| Der
Begriff der "Kultur"
Die
Schwierigkeiten der Interkulturellen Kommunikation mit dem
Begriff der Kultur
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„Kultur
ist ein universelles, für eine Gesellschaft,
Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem.
Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen
gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert.
Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und
Handeln aller Mitglieder und definiert somit deren
Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem
strukturiert ein für die sich der Gesellschaft
zugehörig fühlenden Individuen spezifisches
Handlungsfeld und schafft damit die Voraussetzungen
zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung“
Alexander
Thomas:
in: Alexander Thomas (Hg.):
Kulturvergleichende
Psychologie.
Hogrefe, Göttingen/Bern/Toronto/Seattle 2003.
S. 36.
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"Nationalkultur
kann man definieren als die Kultur, die eine große
Anzahl von Menschen, die einer Nation per Geburt angehören
oder sich ihr zugehörig fühlen, im Verlauf
ihrer Geschichte entwickelt haben und als für
sie verbindlich und daseinsbestimmend definieren.
Die Nationalkultur verkörpert so etwas wie das
kollektive Bewusstsein der Bevölkerung, genauer:
die tradierten Werte, Normen, Verhaltensregeln (Sitte,
Gesetz, Brauch) und ethisch-moralische Überzeugungssysteme
(Religion) sowie die daraus abgeleiteten Welt- und
Menschenbilder."
Alexander
Thomas:
in: Alexander Thomas (Hg.):
Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation.
Band 1: Grundlagen und Praxisfelder.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003. S.
33.
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„Ein
zweites Problem, mit dem die Landeskunde und insbesondere
die „interkulturell“ orientierte Landeskunde
seit langem konfrontiert ist, ist die Unklarheit des
leitenden Begriffs „Kultur“. Obwohl dieses
Problem nun wirklich hinreichend bekannt ist und auch
immer wieder beklagt wird, so scheint doch die Fähigkeit
und Bereitschaft, sich damit auf einem einigermaßen
angemessenen Niveau auseinander zu setzen, bisher
eher gering ausgeprägt. Vielmehr haben wir uns
offenbar daran gewöhnt, „Kultur“
in jenem pluralischen, auf soziale Großgruppen
wie Ethnien und Nationen bezogenen Sinn zu gebrauchen,
der den besagten Gruppen eine gewisse Homogenität
und Übereinstimmung im Verhalten, in Denkweisen
und Wertorientierungen unterstellt und Individuen
primär als Repräsentanten ihrer so verstandenen
„Kultur“ und damit als kulturell „geprägt“
und determiniert auffasst. Ein solches Verständnis
von „Kultur“ aber ist angesichts aktueller
Entwicklungen der so genannten „Zweiten Moderne“,
angesichts von Globalisierung und weltweiter Migration,
völlig anachronistisch geworden, weil es eine
auf Nationen bezogene Homogenität nach innen
und gleichzeitig ebenfalls primär nationenbezogene
Differenzen nach außen unterstellt, die, wenn
es sie in den hochkomplexen modernen Industriegesellschaften
überhaupt jemals gegeben hat, heute mit Sicherheit
nicht mehr existieren. Hinzu kommt, dass dieser Begriff
und darauf aufbauende Konzepte wie das von Alexander
Thomas entwickelte Konzept der „Kulturstandards“
(1996) mit stereotypen und klischeehaften Vorstellungen
von „Kulturen“ und Nationen operieren
und daher vor allem auch unter didaktischem Aspekt
nicht nur als völlig ungeeignet, sondern geradezu
als gefährlich einzuschätzen sind, führen
sie doch eher zur Bestätigung stereotypischen
und pauschalisierenden Denkens als zu dessen Infragestellung.
Wir brauchen in der Landeskunde dringend differenziertere
Begriffe, Konzepte und Theorieansätze, die den
oben skizzierten neuen Herausforderungen gerechter
werden als die übliche Rede von der „Kulturgeprägtheit“
der Individuen oder von den „interkulturellen
Missverständnissen“.“
Claus
Altmayer: „Braucht die Landeskunde eine kulturwissenschaftliche
Basis?“,
in: Hans Jürgen-Krumm, Paul R. Portmann-Tselikas
(Hg.): Theorie und Praxis. Österreichische
Beträge zu Deutsch als Fremdsprache. 9/2005.
Schwerpunkt: Innovationen – Neue Wege im Deutschunterricht.
StudienVerlag, Innsbruck 2006, S. 198-199. |
Das Allgemeinste, das man über das Verhältnis
der Interkulturellen Kommunikation zum Begriff der Kultur
sagen kann, ist das, dass es ein ziemlich widersprüchliches
ist. Einerseits braucht die Interkulturelle Kommunikation
den Begriff der Kultur, denn was wäre sie ohne ihn?
Dann wäre sie die Inter??? Kommunikation. Andererseits
ist der Begriff der Kultur immer zu einfach, so sehr man
seine Definition auch verkomplexiziert, neigt immer zum
Klischeehaften, Stereotypischen. Das kommt wahrscheinlich
daher, dass man immer nur von (einer) Kultur sprechen kann,
wenn man über eine Kultur spricht, und nicht von Kulturen,
also von Bewegungen und Gegenbewegungen in ihr, von verschiedenen
Strömungen in ihr, die alle in eine andere Richtung
wollen.
Kann
sein, dass von daher immer wieder der Ruf nach der Kulturwissenschaft
in der Interkulturellen Kommunikation kommt: Um dieses eine
Ding der Kultur endlich einmal in seine Teile auseinanderzureißen,
auseinanderzuanalysieren. Schließlich wissen wir schon
die längste Zeit, dass eine Kultur ein zusammengesetztes
Ding ist, bestehend aus einander widerstrebenden und miteinander
ringenden Bestrebungen, sodass eine jede Aussage, die wir
über diese Kultur als ganzes treffen, immer falsch
sein muss. Das tut weh, immer Falsches lehren zu müssen,
Pauschalisierendes, das in Wirklichkeit entweder nicht mehr
stimmt oder nur bei den älteren Leuten oder nur auf
dem Land...
Wir
wissen, dass wir ins Detail gehen müssen, das eine
als Reaktion auf das andere darstellen, uns orientieren
inmitten der vielen kulturellen Strömungen innerhalb
einer Kultur. Am besten die Lernenden gar nichts lehren,
denn was man sagt, ist auch schon falsch, und sie anstattdessen
selber Fragen stellen lehren und sie vor allem ein Bewusstsein
dessen lehren, dass eine Kultur nicht ein Ding ist, sondern
dass man jedes kulturelle Phänomen daraufhin befragen
muss, aus welcher Ecke innerhalb der Kultur es denn kommt
und wer damit bei wem welchen Eindruck erzeugen wollte,
denn Kulturphänomene sprechen ja nicht mit offizieller
Stimme zu Außenstehenden so wie ein Außenminister
bei einer Rede vor der UNO.
Aber
dann sagen wir "Kultur" und dann passiert ein
Zauberding: Mit dem einen Wort "Kultur", das wir
aussprechen, ist das, was wir so mühsam auseinandergeklaubt
haben, mit einem Schlag, wie von Zauberhand, wieder zusammengefasst
und präsentiert sich als ein Ganzes von derselben Art
und demselben Charakter. Dann sagt man wieder, in der einen
Kultur sei das so und in der anderen sei das so und auf
das alles trifft wieder der Vorwurf von Altmayer zu. Es
wird doch wohl nicht so sein, dass der Begriff der "Kultur"
keine differenzierteren Sichtweisen zulässt, ganz einfach
deshalb, weil er ein vereinheitlichender Begriff ist?
Dieses
Unbehagen am Kulturbegriff empfinden offenbar auch andere
WissenschaftlerInnen der Interkulturellen Kommunikation.
Annelie Knapp-Potthoff etwa hat vorgeschlagen, "für
die Diskussion von Fragen interkultureller Kommunikation
den Begriff der "Kultur" durch "Kommunikationsgemeinschaft"
zu ersetzen" (Annelie Knapp: "Interkulturelle
Kompetenz: eine sprachwissenschaftliche Perspektive",
in: Georg Auernheimer: Interkulturelle Kompetenz und
pädagogische Professionalität. Leske + Budrich,
Opladen 2002. S. 66.), was auch damit zusammenhängt,
"dass u.U. eine türkische und eine deutsche Wissenschaftlerin
besser Verständigung erreichen können als die
deutsche Wissenschaftlerin und ihre deutsche Großmutter"
(ebd.) Einverstanden! Vielleicht geht es ja in Wirklichkeit
gar nicht um Kultur. Die Frage ist nur: Wie taufen wir dann
die Interkulturelle Kommunikation um? Und wie erklären
wir das dann den Leuten?
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