Ein
komplett absurdes und mir völlig unbegreifliches Buch!
Lesenotiz
zu Albert Camus' Der Mythos von Sisyphos. Rowohlt
Verlag, Hamburg 1991 (1959).
Albert
Camus’ Der Mythos von Sisyphos gehört
wohl eher zu den Büchern, die man gelesen hat, als
zu jenen, die man liest. Jeder hat es gelesen und auch ich
habe es schon seit vielen Jahren zu Hause liegen. Jetzt,
weil gerade Zeit ist, habe ich es einmal gelesen –
und bin dabei aus dem Staunen und Wundern nicht herausgekommen!
Ich will
gleich vorneweg versuchen, das, was mich verwundert und
verstört an diesem Buch, in kürzestmöglicher
Form zusammenzufassen, damit es dann keine Ausflüchte
mehr gibt: Mir erscheint dieses Buch als ein Schein-Buch,
als ein Buch, dessen Absicht es ist, beim Leser/bei der
Leserin einen falschen Eindruck zu erwecken. Und die Methode,
wie dieser falsche Eindruck erweckt wird, geschieht durch
Ausblendung des Gesellschaftlichen.
Was
meine ich damit genau? Camus’ Buch Der Mythos
von Sisyphos geht aus von der Erfahrung des Absurden,
die der Mensch in der Welt macht, und der sich daran anschließenden
Frage, ob er deswegen Selbstmord begehen soll. Camus sagt,
nein, der Mensch solle sich nicht umbringen, sondern intensiv
und lange leben – und er grenzt sich ab gegen Karl
Jaspers, Leo Schestow, Sören Kierkegaard und die Phänomenologie
von Edmund Husserl, die alle zwar das Absurde erkannt, sich
aber auf verschiedene Weisen durch einen „Sprung“
in den Glauben oder in die Transzendenz gerettet hätten.
Was mich
hieran nervt, ist der Problemaufriss, ist das Spielfeld,
das Camus seinem Problem zugesteht: Es bewegt sich alles
innerhalb des Dostojewskischen Panoramas: Wenn Gott tot
ist, ist alles erlaubt – und gleichzeitig ist das
ganze Leben absurd. Aber das ist meiner Meinung nach nicht
das, was der Mensch vordringlich erlebt – kein Mensch
lebt in einer so abstrakten und menschenleeren Konstellation.
Demgegenüber würde ein ein wenig realitätsnäherer
Problemaufriss ungefähr so aussehen: Das Leben ist
absurd, da hat Camus ganz Recht, aber diese Absurdität
wäre noch einigermaßen erträglich, wenn
man dies inmitten von verständnisvollen oder (weil
man soviel von Menschen wirklich nicht verlangen kann) zumindest
nicht völlig verständnislosen Mitmenschen tun
könnte. Aber das kann man leider nicht. Zugegeben:
Die grundsätzliche Absurdität des Lebens und die
Bedrohung durch den Tod sind in absoluten Begriffen das
größere Problem; aber die Gesellschaft, in der
wir leben müssen, ist das unmittelbarere. Während
mir das Problem der Absurdität des Lebens ins einigen
ruhigen Momenten zu Bewusstsein kommt, belästigt mich
die Gesellschaft wiederholt an jedem einzelnen Tag und beschäftigt
mich die meiste Zeit des Tages. Damit ist die Gesellschaft
die eigentliche absurde Erfahrung.
Noch
einmal: Die Einsicht in die Absurdität des Lebens ist
schlimm. Aber sie wäre erträglich, wenn man sie
leben könnte in einem Kreis von Freunden, die dieses
Problem auch haben – oder die dieses Problem zumindest
auch kennen oder sich vorstellen können, dass jemand
an ihm leidet. Aber dieser Fall ist nicht gegeben: Wie leben
inmitten von geschäftigen Menschen, die so tun, als
ob sie ewig lebten und die auf einen Menschen, der philosophische
Fragen stellt, so reagieren, als wäre er verrückt.
(Dabei sind in Wirklichkeit sie die Verrückten.) Der
nachdenkende Mensch, der sich seiner existentiellen Situation
bewusst werden will, lebt also in einer menschengemachten
Isolation, die schlimmer ist als die grundsätzliche
Absurdität des Lebens, von der Camus spricht. Wenn
das Leben schon absurd ist, so würde sein Leben doch
wenigstens ein bisschen ins Gleichgewicht kommen, wenn er
sich mit dieser Absurdität wenigstens beschäftigen
könnte. Aber das kann er nicht, weil seiner menschlichen
Umwelt das Verständnis für solche Fragen abgeht
und sie ihm platte Sinnangebote aufdrängt, deren Hinterfragung
mit Sanktionen bedroht ist. Kurz: Es macht einen Unterschied,
ob das Leben absurd ist oder ob das Leben absurd ist und
man noch dazu allein mit diesem Problem ist!
Damit
bin ich aber noch nicht ganz fertig: Ich glaube nun, dass
Camus’ Buch seinen Sinn nur wiedergewinnt, indem man
das Gesellschaftliche, das er von Anfang an säuberlich
ausblendet, wieder einblendet. Anders gesagt, ich nehme
es Camus nicht einmal ab, dass Der Mythos von Sisyphos
ein Buch über die grundsätzliche Absurdität
des menschlichen Lebens ist, also ein Buch über den
Menschen, der mit sich allein ist – sondern es ist
ein Buch, das nur aus dem Gesellschaftlichen heraus zu verstehen
ist, ein Buch, das bloß auf Erfolg und Anerkennung
in der Gesellschaft abzielt und das zu diesem Behufe haarsträubende
Geschichten erzählt und Inhalte vorbringt, in denen
die Gesellschaft gar nicht vorkommt.
Beispiele
gefällig? – Aus Camus’ Ablehnung des Selbstmords
folgt eine Ethik der Quantität (S. 54 f.), die darin
besteht, dass der Mensch anstatt möglichst tiefer Erfahrungen
möglichst viele Erfahrungen im Leben machen soll. Als
moralische Vorbilder für diese Ethik der Quantität
präsentiert Camus dann die Figur von Don Juan (S. 61
f.), der von einer Frau zur anderen eilt und bei keiner
bleiben kann, den Schauspieler mit seiner Vielzahl von Rollen,
die er spielt (S. 67 f.), auch der Reisende, der von Ort
zu Ort eilt, kommt einmal vor (S. 68) und der Eroberer (S.
72 f.), den Camus als Menschen der Tat rühmt. Es wird
nun in dem Buch zwar die Frage abgehandelt, ob Don Juan
moralisch handelt und ob er Egoist ist, aber was mit keinem
Wort thematisiert wird – und das fällt natürlich
nur mir als Bauernsohn aus dem Waldviertel auf – ist,
dass alle diese Rollenvorbilder, die Camus da vor uns hinstellt,
aus der Perspektive gesellschaftlicher Bewertung äußerst
schick aussehen.
Es geht
also in Wirklichkeit (so sehe ich das, indem ich die gesellschaftliche
Perspektive mit einbeziehe) auch gar nicht darum, ob ein
Don Juan moralisch handelt oder nicht, sondern darum, dass
das nicht jeder kann, vielleicht weil ihm die Nase schief
gewachsen ist oder ihm der nötige Charme dazu fehlt.
Dasselbe gilt auch für den Schauspieler, dessen Rechtfertigung
als moralisches Vorbild durch Camus völlig fehl am
Platz ist. Denn es ist ja eine verdrehte Welt, die Camus
uns da präsentiert: Er tut so, als käme es darauf
an, den Schauspieler moralisch zu rechtfertigen –
und in Wirklichkeit kommt es ihm darauf an, uns den Menschen
des Absurden schmackhaft zu machen, indem er ihm die Gestalt
des Schauspielers zuschreibt, die Gestalt einer Figur also,
die, wenn erfolgreich, in unserer Gesellschaft die höchste
Anerkennung genießt. Anerkennung genießen auch
der Reisende (weil sich nicht jeder eine Reise leisten kann)
und der Eroberer (was immer er erobert, und wenn es ein
guter Job in einem großen Unternehmen ist). Was ich
damit sagen will, ist, Camus’ Buch liegt nicht nur
ein bisschen falsch und beinhaltet den einen oder anderen
kleinen Irrtum, sondern es erzeugt vor unseren Augen das
Bild von einer völlig verkehrten Welt und ist damit
selbst eine komplette Irreführung. Man sollte hoffen,
dass möglichst wenige Menschen auf dieses Buch hereinfallen.
Bin ich
damit fertig? Nein, damit bin ich immer noch nicht fertig,
denn jetzt komme ich zur Hauptsache: Wogegen revoltiert
denn dieser Mensch eigentlich, der gegen das Absurde revoltiert?
Denn Camus zufolge sollte jener Mensch, der die Absurdität
der Welt eingesehen hat und sich innerhalb der Grenzen der
Vernunft bewegt, in einer permanenten Revolte leben, die
sich vor dem Sprung in den Glauben hütet. Doch wogegen
revoltiert dieser Mensch eigentlich? Gegen das Absurde.
Okay. Gegen den Tod. Okay. Gegen die Sinnlosigkeit des Lebens.
Meinetwegen. Aber man wird sehen, dass er gegen lauter Abstrakta
revoltiert. Niemals revoltiert er gegen konkrete gesellschaftliche
Umstände – und das hat zur Folge, dass er zwar
mit dem schauspielerischen Gestus der Revolte lebt, in Wirklichkeit
aber ein ganz angepasster Mensch ist, der gegen gar nichts
revoltiert.
Camus
hat das selbst mit seiner Darstellung vom Mythos von Sisyphos
am besten zum Ausdruck gebracht, jenem Text, der als Schlussstein
am Ende seines Buches steht und von allen Interpreten offenbar
immer falsch aufgefasst wurde. Diese starrten und starren
nämlich wie das Kaninchen auf die Schlange immer auf
den paradoxen Schlusssatz: „Wir müssen uns Sisyphos
als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (S.
101) Dabei zeigt seine Figur sehr gut, was uns Camus als
den „ewige[n] Rebell[en]“ (=Überschrift
des Sisyphos-Kapitels) verkaufen will: einen Trottel, der
brav Steine auf einen Berg hinaufwälzt, so, wie man
es ihm angeschafft hat.
Nein,
tatsächlich ist Camus’ Mensch der Revolte kein
revoltierender Mensch, sondern er ist ein sehr angepasster
Mensch, der seine Pflicht tut („Wir haben bewußte
Menschen erlebt, die inmitten der törichsten Kriege
ihre Pflicht taten, ohne sich in einem Widerspruch zu empfinden.
Es handelte sich einfach darum, sich vor nichts zu drücken.
So gibt es auch ein metaphysisches Glück, die Absurdität
der Welt zu ertragen.“ (S. 79)) Aber er tut seine
Pflicht mit dem Gestus der Revolte und des Kampfes, sagt
fortwährend „Uh!“ und „Ah!“,
macht ein Gesicht, so als ob er die schwersten Kämpfe
ausfechten würde und fährt mit diesem Gesicht
ins Büro. Und danach fährt er mit demselben Gesicht
in den Supermarkt und kauft sich eine Fertigsuppe, die er
sich zu Hause aufwärmt. Ich kenne keinen übleren
Trick, um jungen Menschen das geschmacklose und langweilige
Leben, das unsere Gesellschaft uns bietet, schmackhaft zu
machen als diesen: Wie in einer schlau ausgedachten Werbekampagne
wird den Menschen eingeredet, sie seien Helden, die einen
schweren Kampf führten, während sie in Wirklichkeit
mit kämpferischem Gestus und umwölktem Gesicht
überhaupt keinen Kampf führen.
Was
ist das also für ein Buch, Der Mythos von Sisyphos,
was passiert in ihm? Im Wesentlichen passiert in ihm Folgendes:
Gesellschaftlichen Problemen wird in ihm ein metaphysischer
Mantel umgehängt, wodurch sie das Aussehen eines existenziellen
Dramas annehmen, in dem der Mensch allein mit der Vision
vom toten Gott, dem Tod und der Wüste in seinem Herzen
zu kämpfen hat. In Wirklichkeit stellt sich dieses
metaphysische Problem dem Menschen zwar grundsätzlich
schon, aber es stellt sich nicht so: Es stellt sich nicht
so, als wäre der Mensch in der Kammer seines Herzens
und seiner Vernunft ganz allein und könnte und müsste
über ewige Fragen entscheiden. In Wirklichkeit stellt
sich die Frage so, dass der Mensch inmitten von Menschen
lebt und sich fragen könnte: Und? Wie gehen denn meine
Mitmenschen mit diesem Problem um?
Und
hier fällt mir eine weitere Absurdität dieses
Buches auf: Es ist 1942 veröffentlicht worden. Also
mitten im Zweiten Weltkrieg. Und in diesem Umfeld fällt
es Albert Camus nicht auf, dass seine Mitmenschen gerade
Krieg führen und dass das eigentlich ein bisschen absurd
ist, was sie da tun. Sondern er findet das Absurde anstatt
dessen in der Materialität der Welt und in der Natur:
| „Eine
Stufe tiefer – und die Verfremdung ergreift uns:
die Wahrnehmung, daß die Welt <dicht> ist,
die Ahnung, wie sehr ein Stein fremd ist, undurchdringbar
für uns, und mit welcher Intensität die Natur
oder eine Landschaft uns verneint. In der Tiefe jeder
Schönheit liegt etwas Unmenschliches, und diese
Hügel, der sanfte Himmel, die Konturen der Bäume
– sie verlieren im Augenblick den trügerischen
Sinn, mit dem wir sie beachten, und liegen uns von nun
an ferner als ein verlorenes Paradies. Die primitive
Feindseligkeit der Welt, die durch die Jahrtausende
besteht, erhebt sich wieder gegen uns.“
(S. 17-18) |
Man
kann sich nicht genug darüber wundern, dass Camus die
„primitive Feindseligkeit“ von Hügeln unter
sanftem Himmel als schlimmer empfindet, als wären diese
Hügel mit Bomben und Tretminen gepflastert, als wären
sie mit Spionen und Verrätern oder fremden Soldaten
mit Maschinenpistolen bevölkert. Das bedeutet, Camus
lenkt ab von der eigentlichen Erfahrung des Absurden, die
wir in unserem Leben machen: Das ist die Erfahrung der Gesellschaft,
das sind unsere Mitmenschen. Ins grüne Gras des Hügels
setze ich mich ruhig nieder, aber warum beliebt es meinen
Mitmenschen, sich im Krieg gegenseitig abzuschlachten? Ist
das etwa nicht absurd?
Exkurs
zur Phänomenologie Husserls
Da
ich gerade bei offensichtlichen Widersinnigkeiten bin: Eine
weitere solche ist das, was Camus gegen Husserls Phänomenologie
vorzubringen hat. Damit verlasse ich zwar kurz die Ebene
des Gesellschaftlichen und begebe mich auf diejenige der
Erkenntnistheorie zurück. Aber: Weil es so schön
ist und so grell! Und weil es die Gelegenheit erlaubt zu
zeigen, wie verkehrt herum das Denken von Camus ist:
| „HUSSERLS
Methode leugnet ganz einfach das klassische Verfahren
der Vernunft. Um es zu wiederholen: denken heißt
nicht zusammenfassen, unter dem Gesichtspunkt eines
großen Prinzips die Erscheinung vertraut machen;
denken heißt wieder sehen lernen, heißt
sein Bewußtsein lenken und aus jeder Vorstellung
etwas Besonderes, Bevorzugtes machen. Oder anders ausgedrückt:
die Phänomenologie weigert sich, die Welt zu erklären,
sie will nur Erlebtes beschreiben. Mit ihrer Ausgangs-Behauptung,
dass es keine Wahrheit, sondern nur Wahrheiten gebe,
stößt sie auf das absurde Denken.“
(S. 40-41) |
Die
phänomenologische Methode ist also in den Augen von
Camus absurd, weil es in ihr keine Wahrheit mehr gibt, sondern
nur noch Wahrheiten und weil sie uns wieder zu sehen lehrt.
Und das ist absurd, weil es dem klassischen Verfahren der
Vernunft widerspricht, Wahrheit durch die Zusammenfassung
von Einzelnem und Verstreutem in einem erklärenden
Prinzip aufzufinden. Man muss sich nun einmal bewusst machen,
was Camus hier sagt: Sehen zu lernen sei absurd! Ich würde
eher das Gegenteil absurd nennen: Blindheit bei offenen
Augen, und zwar insbesondere jene selbstverschuldete, die
dadurch zustande kommt, dass man nicht mehr hinschaut, weil
man glaubt, schon alles zu wissen. Tatsächlich wohnt
diese Gefahr dem „klassischen Verfahren der Vernunft“
immer inne. Zu jemandem, der genau davor warnt und die Menschen
ermuntert, doch wieder ein bisschen zu schauen, zu sagen,
das Schauen sei absurd, das finde ich in höchstem Grade
absurd! Ich zumindest werde mir das Schauen nicht von Camus
austreiben lassen, auch wenn es das Sehen – per definitionem
schon – immer nur mit dem Einzelnen zu tun hat. Nein,
die Behauptung von Camus, das Sehen sei absurd, ist wohl
der offensichtlichste Widersinn und die frappierendste Absurdität
in diesem Buch.
Exkursende
Und warum lassen in Friedenszeiten die Menschen den Einzelnen
mit der Erfahrung der Absurdität des Lebens allein?
Warum treiben sie ihn in die denkerische und kommunikative
Isolation nur weil er, beschäftigt mit seinen existentiellen
Fragen, kein so großes Interesse an Autos und Fußball
hat wie sie? Warum findet der denkende Mensch, muss der
denkende Mensch finden, dass seine Mitmenschen, obwohl sie
doch Münder und Zungen haben und der Sprache fähig
sind, unansprechbar sind, weil sie einerseits viel zu beschäftigt
sind mit Beruf, Familie und Urlaub und andererseits nicht
einmal verstehen können, dass es Fragen existentieller
und philosophischer Art auch noch gibt?
Somit
ist alles, was von Camus’ Buch bei ehrlicher Betrachtung
bleibt, Pose. Camus will uns das Gesicht eines schicken
und beneidenswerten Jugendlichen zeichnen, das dieser sich
daraus zurechtmacht, dass er dasselbe, was alle anderen
Menschen auch machen, mit kämpferischem und bedeutungsschwerem
Gesicht macht. Man könnte sich auch noch weitere sehr
„böse“ Gedanken über Camus Buch zimmern:
So zum Beispiel, dass seine „Ethik der Quantität“
doch eigentlich sehr gut zu den Intentionen heutiger Konsumgüterkonzerne
mit ihrem Streben nach „schnelldrehenden Produkten“
(FMCG – Fast Moving Consumer Goods) passt. Schnelldrehende
Konsumprodukte sind solche, die schnell im Verkaufsregal
abverkauft werden oder rotieren. Die Konzerne haben ein
Interesse daran, dass Zahnpasten oder Haarwaschmittel möglichst
viele Verkaufs-Rotationen im Jahr durchmachen. Soll ein
Mensch nach Camus möglichst viele Erfahrungen machen,
ja sogar „durch die Quantität der Erfahrungen
alle Rekorde schlagen“ (S. 55), dann soll er wahrscheinlich
auch möglichst oft Haarwaschmittel verwenden. Mit einem
Wort, das ist die rechte Philosophie für Procter &
Gamble und Johnson & Johnson.

Doch
nein, ich muss jetzt aufhören, sonst vergesse ich mich
noch. Ich muss zugeben, dass mir dieses Buch ziemlich in
die falsche Röhre gekommen ist. So ein Schwachsinn!
Dass es so erfolgreich gewesen ist, dafür kann man
die Ursachen wohl wiederum nur in der Gesellschaft suchen.
Von den 1940er Jahren bis zu den 1970er Jahren ist es offenbar
attraktiv gewesen, vollkommen angepasste Typen mit rebellischem
Gehabe als Vorbilder zu verkaufen. Gleichzeitig handelt
es sich bei Der Mythos von Sisyphos freilich um
ein ideales Buch für Pubertierende: Pubertierende Buben
liegen in ihrem Zimmer, hören laute Musik, müssen
ihren Lebensunterhalt noch nicht selber verdienen und glauben
deshalb, die Hauptprobleme, die sie haben, seien metaphysischer
Art. Versorgt von ihren Eltern, befinden sie sich in einer
gesellschaftsbefreiten und dadurch metaphysischen Blase,
die sie glauben lässt, die Probleme ihrer Eltern seien
banal und die ihrigen viel tiefer, weil existentiell. Es
dauert seine Zeit, bis ihnen die Gesellschaft auf den Fuß
steigt, damit sie merken, dass zuerst ihre Zehen weh tun,
bevor dann erst – dahinter – der Tod sie schmerzt.
So war
es wohl auch die Alchemie des Gesellschaftlichen, die dieses
Buch in die Höhe gehoben hat, weil ihr eine Weile lang
das Bild vom kämpferischen Menschen des Absurden nützlich
erschien. Gefährlich konnte es ihr ohnehin nicht erscheinen,
weil Camus’ Mensch des Absurden brav seine Pflicht
erfüllt. So förderte sie eine Zeitlang diesen
Gestus der Entschlossenheit und der Kampfbereitschaft des
Tatmenschen, wohl auch um pubertierende Jugendliche (die
glaubten, sich gar nicht mit gesellschaftlichen, sondern
mit metaphysischen Problemen zu beschäftigen) auf diese
Weise einzufangen. Mit Speck fängt man Mäuse –
und mit der Erfahrung des Absurden kann man offenbar sowohl
Menschen erzeugen, die für Situationen der Kriegsmobilisierung
taugen wie auch solche zur Steigerung des Wirtschaftswachstums.
Meine
kleine und bescheidene Anregung wäre also: Man sollte
doch ein wenig umsichtiger argumentieren, wenn man argumentiert
– und z.B. nicht vergessen, dass wir zum Fleischhauer
gehen und Sozialversicherung bezahlen, während wir
darüber nachdenken, dass Gott tot ist und das Leben
absurd. Wir befinden uns in keinem Diskurs mit Gott und
der Sinnlosigkeit des Lebens nach Gottes Tod, jedenfalls
stehen wir diesen Einheiten nicht allein und auf gleicher
Ebene gegenüber: „Der Tod ist durch Verachtung
zu besiegen.“ (S. 115) schreibt Liselotte Richter
im Nachwort („Enzyklopädisches Stichwort“)
zu diesem Buch, und Camus schreibt: „Es gibt kein
Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden
kann.“ (S. 99) Also das ist völlige Maßlosigkeit,
was hier zum Ausdruck kommt. Der Tod wird uns schon zerquetschen,
sobald er nur kommt, und ebenso kann das ein jedes Schicksal,
das uns ein wenig härter anfasst. Man sollte beim Philosophieren
doch ein bisschen die Dimensionen der Dinge im Blick behalten.
Ich kann
daher nur die Nützlichkeit von Camus’ Philosophie
für die Gesellschaft hervorheben, die gleichsam als
Nebenprodukt seines metaphysisch-religiösen Schaukampfes
abfällt: Dass jemand jedes Schicksal mit seiner Verachtung
überwinden kann, selbst das der sinnlosen und anstrengenden
Wiederholung, in dem Sisyphos gefangen ist… - das
wäre doch eigentlich der rechte Inhalt für einen
Kurs zum Anlernen von FließbandarbeiterInnen. Das
wäre die rechte psychische Einstellung, mit der man
sinnlose, anstrengende und repetitive Arbeiten ertragen
kann. Die Folge wäre: Die Gesellschaft kann die Arbeitsbedingungen
noch sinnloser gestalten, denn nun haben wir ja die Personen
zur Verfügung, die das aushalten.
Nein,
um Camus’ Schlusssatz vom Sisyphos, den wir uns als
einen glücklichen Menschen vorzustellen hätten,
einen ähnlich eingängigen und bedenkenswerten
Satz zur Seite zu stellen: Ein Mensch, der dabei glücklich
ist, einen Stein auf einen Berg hinaufzurollen, verdient
auch nichts Besseres, als dass man ihn Steine auf Berge
hinaufrollen lässt!
Ausgeblendet
bleibt das eigentliche Problem, über das es nachzudenken
gälte: Warum ist das Leben in der menschlichen Gesellschaft
weit unangenehmer, als es sein müsste? Doch auch diese
Frage genügt noch nicht, um das Problem, um das es
wirklich ginge, in seinem Inhalt verständlich zu machen.
Wir machen uns das Leben ja nicht nur viel schwerer als
es sein müsste, sondern: Warum erzeugt die Gesellschaft
selbst außerdem noch soviel Absurdität in unserem
Leben zusätzlich zu der existentiell ohnehin schon
bestehenden? Denn die Gesellschaft hilft uns ja nicht nur
nicht, die Last unseres ohnehin schon absurden Lebens zu
erleichtern, sondern erzeugt selber aktiv das Absurde und
nimmt uns Lebensqualität weg. Die gesellschaftlichen
Mechanismen, die dazu führen, werden verschiedentlich
immer wieder einmal angedeutet, so auch – in satirischer
Weise – in dem Buch Der kleine Machiavelli.
Handbuch der Macht für den alltäglichen Gebrauch.
Von Peter Noll und Hans Rudolf Bachmann (Piper, München
2007 (1987)). Ich erlaube es mir hier, aus diesem leichtfüßigen
Ratgeberbuch zu zitieren, weil es ohnehin nicht um einen
genauen soziologischen Nachweis geht, sondern darum, eine
Vorstellung davon zu geben, wovon überhaupt die Rede
ist, wenn ich sage, dass die Gesellschaft das Absurde erzeugt:
„Manche
wundern sich unentwegt darüber, dass höchste
Managerstellen bis hinauf in die Generaldirektion
und in die Aufsichtsräte fast ausschließlich
mit Menschen besetzt sind, die man eigentlich nur
negativ, durch die Eigenschaften, die ihnen fehlen,
beschreiben kann. Die Engländer haben dafür
einen allerdings nicht übersetzbaren Ausdruck:
„just right.“ Wir nennen diese Menschen
hier >die grauen Mäuse<.“ (S.
36)
„Die
freie Wirtschaft, meint man, lebt und wächst
durch das Walten von vielen einfallsreichen, kreativen,
unkonventionellen Typen, die eben wegen dieser ihrer
Eigenschaften die Produktivität unserer Wirtschaft
gewährleisten. Das Gegenteil ist leider der Fall.
Zwar gibt es tatsächlich die kreativen, einfallsreichen
und fleißigen Typen, sonst gäbe es ja auch
nicht die immer neuen Produkte, mit denen unablässig
neue wirkliche oder vermeintliche oder künstlich
hervorgerufene Bedürfnisse befriedigt werden.
Diese Typen aber haben praktisch nie Machtpositionen
im Apparat eines Unternehmens inne; sie sind Außenseiter,
die irgendwo in einem Labor herumbasteln, aus lauter
Spaß an der eigenen Kreativität, oder sie
stehen noch tiefer, sind junge Wissenschaftler oder
Techniker, die Neues hervorbringen, weil sie Freude
haben an ihrer eigenen schöpferischen Energie
und an dem Werk, das ihnen nachher von den grauen
Mäusen weggenommen und zur Vermarktung weitergegeben
wird.“ (S. 45)
|
Die
Gesellschaft erwartet und fordert also von uns, dass wir
langweilig seien, dass wir graue Mäuse seien. Und sie
verlangt von uns – bei der Strafe von Erfolglosigkeit
und Verlust im gesellschaftlichen Machtspiel – dass
wir nur einen Teil unserer Persönlichkeit realisieren
(denjenigen, der innerhalb der Rolle der grauen Maus Platz
hat) und unser Leben vergeuden. Wir vergeuden unser Leben,
indem wir unser gesamtes berufliches Leben durchwarten und
auf die Zeit danach warten, in der wir – in Rente/Pension
– endlich leben dürfen und wieder als ganze Menschen
leben dürfen. (Es ist jedoch klar, dass ein Mensch,
der sein ganzes Leben als Viertel-, Achtel-, Sechzehntel-
oder Zweiundreißigstelmensch zugebracht hat, auch
an seinem Lebensabend kein ganzer Mensch mehr werden kann.
Er weiß ja auch gar nicht, was ein ganzer Mensch ist,
wie es sich anfühlt, ein ganzer Mensch zu sein.) Hier
ist außerdem hinzuzufügen, dass das Gesagte im
Zeitalter der Globalisierung mit seiner gesteigerten Konkurrenz
auf dem Arbeitsmarkt schon lange nicht mehr nur für
Manager gilt: Für alle denkbaren Posten werden heute
nur noch möglichst zurechtgeschliffene Typen gesucht,
die alleine schon durch ihren Lebenslauf kundtun, dass sie
graue Mäuse sind.
Ich glaube,
an diesem Punkt wird erst der wahre Abgrund zwischen meinem
Denken und dem von Camus sichtbar: Während Camus darüber
nachdenkt, dass das menschliche Leben absurd ist und was
der Mensch angesichts dessen tun könnte, quält
mich das Problem, dass Camus’ Analyse zwar stimmt,
der Mensch sich jedoch nicht einmal mit den Grundproblemen
seiner Existenz auseinandersetzen kann, weil die Gesellschaft
ihn davon abhält. Hat Camus Recht und das Leben ist
absurd, so wäre es doch das Natürlichste, wenn
der Mensch sich mit diesem Problem auseinandersetzt. Denn
man spürt keine Disharmonie in sich selber, wenn man
sich mit dem beschäftigt, was einen beschäftigt,
selbst wenn es sich dabei um das Absurde handelt. Daher
kommt das eigentliche Absurde nicht schon durch den Tod
Gottes oder durch die „Dichte“ von Steinen in
das Menschenleben, sondern durch die Gesellschaft, die den
Menschen durch ihre Organisation und ihre Forderungen an
ihn davon abhält, sich mit seinen eigentlichen Problemen
zu beschäftigen. Denn nur in der Beschäftigung
mit dem, was ihn beschäftigt, kann er ein ganzer Mensch
werden – und die Gesellschaft könnte durchaus
einen Zustand herstellen, in dem wir uns mit dem beschäftigen
können, was uns beschäftigt, in dem es diesen
Freiraum für die Reflexion gibt. Doch anstatt dessen
zerschneidet sie den Menschen in kleine Streifen und lässt
ihn seine Existenz nur durch einen schmalen Spalt anschauen.
Ist diese
Situation nicht noch viel absurder als die Absurdität,
die Camus beschreibt? Bevor man also überhaupt über
das Problem der Absurdität des Menschenlebens große
Worte macht, müsste man fordern, dass der Mensch sich
diesem Problem überhaupt als ganzer Mensch gegenüber
stellen und sich mit ihm auseinandersetzen dürfte.
Schon das ist nicht gegeben. Es ist wahrlich absurd, unter
diesen Umständen das Problem der Absurdität vorzutragen.
Man muss sich dieses Missverhältnis einmal vergegenwärtigen:
Da ist das Problem der Absurdität des Lebens, aber
vielleicht wäre es gestaltbar, wenn man sich wenigstens
mit ihm auseinandersetzen könnte. Aber man kann sich
gar nicht mit ihm auseinandersetzen, weil die Gesellschaft,
in der man lebt, ein unmenschliches Leben von einem verlangt,
ein Leben, in dem man nicht ganz ist, sondern gespalten,
und ein Leben auch, in dem man nicht Mensch ist, sondern
ein berechenbares Ding, das nichts mehr tut als seine Funktion
zu erfüllen an dem gesellschaftlichen Ort, an dem es
der Zufall verloren hat. Damit aber der Mensch sich mit
dem Problem der Absurdität seines Lebens auseinandersetzen
könnte, müsste er zuerst Mensch sein, müsste
man ihn zuerst Mensch sein lassen – und schon das
ist nicht gegeben. Man sieht also: Camus’ Buch ist
ein völlig absurdes, weil nutzloses Buch. Und das gilt
sogar obwohl es einen wahren Kern hat, nämlich das
Problem der Absurdität des Menschenlebens. Aber es
macht dieses Problem zurecht, sodass dadurch bei den Lesern
bloß eine Verwirrung über die und Missdeutung
der sozialen Realität entsteht, in der wir leben.
27. Juni
2010
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