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Lektüreempfehlung zum Thema interkulturelle Kommunikation und interkulturelle Kompetenz

 

María do Mar Castro Varela: „Interkulturelle Kommunikation – ein Diskurs in der Krise“, in: Georg Auernheimer: Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität. Leske + Budrich, Opladen 2002. S. 35-48.

 

Wenn Sie sich näher für das Thema der interkulturellen Kommunikation, welches in den letzten Jahren vor allem durch die Globalisierung, in der die Fähigkeit, miteinander erfolgreich zu kommunizieren, immer mehr gefragt ist, sehr stark an Bedeutung gewonnen hat, interessieren, so stellt der genannte Text von María do Mar Castro Varela, meiner Ansicht nach, eine der besten Einführungen in dieses neue und komplexe Fachgebiet dar und kann dem/der LeserIn unmittelbar einen interessanten und fruchtbaren Zugang zur interkulturellen Kommunikation eröffnen.

Die Autorin berichtet in diesem Text von einem Pilotprojekt zur Erweiterung der interkulturellen Kompetenz von MitarbeiterInnen Berliner Behörden (Sozialamt, Wohnungsamt, Bürgerbüro, Gesundheitsamt etc.), welche auf Initiative eines Berliner Antidiskriminierungsbüros und in Zusammenarbeit mit einer Fachhochschule und einer Gruppe von TrainerInnen realisiert wurde. Im Anschluss an diesen Bericht stellt die Autorin dann ihre bemerkenswerten Überlegungen zum Thema interkultureller Pädagogik vor.

Im Zentrum des interkulturellen Lernvorgangs steht das Verlernen. „Denn sobald wir lernen, wer wir sind, lernen wir auch die Selbstverständlichkeiten, mit denen wir lernen, als unselbstverständlich wahrzunehmen.“ (S. 44) Interkulturelles Lernen wird hier als ein „Neulernen“ aufgefasst, welches verhindern soll, dass die Überzeugung des in der interkulturellen Situation Handelnden, über sich selber bereits vollständig Bescheid zu wissen und deminfolge auch zu wissen, worin genau in diesem Beispielfall der interkulturelle Konflikt, das interkulturelle Problem liegt, die adäquate Problemerfassung und damit die Konfliktlösung erschwert. „Interkulturelles Lernen ist vor allem als Neulernen zu bestimmen. Diese Art von Lerntätigkeit begreift Verlernen als wichtigen Bestandteil des Lernens.“ (S. 46)

Neben dem Verlernen ist nach María do Mar Castro Varela die Verunsicherung als zweites zentrales Lernziel der interkulturellen Pädagogik anzusehen: „Interkulturelle Kompetenz, verstanden als revitalisierende Maßnahmen, verunsichern. Es ist geradezu ein Gütekriterium einer solchen Maßnahme, dass sie verunsichert. Sie soll verunsichern.“ (S. 46) Verunsicherung wird dabei als eine notwendige Folge einer Lernpraxis angesehen, in welcher das Verlernen als eine Preisgabe beruhigender Selbstverständlichkeiten eine wichtige Rolle spielt. Pädagogische Professionalität erweist sich für die Autorin dementsprechend als „die Fähigkeit, mit Unwissen konstruktiv nicht nur umzugehen, sondern dieses auch produktiv zu schaffen.“ (ebd.)

Denn nur der Abbau von alten Verhaltensgewohnheiten und eingeschliffenen Denkweisen kann, wie leicht nachzuvollziehen ist, das Feld frei machen - oder es eigentlich überhaupt erst schaffen – auf dem neue Verhaltensweisen, wie sie im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen notwendig sind, möglich werden: „Eine Praxis, die uns neue Räume eröffnet, indem neue Perspektiven eingenommen werden können.“ (S. 44)

© helmut hofbauer 2006