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Lektüreempfehlung Nr. 2:

Zum Thema: Migration und Integration

 

Konrad Köstlin: „1. Kulturen im Prozess der Migration und die Kultur der Migration“, in: Carmine Chiellino (Hg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. J.B. Metzler, Stuttgart-Weimar 2007. S. 365-386.

(Konrad Köstlin, geb. 1940 in Berlin, Professuren an den Universitäten Kiel, Regensburg und Tübingen, ist seit 1994 Vorstand des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien.)

 

Gewiss sind alle Texte der Interkulturellen Kommunikation sehr interessant, aber manche von ihnen sind eben doch noch interessanter als andere. Deshalb möchte ich gern diesen Artikel von Konrad Köstlin empfehlen, welcher im Buch Interkulturelle Literatur in Deutschland, herausgegeben von Carmine Chiellino, erschienen ist, da er uns mit ungewohnten Einsichten überrascht und mit erfrischenden Problemformulierungen aus unserem geistigen Trott reißt.


Staatliche Kulturpolitik (oder Kultur-Politik?)

Der Beitrag beginnt damit, dass Konrad Köstlin meint, der moderne Staat habe sich aus der Kultur ganz herauszuhalten, um nicht dem Nationalstaat des 19. Jahrhunderts zu gleichen.

„Streng genommen dürfte der moderne, weltanschaulich neutrale Verfassungsstaat eine einzige nationale oder religiöse Kultur gar nicht zulassen. Er hat vielmehr die Wahlfreiheit der Individuen zu garantieren und zu schützen, die nur vor den Grundwerten der Verfassung und deren gesetzter Ordnung Halt zu machen hat. So stehen die bis heute wirksamen Konstruktionen des Nationalstaates, dessen Idee einer kollektiven Kultur und gemeinsamer, in der ethnischen Geschichte auf gemeinsamem Territorium verankerter Wurzeln im Gegensatz zum kulturellen Pluralismus des Verfassungsstaates.“ (S. 365)


„Migration"

Des Weiteren erfahren wir bei Konrad Köstlin, dass wir das Wort „Migration“ gewöhnlich falsch verstehen und zwar deshalb, weil wir es gewohnt sind, verkehrt herum zu denken:

„Migration – Wort, Sache und Bilder gehen von der Vorstellung aus, daß Menschen eigentlich ortsfest zu leben hätten, sie setzen voraus, daß die Menschen eine >Heimat< haben, aus der sie weg müssen. Der übliche Gebrauch des Wortes Migration umfasst den Anspruch auf Bodenhaftung, wobei von der Ortsfestigkeit der Menschen als Normalität ausgegangen und die Ortsbezogenheit als Maß genommen wird. Das alljährlich auf den Nürnberger Veranstaltungen der Vertriebenenverbände eingeforderte „Recht auf Heimat“ ist Ausdruck dieses Anspruchsdenkens, dessen Folie ein Kulturmuster ist, das der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts zur Voraussetzung seiner Existenz genommen hat. Doch die Vorstellung einer stationären und damit auch sozial stabilisierten Gesellschaft war eine Fiktion der damaligen Gesellschaftstheorie.“ (S. 368)

…und es fragt sich, von da aus gedacht, ob wir nicht den Begriff der „Kultur“ in ebendieser Weise falsch herum verstehen wie den der „Migration“?


„Kultur"

Dann ist zu erfahren, dass es so etwas wie eine gemeinsame, z.B. deutsche, Kultur überhaupt nicht gibt:

„In ein fremderes Land „konnte ich nicht kommen, und lieber ginge ich in die Türkei“. Die so schreibt, ist in Thomas Manns Roman die junge Tony Buddenbrook, die, mit einem Bayern verheiratet, vom hanseatischen Lübeck in die bayerische Landeshauptstadt München reist. Dort trifft sie auf Leute „ohne Würde, Moral und Ehrgeiz“ und kehrt schließlich empört nach Hause zurück. Das war um 1900 geschrieben und ließ an eine homogene deutsche Kultur nicht denken; zu groß waren die Unterschiede zwischen Nord und Süd. Der Traum von einer gemeinsamen deutschen Kultur, an der alle Deutschen teilhaben und die alle Deutschen verbindet, war schon damals ein Wunschbild. Dennoch erhält dieser Traum seine Bedeutsamkeit, wenn es um die Fremden geht und um deren Kultur, die so gänzlich anders sein soll als die eigene. Kultur ist das erträumte Gemeinsame, Kultur ist damit aber auch das Trennende, das immer wieder aufgeboten werden kann – hier wie dort. Kultur gilt als das jeweils Eigene, als das Unverwechselbare, das Eingravierte, das sich durch die Zeiten zu halten scheint. Sie, die Kultur, wird immer dann als Argument ins Feld geführt, wenn es um die Behauptung des Eigenen, oder anders und umgekehrt formuliert: um die Abgrenzung vom Anderen geht, das damit zum Fremden erklärt wird. Das kann auf ziemlich willkürliche Weise geschehen, alles kann zum Gegenstand der Unterscheidung gemacht werden.“ (S. 370)

…sowie worin der Hauptzweck besteht, der verfolgt wird, wenn von „Kultur“ geredet wird, nämlich: die Abgrenzung vom Anderen oder von den anderen Menschen.


„Integration"

Den Begriff der der „Integration“ in unserer Gesellschaft fasst Konrad Köstlin parallel zu dem der „Migration“ auf (= wenn Menschen normalerweise „ortsfest“ leben, dann besteht woanders, wenn sie ihr Zuhause verlassen haben, verständlicherweise die Notwendigkeit der Integration):

„Das Bild, das hinter dem Wort >Integration< steht, meint eine Kultur und eine Bevölkerung, die rein (Tschernokoshewa 1997), einheitlich und damit übersichtlich sein soll, ein unkrautfreier Rasen, keine Wiese mit bunten Blumen oder gar mit Unkraut – wie es in der Metaphernsprache der >guten< Menschen heißt. Man will die fremde Kultur einbauen, verweben, einflechten, recht besehen aber über einen Kamm scheren, kurz: man will die Fremdheit unsichtbar machen. Es handelt sich um ein Bild von Heterogenität von Kultur, die dem Fremden seine Fremdheit genommen, die also das Fremde unkenntlich gemacht und die Fremden amalgamiert hat. Integration steht also nicht für die Vielfalt und Buntheit von Kulturen in unserer Gesellschaft; leitend ist die Idee der Einheitlichkeit der einen nationalen (und besser organisierbaren) Kultur, die dem Bild eines ethnisch-völkisch orientierten Nationalstaats des 19. Jahrhunderts verpflichtet ist.
Hinter dem Zauberwort >Integration< steht als Weltbild eine fixe Idee von der Art und Weise, wie Menschen in Deutschland (zusammen)leben sollen: Kulturell integriert sollen sie sein und sich so verhalten wie >wir<, die Deutschen.“ (S. 371)

…es ist nur interessant, dass dieser Begriff in den Medien oder aus Politikermündern nie so klingt.

Kulturbegriff

Interessantes erfahren wir bei Konrad Köstlin auch über den Begriff der „Kultur“, beispielsweise, dass wir Kultur heute „sakralisieren“, also unantastbar machen:

„Das Bild einer integrierten Gesellschaft ist heute vorherrschend – dahingestellt sei, ob andere Bilder das Geschäft der Regulierung einfacher machen. Das Bild ist in einem historischen Prozess gewachsen, es läßt sich nicht einfach verändern und – es überträgt sich auf die Kulturbilder, die die Zuwanderergruppen haben. Das Bild der Homogenität einer Kultur und die daraus abgeleitete Vorstellung von Mentalitäten und Habitusformen eines kulturell und ethno-anthropologisch fixierten Verhaltens haben sich als bestimmend für das Verständnis der eigenen wie der fremden Kultur erwiesen. Ausgehend von der Idee einer organischen Entwicklung >von den Wurzeln her<, sakralisiert diese Vorstellung >Kultur< und macht sie unvergleichlich. Was zuerst vor allem als Schutz der eigenen Kultur gilt, überträgt sich auch auf die Sicht der fremden Kultur: Beide Kulturen werden sowohl unantastbar wie auch unvermischbar.“ (S. 371-372)

…es stellt sich nur die Frage, ob dieser Respekt vor der anderen Kultur der Verständigung zwischen den Kulturen förderlich ist?


„weiter" Kulturbegriff

Ebenso Interessantes erfahren wir über den heute gültigen sog. „weiten Kulturbegriff“: Dieser Kulturbegriff schien aus dem bürgerlich-snobistischen Kulturbegriff der sog. Hochkultur eine neutrale wissenschaftliche Kategorie zu machen. Es könnte jedoch genauso gut auch umgekehrt sein:

„Der sog >weite< Kulturbegriff, der sich vom Begriff der Hochkultur gelöst hat, umfaßt alle menschlichen Arbeits- und Lebensformen. Damit verändert die moderne Rede von der Kultur die Alltage, weil sie Alltagspraxen zu >Kultur< stilisiert und ihnen eine hochsymbolische Bedeutung zumißt. Dieser verkulturierte Alltag (Köstlin 1990) und seine Lebensstile lassen sich leicht nationalisieren, sie werden damit von ihrer Klassen- und Milieuspezifik gelöst und schichtenübergreifend als das gemeinsame Vielfache des Nationalen angesehen.“ (S. 373)

Hieraus folgt: Wir leben heute in einer „verkulturierten“ Welt.


Kulturthema und Globalisierung

Wenn man wissen will, warum heute gar soviel von „Kultur“ die Rede ist, so hat Konrad Köstlin auch hier eine interessante Antwort:

„Je mehr erkannt wird, daß die Grenzen durchlässig geworden sind und die Kompetenzen der alten Nationalstaaten ausgehölt werden, umso mehr wird paradoxerweise das Nationale als Kultur eingefordert." (S. 379)

Das bedeutet: Wir reden heute deswegen soviel über Kultur, weil Kultur im herkömmlichen Sinne immer mehr an Bedeutung verliert.

Deshalb wehrt sich Kultur recht lautstark gegen Globalisierung:

„In diesem Sinne ist >Globalisierung< eine bereits alltäglich gewordene Formel für ein eher vages Unbehagen am Zustand der Welt, das sich an >Kultur< orientiert und in dem sich das gesamte politische Spektrum in gemeinsamem Unbehagen trifft.“ (S. 379)

…vielleicht besteht also die Hoffnung, dass, sobald sich die Globalisierung durchgesetzt und Migration zum Normalfall geworden ist, dieses viele Gerede über „Kultur“ wieder ein wenig abflaut?



18. Dezember 2007

 

© helmut hofbauer 2007