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Was genau ist eigentlich interkulturelle Kommunikation?

 

Der Begriff „interkulturelle Kommunikation“ besteht aus drei Bestandteile: „inter-“, „kulturelle“ und „Kommunikation“. Es lohnt sich zur Beantwortung der gestellten Frage, sich diese drei Teile einzeln anzusehen:

Ich beginne mit dem Begriff „Kultur“, von dem sich das Adjektiv „kulturell“ ableitet.

 

Was ist Kultur?

Nun, Sie können verschiedene wissenschaftliche Definitionen von Kultur finden. Diese unterscheiden sich nach dem jeweiligen Fach und den mit diesem Fach verbundenen Fragerichtungen. Eine sozialpsychologische Definition etwa wird mehr auf die Denkweisen und handlungsrelevanten Orientierungen der Menschen abstellen, eine kulturwissenschaftliche Definition von Kultur dagegen wird auch einen Schwerpunkt auf die von den Menschen hervorgebrachten Artefakte legen, um durch die Untersuchung derselben das herauszuarbeiten, was Aleida und Jan Assmann das „kollektive Gedächtnis“ genannt haben. Dazu kommt noch Folgendes: Alexander Thomas schreibt:

„Eine noch immer eindrucksvolle Sammlung, Gliederung und Analyse zahlreicher Varianten (von Kulturdefinitionen, Anm. Hofbauer) haben Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn (1967) bereits im Jahre 1952 vorgelegt. […] Nachdem sie ihre Leserschaft mit der Geschichte des Begriffs Kultur […] vertraut gemacht haben, präsentieren Kroeber und Kluckhohn 164 formale, in sieben Gruppen sortierte Definitionen […] Nimmt man die weniger formalen Begriffsbestimmungen hinzu […] beläuft sich die Anzahl der versammelten Definitionen schon damals auf über 300!“ (Alexander Thomas (Hg.): Kulturvergleichende Psychologie. Hogrefe, Göttingen/Bern/Toronto/Seattle 2003 (1996). S. 34-35.)

Also schon 1952 waren es über 300 Kulturdefinitionen. Seitdem werden es nicht weniger geworden sein. Was schließen wir nun daraus?
Was ist eine Definition? Eine Definition ist, wenn Wissenschaftler sich auf eine bestimmte Begriffsbestimmung geeinigt haben. Im Fall von „Kultur“ gibt es mehr als 300 – die Wissenschaftler haben sich also offenbar nicht geeinigt. Es gibt also keine Definition von Kultur.

Fazit: Wenn man mich also fragen würde, was Kultur ist, so würde ich sagen: Ich weiß es nicht. Ich würde aber auch hinzufügen: Und ich behaupte: Das kann auch niemand wissen!

 

Was nun ist Kommunikation?

Hierüber scheinen verschiedenste so genannte „Kommunikationsmodelle“, erarbeitet von Kommunikationswissenschaftlern, Auskunft zu geben. Das Problem ist nur, dass sie das nicht wirklich tun (und dass niemand bemerkt, dass sie das gar nicht tun). Die meisten Kommunikationsmodelle – nämlich alle, die mit einem „Sender“ und einem „Empfänger“ hantieren, stammen nämlich aus dem nachrichtentechnischen Bereich (vgl. Michael Schugk: Interkulturelle Kommunikation. Kulturbedingte Unterschiede in Verkauf und Werbung. Verlag Franz Vahlen, München 2004. S. 7ff.). Ihre Intention ist nicht die, Kommunikation zu verstehen, sondern das technische Funktionieren einer Fernsprechanlage, z.B. einer Telegraphenleitung zu überprüfen. Ihre Frage ist: Kommt das, was der Sender sendet, technisch gesehen, in einer Qualität über die Leitung, die gut genug ist, damit der „Empfänger“ mit seinem Empfangsgerät die Botschaft des Senders verstehen kann? D.h. diese Modelle fragen nicht wirklich danach, ob der Empfänger den Sender versteht, also richtig interpretiert, sondern sie fragen nach der technischen Qualität der Leitung, danach, ob es z.B. Störgeräusche oder Verzerrungen gibt.

Wir können daher sagen, dass der größte Teil aller Kommunikationsmodelle gar keine Modelle der Kommunikation sind, sondern Modelle von Telegraphenleitungen, von Telefonsystemen, von Radio- oder Fernsehübertragung.

Eine weitere Frage ist, wozu Kommunikation überhaupt gut ist?

  • Ist sie dazu gut, damit der Empfänger eine Botschaft so versteht, wie sie vom Sender gemeint war (wie es die nachrichtentechnischen Modelle suggerieren?)
  • Ist eine Kommunikation dann gelungen, wenn es dem Sprechenden gelingt, seinen Kommunikationspartner zu beeinflussen, ihn dazu zu bringen, das zu tun, was er von ihm will (wie es die Rhetorikseminare und Bücher über „erfolgreiches Kommunizieren“ suggerieren)?
  • Ist Kommunikation dann gelungen, wenn beide Kommunikationspartner in ihren Kommunikationsbedürfnissen zufrieden gestellt sind (was ein Dauerthema bei der Kommunikation zwischen den Geschlechtern ist, aber auch in der interkulturellen Kommunikation eine wichtige Frage darstellt)?
  • Etc.

Je nachdem, wie man diese Fragen beantwortet, kann man entsprechende Kommunikationsmodelle entwickeln und jeweils eine andere Antwort auf die Frage geben, was Kommunikation denn eigentlich ist.

Fazit: Wenn mich jemand fragt, was Kommunikation ist, dann sage ich ganz klar, dass ich das nicht weiß. Aber ich bringe mit dieser Antwort nicht nur mein Unwissen zum Ausdruck, weil ich dazusage: Ich kenne verschiedene Antwortmöglichkeiten, die alle unbefriedigend sind – und ich behaupte, dass man nicht wissen kann, was Kommunikation ist, weil das von den Kommunikationswissenschaftlern eben gar nicht in einer eindeutigen Weise beantwortet worden ist.

 

Was ist "Interkulturalität"

Das kleine Wörtchen „inter-“ nun führt uns zum Begriff der „Interkulturalität“, der das Herzstück der interkulturellen Kommunikation ausmacht, weil diese eine Kommunikation zwischen den Kulturen oder über Kulturgrenzen hinweg sein will. Wie stellt man sich nun dieses „Zwischen den Kulturen“ vor?

Da gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten: Das Metzler Lexikon: Kultur der Gegenwart. Stuttgart, Weimar 2000 etwa bestimmt Interkulturalität als einen dritten Raum zwischen zwei Kulturen, der sich auftut, sobald zwei Menschen aus zwei verschiedenen Kulturen miteinander kommunizieren. Sobald sie interkulturell miteinander kommunizieren, verlassen sie gleichsam ihre Herkunftskulturen und begeben sich in diesen Raum der Interkulturalität, der nur solange besteht, wie die interkulturelle Kommunikation anhält und der dann wieder zerfällt.

„Die dadurch entstehende partielle Gemeinschaft ist weder als bloße Addition der kulturellen Identitäten zu verstehen noch als Selektion von Teilen aus ihnen, sondern stellt sich als eine neue Welt für sich dar, die zerfällt, sobald das gemeinsame Handeln endet. Zurück bleibt das Erfahrungswissen um diese Begegnungen, die spätere Situationen mit konstituieren werden.“

Die Vorstellung, dass man die eigene Kultur verlassen könne, wenn man mit einem Menschen aus einer anderen Kultur kommuniziert, wirkt nun nicht sehr überzeugend; die Vorstellung wiederum, dass der Raum der Interkulturalität sich in Luft auflöst, sobald die interkulturelle Kommunikation zu Ende ist, wirkt auf viele eher enttäuschend. Deshalb gibt es auch ein anderes Modell: Man kann sich Interkulturalität auch nicht als einen weißen, aseptischen, also kulturlosen Raum vorstellen, in den man eintritt, sobald man mit einem Menschen aus einer anderen Kultur spricht, sondern als die Schnittmenge zweier Kulturen.

Die Menschen kommen aus unterschiedlichen Kulturen, aber das Menschliche ist ihnen doch gemeinsam, deshalb kann man sich vorstellen, dass sie trotz der Herkunft aus verschiedenen Kulturen einen Erfahrungshintergrund finden können, der bei beiden Gesprächspartnern gleich ist und dem Gespräch als Grundlage dienen kann bzw. im Gespräch sogar erweitert und ausgebaut werden kann. Das Ziel von interkultureller Kommunikation wäre in dem Fall die Herstellung solcher interkultureller Verständnisräume, in denen man sich wohl fühlt oder gar von interkulturellen Verständnisgebäuden, wenn man etwa an eine Buchpublikation als Resultat der interkulturellen Zusammenarbeit über ein bestimmtes Thema denkt. Das Problem mit diesem Modell ist nur: Wie kann man sich das Verstehen des Fremden (der fremden Person aber auch der fremden Lebensweise) vorstellen, wenn man beim interkulturellen Kommunizieren immer in dem Bereich bleibt, der durch die eigene Lebenserfahrung gestützt wird?

Weil das alles sehr schwierig ist, wird in der Praxis der interkulturellen Kommunikation wohl sehr häufig folgender Fall auftreten, den wir als Modell Nummer drei festhalten können: Der japanische Kaiser kommt nach Wien auf Besuch und bekommt im Wiener Nobelhotel, das großen Wert auf die richtige interkulturelle Behandlung seiner Gäste legt, vom japanischen Koch des Hotels sachgerecht Sushi zubereitet, um auf diese Weise die österreichische Kultur und die Wiener Küche kennen zu lernen. (Das Beispiel ist nicht erfunden: ORF-Sendung „Heimat, fremde Heimat“ mit dem Titel „Andere Länder – andere Sitten“ vom 4. Jänner 2004.)

Das bedeutet: Person A aus Kultur X lernt Interkulturelle Kommunikation, um mit Person B aus Kultur Y zu kommunizieren. Das heißt, Person A eignet sich Wissen an über die Kultur Y, um mit der Person B so zu sprechen, als wäre Person A selber aus der Kultur Y. Das Resultat ist, dass aus der Sicht der Person B überhaupt keine interkulturelle Kommunikation stattfindet und B auch nichts von der Kultur X erfährt. Das mag ein geeignetes Modell von interkultureller Kommunikation sein für den Fall, dass Person A mit Person B ein Geschäft abschließen will und es um die Verschiedenheit der Kulturen in der Hauptsache eigentlich gar nicht geht. Wenn wir hingegen unterstellen, in der interkulturellen Kommunikation wäre es gut, wenn beide Gesprächspartner etwas von der Kultur des jeweils anderen erfahren, dann ist das nicht nur ein ungeeignetes, sondern sogar ein hinderliches Modell von Interkulturalität.

Fazit: Auch wenn man mich fragt, was „Interkulturalität“ ist, würde ich zur Antwort geben, dass ich dass nicht weiß und dass ich zugleich behaupte, dass niemand das wissen kann.


Was nun ist eigentlich genau
interkulturelle Kommunikation?

Aus meiner Begriffsanalyse folgt, dass alle drei Bestandteile dieses sprachlichen Ausdrucks unverständlich (bzw. nicht eindeutig bestimmt) sind.
Ich würde daher, wenn mich jemand fragt, was interkulturelle Kommunikation ist, die Antwort geben, dass ich das nicht weiß.
Und ich würde nicht vergessen hinzuzufügen, dass ich behaupte, dass das auch niemand wissen kann.

Wenn nun trotzdem jemand behauptet zu wissen, was interkulturelle Kommunikation ist und eine Definition gibt, dann hat er (oder sie) diesen gordischen Knoten mit dem Schwert durchschlagen und interkulturelle Kommunikation ganz einfach so definiert, wie es ihm (oder ihr) gefällt!

 

27. November 2007

 

© helmut hofbauer 2007