Wie
eine exakte Literaturwissenschaft möglich ist
Summary
In
der Wissenschaft stellt man bisweilen fest, dass
die Menschen für vernünftige Argumente
unzugänglich (geworden) sind. Der nachfolgende
Artikel enthüllt die Ursache dieses Verhaltens:
Anhänger einer größeren geisteswissenschaftlichen
Theorie (Strukturalismus, Poststrukturalismus etc.)
verweigern sich vernünftigen Argumenten von
einzelnen Gesprächspartnern, weil sie solche
als aus unsystematischem, nicht theoriegeleiteten
(und also sogar unwissenschaftlichem) einzelmenschlichem
Denken entstanden einordnen, denen gegenüber
die Theorie eine höhere erkenntnismäßige
Würde und Richtigkeit hat.
Daraus ergibt sich kurioserweise folgendes Paradoxon
in Wolfgang Kleins nachfolgend diskutiertem Artikel,
in welchem er eine exaktere Literaturwissenschaft
fordert, deren Ansichten durch Argumente belegbar
sein sollen, damit man nicht an Gurus glauben muss:
Wer die Absicherung einer jeden wissenschaftlichen
Ansicht durch Argumente fordert, liefert sich dem
unsystematischen (wenn auch logischen) und also
unwissenschaftlichen Denken aus; die Anhänger
von (großen) Theoriegebäuden hingegen
wissen, dass demgegenüber viel wissenschaftlicher
der Glaube an einzelne Gurus ist, welche eine Theorie
geschaffen haben (oder sie besonders gut zu verstehen
vorgeben), weil man annimmt, dass sie systematisch
und theoriegeleitet denken.
|
Ich
möchte hier einen Artikel von Wolfgang Klein besprechen,
auf den ich in der Zeitschrift für Literaturwissenschaft
und Linguistik gestoßen bin und der auf mich zugleich
naiv und in eigentümlicher Weise kauzig wirkt (was
wahrscheinlich mit der Art von literaturwissenschaftlicher
Ausbildung zusammenhängt, die ich in meinem Studium
erhalten habe – aber dazu später ausführlicher).
Er ist mir aber gleichzeitig nicht unsympathisch, weshalb
ich mich auch den in ihm vorgestellten Bemühungen mit
Achtung und Wertschätzung nähern möchte,
umso mehr, als es mir im Nachfolgenden darum gehen wird,
die Frage der Wissenschaftlichkeit in der Literaturwissenschaft
an seinem Beispiel zu erörtern – und dabei einige
Aussagen ins Trockene zu bringen.
Allein
schon das Projekt, das Klein vorstellt, wirkt eigenartig:
Er will, dass die Literaturwissenschaft die Frage beantworte,
welche Eigenschaften aus einem literarischen Text ein bedeutendes
Kunstwerk machen, warum ein Gedicht besser oder schöner
ist als ein anderes. Erst wenn man diese Frage nach der
ästhetischen Schönheit eines literarischen Texts
wissenschaftlich erklären kann, wird die Literaturwissenschaft
nach Kleins Meinung eine „wirkliche Wissenschaft“
sein. Ich habe gar nicht gewusst, dass jemand im Jahr 2005
– da ist der Artikel von Klein erschienen –
noch solche Fragen wie die nach der ästhetischen Schönheit
literarischer Texte stellt; dem Gefühl nach hätte
meine Lehrerin der Literaturwissenschaft an der Universität
Wien diese Frage ohne viel Aufhebens den „überholten
Literaturtheorien“ zugeordnet. In folgendem Zitat
fasst Wolfgang Klein selbst sein Anliegen zusammen.
„A.
Um von einer wirklichen Wissenschaft von der Literatur
sprechen zu können, reicht es nicht aus, Randfakten
zu ermitteln – deren Wichtigkeit durchaus zugestanden
ist -, sondern man muß ernsthaft die >literaturwissenschaftliche
Gretchenfrage< in Angriff nehmen: Welche wissenschaftlichen
Argumente kann es geben, einen Text für ein bedeutendes
Kunstwerk zu halten?
B. Dazu muß man ästhetische Urteile als
Relationen zwischen Eigenschaften von Texten und Eigenschaften
von Personen auffassen.
C. Diese Relationen müssen mit den Methoden untersucht
werden, die dem üblichen Vorgehen in den empirischen
Wissenschaften entsprechen.“
(Wolfgang
Klein: „Wie ist eine exakte Wissenschaft von
der Literatur möglich?“, in: Zeitschrift
für Literaturwissenschaft und Linguistik, Nr.
137 (2005), S. 80-100. Hier: S. 97.)
|
Kleins
Vorschlag für eine exakte Literaturwissenschaft wird
dabei von einer beinahe naturwissenschaftlichen Vorstellung
von Wissenschaft (und Wissenschaftlichkeit) getragen. Das
kommt insbesondere darin zum Ausdruck, dass er bei diesem
Projekt offenbar hofft, aus vielen tausenden empirischen
Beobachtungen einige wenige „allgemeine Prinzipien“
(S. 98) zu destillieren. Das ist also genau die gleiche
Vorstellung wie in der Naturwissenschaft, wo man sucht,
viele einzelne empirische Beobachtungen auf ganz wenige
Naturgesetze zu reduzieren. Kann man sich vorstellen, dass
auch in der Literaturwissenschaft der Kern der Sache, das
angestrebte Erkenntnisziel in einigen wenigen literaturwissenschaftlichen
Grundgesetzen besteht? Was wüsste man dann mehr, wenn
man diese kennen würde? Wenn sich hingegen herausstellen
sollte, dass es diese literaturwissenschaftlichen Grundgesetzmäßigkeiten
nicht gibt, dann wären wir nach Kleins Ansicht auf
die „Position des völligen Relativismus zurückgeworfen“
(S. 98). Ich selbst verstehe ja Kleins Dramatisierung in
diesem Punkt eigentlich nicht, schließlich erwarte
ich von der Literaturwissenschaft nicht mehr, als dass sie
mir interessante Dinge über Literatur erzählt;
gleichzeitig sehe ich aber, dass neben Klein auch andere
WissenschaftlerInnen Fortschrittsvorstellungen an die Literaturwissenschaft
herantragen, die unter anderem zum Inhalt haben, dass man
von der Gesellschaft als Wissenschaft ernst genommen werden
möchte (d.h. mit ähnlichen Augen angesehen werden
möchte wie andere Wissenschaften) und dass man einen
Erkenntnisfortschritt von der Art anstrebt, dass man alte
Ansätze definitiv hinter sich lässt und man sich
also mit ihnen nicht mehr (außer aus wissenschaftshistorischem
Interesse) weiter beschäftigen muss. Anders gesagt:
Die Vorstellung von der Reduktion vieler tausender empirischer
Einzelbeobachtungen auf einige wenige Natur- oder Strukturgesetze
birgt ja den Wunsch von einer Art Quantensprung in der Erkenntnis
in sich, also so etwas wie das Hegelsche Umschlagen von
Quantität in Qualität. Man möchte irgendwann
nicht mehr einfach nur das bestehende Wissen mehren, sondern
aus all dem vorhandenen Wissen, einige Grundgesetze herausfiltern,
die es einem erlauben, das gesamte bisher gesammelte Wissen
in einem anderen Licht zu sehen. Erst dann, glaubt man,
sei wirklich ein Erkenntnisfortschritt geschehen, (der von
der Gesellschaft ernst genommen werden wird). Wolfgang Klein
strebt mit diesem Artikel nach dem genannten Ziel, aber
andere LiteraturwissenschaftlerInnen versuchen, wenn auch
auf andere Weisen, durchaus auch dasselbe.
Wolfgang
Kleins Artikel ist also sehr wissenschaftlich; schließlich
möchte er ja noch wissenschaftlicher sein als die Literaturwissenschaft
es bisher ist – und er zeigt diese seine wissenschaftliche
Haltung, indem er die Literaturwissenschaft am exakten Maßstab
der naturwissenschaftlichen Wissenschaftsvorstellung misst.
Dabei fällt einem aber einiges als seltsam auf, wenn
man Kleins Artikel als wissenschaftlichen Aufsatz betrachtet;
es sind das vor allem folgende Texteigenschaften.
Was
besonders auffällt an Wolfgang Kleins Artikel, ist:
1.
dass er seine eigene Biographie ins Spiel bringt,
2. dass er in einem wissenschaftlichen Artikel „ich“
sagt
3. und dass er versucht, den Leser/die Leserin von seinem
Anliegen zu überzeugen.
ad
1) Wer in einem wissenschaftlichen Aufsatz von sich selber
erzählt
Der
erste Punkt wirkt wie eine große Kuriosität:
Klein erzählt am Anfang seines Artikels, wie er 1965
studieren wollte, nicht wusste, ob er eine Philologie oder
Mathematik wählen sollte, zur Wahl nur einen Tag Zeit
hatte (wieso hat er sich das nicht schon vor dem Abitur
überlegt?) und sich schließlich für Germanistik
und Romanistik entschied. Dann erzählt er, wie er 1966
Helmut Kreuzer kennen gelernt hat, einen der Herausgeber
des Buches Mathematik und Dichtung, von dem er begeistert
gewesen war, und wie Kreuzer Klein auf die Frage nach der
Möglichkeit einer „exakten Literaturwissenschaft“
die Antwort gab, Klein solle diese Antwort selber finden.
Die Versuche einer Grundlegung der Literaturwissenschaft
als exakter Wissenschaft trugen jedoch nur einige Früchte
in Kleins Leben, bevor sich dieser dem Studium der Linguistik
zuwandte. Nun sind 40 Jahre vergangen, in denen Klein an
dieser Frage nicht weitergearbeitet hat und sich ihrer nun
in diesem Artikel – als Außenseiter, wie er
versichert – wieder annimmt. Ich nehme an, man versteht,
wenn ich all das erzähle, warum ich diesen Artikel
als kauzig empfinde. Als naiv hingegen empfinde ich es,
wenn ein Wissenschaftler meint, in einem wissenschaftlichen
Aufsatz sei Platz, eigene Lebenserfahrungen vorzubringen
(und aus diesen vielleicht sogar noch etwas Allgemeingültiges
zu schließen) – zumindest sagt mir jene literaturwissenschaftliche
Erziehung, die ich genossen habe, dass das unwissenschaftlich
sei und dass man nicht durchkommen werde, wenn man das in
einem wissenschaftlichen Aufsatz macht. (Aber vielleicht
ist das für Naturwissenschaftler – zu denen offenbar
auch Klein gehören will – kein solches Problem
wie für Literaturwissenschaftler, wie ich sie kenne:
Naturwissenschaftler machen ihre empirischen Experimente
oder Beobachtungen, die sich in ihrer Gestalt so stark von
den Erfahrungen oder persönlichen Erwägungen des
Wissenschaftlers unterscheiden, dass gänzlich keine
Verwechslungsgefahr besteht. Es macht deshalb nicht einmal
etwas aus, wenn ein/e NaturwissenschaflterIn durch eine
Erfahrung auf die Idee zu einem bestimmten wissenschaftlichen
Ansatz gekommen ist, weil klar ist, dass dieser wissenschaftliche
Ansatz und seine methodische Durchführung am Ende in
sich nichts Subjektives mehr haben werden. Ebenso hat auch
die Methode, die Klein vorschlägt, dann nichts zu tun
mit seinem Studienbeginn und mit seiner Bekanntschaft mit
Helmut Kreuzer. In der Literaturwissenschaft jedoch, in
der großformatige, ausdifferenzierte Theoriekonzepte
diskutiert werden, scheint die Erwähnung persönlicher
Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte ganz ausgeschlossen
werden zu müssen, weil sonst die Gefahr besteht, ein
Theorieteil könnte in Wirklichkeit nicht logisch aus
dem Theorieganzen, sondern aus dieser persönlichen
Lebenserfahrung gefolgt oder gefolgert worden sein, was
nicht sein darf – (aber hiermit sind wir schon in
medias res des Themas, um das es mir hier geht.)
ad
2) Wer in einem wissenschaftlichen Aufsatz „ich“
sagt
Ebenso naiv erscheint es mir, wie Klein, häufig und
mit vielen Verben des Meinens, Mutmaßens und Erwägens
verbunden, in seinem Artikel „ich“ sagt. Das
fällt mir natürlich insbesondere vor dem Hintergrund
des Drucks auf, mit dem man versucht hat, mir die Verwendung
dieses persönlichen Fürworts in meiner literaturwissenschaftlichen
Ausbildung abzugewöhnen.
„Ich
habe es vor vielen Jahren aufgegeben, literaturwissenschaftliche
Interpretationen zu lesen, es sei denn, ich kenne und
schätze die Autoren selbst. Darin liegt sicher
eine gewisse Ungerechtigkeit gegenüber jenen, die
>die dornichten Pfade< einer genauen, argumentativen
und schlüssigen Analyse nicht gescheut haben, und
vielleicht habe ich so Wesentliches übersehen.
Aber sei es aus Unkenntnis oder weil es wirklich so
ist – ich sehe jedenfalls nach wie vor nicht,
wie man den Übergang von vielen kleinen, aber wesentlichen
Fakten zu den großen Erklärungen schaffen
soll, ohne die Genauigkeit zu opfern.
Ich will das Problem an einem einfachen Beispiel erläutern.“
(Ebd., S. 84) |
Also
ich verwende das Wort „ich“ ja auch zu häufig
für den Geschmack der WissenschaftlerInnen, aber was
Klein in oben stehendem Zitat macht, das würde selbst
ich mir nicht trauen. Dabei zweifle ich nicht daran, dass
es sich bei ihm um einen älteren, verdienstvollen Wissenschaftler
handeln wird, der Dinge darf, die ich nicht darf –
das oben stehende Zitat schlägt aber dennoch dem Fass
den wissenschaftlichen Boden aus, jedenfalls, wenn man danach
geht, wie ich an der Universität gelernt habe, was
Wissenschaft ist: Denn Klein verwendet das Wort „Ich“
ja nicht nur dazu, um die Reichweite seiner Aussagen zu
beschränken oder die Perspektive zu spezifizieren,
aus der er spricht, sondern er macht Bekenntnisse über
seine eigene Lebenspraxis und gibt dabei zu, dass er etwas
NICHT GELESEN hat! Unkenntnis in der Wissenschaft zuzugeben
ist eine schwere Sünde und wird gewöhnlich (so
meine Erfahrung) mit einer schlimmen Rüge bestraft,
aber Klein geht ja jetzt sogar noch weiter und setzt auf
seine Unkenntnis noch etwas Weiteres drauf: Er sagt nämlich,
es könnte aus Unkenntnis sein, aber er sehe nicht,
wie man den Übergang von den kleinen Fakten zu den
großen Erklärungen schaffen soll. Das ist, als
wollte er mit der Literaturwissenschaft in einen Dialog
treten: „Liebe Literaturwissenschaft, ich als Außenstehender
weiß das nicht so genau, aber falls in dem Bereich
schon ein Durchbruch gelungen ist, so teil es mir doch bitte
umgehend mit!“ Ich kann mir den Rüffel vorstellen,
den ich (oder auch irgendein anderer Student oder Doktorand)
bekommen würde, der so etwas in einem wissenschaftlichen
Aufsatz formuliert: „Wenn man nicht weiß, ob
es etwas Bestimmtes in der Wissenschaft schon gibt oder
noch nicht, dann informiert man sich zuerst über den
aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand, bevor man
einen wissenschaftlichen Aufsatz schreibt, damit man sich
nicht völlig blamiert!“
Nur um das klarzustellen, ich spreche hier über den
Maulkorb der Selbstzensur, den ich um meinen eigenen Unterkiefer
fühle. Dieser existiert, und das erkennt man z.B. daran,
dass ich das Wort „ich“ in wissenschaftlichen
Texten zwar verwende, aber z.B. niemals, um Glauben, Meinen
oder Vermuten zum Ausdruck zu bringen, weil ich weiß,
dass die Wissenschaft sagt: „Glauben heißt:
nichts wissen!“ Ich versuche also bei meinen Behauptungen
und Schlüssen zu erreichen, dass sie schlüssig
aus dem vorher Ausgeführten folgen und beschränke
mich beim „ich“ auf den Ausdruck von Handlungen,
von denen ohnehin jeder sieht, dass ich sie vollziehe: Also
„ich spreche“, „ich beziehe mich auf“,
„ich benütze“ und so weiter. Vor solchen
Sätzen wie den folgenden von Wolfgang Klein hat mir
allerdings die Wissenschaft ein großes „Stopp“-Schild
aufgestellt:
| „Vielleicht
ist ja das Exakte, ist ja die Wissenschaft in der Tat
unser Verderben, ein Irrweg, Vivisektion des Schönen,
das unser Herz berührt. Wer dies glaubt, sollte
nicht den Weg der exakten Wissenschaften gehen. Ich
glaube es aber nicht. Ich glaube eher, daß wir
>die Feinheit und Strenge der Mathematik in alle
Wissenschaften hineintragen [müssen]...“
(Ebd., S. 99) |
Sieht
man den Widerspruch, den performativen Selbstwiderspruch,
den ich hier sehe und der mich verwirrt: Hier spricht jemand
davon, die Literaturwissenschaft noch wissenschaftlicher
machen zu wollen, als sie es bisher ist (er hat einen ganz
hohen, ganz strengen Anspruch), und er begründet das
damit, dass er „eher glaubt“, dass man das tun
muss. Hier wäre es doch eher angebracht, es lückenlos
zu argumentieren, warum in diese Richtung gegangen werden
muss und alles Glauben außen vor zu lassen.
Heutige LiteraturwissenschaftlerInnen aber verwenden das
Wort „ich“ eigentlich auch nicht so, wie ich
das tue, sondern sie verwenden es an und für sich gar
nicht in ihren wissenschaftlichen Texten (und so wurde es
auch mir beigebracht, dass man es halten sollte). Beispielhaft
führt das z.B. die Grazer Literaturwissenschaftlerin
Hildegard Kernmayer durch: In ihrem Artikel über die
subversive Poetik Marie-Thérèse Kerschbaumers
habe ich genau ein „ich“ von der Autorin des
Artikels gefunden, und auch das hätte sie ohne Mühe
noch vermeiden können:
„In
der Privilegierung der Metonymie erkennen sie gleichzeitig
die Privilegierung der 'Uneigentlichkeit’ im
intersubjektiven Symbolischen. 'Metonymie’ –
ich referiere Barbara Lersch – bezeichnet dabei
nichts anderes als eine 'Ersetzungsrelation’.“
(Hildegard
Kernmayer: „Der weibliche Name des Widerstands.
Zu Marie-Thérèse Kerschbaumers Poetik
des Subversiven“, in: Joanna Drynda (Hg.): Die
Architektur der Weiblichkeit. Identitätskonstruktionen
in der zeitgenössischen Literatur von österreichischen
Autorinnen. Wydawnictwo „Rys“, Posen
2007. S. 64.)
|
Durch
die gezwungene Vermeidung des „ich“ in wissenschaftlichen
Texten entsteht der typisch wissenschaftliche Stil (in der
Literaturwissenschaft), der darin besteht, dass Dinge (oder
Verben in der Infinitivform) zu lebendigen Wesen gemacht
werden, die verschiedene Tätigkeiten ausführen:
| „Angesichts
von Marie-Thérèse Kerschbaumers Technik
des Erzählens (oder des Berichtens?), die auch
noch in späteren Texten der Autorin zur Anwendung
kommt, erfährt auch der im Titel verwendete Begriff
des Widerstands eine Bedeutungserweiterung. Er verweist
damit nicht mehr nur auf das Engagement von Frauen im
Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern mit
ihm wird auch ein Schreiben bezeichnet, das in der Verweigerung
der herkömmlichen Regeln der Literaturästhetik
selbst widerständisch ist. Diese Verweigerung ist
vorerst freilich stofflich motiviert. Bereits die 'Logik
des Erinnerns’ verbietet die Herstellung einer
vordergründigen Ordnung des Erinnerten. Darüber
hinaus entzieht sich der Text damit aber auch einem
Lesen, das „sich in eine Geschichte begeben und
darin dann bewegen möchte“[...]“ (Ebd.:
S. 60-61) |
Ich
zitiere Hildegard Kernmayer hier nur, weil sie das wissenschaftliche
Schreiben, wie ich es kenne und wie ich gelernt habe, dass
es sein soll, in vorbildlicher Manier beherrscht –
und wir sehen in diesem Zitat, worin es besteht: Es gibt
hier einen Titel, der auf etwas verweist; eine Verweigerung,
die stofflich motiviert ist; eine Logik, die etwas verbietet
und schließlich einen Text, der sich einem Lesen entzieht.
– Damit muss man auch erst einmal leben können,
dass man die Dinge in der Weise zum Leben erweckt und sie
Dinge tun lässt, die sonst nur Menschen (oder zumindest
Lebewesen) tun können. Außerdem kann man sich
die Frage stellen, wie wissenschaftlich (im Sinne von exakt)
diese Sprechweise wirklich ist (eigentlich wirkt sie eher
magisch)? Wenn sich z.B. ein Text einer bestimmten Art von
Lektüre „entzieht“, wie müsste ich
den Satz umformulieren, wenn ich ihn mit einem „ich“
beginnen wollte? Er müsste dann wohl völlig anders
aussehen, und vielleicht wäre er dann auch genauer,
weil ich mir überlegen muss, was ich dabei konkret
tue und in welcher Weise mir der Text dabei ein Hindernis
ist? (Diese Bemerkungen sollen auch darauf aufmerksam machen,
dass bei Vermeidung des „ich“ in wissenschaftlichen
Texten bereits viele eingeschliffene Formulierungen bereitstehen,
die es erlauben, sich elegant über etwaige inhaltliche
Schwierigkeiten hinweg zu schwingen.)
| „Diese
[die écriture féminine, also das weibliche
Schreiben, Anm. H.H.] unterlaufe – so die poststrukturalistische
feministische Kritik – die symbolische Ordnung
(das Gesetz des Vaters), indem sie die verdrängte
präödipale Phase aktiviere und damit die Signifikanten,
also die materielle, körperliche Dimension der
Sprache, aus der Umklammerung durch die Signifikate
befreie.“ (Ebd., S. 63) |
Hier
unterläuft das weibliche Schreiben etwas, dann aktiviert
es etwas und dann befreit es etwas. Wissenschaftliches Schreiben
erscheint mir tatsächlich oft als ein hemmungsloses
Verbinden von Dingen mit den verschiedensten Verben, wobei
eigentlich nie die Rückfrage danach auftaucht, ob ein
bestimmtes Verb in seiner eigentlichen oder in übertragener
Bedeutung verwendet worden ist. Oft ist es auch so, dass
die eleganteste Formulierung genau deshalb elegant wirkt,
weil sie im Grunde nicht funktioniert, d.h. weil das Verb
etwas tut, das das Satzsubjekt in keiner möglichen
Vorstellungshinsicht tatsächlich tun könnte. Titel
können ja auf etwas verweisen, hier liegt nicht einmal
noch eine uneigentliche Wortverwendung vor, Texte können
so halb und halb sich einer Lektüre entziehen oder
jemanden oder etwas von etwas befreien, wobei man sich hier
auch schon andere Fälle vorstellen kann (z.B.: dass
die Lektüre wohl nicht fest genug zugepackt hat, wenn
sich der Text ihr entzieht), aber dann gibt es gewiss auch
noch andere Handlungen oder Tätigkeiten, welche Dinge
und Sachverhalte (die an sich überhaupt nicht handeln,
sondern bewegungslos daliegen) beim besten Willen und dem
höchsten Einsatz von Vorstellungskraft nicht mehr zu
bewältigen imstande sind.
Außerdem erscheint eine solche substantivierende Rede
auch deshalb als ziemlich ungenau, weil man sich fragt,
wenn ein Text sich einer Lektüre entzieht, ob das wirklich
so vollmundig gemeint ist, also ob es sich um die Lektüre
aller Menschen handelt oder doch nur um diejenige bestimmter
Menschen – und so könnte man sich weiter danach
fragen, wie wissenschaftlich (im Sinne von exakt) die wissenschaftliche
Rede- und Schreibweise eigentlich ist, aber bei alldem ist
doch bekannt, wie sie ist und wie sie auszusehen hat. Und
die Wissenschaft selbst ist ja sicherlich auch der Überzeugung,
dass die wissenschaftliche Ausdrucksweise exakt ist, auch
wenn ich da als kleines Individuum daran meine Zweifel habe,
sodass ich mir eigentlich nicht erklären kann, wie
diese Vorstellungen, wie wissenschaftliches Schreiben auszusehen
hat, nicht bis zu Wolfgang Klein haben durchdringen können,
der sich in seinem Artikel, wie soll ich sagen, so erfrischend
anders ausdrückt, als man es sonst von wissenschaftlichen
Texten gewohnt ist.
ad
3) Wer in einem wissenschaftlichen Aufsatz seine Leser von
etwas überzeugen will
Erfrischend
anders wirkt sein Artikel auch deswegen, weil man darin
spürt, wie er sich dem Leser/der Leserin zuwendet und
ihn/sie von seinem Anliegen zu überzeugen versucht.
Wissenschaftliche Texte wenden sich ja an und für sich
nicht an die Vernunft des Lesers und versuchen auch nicht,
ihn zu überzeugen. Wolfgang Klein rechtfertigt seine
Überzeugungsbemühungen damit, dass es in der Wissenschaft
nicht so sein sollte, dass man an einige gelehrte Experten
glaubt, sondern so, dass man für eine jede geäußerte
Ansicht Argumente verlangt.
„Die
Antwort [auf Kleins >Gretchenfrage der Literatur<,
Anm. H.H.] kann nicht darin bestehen zu sagen „Ich,
ein vorzüglicher Kenner der deutschen Literatur,
eine Person von vorzüglichem Geschmack, sage
es euch.“ Das mag genug sein für jene,
die an Literaturpäpste, an gelehrte Gurus, an
heilige Männer und Frauen glauben. Aber in den
Wissenschaften möchte man wissen, worauf sich
eine solche, eine jede Ansicht stützt, und man
möchte dafür abgesicherte Argumente sehen.“
(Wolfgang
Klein: „Wie ist eine exakte Wissenschaft von
der Literatur möglich?“, S. 98)
|
Hierin
besteht an und für sich auch das Grundverständnis
der Behauptung, wonach es in der Wissenschaft um die Vernunft
gehen sollte: dass sich eine jede wissenschaftliche Behauptung
argumentativ belegen lässt. Dennoch wirkt es veraltet,
dass der Autor eines wissenschaftlichen Texts sich an den
Leser wendet und ihn zu überzeugen versucht. Aus diesem
Grund habe ich für meine Zwecke das „philosophische
Gespräch“ so bestimmt, dass darin ein Mensch
sich an den anderen wendet mit dem Ziel, ihn mit logischen
Argumenten zu überzeugen, wobei als oberste Regel gilt:
Es gilt nur das, was auf dem Tisch liegt! Denn in wissenschaftlichen
Diskussionen hat man sich eigentlich immer eher einer anderen
Diskussionsstrategie mir gegenüber bedient, nämlich,
mich mit Büchern zu „erschlagen“, die ich
nicht gelesen hatte. Und sobald ich dasjenige Buch, das
man angeblich unbedingt gelesen haben musste, gelesen hatte,
„erschlug“ man mich mit einem weiteren bislang
von mir nicht gelesenen Buch und brachte mich auf diese
Weise zum Schweigen. Das ist eine Diskussionsweise, die
in der Wissenschaft angehen mag, dachte ich da, aber in
der Philosophie ist sie sicher nicht zulässig, weil
es beim Philosophieren ja nicht in erster Linie um die Wahrheit
geht (um die geht es erst in zweiter Linie), sondern ums
Überzeugen des Gesprächspartners: Wichtig ist
beim Philosophieren in erster Linie, mit welchen Überzeugungen
die Gesprächspartner aus ihrem philosophischen Gespräch
weggehen, denn mit diesen Überzeugungen müssen
sie fortan leben (und beim Philosophieren dreht es sich
ja ums Leben oder um die persönliche Lebensgestaltung).
In der Wissenschaft hingegen geht es nur um die Wahrheit,
das heißt, es ist völlig egal, was oder wie irgendjemand
denkt oder ob das, was er denkt, ihm im Leben hilft –
deshalb, so mein Schluss, braucht man ihn auch nicht zu
überzeugen, und die Diskussionsmethoden können
ebenfalls ruhig ein bisschen härter und auch unfairer
sein.
Es geht also beim wissenschaftlichen Diskutieren im Normalfall
nicht darum, dass man den anderen Menschen in seinem Denken
beeinflussen will, deshalb wendet man sich von vornherein
nicht an ihn, um ihn zu überzeugen. Es gibt aber noch
einen wesentlicheren Grund, warum man sich heute in einem
wissenschaftlichen Text nicht mehr an den Leser wendet,
um ihm die eigenen Argumente zur Beurteilung durch seine
Vernunft vorzulegen – und dieser Grund ist einer,
den auch heute viele Menschen (und auch viele StudentInnen
und sogar universitäre LehrerInnen) wahrscheinlich
noch nicht bedacht haben. Der traditionelle Grund, warum
man sich an den Leser, an sein vernünftiges Urteil
wandte, war ja, wie es auch Klein so versteht, die Notwendigkeit
der Überprüfbarkeit der eigenen wissenschaftlichen
Behauptungen durch andere Mitglieder der wissenschaftlichen
Gemeinschaft – andernfalls man an einige heilige Männer
oder Frauen, die die Wahrheit haben, glauben müsste.
Warum also wenden sich heutige WissenschaftlerInnen (vor
allem in den Geisteswissenschaften) in ihren wissenschaftlichen
Texten nicht mehr an ihrer LeserInnen, um diese von ihren
Argumenten zu überzeugen und bemühen sich auch
gar nicht mehr um deren Aufmerksamkeit?
Der Grund dafür liegt darin, dass der einzelne Mensch
zwar vielleicht mehr oder weniger vernünftig, aber
nicht theoriegeleitet denkt. Die heutigen WissenschaftlerInnen
(und vor allem auch die LiteraturwissenschaftlerInnen) sind
aber von der Qualität und der größeren Wahrheit
ihrer wissenschaftlichen Ausführungen deshalb überzeugt,
weil sie in ihren Forschungen einer größeren
Theorie folgen, die ihr Denken systematisiert und professionalisiert.
Das will sagen: Wenn man AnhängerIn des Strukturalismus,
des Poststrukturalismus, der Hermeneutik oder der feministischen
Literaturtheorie z.B. ist, dann spricht man im Namen von
etwas Größerem, das hinter einem steht –
und dann ist es ganz einfach nicht mehr möglich, dass
man seinem/r LeserIn EINZELNE Argumente zur vernünftigen
Beurteilung vorlegt, wie man es in einem vernünftigen
Gespräch tun würde. Das ist deshalb nicht möglich,
weil eine große geisteswissenschaftliche Theorie nicht
aus einzelnen vernünftigen Argumenten besteht, sondern
ein Ganzes ist, das sich nicht auseinander reißen
lässt. Eine große Theorie muss man als ganze
annehmen oder als ganze ablehnen, man kann aber nicht einzelne
ihrer Argumente als vernünftig oder nicht beurteilen,
weil einzelne Argumente sie nicht ausmachen.
Es ist somit nicht (mehr) möglich, dass sich ein Wissenschaftler
an seinen Leser wendet und zu ihm sagt: „Mein Argument,
warum man dieses und jenes tun sollte, ist dieses. Was hältst
du davon?“ – weil Wissenschaft sich nicht auf
dieser (vernünftigen) Ebene abspielt. Hingegen gilt
den heutigen Wissenschaftlern das Erwägen einzelner
Argumente wegen der fehlenden Abstützung derselben
durch eine größere Theorie wie auch wegen der
fehlenden Systematik eines solchen argumentativen Denkens
als – unwissenschaftlich! Was Wolfgang Klein in seinem
Artikel macht, ist also, demnach wie ich gelernt habe, was
Wissenschaft ist, unwissenschaftlich.
Hieraus ergibt sich ein Paradoxon, weil Klein doch wissenschaftlicher
sein will als die Literaturwissenschaft es bislang ist und
diese Wissenschaftlichkeit in denjenigen Argumenten sucht,
welche eine jede geäußerte Ansicht absichern.
Ein solches Verständnis von Wissenschaft aber, habe
ich dargestellt, ist unwissenschaftlich, weil es auf der
Ebene einzelner Argumente bleibt, während die Wissenschaft
heute ihr Heil in großen Theorien sucht, welche systematisches
Denken garantieren. Wenn das aber so ist, dass man für
wissenschaftlich nur ein solches Denken hält, welches
ausgehend von einer Theorie und innerhalb derselben denkt,
dann ist die Absicherung einzelner Ansichten oder Behauptungen
durch einzelne Argumente nicht mehr länger möglich,
weil ja ein jedes einzelne Argument seine inhaltliche Bedeutung
erst gewinnt durch den Platz, welcher ihm in der gesamten
Theorie zugewiesen ist. Man kann in dem Fall also nicht
länger einzelne Punkte erwägen und begründen;
im Gegensatz dazu steht die Kohärenz des Theorieganzen
im Vordergrund, denn mit dem Fortbestand der Theorie als
Ganzem in der Zukunft steht und fällt auch der Wert
der eigenen Forschung (und des eigenen wissenschaftlichen
Aufsatzes). Ob aber der Strukturalismus oder der Poststrukturalismus,
die feministische oder die marxistische Literaturtheorie,
die Hermeneutik oder die Theorie vom kollektiven Gedächtnis
stehen oder fallen, das sind Glaubenssachen. Bei diesen
großen Theorien bleibt einem als Individuum tatsächlich
nichts anderes übrig, als an sie zu glauben, denn sie
sind so groß und komplex, und es ist soviel über
sie geschrieben worden, dass man sie als Einzelner nicht
völlig überblicken kann, ebenso wie man es oft
nicht einmal abschätzen kann, ob eine bestimmte von
diesen Großtheorien ihre Anhänger noch hat oder
ob sie ihr schon abhanden gekommen sind. Wären sie
ihr abhanden gekommen, dann wäre sie offenbar „widerlegt“
– aber offenbar nicht auf argumentativem Wege, sondern
durch eine Art „Abstimmung mit den Füßen“,
durch die Mehrzahl der WissenschaftlerInnen also, die sich
entschlossen haben, nicht länger an sie zu glauben.
Oder, um das Paradoxon in kürzerer konziserer Weise
zu formulieren: Es gibt grundsätzlich zwei Vorstellungen
von der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft: Die einen
behaupten so wie Wolfgang Klein, Wissenschaft bestehe darin,
dass man eine jede behauptete Ansicht durch Argumente begründet,
damit man nicht an Gurus glauben muss; die andere Gruppe
glaubt an den größeren Wahrheitsgehalt von Theorien
und theoriegeleitetem Denken und Forschen gegenüber
dem Nachdenken über einzelne vernünftige Argumente.
Das Paradoxon besteht darin, dass sich eine jede Gruppe
der anderen gegenüber überlegen fühlen kann:
Die zweite Gruppe der ersten gegenüber, weil sie sagen
wird: „Was ihr praktiziert, ist unsystematisches,
dilettantisches Denken!“ – und die erste Gruppe
der zweiten gegenüber, weil sie sagen kann: „Bei
euch läuft es darauf hinaus, dass man einzelne Argumente
nicht mehr vernünftig nachprüfen kann, weshalb
man an das Theorieganze glauben muss – oder auch an
einzelne Gurus, deren Namen mit den jeweiligen Theorien
verbunden sind (Marx, de Saussure, Lévi Strauss,
Judith Butler, Derrida etc.) und bei denen man darauf vertraut,
dass sie auf jeden die Theorie gefährden könnenden
Einwand eine Antwort bereit haben und deren Texte man aus
diesem Grund wie heilige Bücher liest und sie als unerschöpfliche
Quellen betrachtet, in welchen sich immer wieder etwas finden
wird, das die Theorie stützt, sodass man auch weiterhin
an sie glauben kann.
Tatsächlich ist es so, dass man heute unter einer Theorie
ein großes, mehr oder weniger geschlossenes Ganzes
versteht. Es hat aufgehört, dass man, wenn jemand sagt,
dass er eine „Theorie“ habe, dahinter nur einige
einzelne theoretische Betrachtungen vermutet – hingegen
stellt man sich beim Wort „Theorie“ heute automatisch
ein größeres, ausgearbeitetes, differenziertes
und in sich kohärentes Theorieganzes vor. Ich weiß
nicht genau, wann diese Entwicklung eingesetzt hat, dass
man der Theorie diesen Stellenwert und diese Seinswürde
zugebilligt hat, wie ich es im Laufe meiner literaturwissenschaftlichen
Ausbildung kennen gelernt habe. Aber es ist geschehen, und
man argumentiert deshalb heute nicht mehr so, wie Klein
das tut, indem er seine Leser von der Sinnhaftigkeit seines
Projekts zu überzeugen versucht, sondern indem man
eine Theorie vorstellt, deren einzelne Räume man gleichsam
in den verschiedenen Teilen seines wissenschaftlichen Textes
vor den Augen der Leser einrichtet. Diese größere
epistemologische Würde der Theorie wird gemeinhin,
wie ich ausgeführt habe, mit theoriegeleitetem und
deshalb systematischen Denken gerechtfertigt – was
aber die Leute, die Anhänger von wissenschaftlichen
Theorien sind, immer übersehen, ist: Auf der Ebene
der Theorie gibt es keine Kommunikation mit dem Leser/der
Leserin mehr, weil ja seine oder ihre Argumente nicht (mehr)
gefragt sind. Wer (in den Geisteswissenschaften und in der
Literaturwissenschaft) aus einer Theorie heraus argumentiert,
erkennt den Leser/die Leserin als DiskussionspartnerIn nicht
an, weil dieser oder diese ja höchstens einzelne Argumente
vorbringen könnte, die aus seiner oder ihrer Sicht
der Dinge entspringen, einzelne Argumente aber in einer
Theorie nichts entscheiden können, weil eine Theorie
gerade zu dem Zweck geschaffen wurde, um in der Beurteilung
von Behauptungen nicht von einzelnen (möglicherweise
vernünftigen) Argumenten abzuhängen, sondern sie
aus der größeren Vernunft einer systematischen
Weltsicht heraus besser (besser als vernünftig, wenn
das möglich ist; aber die Vorstellung ist zumindest
diese) beurteilen zu können.
Das
muss man begreifen, um den Charakter der heutigen Geisteswissenschaften
verstehen zu können (ebenso wie die Notwendigkeit des
Todes des „ich“ in heutigen wissenschaftlichen
Texten). Wendet sich heute ein/e WissenschaftlerIn an dich,
um dir einen wissenschaftlichen Sachverhalt darzustellen,
so sagt er/sie damit zugleich eigentlich: „Ich will
deine Argumente gar nicht hören, denn ich bin nicht
bereit, mich mit einzelnen Argumenten (mit Argumenten von
dir, die einzelne sind, weil du nur aus deiner Vernunft
heraus sprichst und nicht mit einer größeren
Theorie im Hintergrund) auseinanderzusetzen. Ich setze mich
höchstens mit einem ganzen Verbund von Argumenten auseinander.
D.h.: ich spreche nicht mit dir, sondern ich bin nur bereit,
mit einer (anderen) Theorie (respektive dem Vertreter einer
Theorie) als Gesprächspartner zu sprechen.“
Zumindest ich verstand das lange Zeit nicht, als ich als
junger Student an die Universität Wien kam und dort
bereit war, mich in vernünftiger, argumentativer Weise
mit den dort unterrichtenden Menschen und ihren Inhalten
auseinanderzusetzen und auf dem Wege der Enttäuschung
lernen musste, dass diese nicht bereit waren, sich mit mir
auseinanderzusetzen. Ich musste also lernen, dass es an
einer Universität um vernünftige Argumente oder
um die Vernunft gar nicht geht, weil die dort unterrichtenden
Wissenschaftler dem Glauben anhängen, dass vernünftiges
Denken subjektiv ist, weil es unsystematisch und nicht theoriegeleitet
ist! Wolfgang Klein scheint, danach sieht zumindest sein
Artikel aus, zu seiner Zeit dieser „Borniertheit in
der Theorie“, welche die Wissenschaftler unzugänglich
für (vernünftige) Argumente von außen (von
außerhalb der Theorie) macht, in seinem Leben noch
nicht begegnet zu sein. Aus diesem Grund wirkt es so rührend
naiv, wenn er sich an den Leser/die Leserin wendet und ihn/sie
ernsthaft von seiner Vision für die Literaturwissenschaft
überzeugen will. Man kann sich nur vorstellen, wie
eine solche Rede an heutigen LiteraturwissenschaflterInnen
abprallen muss. Diesen muss eine solche Redeweise unerträglich
subjektiv und unwissenschaftlich erscheinen. Wolfgang Kleins
Artikel hinwiederum hat mich daran erinnert, dass die wissenschaftliche
Ausdrucksweise der heutigen LiteraturwissenschaftlerInnen
vernünftigen Argumenten eigentlich tatsächlich
nicht zugänglich ist, weil diese ihr Heil im Theoriesystem
sucht und deshalb erneut wieder auf dem Glauben (an die
Theorie oder an die Gurus, die vorgeben, die Theorie am
tiefsten zu durchschauen) beruhen muss. In dieser Hinsicht
ist der wissenschaftliche Schreibstil der heutigen Literaturwissenschaftler
also tatsächlich unwissenschaftlicher (weil Argumenten
von kritischen Individuen unzugänglich, vor denen die
Theorie im Verständnis als ganzes Theoriesystem sie
immunisiert) als der Wolfgang Kleins, während er sich
gleichzeitig für wissenschaftlicher (im Sinn von systematischer,
objektiver, theoriegeleiteter) hält.
Für mich als einer Person, der es weit mehr am Herzen
liegt, was die (einzelnen) Menschen von der Wissenschaft
lernen können als die Wissenschaft selber, ist klar,
wem von beiden Seiten in diesem Streit meine Sympathie gilt,
aber ich muss dennoch sagen, dass man angesichts der heute
herrschenden Umstände und Erwartungshaltungen in den
geisteswissenschaftlichen Diskursen nicht so (treuherzig
und ehrlich) diskutieren kann wie Wolfgang Klein das tut.
Das ist wie ins offene Messer zu laufen. Wenn man trotz
allem, woran die GeisteswissenschaftlerInnen heute glauben,
darauf besteht, argumentieren zu wollen und darauf, dass
Wissenschaft letzten Endes ihr Fundament in der Absicherung
durch Argumente hat, den Glauben an die höhere Würde
der Theorie als System in der Erkenntnis missachtend, dann
muss man dabei doch berücksichtigen, dass es diesen
Glauben ans Theoriesystem gibt (und den Glauben daran, dass
einzelne Argumente, die von Individuen allein aus ihrem
Denken heraus generiert werden, subjektiv und völlig
wertlos in der wissenschaftlichen Diskussion sind) und einen
Diskussionsstil entwickeln, der die Mentalität der
heutigen GeisteswissenschaftlerInnen, denen mit Vernunft
nicht beizukommen ist, in seine Haltung miteinbezieht, mit
ihr spielt und aus der Vogelperspektive auf sie draufschaut,
aber sich jedenfalls keine unnötigen Schwächen
gibt.
Zum
Inhalt des Artikels: Wer etwas über die Schönheit
literarischer Texte erfahren will und dann zugibt, dass
Schönheit kein objektives Merkmal literarischer Texte
ist
Wenn
ich mich nun dem Inhalt von Kleins Artikel zuwende, so erscheint
mir seine Grundfrage an die Literaturwissenschaft liebenswürdig
verschroben: Wolfgang Klein möchte allen Ernstes wissen,
warum ein bestimmtes Gedicht gut oder schön ist, oder
besser oder schlechter als irgendein anderes Gedicht. Er
zitiert zu diesem Zwecke (S. 84) zwei Gedichte, eines von
Schiller und eines von Hölderlin und sagt dazu:
| „Wir
wissen seit langem unendlich viel über Schiller
[...] Wir wissen vergleichbar viel über Hölderlin
[...] Was hilft uns all dieses Wissen bei der Antwort
auf die Frage, auf die einzig wesentliche Frage, weshalb
das erste der beiden folgenden Gedichte ein schlechtes
Gedicht ist, das zweite aber eines der größten
Kunstwerke deutscher Sprache.“ (Ebd., S. 84) |
Für
mich überraschend war dabei außerdem noch, dass
er bei beiden Gedichten den Titel weglässt, so als
ob der Gedichttitel nicht wesentlich zum Gedicht dazugehörte.
(Überhaupt scheint es mir bei Hölderlins Gedicht
„Hälfte des Lebens“ (das ist das zweite)
so zu sein, dass es die Hälfte des Eindrucks, den es
macht, aus dem Vergleich des Titels mit dem Gedichtinhalt
gewinnt.) Das aber nur am Rande; die eigentliche Frage aber
ist, ob eine solche Betrachtungsweise der Literatur und
ein solcher Anspruch an die Literaturwissenschaft („die
einzig wesentliche Frage“) aus heutiger Perspektive
nicht völlig atavistisch erscheint? Wer von den LiteraturwissenschaftlerInnen
stellt eigentlich heute noch diese Frage, warum ein literarischer
Text schön oder erhaben?
Raus läuft das Ganze auch bei Wolfgang Klein jedoch
wiederum darauf, dass die Literaturwissenschaft nicht erklärt,
was an literarischen Texten schön ist, sondern dass
sie die Wirkung von bestimmten Texteigenschaften literarischer
Texte auf bestimmte Menschen mit bestimmten Eigenschaften
zu erhellen sucht. Das ist so, weil ästhetische Eigenschaften
laut Klein relational sind

„Ästhetische
Eigenschaften sind relational – es sind nicht
objektive Eigenschaften von Texten, sondern es sind
Relationen zwischen sprachlichen Gebilden und Personen,
genauer gesagt, Relationen zwischen Eigenschaften
von sprachlichen Gebilden und Eigenschaften von Personen.
Diese Relationen aber kann man mit wissenschaftlichen
Mitteln untersuchen.“ (Ebd., S. 86)
Oder:
„Schön, erhaben, bewegend, langweilig,
anödend – all dies sind nicht Eigenschaften
eines Textes, sondern Relationen zwischen einem Text
und einer Person, die an bestimmte Eigenschaften des
Textes anknüpfen.“ (Ebd., S. 92-93)
|
Diese
Herangehensweise erscheint also wieder als ganz normal,
nur dass heutige LiteraturwissenschaftlerInnen im Gegensatz
zu Klein wohl sagen würden, sie untersuchten eben nicht
literarische Texte daraufhin, ob sie schön sind, weil
„Schönheit“ keine objektive Texteigenschaft
sei, sondern sie untersuchten anstatt dessen die Rezeption
bestimmter Texte durch bestimmte Menschengruppen. Wolfgang
Klein hingegen scheint dieser Unterschied nicht aufzufallen,
dass er am Anfang seines Artikels sich eine Antwort auf
die Frage wünscht, „wieso dieses Gedicht große
Literatur ist, wieso es schön, erhaben, bewegend ist,
weshalb es die Wirkung auf unser Gemüt hat, die es
hat, wenn man begreifen will, was uns ergreift [...]“
(S. 81) und sie zur Kardinalfrage der Literaturwissenschaft
erklärt (die nur dann zur exakten Wissenschaft werden
könne, wenn sie die Subjektivität im Urteilen
in diesem Bereich überwinde) und im weiteren Fortgang
seines Artikels aber eine Untersuchungsmethode vorschlägt,
die davon ausgeht, dass Schönheit keine Texteigenschaft
sei. Er wird also, selbst wenn seine Untersuchungsmethode
durchgeführt wird, mit ihr niemals erfahren, warum
ein Gedicht schön oder warum es ein gutes Gedicht ist
(und auch nicht, warum es „eines der größten
Kunstwerke deutscher Sprache“ ist), sondern er wird
höchstens erfahren, wie es auf bestimmte Menschen oder
Menschengruppen wirkt – und damit wird er im Grunde
auch weniger über das Gedicht selber herausfinden als
über die sozialen und kulturellen Eigenschaften der
Menschen, die auf diese Weise untersucht werden.
Der Artikel von Klein funktioniert also auch inhaltlich
– leider – gar nicht, wenn es auch so ist, dass
Klein bei seinem phantastischen Ansinnen herauszufinden,
wo in literarischen Texten die Schönheit wohnt, nicht
bleibt, sondern in gewohntere rezeptionsästhetische
oder kulturwissenschaftliche Untersuchungsweisen einschwenkt.
Allerdings muss man auch hier sagen, dass die Überlegungen,
die er in dieser Richtung anstellt, so aussehen, als wäre
er mit den Forschungen des französischen Soziologen
Pierre Bourdieu nie in Berührung gekommen. Tatsächlich
hat Bourdieu mit seiner Studie über den Kulturgebrauch
der französischen Gesellschaft in den 1970er Jahren
Die feinen Unterschiede die mageren Überlegungen Kleins
aus dem Jahr 2005 schon weit übertroffen, und sicherlich
sind auch viele Studien aus dem Bereich der Cultural Studies
und literaturwissenschaftliche Studien, die mit aktuellen
Methoden arbeiten, schon viel weiter als die paar Anregungen,
die Klein in seinem Artikel gibt.
Schlussbemerkung
über den Wunsch nach einer Literaturwissenschaft als
exakter Wissenschaft
Aus
dieser Analyse seines Artikels heraus stellt sich die Frage:
Warum wünscht sich Wolfgang Klein überhaupt, dass
die Literaturwissenschaft eine exakte Wissenschaft sei?
Denn mit der von ihm vorgeschlagenen Untersuchungsmethode
wird er die Antwort auf die von ihm gestellte Frage nach
der Schönheit und Erhabenheit von literarischen Texten
nie finden. Ich weiß auch nicht, warum sich irgendjemand
wünschen könnte, dass die Literaturwissenschaft
eine exakte Wissenschaft sein soll – höchstens
vielleicht aus dem Grund, weil ihm die Beschäftigung
mit Literatur nicht genügt? Jedoch möchte ich
an dieser Stelle zwei Zitate von Wolfgang Klein bringen,
denen ich uneingeschränkt zustimmen kann und die die
Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft
meiner Meinung nach eigentlich ausreichend konturieren.
Das erste Zitat betrifft jene Punkte, in denen die Literaturwissenschaft
bestimmt eine exakte Wissenschaft ohnehin schon ist:
| „[...]
in vielem ist die Literaturwissenschaft eine außerordentlich
präzise Wissenschaft. Das gilt für die Textphilologie,
für die Druckgeschichte, für biographische
Angaben über Autoren, über die Quellen ihrer
Werke, über ihren zeitgeschichtlichen Hintergrund,
über Plagiate, stillschweigende Zitate, und vieles
mehr.“ (Ebd., S. 83) |
Ich
weiß zwar nun nicht, inwieweit die Literaturwissenschaft
in diesen Bereichen tatsächlich „präzise“
ist, aber ich glaube zumindest, dass man in diesen Bereichen
sinnvollerweise versuchen kann, genau zu sein – und
im Gegensatz zu Klein glaube ich nicht, dass das Ergebnis
dieser literaturwissenschaftlichen Forschungstätigkeit
nur als „Randfakten“ (S. 83). zu bezeichnen
ist Das zweite Zitat betrifft in gewisser Weise das Ziel
der Literaturwissenschaft beziehungsweise jene Dienstleistung,
die sie der Gesellschaft und ihren Bürgern anbieten
kann:
| „Die
Rolle einer Interpretation ist es letztlich, das Weltwissen
des Lesers zu ändern. Dies ist auch der Grund,
weshalb eine Interpretation wie die in Abschnitt 1 auszugsweise
zitierte so unbefriedigend ist: sie vermittelt kein
Wissen.“ (Ebd., S. 91, Fußnote) |
Auch
dies ist für mich eine Aussage mehr darüber, wie
es sein sollte, als wie es ist. Gleichzeitig ist es natürlich
auch eine Aussage darüber, wie es ist, in dem Sinne,
dass eine literaturwissenschaftliche Interpretation grundsätzlich
dadurch funktioniert, indem sie das Wissen des Lesers erweitert
und ihn dadurch auf andere Ideen und Schlüsse kommen
lässt. Ich wünsche mir deshalb keine exakte Literaturwissenschaft,
die der Gesellschaft gegenüber Erkenntnisfortschritte
vorweisen kann, sondern eine bescheidenere Literaturwissenschaft,
die darauf vertraut, dass sie viel (auch viel präzises)
Wissen schon hat und die versteht, dass es jetzt darauf
ankommt, dieses Wissen an die jeweils richtige Stelle zu
liefern, damit die Menschen aus ihm lernen können.
14.
Dez. 2008 |