. Band 1. Vandenhoeck
& Ruprecht, Göttingen 2003. S. 293)
Einmal
abgesehen davon, dass das interessant ist, wie Individualismus
hier problemlos durch Sachorientierung ersetzt werden kann:
Die Person ist in den Kulturen der westlichen Welt nicht
sehr viel wert; die Sachen sind wichtiger als die Personen.
Individualismus und Sachorientierung jedoch, diese beiden
gehen nicht zusammen: Wenn jemand sachorientiert ist, wie
sollte er dann sein Gegenüber als Individuum - und
das ist: als (nicht austauschbare) Person (und nicht als
austauschbare Sache) - wahrnehmen können?

Individualismus
gibt es in den Ländern Europas und Nordamerikas eigentlich
nur in den zwei (negativen) Formen von Atomisierung und
Austauschbarkeit von Individuen. Die erste Form ließe
sich, stelle ich mir vor, wohl am besten anhand der Wohnformen,
anhand der Architektur studieren – und da wiederum
am besten in den Vorstädten, wo die Menschen in riesige
Wohnblöcke, in kleine Wohnungen als Zellen hineingepfercht
werden oder in Reihenhäusern oder Eigenheimen auf Kredit
ihr absurdes kleines Glück suchen. Anhand der Architektur
könnte man also all die gesellschaftlich organisierten
Formen des Nebeneinanderlebens (statt eines Zusammenlebens)
erforschen. Die Austauschbarkeit von Individuen tritt uns
in vielerlei Formen entgegen, unter anderem wird sie oft
in der Kunst thematisiert. Mir ist z.B. noch lebhaft jene
Szene aus dem Film „Schmidt“, mit Jack Nicholson
in der Hauptrolle, in Erinnerung, wo der pensionierte Schmidt
seinem Nachfolger in jenem Versicherungsunternehmen einen
Besuch abstattet, von diesem hinauskomplimentiert wird (der
will mit ihm nichts mehr zu tun haben) und dann in einem
Abstellraum hinter einem Gitter alle seine Sachen sieht,
die sein Nachfolger aus seinem Büro hinausgeworfen
hat, all die Ordner und Karteikästen, in denen sich
natürlich auch das gesamte Wissen befindet, das Schmidt
im Laufe seines Arbeitslebens für seine Firma angesammelt
hat. Die Aussage dieser Szene ist klar: Schmidt hat sein
ganzes Leben vergeudet in seinem Bestreben, für sein
Unternehmen etwas Wichtiges zu leisten, was von seinem Unternehmen
jedoch ganz und gar nicht in der Weise wahrgenommen und
anerkannt worden ist – die weggeworfenen Sachen in
dem Abstellraum beweisen das überdeutlich.
Misshandlungen
des Individuums durch die Gesellschaft werden z.B. in den
Romanen des niederösterreichischen Schriftstellers
Gernot Wolfgruber dargestellt, die ich sehr schätze.
Es geht in ihnen um Lehrlinge, die wie der letzte Dreck
behandelt werden, wodurch die Gesellschaft ihnen zeigt,
dass sie aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung tatsächlich
nichts sind; in dem Roman „Herrenjahre“ geht
es um einen Menschen, der wirtschaftlich völlig abstürzt,
nachdem er das erste größere wirtschaftliche
Projekt seines Lebens, einen Hausbau, zu realisieren versucht,
weil er es gar nicht versteht, sich in er bürgerlichen
Welt (mit ihren Erfordernissen bezüglich Wissen über
Geld, Verträge, Investitionen, Schulden, Steuern und
Gesetze) zu bewegen; im Roman „Niemandsland“
geht es darum, wie ein Mensch sich nach seinem gesellschaftlichen
Aufstieg vom Arbeiter- ins Angestelltenmilieu in einem sozialen
Niemandsland wiederfindet, in welchem er alle seine menschlichen
Bezugspersonen von früher verloren hat ohne dafür
neue zu gewinnen.
Ein recht deutliches Zeichen für das
Fehlen von Individualismus in unseren westlichen Gesellschaften
scheint mir auch die Notwendigkeit der Existenz von Prominenz
und Celebrities in Zeitschriften und Fernsehen zu sein.
Die Tatsache, dass jemand erst prominent sein muss, um von
der Öffentlichkeit mit Interesse betrachtet zu werden,
zeigt doch recht gut, dass man in unserer Gesellschaft etwas
mehr als ein Mensch sein muss, etwas mehr als ein Individuum,
um zu zählen.
Alles dieses bedeutet auf der anderen Seite
nicht, dass ich mit meinen Sympathien eher auf der Seite
dessen stehen würde, was Hofstede „Kollektivismus“
nennt, nein, das nicht, ich will nur soviel sagen, dass
es in Hofstedes Geschichte verblüffend ist, wie die
angeblich kollektivistische Kultur Saudi-Arabiens auf der
Individualität des schwedischen Ingenieurs Johannesson
besteht und damit etwas tut, was wir uns unter Kollektivismus
gar nicht vorstellen würden. Gewöhnlich stellen
wir im Westen uns unter Kollektivismus ja eher so etwas
vor wie Armeen von grauen Arbeitern oder Soldaten, wo es
gar nicht auffällt, wenn ein Mensch stirbt und dann
fehlt, weil nur das Kollektiv zählt und der Einzelne
nicht.
Man
kann annehmen, dass das Konzept des Kollektivismus bei Hofstede
ebenso wie das des Individualismus den gesellschaftlichen
Vorurteilen der westlichen Welt entlehnt ist und sich bei
genauerem Hinsehen als etwas einseitig erweisen wird, aber
das interessiert mich nicht besonders, weil mich der Kollektivismus
nicht interessiert. Mich bringt es nur auf, wenn die Länder
der westlichen Welt als individualistisch bezeichnet werden,
weil in unserer westlichen Kultur des: „Dieses Produkt
haben wir exklusiv für Sie entwickelt – und für
die übrigen 10 Millionen unserer Kunden“ nichts
so wenig ernst genommen wird wie das Individuum. Der Individualismus
ist bei uns höchstens so etwas wie eine rhetorische
Ebene, etwas, das fortwährend angerufen und hochgepriesen
wird, während man ihm in Wirklichkeit überall
entgegenhandelt.
Selbstreflexion
– was ist dies nun eigentlich für eine Analyse?
Was
ich hier vorgebracht habe, kann natürlich in keiner
Weise eine Kritik an Hofstede sein, weil es Hofstede in
seinen Untersuchungen ja nicht darum gegangen ist, das Wesen
des Individualismus zu ergründen, sondern er ganz einfach
den Individualismus als Kulturdimension passend definiert
hat, um damit seine empirischen Forschungsergebnisse auswerten
zu können. Nein, diese Analyse ist bloß ein typisches
Beispiel dafür, was passiert, wenn sich ein Philosoph
mit Gegenständen außerhalb seines angestammten
Fachbereichs auseinandersetzt: Kategorisierungen werden
infragegestellt, Analyseraster zerfallen, und wie so oft
schon habe ich wieder einmal die Erfahrung gemacht, dass
von vielem, das behauptet wird, auch das Gegenteil wahr
sein könnte.
4. März 2007
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