| Was
ist das für ein seltsames Ding?
Eine
Rezension von Peter Koslowskis Buch: Wirtschaft als
Kultur. Passagen Verlag, Wien 1989.
WARUM ICH DAS BUCH ERST JETZT BESPRECHE?
AKTUELL IST ES JA NICHT MEHR: Weil ich es erst jetzt gelesen
habe.
UND
WARUM ICH ES GELESEN HABE, WENN ES DOCH NICHT MEHR AKTUELL
IST: Weil das Thema interessant ist. Wenn jemand behauptet,
mich über den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und
Kultur aufklären zu können, dann möchte ich
wissen, wie er diese Aufgabe löst. Ich konnte ja nicht
wissen, dass dieses Buch eine ziemliche Enttäuschung
werden würde.
„Das vorliegende Buch entwickelt eine Kulturphilosophie
der Wirtschaft. Ausgehend von der Herausforderung der begrenzten
Ressourcen und der Gefährdung der natürlichen
Umwelt untersucht es, welche kulturellen Einstellungs- und
Verhaltensänderungen, welche Veränderung der Wirtschaftskultur
nötig ist, um vom modernen Expansionismus und Progressismus
der „Wachstumskultur“ wegzukommen zu einer Wirtschaft
und Wirtschaftskultur, die nicht nur expansions-, sondern
auch kontraktionsfähig ist.“ (Einführungstext,
S. 4)
Eine „Kulturphilosophie der Wirtschaft“?
– Glaubt hier jemand, dass die Philosophie der Wirtschaft
etwas sagen kann? Und die Wirtschaft sogar bereit ist zuzuhören?
„…untersucht, welche kulturellen […],
welche Veränderung der Wirtschaftskultur nötig
ist, um…“ – Hat hier jemand noch nicht
begriffen, dass sich die Wirtschaft nach ihren eigenen Gesetzen
richtet und sich nicht lenken lässt durch Verhaltensanforderungen,
die von außerhalb, also z.B. von der Ethik her, an
sie herangetragen werden?
„…um vom modernen Expansionismus […] der
Wirtschaftskultur wegzukommen zu einer Wirtschaft, […]
die nicht nur expansions- sondern auch kontraktionsfähig
ist"– Weiß hier jemand noch nicht, dass
die Expansion eine wesentliche Eigenschaft unseres heutigen
Wirtschaftssystem ist, dergestalt, dass die Wirtschaft immer
wachsen muss, um stabil zu bleiben? Hält er diesen
Epansionismus nicht für eine Eigenschaft der Wirtschaft
selber, sondern für eine der Moderne? Und glaubt er
wirklich, dass die Wirtschaft durch Verhaltensänderung
und wegen der begrenzten Ressourcen auf dem Planeten „kontraktionsfähig“
werden könnte?
Mit einem Wort, dieses Buch setzt sich recht unglaubwürdige
Ziele. Mal sehen, wie es diese erreichen will.
„Wie
das menschliche Selbst müssen die Lebensordnungen und
Daseinsdeutungen der Gesellschaft, muß die Kultur
eine Mitte finden zwischen Kontraktion und Expansion. Die
Doppelrichtung des Wachstums nach außen und innen
zeigt, daß auch die Kultur und Wirtschaft nach außen
und innen wachsen müssen und daß das Vermögen
der inneren Vertiefung die Grenzen des Wachstums weit hinausschiebt.
Wachstum unter Bedingungen begrenzter Ressourcen ist Wachstum
nach innen, Wachstum der Kultur und des inneren Menschen.
Die Erkenntnis der Eigenart des organischen Wachstums und
des Gewahrwerdens der Begrenztheit der irdischen Ressourcen
nötigt zu einer neuen Kultur der Humanisierung und
Vergeistigung der Wirtschaft, zu einer Kultur des Ausgleichs
von äußerem und innerem Wachstum. Eine solche
stärker geistorientierte Wirtschaftsform weist auch
heute noch große Wachstumsreserven auf und deutet
sich in einigen Entwicklungen bereits an.“
(S. 37)
- Hat man je schon solche Ungereimtheiten
gehört oder gelesen? Das fängt schon mit dem Fehlschluss
an, dass die Gesellschaft oder die Kultur irgendwas tun
müssten, wenn die wirtschaftliche Expansion den ganzen
Planeten kahlrupft, und die Menschheit so in den Selbstmord
katapultiert: Die Gesellschaft muss gar nichts tun, wenn
die Gesellschaft dabei ist, sich selbst zu vernichten. Denn
die Gesellschaft ist kein Lebewesen, und auch wenn die Gesellschaft
stirbt, sterben nur einzelne Menschen. Es ist das so eine
Art Grundproblem des Bücherschreibens und öffentlichen
Argumentierens, dass viele Autoren glauben, so argumentieren
zu können, dass sie sagen, es gebe ein bedeutendes
Problem in der Welt, und die Gesellschaft müsse etwas
gegen es tun. Sie würden bessere Bücher schreiben,
wenn sie einsehen könnten, dass die Gesellschaft gar
nichts tun muss, wenn es ein Problem gibt…
Aber
dieser Punkt ist ja eine Kleinigkeit gegen den nächsten,
wo der Autor meint, es müsse zu einer Vergeistigung
der Wirtschaft kommen. So als ob die Wirtschaft Lust drauf
hätte, sich zu vergeistigen! Und unser Autor sieht
sogar Anzeichen dafür in einigen Entwicklungen; er
sagt es in den folgenden Absätzen, welche das sind:
Es sind das die „informationsverarbeitende Technik“,
der Dienstleistungssektor und „Kultur als eigener
Wirtschaftszweig“. Es wäre mir nie in den Sinn
gekommen anzunehmen, dass die Informationstechnologie als
eine Art „Vergeistigung der Wirtschaft“ anzusehen
wäre. Ganz im Gegenteil: Früher war in Österreich
davon die Rede, dass der Kaiser die allgemeine Bildung nicht
schätzte, weil ihm fleißige Arbeiter lieber waren
als helle Köpfe. Die Obrigkeit bevorzugte also (menschliche)
Schaufeln gegenüber Köpfen, und das ist heute
immer noch so, weil auch ein Computerprogrammierer nichts
anderes ist als eine Schaufel – und eben kein Kopf!
– auch wenn er mit dem Kopf arbeitet. Das ist heute
das Verwirrende, dass die Schaufeln mit den Köpfen
arbeiten, sodass man nicht mehr so leicht unterscheiden
kann, wer Schaufel- und wer Kopfarbeit macht, aber so ist
das eben: Man kann einen Rudersklaven haben oder einen Computerrudersklaven
– der Computer macht es aber noch nicht, dass der
Mensch von nun an kein Rudersklave mehr wäre, er bedingt
nur, dass er nicht mehr die Hände gebrauchen muss zum
Rudern, er rudert mit dem Kopf. Aber er rudert, er steuert
nicht, und deshalb ist er immer noch ein Rudersklave.
Aber vielleicht treffe ich mit diesen Erwägungen
die Sache und den Text unseres Autors noch nicht richtig.
Man muss sich seine Formulierungen einfach auf der Zunge
zergehen lassen: „Wachstum der Kultur des inneren
Menschen“, „eine neue Kultur der Humanisierung
und Vergeistigung der Wirtschaft“, „eine stärker
geistorientierte Wirtschaftsform“. Er bringt da Einheiten
zusammen, die nicht zusammengehen. „Eine stärker
geistorientierte Wirtschaftsform“, das ist, als ob
man sagen würde: „ein eher trockenes Wasser“
oder „ein eher heißeres Eis“. Was wird
sich da die Wirtschaft denken, wenn sie vergeistigter werden
soll? Es ist ganz klar, was sie sich denken wird: Wenn es
sich auszahlt, tu ich es. Und das ist auch der Grund, warum
sie nie vergeistigter werden wird: Weil sie immer nur vergeistigter
werden würde, um mehr zu verdienen, nie aber, um vergeistigter
zu werden. Nie also, um „nach innen zu wachsen“.
Das
vierte Kapitel (S. 78-99) trägt den Titel „Die
Kultivierung des Unternehmens. Durchdringung ökonomischer,
ästhetischer und ökologischer Aspekte des Wirtschaftens
in der Postmoderne“ – und genau das ist es ja,
was mich besonders interessiert: Wieso sollten Unternehmen
Wert nicht nur auf Gewinn und Unternehmenswachstum, sondern
auch auf Kultur, Ökologie und gar Ästhetik legen.
Mit welchen Argumenten will der Autor die Unternehmen dazu
bringen, das zu tun?
„Die
Kultivierung der Unternehmung, das heißt Unternehmenskultur
und Unternehmensethik, erfordern die Integration der handlungsleitenden
Werte und Normen im unternehmerischen Handeln. Ästhetik,
Ökonomie und Ökologie müssen einander durchdringen
und sich nicht nur ergänzen in dem Sinne, daß
sie nacheinander durchlaufen und angewandt würden.
Der postmoderne Begriff der Durchdringung ist geeignet,
Fehlentwicklungen der modernen Rationalität zu korrigieren.
Die moderne ökonomische Rationalität trennt die
ästhetische und die ökologische Rationalität
von der wirtschaftlichen Rationalität ab. Ökonomische
Rationalität im engen Sinn beschränkt sich auf
Effizienz: die subjektiven Bedürfnisse sollen mit möglichst
geringem Aufwand befriedigt werden. Die Rationalität
des Schönen, das heißt, eine gegebene Aufgabe
so zu erfüllen, daß ästhetische Bedeutung
realisiert und der Schönheitssinn und die Einbildungskraft
des Menschen angeregt werden, bleibt außerhalb des
ökonomischen Kalküls.“ (S. 85)
- Es gibt also offenbar so etwas wie eine
„Rationalität des Schönen“? Ich glaube
zwar nicht, dass ich in Alltagssituationen damit argumentieren
könnte, ohne in den Augen anderer Menschen als lächerlich
zu erscheinen, aber nehmen wir es mal hin: Wir nähern
uns hier gleichsam einer religösen Diskussionsebene,
d.h. einer solchen, in der alle Menschen gut und voll guter
Intentionen sind und deshalb auch Verständnis haben,
wenn einer etwas Gutes, also z.B. die Behauptung, dass es
eine „Rationalität“ des Schönen gebe,
vorbringt. Gut, seien wir also mal gut gemeinsam mit den
Guten – dann zeigt sich uns: Die heutige ökonomische
Rationalität ist eine verkürzte! Ökonomische
Rationalität sollte nicht nur Effizienzkriterien beinhalten
(möglichst große Wirkung bei möglichst geringem
Aufwand), sondern auch ethische, ästhetische und ökologische
Kriterien. Und schuld dran, dass das nicht so ist, trägt
die Moderne: Sie hat die wirtschaftliche Rationalität
von der ästhetischen und der der ökologischen
Rationalität getrennt. Das ist ein wenig so, als ob
man sagen würde: Die Wirtschaft ist gar nicht schuld
dran, dass sie Wirtschaft ist. Eigentlich ist die Wirtschaft
gar nicht nur Wirtschaft, sondern sie ist auch zugleich
Ästhetik und Ökologie. Das klingt nicht logisch!
Wäre der Autor bitte so nett, mir einen Grund zu nennen,
der zusammenfügt, was hier so offensichtlich nicht
zusammenpasst!
„Das
Schöne ist nicht nur schön, sondern zugleich nützlich
und ökonomisch. Kant selbst räumt ein, daß
die Qualität des Schönen auf die Qualität
der Gutheit im umfassenden Sinn zu verweisen und diese anzuzeigen
vermag. „Dieselbe Eigenschaft […], wodurch ein
Gebäude schön ist, ist auch seiner Bonität
zuträglich.“ […] Dieselbe Eigenschaft,
durch die ein Produkt schön ist, ist auch seiner Bonität,
seiner Gesamtqualität zuträglich. Dieselbe Eigenschaft,
durch die ein Unternehmen eine ästhetisch anspruchsvolle
Erscheinung gewinnt, ist auch seiner inneren Qualität
förderlich. […] Die Schönheit als Ordnung
des Mannigfaltigen führt ökonomisch zur Sparsamkeit
der Mittel, zu deren ökonomischem Einsatz, und ethisch
zu einem Eingestimmtwerden auf das Gute als zwanglose Einheit
des Mannigfaltigen. Das Unternehmen muß daher ein
ökonomisches und unternehmensethisches Interesse daran
haben, das Schöne in seiner Erscheinung und seinen
Institutionen zu realisieren.“ (S. 86-87)
Ja, wenn das so ist! Dann kann ich gern
glauben, dass alle Unternehmer und Manager dem Autor folgen
werden. Dieselbe Eigenschaft, durch die ein Produkt schön
ist, ist auch seiner Qualität zuträglich; die
Schönheit führt ökonomisch zur Sparsamkeit;
das Unternehmen muss ein ökonomisches Interesse an
der Schönheit haben… - da redet er ja wie sie
selber. Ja, wo werden denn die Ökonomen nicht Interesse
an der Schönheit haben, wenn diese einen wirtschaftlichen
Vorteil mit sich bringt? Aber ich bin enttäuscht: Hatte
ich doch erwartet, dass mir erklärt wird, wie man die
Wirtschaft ästhetisieren kann; anstatt dessen erklärt
man mir, wie das Schöne verwirtschaftet wird. Das bringt
mich nicht weiter: Dass Unternehmen ihre Produkte verkaufen,
um damit Gewinn zu machen, weiß ich ja schon. Ich
will wissen, warum die Unternehmen auf eine solch absonderliche
Idee verfallen sollten wie, Produkte zu machen, um schöne
Produkte zu machen? Aber vielleicht finde ich ja noch etwas
heraus?
„Das
Prinzip der Ausdifferenzierung und Arbeitsteilung hat besonders
Max Weber als das große Organisationsprinzip moderner
Gesellschaften beschrieben. Nach Max Weber ist die Ausdifferenzierung
von Wahrheit, normativer Richtigkeit und Schönheit
in nicht-moralische und nicht-schöne Wahrheit, nicht-wahre
und nicht schöne Moral und nicht-wahre und nicht moralische
Schönheit das Signum der Moderne. […] Indem man
die Ausdifferenzierung in solcher Formulierung konsequent
durchführt, wird bereits deutlich, daß diese
Trennungen und der Begriff der Ausdifferenzierung analytische
Instrumente sind, die der Einheit des Handelns und der Einheit
des sozialen Lebens nicht gerecht werden. Schönheit,
Sittlichkeit und Wahrheit können nicht in einem Verhältnis
wechselseitiger Ausschließung zueinander stehen. Sie
müssen sich vielmehr so weit wie möglich wechselseitig
durchdringen. Dasselbe gilt auch für die gesellschaftlichen
Steuerungsmedien Geld, Macht und Solidarität.“
(S. 96)
Das
ist natürlich Mumpitz: Die Ausdifferenzierung von Wahrheit,
Schönheit und moralisch Richtigem in der modernen Gesellschaft
ist natürlich nicht bloß rein analytischer Natur,
sondern sie ist die moderne Gesellschaft selber. Sie kommt
daher, dass die Gesellschaft heute viel zu groß ist,
um noch ein gemeinsamer Sinnzusammenhang zu sein so wie
eine kleine Stammesgesellschaft, und sie sich deshalb in
viele Bereiche aufgespaltet hat, in denen unterschiedliche
"Spiele" gespielt werden: Im Bereich Wissenschaft
kommt es darauf an, möglichst viele Wahrheiten zu finden,
in der Wirtschaft, möglichst viel Geld zu verdienen,
bei der Polizei, möglichst viele Gesetzesübertreter
zu fangen, im Fußball, möglichst viele Tore zu
schießen. Und kein Mensch bekommt eine Belohnung oder
Anerkennung in seinem Bereich dafür, dass er das Ziel
eines anderen Bereichs erreicht: kein Polizist dafür,
dass er seine Kinder erzieht, keine Krankenschwester dafür,
dass sie einen Verbrecher fängt, kein Manager dafür,
dass er ein Tor schießt, etc. Wir müssen uns
davon überzeugen, in welchem gesellschaftlichen Bereich
wir uns bewegen und welche Ziele in ihm als Ziele allgemein
anerkannt und belohnt werden - davon kommt die Trennung
des Wahren, Guten und Schönen in unserer heutigen Gesellschaft.
Aber
es ist natürlich immer eine gewisse Erschwernis für
die Erkenntnis, dass ein Mumpitz ein richtiger Mumpitz ist,
wenn dieser mit einem Stückchen Wahrheit vermischt
ist. In diesem Falle ist das der alte philosophische Topos
der Einheit des Wahren, Schönen und Guten, den auch
ich für richtig halte. Also etwas Wahres kann nicht
wirklich wahr sein, wenn es nicht zugleich auch ästhetisch
schön und moralisch gut ist, denn in unserem menschlichen
Leben geht es ja um alle diese drei Werte. Ja, das ist richtig,
aber kann man denn, was für das individualmenschliche
Leben gilt, so mir nichts dir nichts auf die Gesamtgesellschaft
übertragen? „Dasselbe gilt auch für die
gesellschaftlichen Steuerungsmedien Geld, Macht und Solidarität.“
Nein, das kann man nicht: Was für unser aller Leben
als einzelne Menschen gilt, gilt deshalb noch lange nicht
für unser aller Leben zusammen in der Gestalt der Gesellschaft.
Es ist wahr, dass es vom individualmenschlichen Standpunkt
aus wünschbar wäre, dass die Gesellschaft so organisiert
wird, dass es einen Zusammenhang zwischen Wahrem, Schönem
und Gutem gibt – aber das bedeutet noch lange nicht,
dass das auch vom Standpunkt der Gesellschaft aus wünschbar
ist. Was wir alle wollen, (wenn wir es denn überhaupt
alle wollen), ist nicht dasselbe wie das, was die Gesellschaft
will. Denn die Gesellschaft besteht aus Funktionszusammenhängen
und inneren Ordnungsprinzipien, die sie funktionieren lassen
und sie stärken (= weiter bestehen lassen), und ihr
sind diese Funktionszusammenhänge und Ordnungsprinzipien
wichtiger als das, was die einzelnen Menschen wollen. Es
ist das eine Unfähigkeit für soziologische Zusammenhänge,
die sich bei vielen findet und sich vielleicht nie ausrotten
wird lassen: der Glaube, dass das, was wir alle wollen (müssten),
dasselbe ist wie das, was wir alle zusammen (als Gesellschaft)
wollen.

Die Gesellschaft aber will sicher keine
„Durchdringung“ von Wahrem, Schönem und
Gutem. Warum? – Weil das all ihre Funktionszusammenhänge
durcheinander bringen würde, und nichts würde
mehr funktionieren. Aber der Autor sagt ja auch im nachfolgenden
Absatz: „Die Durchdringung oder Interpenetration der
Rationalitätsformen, der Subsysteme und der Systemmedien
stellt ein Abgehen von einer streng funktionalen Differenzierung
zu einer organischen Gliederung der Gesellschaft dar und
ist eine kulturelle Entwicklung, die bereits im Gange ist
und hinter die Moderne auf Formen ganzheitlichen Lebens
zurückführt.“ (ebd.)
- Das besagt nichts anderes, als dass wir eine andere Gesellschaft
bräuchten, damit diejenigen Forderungen, die der Autor
aufstellt, in ihr gelten könnten. In der unseren, die
eine funktional differenzierte ist, geht das nicht –
und davon, dass die Entwicklung hin zu einer „organischen
Gliederung der Gesellschaft“ schon im Gange sei, kann
ich nichts erkennen. Aber dieser scheinbare Nebenschauplatz
führt mich schon zum nächsten „Argument“
des Autors. Was wollte ich wissen? Warum, weshalb, wieso
Unternehmen plötzlich damit anfangen sollten, sich
für Kultur zu interessieren?
„Die
Signatur der postmodernen Kultur der Gesellschaft und der
Wirtschaftsunternehmen zeigt eine Entwicklung von einer
mehr technisch zu einer mehr künstlerisch geprägten
Kultur. Kunst und Kultur treten in der Postmoderne als Produktivkräfte
gleichberechtigt neben die Wissenschaft und Technik. Die
Kultivierung des Unternehmens in der Durchdringung von Ökonomie,
Ästhetik und Ökologie ist zugleich ein Prozeß
der Humanisierung von Wissenschaft und Technik. Sie fordert
von der Unternehmung den Willen, kulturschöpferisch
tätig zu sein. Der Unternehmer muß den Willen
haben, in der Kooperation mit seinen Mitarbeitern aus dem
Unternehmen so etwas wie ein „Gesamtkunstwerk“
zu machen. Daraus folgt zugleich, daß die für
die Moderne kennzeichnende Trennung von Kunst und Wirtschaft,
die Trennung der Welt der Arbeit vom heiligen Bereich der
Kunst, in der Gegenwart obsolet wird. In der Postmoderne
stehen sich nicht mehr wie in der Moderne eine Kunst, die
an die Stelle der Religion tritt, und eine vollständig
profanisierte Wirtschaft, der nichts mehr heilig ist, gegenüber.
Kunst, Kultur und Wirtschaft durchdringen einander vielmehr.“
(S. 97-98)
-
Hier haben wir es freilich mit einem argumentativen Trick
zu tun: Auf die Frage: Warum sollte irgendetwas Bestimmtes
geschehen? – antwortet der Autor (nicht mit einem
Grund, sondern), dass es ohnehin schon geschieht. Die Postmoderne
ist dieses Zauberding, das es möglich macht, dass Wahres,
Schönes und Gutes wieder zusammengehen und der Unternehmer
gemeinsam mit seinen Mitarbeitern ein „Gesamtkunstwerk“
schafft. Diese Ideen sind soweit entfernt von der Realität,
dass ich mich frage, ob man dieses Buch in einem Zug durchlesen
kann, ohne verrückt zu werden. Es wird nämlich
in ihm Unsinn auf Unsinn gestapelt, und man muss den einen
Unsinn annehmen und sich in ihn hineindenken, um aus ihm
heraus den nächsten Unsinn verstehen zu können.
Was mich noch beunruhigt, ist, dass der ganze Unsinn, der
in diesem Buch geäußert wird, ja nicht aus dem
luftleeren Raum kommt, sondern einen (anerkannten) Bildungshintergrund
hat. Im Zitat kam Max Weber vor, eine Seite später
beruft sich der Autor auf die Romantik, die seinerzeit schon
Ähnliches versucht hatte wie die Postmoderne, nämlich
die Trennung zwischen Religion, Wissenschaft und Kunst wieder
zu überwinden, etc. Dieses Buch von Koslowski zeigt
wirklich, wie man durchs Bücherlesen auf Abwege geraten
und tatsächlich in gewisser Weise verrückt werden
kann. Diese Gefahr betrifft wohl hauptsächlich „schöne
Seelen“, die die Realität nicht zur Kenntnis
nehmen wollen oder in ihr nur das sehen, was sie sehen wollen
und die von den schönen Gedanken verstorbener Philosophen
oder Sozialwissenschaftler dann in dieser Weise irregeführt
werden, dass sie meinen, das, was diese äußerten,
stimme doch im Prinzip und deshalb müsse es auch auf
die Realität zutreffen, oder die Realität müsse
sich nur an sie erinnern, (wovon man schon Anzeichen erkennen
könne). Aber was im Prinzip richtig ist, wie die Einheit
von Wahrem, Schönem und Gutem, muss deshalb noch lange
nicht in der real existierenden Realität so sein, und
wenn wenn man beides, Prinzip und Realität, miteinander
vermischt, dann kommt ein solcher schöngeistiger, humanistischer,
ökologischer, menschenfreundlicher Unsinn heraus, gegen
den man sich gar nicht leicht wenden kann, weil er ja wünschenswert
wäre, wenn er nicht völlig unrealistisch wäre.
Der Autor erklärt uns Wirtschaft – und Wirtschaftsethik
Jetzt
wird’s interessant, denn im 5. Kapitel (S. 101-117)
erklärt der Autor, wie zwei einander so entgegengesetzte
Dinge wie Wirtschaft (die auf den eigenen Vorteil abzielt)
und Ethik (bei der oft kein eigener Vorteil herauskommt)
zusammengehen. Er wird das wohl in der Weise tun, indem
er behauptet, dass Wirtschaft und Ethik in Wirklichkeit
immer schon eins waren und nie unerlaubterweise getrennt
hätten werden dürfen. Und wirklich: Die Wirtschaftsethik
oder Ethische Ökonomie, sagt er auf S. 117, sei die
Wiedererinnerung an den "einfachen Sachverhalt",
wonach das bonum propium, das Eigenwohl, nie vom bonum commune,
vom Gemeinwohl, abgetrennt werden könne, wie bereits
Leibniz sagte.
Nun
ist das sicher richtig für die „beste aller möglichen
Welten“, in der nicht jeden Tag 100000 Menschen an
Hunger sterben, aber in unserer Welt, in der sogar in den
reichen Industrieländern Europas die Caritas und andere
Hilfsorganisationen alle Hände voll zu tun haben, um
die Obdachlosen zu versorgen, da drängt sich einem
doch unwillkürlich der Gedanke auf, dass an der ganzen
Not jeweils jemand profitiert. Diese Fragestellung scheint
mir überhaupt grundsätzlich nützlich zu sein,
dass man immer dann, wenn man wo ankommt und sieht, dass
hier etwas gröber nicht stimmt, zuerst einmal danach
fragt, wer denn von dieser Situation etwas hat? Die Antwort
auf die Frage, warum hier etwas nicht stimmt, könnte
sich auf diese Weise schnell von selber erledigen. Dieser
Gedanke, dass es immer eine Situation braucht, in der ein
Ungleichgewicht in der Form eintritt, dass etwas offensichtlich
nicht stimmt und auch in moralischer Hinsicht nicht in Ordnung
ist, damit jemand davon wirtschaftlich profitieren kann,
lässt sich dann noch dadurch ergänzen, indem man
an jene Güter denkt, die gegenwärtig noch im Überfluss
vorhanden sind, so dass sie (meist) keinen Preis haben:
Luft und Wasser. Wenn man sich nur vorstellt, was man hier
alles in Unordnung bringen kann, um dann aus der daraus
entstehenden Not zu profitieren, wird es einem ganz schwarz
vor Augen. Grundsätzlich stimmt die Haltung unseres
Autors natürlich: Die Wirtschaft hilft den Menschen
dabei, ihre Probleme zu lösen. Das allein bedeutet
aber noch nicht, dass Eigenwohl und Gemeinwohl dasselbe
sind, sondern zuerst einmal viel eher, dass es Probleme
geben muss, damit die Wirtschaft welche lösen kann.
Und wenn es keine Probleme gibt, könnte man eben ein
bisschen nachhelfen wollen… Aber
solcherlei Gedanken stehen dem Autor natürlich fern,
und insofern erklärt er ethisches Handeln in der Wirtschaft
folgendermaßen:
„Das
ethische Grundprinzip jeden Machtgebrauchs ist Gerechtigkeit.
[…] Die Gerechtigkeit im Markt enthält zwei Momente,
Sachgerechtigkeit und Tauschgerechtigkeit. […] Die
Sachgerechtigkeit erfordert vom Inhaber wirtschaftlicher
Macht, daß er sachgemäß, das heißt
wirtschaftsgemäß handelt. In ihrer negativen
Formulierung fordert die Wirtschaftsethik die Unterlassung
unethischer Praktiken wie unlauterer Wettbewerb, Schmiergeld
und Korruption. In positiver Formulierung lautet der wirtschaftsethische
Imperativ: Handle wirtschaftsgemäß!, beziehungsweise:
Handle nach der Sachgerechtigkeit der Wirtschaft!“
(S. 110-111)
-
Halt! So etwas Ähnliches hatten wir doch schon einmal:
Ethisch richtiges Handeln in der Wirtschaft ist also nichts
anderes als wirtschaftsgemäßes Handeln. Das ist
so wie oben, wo schönes Handeln auch sparsames und
wirtschaftliches Handeln war. Das ist also wieder so ein
Argument, von dem ich sagen würde, dass es alle Wirtschaftler
sofort überzeugen würde: Wenn du ihnen klarmachst,
dass ethisches Handeln einen wirtschaftlichen Vorteil oder
einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz bringt, dann
hast du sie mit einem Schlag alle auf deiner Seite. Aber
das Argument ist noch nicht vollständig, denn gleich
anschließend erklärt der Autor, was er unter
„wirtschaftsgemäß“ versteht:
„Der
Sachzweck der Wirtschaft ist es, die Bedarfsdeckung und
Selbstentfaltung der Individuen in einer Volkswirtschaft
zu ermöglichen. […] Die Forderung der Sachgerechtigkeit
bezieht sich nicht nur auf die Einhaltung von Regeln und
Verboten des Wirtschaftens, sondern auch auf die inhaltlichen
Intentionen des Wirtschaftens. Der wirtschaftlich Mächtige
muß sich in seinen Strategien am Sachzweck der Wirtschaft
orientieren. Er muß den Sachzweck der Wirtschaft,
der Bedarfsdeckung zu dienen und die Selbstrealisierung
einer möglichst großen Zahl von Menschen zu ermöglichen,
in seine Intention aufnehmen, den Sachzweck der Wirtschaft
zu seinem Zweck machen. Der Wirtschaftende kann als Inhalt
seines Willens nicht nur seine individuelle Gewinnmaximierung
ansehen, weil diese nur das Mittel ist, den Zweck der Wirtschaft
durch ein effizientes Anreiz- und Allokationssystem zu erreichen.“
(S. 111)
Mit
einem Wort, der einzelne Wirtschaftende handelt nur dann
wirtschaftsethisch richtig, wenn er sich nicht nur an Regeln
hält, sondern auch den „Sachzweck der Wirtschaft“,
der darin besteht, allen Menschen durch die Bereitstellung
von Gütern zu dienen und ihnen bei ihrer Selbstrealisation
behilflich zu sein, zu seiner leitenden Intention macht.
Aber das geschieht, wenn wir uns in der Welt so umsehen,
eigentlich meistens nicht, (wenn es auch oft behauptet wird).
Der Autor bringt selbst ein Beispiel, um es unethisch zu
heißen, nämlich die sog. leveraged buy-outs
von Unternehmen, also Unternehmensübernahmen und Fusionen
mit geliehenem Geld mit dem Ziel, das gekaufte Unternehmen
finanziell auszuschlachten und dann wieder loszuwerden.
Aber diese Praktik lehrt den Autor nichts über die
Grundtendenzen in der Wirtschaft, sondern es gelingt ihm
trotzdem, Wirtschaft und Ethik problemlos zusammen zu denken
in einer Weise, von der ich vermuten würde, dass viele
mittelständische Unternehmer es so tun: Man will ja
schließlich auf sich selber stolz sein.
Dieses
Bild von der Wirtschaft als einer Sache, die zugleich für
den Einzelnen und für die Allgemeinheit gut ist, fußt
meiner Meinung nach auf zwei Perspektivenverwechslungen.
Die erste davon besteht darin, dass man meint, die (objektiven)
Ziele der Wirtschaft, wenn man das gesamte Wirtschaftssystem
von außen betrachtet, müssten dieselben sein
wie für den einzelnen Wirtschaftstreibenden, der den
wirtschaftlichen Prozess von innen sieht. Das müssen
sie aber nicht, dieses (scheinbare) Paradoxon ist schon
oft formuliert worden, und es fragt sich eben, ob der einzelne
Wirtschaftstreibende (mit seinem Unternehmen) nicht seine
Wettbewerbsfähigkeit verliert, wenn er sich außer
am finanziellen Gewinn noch an solchen Zielen wie dem größtmöglichen
Glück für die größtmögliche Zahl
von Menschen orientieren will.
Die
zweite Perspektivenverwechslung besteht in der zwischen
Sein und Sollen: Unser Autor hier beschreibt die Realität,
wie sie sein sollte, und beschreibt sie aber so, als wäre
es die Realität, wie sie wirklich ist. Dabei kommen
dann freilich lauter menschenfreundliche Sachen heraus,
aber mit dieser zweiten Perspektivenverwechslung ist nicht
zu spaßen, ist sie doch ein ziemlich ernstes Problem,
das den wahrheitsuchenden Menschen oft dabei behindert,
die gefundene Wahrheit auch auszusagen. Das bekannteste
Beispiel dafür ist sicherlich die Diskursethik von
Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel, die darauf beruht,
dass die Diskursteilnehmer nicht tricksen und nur die gewaltlose
Gewalt des stärkeren Arguments anerkennen: Aber hier
wird das Fressen von Kreide mit der Wahrheit verwechselt.
Es ist das ein Schema – und deswegen hat sich die
Diskursethik zumindest im Diskurs (wenn schon nicht in der
Wirklichkeit) soweit durchgesetzt, wie sie es hat –,
das wir aus dem öffentlichen Diskurs und den Sonntagsreden
der Politiker kennen: Niemand darf zugeben, dass er schwindelt,
sondern muss behaupten, dass er ehrlich argumentiert und
das auch meint, was er sagt. Dass wir öffentlich so
tun (und so tun müssen, um von den anderen anerkannt
zu werden), als würden wir die Wahrheit sagen und uns
an die Diskursregeln halten, bedeutet aber nicht, dass wir
es wirklich tun. Habermas und Apel nehmen das So-Tun-als-ob
der Menschen auf und stellen es so hin, als wäre es
kein So-Tun-als-ob, sondern ihr wirkliches Verhalten. Das
hat schwerwiegende Konsequenzen für den Diskurs, die
wir alle kennen: Niemand kann mehr die Wahrheit sagen, wenn
sie zynisch ist, das heißt, wenn es eine Wahrheit
ist, die hinter den ganzen Diskurs schaut (und ihn als eine
Täuschung entlarvt), weil jeder im Diskurs mitspielen
muss, an dessen Regeln er sich gebunden hat. Dieses Gefangensein
im Diskurs führt dazu, dass alle Teilnehmer nur mehr
lauter schöne, wohlwollende und konsensfähige
Aussagen machen wie z.B. die, dass die Wirtschaft dem Wohl
des Einzelnen und dem Wohl der Allgemeinheit gleichzeitig
diene, weil die Anerkennung der eigenen Argumente ja immer
von den anderen Diskursteilnehmern abhängt, genauso
wie die Anerkennung als ehrlicher Diskursteilnehmer, der
die Diskursregeln einhält, ja auch von den anderen
abhängt. Ausgeschlossen werden aus dem Diskurs folglich
diejenigen werden, die das Bedürfnis empfinden, unangenehme
Wahrheiten zu äußern, wie z.B. diese: Obwohl
alle Diskursteilnehmer behaupten, die Wahrheit zu sagen,
schwindeln sie in Wirklichkeit ja trotzdem – nur dass
sie es eben nicht zugeben: Sie schwindeln, während
sie behaupten, die Wahrheit zu sagen.
Wie
gesagt, das ist ein ernstes Problem: Wenn jemand über
die Wirtschaft behauptet zu sagen, wie sie ist, indem er
eigentlich in Wirklichkeit über sie nur das aussagt,
wie sie sein sollte (ebenso wie in der Diskursethik jemand
die Wahrheit sagt, aber nicht die, wie etwas wirklich ist,
sondern die, wie etwas sein sollte, das heißt wie
es in der Erwartungshaltung der anderen Diskursteilnehmer
ist), so darf er, so falsch seine Argumente im Einzelnen
auch sein mögen, immer auf die Zustimmung der Öffentlichkeit
hoffen. Denn fast alle Menschen treiben Wirtschaft, aus
diesem Grund muss Wirtschaft eigentlich fast auch etwas
moralisch Positives sein; andernfalls würde sich ja
nicht eine Minderheit unmoralisch verhalten, sondern die
Mehrheit, was für diese Mehrheit selbstverständlich
völlig unakzeptabel ist. Und so läuft das darauf
hinaus, dass man immer dasjenige sagen muss, was die Mehrheit
hören will, so wie es ja auch die Diskursethik tut,
denn die Mehrheit will gern von sich selber denken, dass
sie die Wahrheit sagt – und eben nicht lügt -,
und sie wäre deshalb sehr erzürnt, wenn ihr jemand
vorwerfen würde, dass sie in Wirklichkeit lügt
und schwindelt. Das hat zur Folge, dass das Urteil, wonach
die Wirtschaft dem Wohl des Einzelnen und dem der Allgemeinheit
gleichzeitig diene, leicht Anerkennung finden kann, selbst
wenn es sich um gar kein Urteil über die Realität,
wie sie ist, sondern um eines darüber, wie sie sein
sollte, handelt. Dass hingegen die Wirtschaft den einen
nützen, den anderen aber zugleich Schaden zufügen
könnte, darf als Lösung der Untersuchung kaum
herauskommen, weil wir alle gemeinsam beschlossen haben,
dass wir in der schönen Welt des Wie-es-sein-sollte
leben wollen, ebenso wie die Diskursethiker in der Welt
des So-tun-als-ob leben und nicht in der wirklichen Welt.
„Am
Beispiel der Fusion und des leveraged buy-out wird
deutlich, […] daß die Wirtschaft einem objektiven
Zweck dient, der in subjektiver Weise, das heißt nach
der Subjektivität der Wirtschaftenden verwirklicht
werden muß. Die Wirtschaft dient nicht vorzüglich
der Gewinnerzielungsabsicht der Individuen, sondern die
Gewinnerzielungsabsicht der Individuen ist das Mittel, um
in der subjektiven Zielverfolgung der Individuen den objektiven
Zweck der Wirtschaft, die Bedarfsdeckung, zu realisieren.“
(S. 113-114)
Wiederum sage ich, dass es schön wäre,
wenn es so wäre. Aber allein dadurch, dass man behauptet,
dass es so ist, ist es noch lange nicht so – der Autor
müsste das auch am konkreten Beispiel nachweisen. Im
Folgenden gelingt ihm jedoch überall dort, wo es im
Text konkreter wird, das genaue Gegenteil. So sagt er etwa
über die Tauschgerechtigkeit:
„Auf
den Tauschverkehr angewendet bedeutet dies: Wenn jeder dasjenige
erhält, was ihm im Tauschverkehr zusteht, erhält
jeder das preisliche Äquivalent seiner Leistung oder
Ware. Er erhält das Seine in Geldäquivalenten
und umgekehrt für sein Geld eine äquivalente Ware.
Der Äquivalententausch stellt die Gleichheit von Leistung
und Gegenleistung her. Wirtschaftliche Macht muß so
eingesetzt werden, daß niemand übervorteilt wird
und jeder das Seine nach seinem Verdienst erhält.
Zur Tauschgerechtigkeit gehört daher auch die gerechte
Gestaltung des Preises.“ (S. 115)
Ich
persönlich würde urteilen, dass das ein schlechter
Product-Manager ist, der für sein Produkt den gerechten
Preis ansetzt statt des höchstmöglichen. Aber
auch hier befinden wir uns wieder auf diesem gefährlichen
Bereich der Vertauschung des Seins mit dem Sollen: Wir reden
über die Welt die ganze Zeit so, wie sie sein sollte,
aber diese Eigenschaften bezeichnen wir als die Realität
– und die eigentliche Realität bezeichnen wir
als eine Unverschämtheit, mit der derjenige, der sie
sagt, höchstens seine persönliche Unzufriedenheit
zum Ausdruck bringen will und die deshalb selber das Urteil
über ihn ausspricht. Mit der Aussage, dass es in der
Wirtschaft überall nur gerechte Preise gibt oder geben
sollte, werden alle Unternehmer und Manager sehr leicht
einverstanden sein – freilich werden sie behaupten,
immer nur gerechte Preise anzusetzen, schon allein deswegen,
weil die gegenteilige Behauptung schlecht fürs Marketing
wäre. Und schon befinden wir uns wiederum in der Diskurs-Scheinwelt,
in der bei allem das, was es an und für sich sein sollte,
als das gilt, was es in Wirklichkeit ist, und diese Diskurs-Welt
zeichnet sich immer vor allem dadurch aus, dass es nur eine
Wahrheit gibt: eine gemeinsame Wahrheit nach innen und nach
außen. Es ist das eine Diskursstrategie, die für
unseren Autor hier funktioniert, die sich interessanterweise
aber auch in der Praxis der Wirtschaft draußen bewährt.
Eigentlich müsste es ja immer zwei Wahrheiten geben:
Eine schöne Wahrheit für die Öffentlichkeit
(die Sonntagswahrheit) und eine interne, diejenige für
das Unternehmen selber (die zynische Wahrheit). Sagt die
Wahrheit für die Öffentlichkeit beispielsweise,
das sei der gerechte Preis für dieses Produkt, so sagt
die zynische Wahrheit, das sei der höchste Preis, den
wir herausholen konnten und das auch nur, indem wir in der
Werbung das Produkt mit Eigenschaften assoziiert haben,
die es in Wirklichkeit gar nicht hat. Interessanterweise
jedoch muss in der Wirtschaft, weder in der Kommunikation
mit den Kunden noch in der mit den eigenen Angestellten,
die zynische Wahrheit je formuliert werden. Man kann auch
nach innen hin kommunizieren, es gehe uns nur um den gerechten
Preis, und alle werden wissen, dass es uns in Wirklichkeit
um den höchstmöglichen Preis geht, (aber niemand
wird darin etwas Ungerechtes vermuten).
„Die
Ethik bezieht sich nicht nur auf den Bereich der Verbote
und Pflichten, sondern auch auf die Gestaltung des Handelns,
auf das „schön Handeln“. Dieser Bereich
des schön Handelns wird in der Ethik traditionell mit
dem Begriff „Tugend“ umschrieben. Zu den „Tugenden
des Wirtschaftens“, die über die Gerechtigkeit
hinausgehen, gehört auch das Ästhetische und Kulturelle.
Eine Ethik wirtschaftlicher Macht muß die kulturelle
Dimension des Wirtschaftens enthalten. Die Wirtschaftsethik
oder Ethische Ökonomie muß sich zur Kulturellen
Ökonomie oder Kulturökonomik erweitern. Die erfolgreiche
Unternehmung muß die Integration von Effizienz, Ethik
und Ästhetik leisten. Die Konjunktur des Begriffs „Unternehmenskultur“
zeigt, daß das Bedürfnis nach einer Kultivierung
des innerbetrieblichen Lebens über das rein Ökonomische
hinaus gespürt wird.“ (S. 116)
Hier
wird es also wieder schön, um nicht zu sagen: kitschig.
Das wirtschaftliche Handeln soll also letzten Endes sogar
„schön Handeln“ sein – in solchen
Sätzen wird dann der Unsinn des Vorgetragenen und seine
Kluft zur Realität wiederum offenbar. Auch die Unternehmenskultur
zeugt freilich von keinerlei Bedürfnis nach einer Kultivierung
des innerbetrieblichen Lebens, sondern von einem Bedürfnis
nach einem wirkungsvollen Instrument für die Mitarbeiterführung
und Mitarbeitermotivation. Aber ich muss es noch einmal
sagen: Ich versuche, „zynische Wahrheiten“ zu
sagen, das sind Wahrheiten, die niemandem gefallen werden,
während der Autor des besprochenen Buchs „gefällige
Wahrheiten“ formuliert. Ich fühle mich gefälligen
Wahrheiten gegenüber von vornherein immer unterlegen,
selbst dann, wenn ich weiß, dass ich Recht habe; aber
ich bin dennoch auch weiterhin nicht bereit, davon abzugehen
zu sagen, was die Wahrheit ist, um, so wie die Diskursethik,
dasjenige zu formulieren, was alle für die Wahrheit
halten (oder halten wollen).
Im
konkreten Fall beeinträchtigt das nur halt leider ein
wenig die Auseinandersetzung mit dem Autor, weil sie nicht
ehrlich sein kann, weil ich mir nicht sicher sein kann,
ob wir uns in der Welt der ehrlichen Argumente und der ernst
gemeinten Wahrheitssuche oder in der Welt der Schein- und
Blendargumente befinden, in welcher vor allem die Rücksichtnahme
darauf essentiell ist, dass eine Behauptung den Erwartungen
der Öffentlichkeit auch entsprechen und Gefallen finden
muss.
„Die
Ethik trägt dazu bei, daß sich der Handelnde
das Gute nach den Wertqualitäten des Nützlichen,
des Schönen und des Moralischen und nicht nur nach
dem Schönen oder Ökonomischen bewußt
macht. Als Integrationswissenschaft sperrt sie sich gegen
die Departamentalisierung der Handlungsaspekte in ausschließlich
ökonomische, moralische oder ästhetische. Ethik
zielt vielmehr darauf, eine umfassende und integrierende
Handlungsorientierung demjenigen zu geben, der weitreichende
und daher meist schlechtstrukturierte Entscheidungen fällen
muß.“ (ebd.)
Hier
flackert sie wieder auf, die Einheit von Wahrem, Schönem
und Gutem – und die Ethik wird als genau jene Disziplin
dargestellt, die uns aus der ökonomischen Verengung
hinausführt, um das zu erkennen – ja, und um
dem Wirtschaftenden eine integrative Handlungsorientierung
zu geben und nicht nur eine an ökonomischen Gesichtspunkten
orientierte. Ich habe irgendwie den Eindruck, er redet wie
ein Pfarrer – und dieses Pfarrerhafte kommt eben von
der Einheit des Wahren, Schönen und Guten her - und
von seiner Weigerung zu differenzieren oder die differenzierten
Handlungsbereiche in der Realität wahrzunehmen. Er
überzeugt damit auf dieselbe Weise wie ein Pfarrer,
subkutan: Egal, was wir tun, es ist ja trotzdem immer wieder
das Gute, das wir dabei im Sinn haben – und das Gute
ist jenes Licht, das uns auf unserem Weg zu Gott hin anleitet.
Es ist das eine Weise der Argumentation, die auch heute
noch viele Menschen überzeugt. Aber das ändert
nichts daran, dass sie trotzdem falsch ist – und ganz
besonders im konkreten Fall der Frage nach einer Wirtschaftsethik.
Wir müssen differenzieren, wenn wir dieses Problem
lösen wollen; und wenn wir davon ausgehen, dass das
Wahre, das Nützliche, das Schöne, das Gute und
das Sparsame in unserem Leben gleichermaßen Werte
darstellen, dann müssen wir uns dessen bewusst werden,
aus welcher Perspektive wir die Dinge dabei betrachten:
Es ist das die individuelle Perspektive, in der wir immer
wieder unser Lebensganzes vor Augen haben. Wenn wir hingegen
über Wirtschaft reden, dann müssen wir uns dessen
bewusst werden, dass wir hier das Feld sozialer Handlungszusammenhänge
betreten. Soziale Handlungszusammenhänge generieren
eine Eigendynamik und diese wiederum bringt Werte und Ziele
hervor, von denen sich dieser gesellschaftliche Bereich
leiten lässt. In diesen gesellschaftlichen Bereich
mit der Disziplin der Ethik hineinzugehen und zu sagen,
die Ethik zeige, dass das Leben noch mehr umfasst als nur
wirtschaftliche Rationalität, ist ein bisschen so wie
bei einem Vertragshändler von VW oder Renault hineinzugehen
und zu sagen: „Schau die Welt ist doch in Wirklichkeit
viel größer, du könntest neben VW-Autos
doch auch Saab und Toyota und Bananen und Besenstile verkaufen“.
Dann wird er aber sagen: „Ich bin aber leider an VW
gebunden und kann nicht beliebig tun, so wie ich will.“

Es
ist natürlich die Frage, wie ausführlich man sich
mit solch einem Buch beschäftigen will, von dem man
von vornherein nichts hält, bevor die darein investierte
Energie und Zeit dann wirklich den Nutzen übersteigen.
(Ein gewisser Nutzen ergibt sich ja immer und zwar daraus,
dass uns auch schlechte Bücher Spiegel für unser
Selbst und Anregung zur Rückbesinnung auf unser eigenes
Denken sein können. Aber irgendwann erschöpft
sich das dann bei einem konkreten Buch…)
Zwei
Punkte möchte ich aber noch erwähnen. Der erste
ist, dass der Autor dann in einem langen 7. Kapitel (S.
137-167) das Problem der Grundsicherung und der Pensionsversicherung
in Deutschland diskutiert. Er tut das im Rahmen von konkreten
Anwendungen seiner „Kulturellen Ökonomie“,
wozu dann auch mein zweiter Punkt gehört, das ist das
Kapitel 8 (S. 168-191) über das Zusammenwachsen der
Europäischen Union zu einer „Nation Europa“,
die der Autor sehr befürwortet.
Was
sagt der Autor nun also über die Altersvorsorge? Er
sagt über sie, dass sie ein Zwangsversicherungssystem
sei, das im Einzelnen den Antrieb zur Eigenvorsorge schwäche,
in ihm den Gedanken ans Alter auslösche und ihn so
entmündige, ihn infantilisiere und sein Leben ganz
und gar verwalte. Außerdem sei das deutsche Rentensystem
nicht mehr finanzierbar. Deshalb schlägt er etwas vor,
das nicht so radikal aussieht und in der Zwischenzeit wahrscheinlich
ohnehin schon realisiert wurde, nämlich: Die staatliche
Rente soll in Zukunft nur mehr eine Grundversicherung sein,
und beim Beitragsmodell sollen die betriebliche und die
private Vorsorge verstärkt werden.
Diese
Vorschläge sind wenig aufregend, und bei der Lektüre
dieses Kapitels vergisst man überhaupt, worum es in
diesem Buch eigentlich gehen soll, weil von vielen Details
die Rede ist und man den Zusammenhang verliert, was denn
das jetzt im Konkreten mit Wirtschaft und mit Kultur zu
tun haben soll. Nun, mit Wirtschaft und Kultur hat es insofern
zu tun, als für den Autor Wirtschaft, Kultur, Ethik
– (und überhaupt alles) – zusammengehören.
Rentenzahlungen müssen erwirtschaftet werden, und bei
der Altersvorsorge spricht er von einer Kultur der Altersvorsorge,
die das gegenwärtige System schwäche und die es
zu stärken gelte. Ein paradigmatischer Absatz, der
hier die Denkweise des Autors zeigt, ist der folgende:
„Die
nach Zwecken ausdifferenzierten Organisationen des Staates
verweisen und sind angewiesen auf ein gemeinsames Ethos,
auf eine Idee der Sittlichkeit, die die Lebensordnung und
Daseinsdeutung zugleich umfaßt. Die sittliche Idee
ist die Idee einer Ethik, die sowohl Sitte, Brauch und Ethos,
die Ethik der Kulturgüter, als auch die Moralität
des Gewissens und der von der äußeren Sitte unabhängigen
Innerlichkeit, die Gewissensmoral umfaßt. Ethik als
Theorie untersucht beide Aspekte des ethischen Handelns.
Die Ethik beinhaltet die Gewissensmoral oder Moralität,
die sich in der individuell zu verwirklichenden Forderung
des überempirischen und unbedingten Sittengesetzes
äußert, und sie bringt die Sphäre der Sitten
und Kultur, die durch die Verhaltenserwartungen von Sitten,
Bräuchen und Konventionen geprägt ist, zur Kritik,
Darstellung und Klarheit. Kein Staat und keine Gesellschaft
können das richtige Leben verwirklichen, ohne daß
Sitte und Sittlichkeit, kulturelle Lebensordnung und individuelle
Moralität, in den gesellschaftlichen und staatlichen
Teilbereichen präsent sind.“ (S. 139)
Das
bedeutet also: Ethos = Sittlichkeit = Ethik = Bräuche
= Moralität = Kultur = Wirtschaft = Staat. = Kirche
sollte ich vielleicht auch nicht vergessen, schließlich
leitet der Autor das 7. Kapitel ein mit dem Satz: „Staat
und Kirche sind die Institutionen der Darstellung und fortschreitenden
Verwirklichung der ethischen Idee.“ (S. 137) Und wenn
das nämlich so ist, dass für diesen Autor alles
in Einem zusammenfällt, und dieses Eine das „richtige
Leben“ ist, das von Ethik, Sittlichkeit, Kultur, Wirtschaft
und bis hin zum Staat verwirklicht werden soll, dann wissen
wir dadurch zumindest, wo ein solches Argument wie das an
und für sich sehr verständliche, dass der Staat
bei der Daseinsvorsorge auf die individuelle Verantwortung
des Einzelnen nicht verzichten könne, herkommt. Ich
will damit sagen, dass diese Denkweise zum Teil zu sehr
plausiblen Schlüssen und Forderungen führt, man
diese Schlüsse und Forderungen aber nicht für
sich bewerten sollte, ohne darauf zu achten, woher sie kommen.
Und sie kommen eben aus dieser im Grund christlichen, oder
zumindest religiösen Vorstellung, wonach es eine richtige
Art zu leben gäbe und vielerlei Mittel, um die Menschen
dazu zu bringen, ihr gemäß zu leben. Das heißt,
man kann z.B. die Ethik dazu in den Dienst nehmen: Denke
nach darüber, was richtig und was falsch ist –
und entscheide dich für das richtige Leben! Oder das
Sittengesetz: Lausche auf die Stimme deines Gewissens, die
dir das ewige Sittengesetz mitteilen wird! Oder die Kultur:
Gestalten wir kollektive Sitten, Bräuche und Werthaltungen,
die den Einzelnen zum richtigen Leben hindrängen und
-drücken. Wenn Gewissen und Kultur auslassen sollten,
kann der Staat einspringen: Der Staat soll Gesetze erlassen,
die das Individuum zwingen, das richtige Leben zu führen.
Die Widersprüche, die in einem solchen Denksystem liegen,
fallen jedoch einem religiösen Denker gar nicht auf:
Wenn ich durch Argumente individuell davon überzeugt
worden bin, dass individuelle Altersvorsorge wichtig ist,
brauche ich keine Kultur der Altersvorsorge mehr, die mich
dazu drängt. (Aber diese Art der Argumentation will
ja gar nicht die Menschen zu überzeugen, es würde
ihr auch genügen, die wirtschaftlichen und politischen
Entscheidungsträger zu überzeugen, damit sie das
Volk zum richtigen Leben bringen, drängen, zwingen.)
Es ist das sozusagen das Modell des Evangelisierers: Alle
Mittel sind gut, wenn sie nur am Ende die Leute in den Himmel
bringen. Aber genau hier wäre bei der Kritik anzusetzen:
Wenn es eine Kultur der individuellen Altersvorsorge geben
würde, dann wäre eben daran nichts Individuelles
mehr, denn Kultur ist etwas Kollektives und Unreflektiertes.
Kultur und Ethik widersprechen einander, weil die Ethik
das durchdenkt und durch Argumente rechtfertigen will, was
für die Kultur durch bloße Tradition gerechtfertigt
ist. Unser Autor will also in Wirklichkeit gar nicht die
Eigenverantwortlichkeit steigern, er will nur, dass die
Leute mehr individuelle Altersvorsorge betreiben. Und warum
er das will, erscheint mir jetzt auch klarer, überhaupt
erscheint mir das Sozialpolitikmodell, das aus dem christlichen
Glauben folgt, heute klarer als je zuvor: Da alles Eines
ist, werden auch die Lasten auf alle und alles gleichmäßig
verteilt. Es ist wie bei Gott und den Menschen: Gott hat
die Aufgabe, den Menschen zu retten und der Mensch die Aufgabe,
zu sündigen und sich zu bemühen, nicht mehr zu
sündigen, damit er erlöst werden kann. So ist
es auch bei der Altersvorsorge: Der Staat soll sich seiner
Pflicht nicht entziehen, die Individuen auch nicht –
und die Unternehmen auch nicht (sie sollen durch die Einrichtung
betrieblicher Pensionskassen ihren Beitrag leisten); die
Ethik trägt auch etwas bei, indem sie die Altersvorsorge
als gut (im Sinne einer geglückten Lebensführung)
und als gerecht (gegenüber der vorhergehenden und der
nachfolgenden Generation) hinstellt, und die Kultur auch,
indem sie eine allgemeine Kultur der Altersvorsorge kultiviert,
in der der Einzelne mitgezogen wird wie in einem Strom.
Daraus folgt: Man kann dem Autor eigentlich nicht wirklich
Glauben schenken, wenn er behauptet, die Selbstverantwortlichkeit
der Individuen stärken zu wollen und sie weniger zu
verwalten und zu infantilisieren – für ihn zählt
nur das Ergebnis und die Selbstverantwortlichkeit der Individuen
ist kein solches Ergebnis, sondern nur ein Mittel dazu.
Das Ergebnis aber wird das „richtige Leben“
sein, welches das Individuum führen sollte, und ob
ihm hier vom Autor auch die Selbstverantwortlichkeit zugestanden
werden wird, darüber zu entscheiden, ob es das auch
will oder nicht, das bezweifle ich.
Entsprechend
kommt der Autor auch in seinem letzten Thema, der Vereinigung
der Europäischen Union zu einer „Nation Europa“,
zu einem zwar ein wenig überraschenden, aber letztlich
eben doch erwartbaren Schluss:
„Die
Ausdifferenzierung der Wirtschaft aus der Gesellschaft bewirkt
ein kulturelles Problem: kulturelle Gemeinsamkeiten und
Bindungen geraten mit der ökonomischen Rationalität
des großen, nur nach Effizienzgesichtspunkten ausgerichteten
Marktes in Konflikt. […] Aus der Sicht der Sozialphilosophie
ist die kulturelle Einigung der Europäischen Gemeinschaft
zu einer Kulturnation notwendig. Für diese
europäische Nation vermag nicht die irreführende
Theorie der multikulturellen Gesellschaft als Leitbild dienen,
sondern die Idee einer europäischen Kulturnation, in
der die alten Nationalkulturen Europas aufgehoben, das heißt
bewahrt und zu einer europäischen Gesamtkultur gewandelt
sind.“ (S. 190)
Was
wohl die europäischen Nationalkulturen zu dieser Idee
sagen würden? Wahrscheinlich würden sie sich dagegen
wehren. Insofern ist diese Idee ein wenig überraschend,
aber erwartbar ist sie aus der Denkweise dieses Autors heraus,
der alles zu Einem vermischt, doch: Wenn er davon überzeugt
ist, dass er Ethik, Staat, Wirtschaft und Kultur braucht,
um die Schäfchen auf den richtigen Weg zu bringen,
dann reichen die Mittel nicht aus, wenn eines von ihnen
– nämlich die Kultur – fehlt. Da der Autor
den Menschen nicht für ein wirklich selbstverantwortliches
Wesen hält, sondern für eine Art Rindvieh, das
an vielerlei Geschirr und Nasenringen geführt werden
muss, fürchtet er, dass ihm durch die Ausweitung der
Wirtschaft (zuerst auf den europäischen Binnenmarkt
und dann durch die Globalisierung auf die ganze Welt) ein
wichtiger und bisher sehr wirkungsvoll funktionierender
Nasenring abhanden kommt, nämlich der der (europäischen,
christlichen) Kultur. Dass für ihn das Christliche
das Wesentliche ist, ist auch der Grund, warum die nationalkulturellen
Unterschiede der europäischen Kulturen so unrealistisch
stark in den Hintergrund treten:
„Es
besteht auch gar keine Nötigung anzunehmen, daß
eine multikulturelle Gesellschaft der Europäischen
Gemeinschaft entstehen wird, da die Grundlagen der europäischen
Kultur, das Christentum und die geistesgeschichtlichen Epochen
mit ihren Programmen der Renaissance, des Barocks, der Aufklärung,
Klassik, Romantik und der Moderne den europäischen
Nationen im großen und Ganzen gemeinsam sind und nur
individuelle Ausprägungen und Gewichtungen in den Nationen
angenommen haben. In den Kernbereichen der Kultur, in der
christlichen Religion, der Philosophie, der Kunst und der
Wissenschaft bilden die europäischen Nationalkulturen
bereits eine Einheit." (S. 188-189)
Nun,
jetzt verstehen wir auch, warum die Kirche unbedingt wollte,
dass die Berufung auf das christliche Erbe in die europäische
Verfassung hineingeschrieben wird. Aber eigentlich verstehe
ich jetzt das Schema, habe den Code geknackt, nach dem dieses
Buch funktioniert: Es ist das dieses Alles-ist-Eines, das
den christlichen Philosophen dazu prädestiniert, Wirtschaft
und Kultur zusammenzudenken, weil er zwischen ihnen und
zwischen Wirtschaft und Ethik noch nie einen Widerspruch
gesehen hatte! (Wenn man das "richtige Leben"
führt, wird man auch in der Wirtschaft das Gute verwirklichen.)
– deshalb hatte er auch keinen Widerspruch zu überwinden
gehabt.
Die
Widersprüche schiebt er auf die Moderne, von der er
behauptet, dass sie die Gesellschaftsbereiche funktionell
trennte und so verschiedene Rationalitäten (die wirtschaftliche,
die wissenschaftliche, die Rationalität des Schönen)
schuf, die die Postmoderne nun durch ihr Modell der gegenseitigen
Durchdringung wieder verbinde. Es ist unter anderem auch
interessant, dass ein christlicher Denker die Postmoderne
für seine Ideen gebrauchen kann, relativiert die Postmoderne
doch die Geltungs- und Wahrheitsansprüche von großen
Erzählungen, mithin also auch die des Christentums
oder die von Europa als christlichem Kontinent. Ja, und
auch die Forderung nach der Kultur als einem Mittel, um
die Menschen auf den richtigen Weg zu führen, entspricht
eigentlich nicht so wirklich dem Geist der Postmoderne,
die eher in die Richtung kultureller Vermischung, Hybridisierung
und dem gleichzeitigen Zuhausesein einzelner Individuen
in mehreren Kulturen ging. (Gibt es sie überhaupt noch,
die Postmoderne?) Aber vielleicht ging es dem Autor ja gerade
darum, um ein Reiten auf der Modewelle der Postmoderne,
und um eine Zurechtdeutung der Postmoderne in seinem Sinne,
wobei er einfach die Elemente aus dem postmodernen Denken
herausgriff, die ihm gefielen.
Schluss
Zusammenfassend,
aus diesem Buch kann ich nichts lernen, denn ein Autor,
der die Widersprüche und Schwierigkeiten, die den Dingen
in der Realität anhaften, erst gar nicht sieht und
zur Kenntnis nehmen will, kann auch nicht erklären,
wie man diese Widersprüche überwinden könnte
- es gab ja für ihn von Anfang an keine Widersprüche,
die zu überwinden wären. Ich glaube auch nicht
einmal, dass ich mit diesem Autor mündlich ein vernünftiges
Gespräch führen könnte, weil die Grundvoraussetzung
für ein vernünftiges Gespräch doch eigentlich
ist, dass man die Dinge ein wenig auseinanderhält,
damit einem nicht alles durcheinanderkommt. Genau das passiert
ihm jedoch fortwährend, oder eigentlich passiert es
ihm nicht, sondern das ist der Grundton, die Grundgestimmtheit,
aus der sein ganzes Denken schöpft, die darin besteht,
dass, weil, vereinfacht gesagt, alles irgendwie Eines ist
in Gott, man es sich auch ersparen kann, irgendetwas zu
unterscheiden. Aus dieser Perspektive heraus muss man auch
nicht erklären, wie die Kultur zur Wirtschaft kommen
kann, denn Wirtschaft war, aus dieser Perspektive, ja immer
schon ein Teil der Kultur, nur dass sie in letzter Zeit
halt ein wenig einseitig gesehen (und auch betrieben) worden
ist. Daraus folgt, dass man die Wirtschaft nur ein wenig
zu kulturalisieren braucht, die Kultur zu verwirtschaftlichen
und beide zusammen ein wenig zu ethisieren, also ein wenig
Ethik hineinzubringen - und schon ist alles in Ordnung.
Das ist ein bisschen so wie beim Kochen - man gibt immer
noch eine Zutat in die Schüssel dazu und rührt
mit dem Kochlöffel um. Nicht berücksichtigt werden
in dieser Denkweise die Elemente der Eigengesetzlichkeit,
die Kultur oder Wirtschaft entweder an sich haben oder durch
ihre Herausbildung als gesellschaftliche Funktionseinheiten
gewinnen - deshalb kann man über diese Eigengesetzlichkeit,
also über das, was Kultur und Wirtschaft für sich
genommen sind, was sie von dem jeweils anderen unterscheidet
und was auch die Ursache dafür ist, dass sie sich nicht
so einfach miteinander vertragen und einander zum Teil auch
widerstreiten, nichts in Erfahrung bringen. Und weil man
aus dieser Denkweise heraus über die Eigengesetzlichkeit
von Kultur und Wirtschaft nichts erfahren kann, deshalb
kann man aus diesem Buch auch nichts über Kultur lernen.
Im
Gegenteil, Kultur wird in diesem Buch eigentlich zu etwas
recht Uninteressantem. Ich habe sie als einen zusätzlichen
Nasenring bezeichnet, den der religiöse oder sagen
wir: der Mensch, der sich selbst für den guten Menschen
hält - gebraucht, um die anderen Menschen zum "richtigen
Leben" zu führen. Wieder drängt sich die
Würz-Metapher aus dem Kochbeispiel auf: Wenn die individuelle
Einsicht nicht ausreicht, um die Menschen zur individuellen
Daseinsvorsorge zu motivieren, dann fügen wir eben
auch noch ein wenig Kultur hinzu, um die Motivationswirkung
zu erhöhen. Das ist sozusagen die generelle Denkrichtung
des Buches: Ein bisschen Ethik rechtfertigt die Handlungsweisen,
ein bisschen Kultur verfestigt sie, ein bisschen Politik
schafft dafür die gesetzlichen Rahmenbedingungen etc.
Das führt nicht nur zu dem Schluss, der natürlich
falsch ist, dass man Wirtschaft durch ein bisschen Kultur
humanisieren und von ihren Härten befreien kann; es
führt auch dazu, dass wir Kultur in diesem Buch immer
in der Form von "ein bisschen Kultur" oder "ein
bisschen mehr Kultur" vor Augen haben. Das heißt
wir haben Kultur in diesem Buch gar nicht vor Augen als
etwas, das "etwas" ist, also etwas Ganzes, auch
nicht als etwas, das aus sich heraus irgendeine Kraft entfalten
kann, sondern immer nur als etwas, das wirkt, indem man
es wie ein Gewürz dem gesamten gesellschaftlichen Leben
beimengt. Das bedeutet mithin: Es gibt eigentlich gar kein
Geheimnis der Kultur, hinter das man kommen könnte.
Kultur stabilisiert nur die Verhaltensweisen der Menschen
in einer Gesellschaft ein wenig, so wie das Salz die Suppe
salzig macht - mehr gibt es über die Kultur nicht zu
erfahren. Es gibt keine Wechselwirkungen, die die Kultur
als Kultur verursacht, und die man nur verstehen könnte,
wenn man sich auf die Realitäts-Ebene der Kultur begibt,
wenn man Kultur als eigenen Gegenstandsbereich und Sachzusammenhang
begreift, den es sich zu untersuchen lohnt. Das Wesen von
Kultur und seine Wirkung sind für diesen Autor letzlich
etwas ganz Banales und auf der Oberfläche Liegendes:
Es gibt nichts über sie herauszufinden; deshalb kann
man sich sofort daranmachen, das Zusammenwirken von Kultur
mit anderen gesellschaftlichen Faktoren zu beschreiben.
Dieses Faktum, dass Kultur für den Autor letztlich
gar nichts Interessantes ist, über das es irgendwas
herauszufinden gäbe, sondern ein offenes Geheimnis,
eine Banalität im Grunde genommen, macht das Einschläfernde
dieses Buches aus: Es handelt sich also nicht, nicht einmal,
um ein Buch, das einlädt, über Kultur nachzudenken,
sondern um eines, das den Leser/die Leserin insgeheim dazu
überredet, damit aufzuhören, indem es eine gute,
einfache Welt präsentiert, in der alles miteinander
harmoniert. Wiederum frage ich mich, ob diese Tendenz aus
der geistigen Grundverfasstheit des religiösen Menschen
kommt, der, weil er die Wahrheit ja schon hat (oder zu haben
glaubt), nach nichts mehr fragt, keine Fragen stellt.
22. Mai 2008
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