| Einige
Gedanken zu Philip Roths
Everyman
Reclam,
Stuttgart 2008
Das Erstaunlichste
an dem Buch ist, dass es eigentlich von nichts erzählt,
dass es nichts zu erzählen hat.
Und dennoch erzählt es nicht nur von einem „Kampf“,
sondern von einem „Massaker, wie es das selbst in
Worte fasst – von jenem Massaker, welches das Alter
ist.
„Yet
what he’d learned was nothing when measured against
the inevitable onslaught that is the end of life. He had
been aware of the mortal suffering of every man and woman
he happened to have known during all his years of professional
life, of each one’s painful story of regret and loss
and stoicism, of fear and panic and isolation and dread,
had he learned of every last thing they had parted with
that had once been vitally theirs and of how, systematically,
they were being destroyed […] Old age isn’t
a battle; old age is a massacre.” (S. 172)
Im Grunde
erzählt es vom Leben eines amerikanischen Sohnes eines
Schmuckhändlers, der es in seiner beruflichen Laufbahn
zur Stellung eines Art Directors in einer New Yorker Werbeagentur
gebracht hat, der also durchaus erfolgreich ist, keine Geldsorgen
hat und drei Ehen durchlebt, wobei er in der letzten mit
einer 24 jährigen blonden Dänin sogar noch Gelegenheit
zur Erfüllung seiner erotischen Wünsche findet.
Ein vollkommen
gelungenes Leben also? Nun, nach „vollkommen gelungen“,
klingt es im Roman eigentlich nicht. Denn erstens kommt
der Protagonist zu seinen Ehefrauen wie die sprichwörtliche
Jungfrau zum Kind, also das Leben spielt mit ihm; zweitens
häuft er im Laufe seines Lebens eine Menge (an moralischer)
Schuld an, ganz einfach dadurch, indem er den Irrwegen seines
Lebens folgt: Da sind etwa die beiden Söhne aus seiner
ersten Ehe, die ihm noch auf seinem Begräbnis böse
sind, weil er sie verlassen hat, und da ist Phoebe, seine
zweite Ehefrau, die er für eine junge erotische Dumpfbacke
verlassen hat.
Aber
das Leben ist auch schön; das wird im Roman dargestellt
in der Form einer Beschreibung, wie sehr er als Jugendlicher
das Schwimmen im atlantischen Ozean liebte.
Die bezeichnendste Stelle für den Roman ist aber jene,
wo gesagt wird: „Es vergingen 22 Jahre in perfekter
Gesundheit.“ Das bedeutet: Von diesen (guten) Jahren
gibt es nichts zu berichten; erzählt wird in diesem
Roman nämlich nur von gesundheitlichen Problemen:
„Twenty-two
years passed. Twenty-two years of excellent health and the
boundless self-assurance that flows from being fit –
twenty-two years spared the adversary that is illness and
the calamity that waits in the wings.“ (S.
49)
Es beginnt
mit einem Leistenbruch in der Jugendzeit des Protagonisten,
dann hat er einen Blinddarmdurchbruch als Erwachsener und
mit knapp über 60 Jahren beginnen seine Herz- und Aterienprobleme:
Er bekommt einen fünffachen Bypass, erfährt von
einem unbemerkten Herzhinterwandinfarkt, hat eine verstopfte
Nierenaterie, die geöffnet werden muss und dann zwei
verstopfte Halsschlagadern, die im Abstand von einem Jahr
ausgekratzt werden müssen; bei der zweiten dieser letzteren
Operationen stirbt er.
Daneben sterben in der letzten Zeit auch seine Freunde und
Arbeitskollegen, wie das eben im Alter so ist.
Mit
einem Wort, das Erstaunliche an dem Roman ist – wenn
es einem gelingt, ihn mit ausreichend naiven Augen zu betrachten
– dass hier der vollkommenste Friede wie der blutigste
Krieg geschildert wird. Andere Geschichten erzählen
vielleicht vom Krieg oder von materieller Not, und sobald
der Krieg vorüber ist oder sich die Protagonisten in
halbwegs stabilen Lebensumständen erfangen haben, enden
sie – gewissermaßen mit einem: „Und sie
lebten glücklich und zufrieden von da an bis zu ihrem
Lebensende.“ Oder sie enden nicht glücklich:
Ich musste an John Steinbecks The Grapes of Wrath
denken, das ich als Schüler gelesen hatte, in welchem
schon das junge, gesunde Leben als beinharter Kampf ums
Überleben geschildert wird und nicht erst Krankheit
und Alter – in gewisser Weise ist Everyman
das genaue Gegenteil davon.
Philip
Roths Roman Everyman erzählt genau von dem
Lebensbereich, von dem andere Geschichten nicht erzählen.
Er erzählt nicht von Lebensschwierigkeiten und der
Mühe, mit der sie zu bewältigen sind, sondern
er erzählt vom Glück (und vom Wohlstand) –
und davon, wie schwer es zu ertragen ist, weil es Dinge
gibt wie Krankheit, die Hinfälligkeit des eigenen Körpers
und den Tod.
Es kann
sein, dass einen beim Lesen der Gedanke überfällt:
Es ist ja kein Wunder, dass der Roman nur aus negativen
Dingen besteht, weil ja auch nur die negativen Lebenserfahrungen
erzählt werden. (Die guten, die es ja auch geben muss,
werden schlicht nicht erzählt.)
Andererseits gibt es diese negativen Erfahrungen natürlich
notwendigerweise in jedem Leben: Krankheit und Tod müssen
sein, denn durch irgendetwas muss das Leben einmal enden.
Nun kann man freilich gegen Krankheit und Tod rebellieren,
schließlich will niemand Schmerz erleiden oder sterben.
Aber gleichzeitig scheint das alle anderen Geschichten zu
entwerten, jene Geschichten, die von „wirklichen“
Problemen handeln. Aber wie – sind Krankheit und Tod
etwa keine wirklichen Probleme? Freilich sind sie das. Aber
Roths Roman Everyman verkehrt gleichsam das Verhältnis
von Dargestelltem und Hintergrund im Vergleich zu anderen
Erzählungen. Hat das tägliche Leben in anderen
Geschichten die Intensität null (= es muss nicht erzählt
werden), während die erzählten Erlebnisse eine
stark negative oder positive Intensität haben (Probleme,
die bewältigt werden müssen, oder Abenteuer, die
als genussvoll erlebt werden), so ist es im Everyman
genau umgekehrt: Das, was normalerweise in Geschichten erzählt
wird (= dem Leben Sinn gebende Erfahrungen), wird hier nicht
erzählt; hingegen wird vom gewöhnlichen Leben
erzählt (also vom biologischen Leben; vom Leben, das
abläuft) und zwar in einer Weise, welche dieses Leben
in den Kontrast absoluten Horrors gegenüber dem Tod
setzt, denn:
„It’s
because once one has tasted life, death does not even seem
natural.“ (S. 185)
Und eben
hierin liegt vielleicht das Philosophische in dem Buch.
Sich auf eine derartige Alternative zu kaprizieren (Entweder
man lebt, aber dann will man ewig leben; oder man ist von
Natur aus, durch den schwächlichen Körper, zum
Tode verurteilt, aber in dem Fall vergraust einem der Tod
das ganze Leben.) ist ja schon existenzialistisch zu nennen.
Kierkegaard machte dasselbe, indem er meinte, entweder man
könne glauben, dann ist es sogar egal, ob es einen
Gott gibt; denn sobald man nur glauben kann, muss man schon
nicht mehr verzweifeln – oder aber man könne
nicht glauben, weil sich der Zweifel in den Glauben einschleiche,
aber sobald man zweifelt, müsse man auch verzweifeln.
Das Philosophische
daran ist wohl, so eine Sache überhaupt einmal zu thematisieren,
die doch für keinen Menschen ein Thema ist, obwohl
es doch für alle Menschen – und insbesondere
in unserer heutigen Zeit – ein Thema wäre und
sein müsste: Denn viele Menschen haben in der heutigen
Zeit ihre Sinnstabilisierung des Lebens durch den religiösen
Glauben verloren, sodass ihnen nichts übrig bleibt
als Wohlstand in Todesangst – das ist sozusagen die
sozialdemokratische Vorstellung vom geglückten Leben
(jetzt gleichzeitig oft auch noch verbunden mit Angst um
den Wohlstand). Aber es ist auch sehr schwer, die heutigen
Menschen anzusprechen, die sich durch Arbeit und Freizeitbeschäftigungen
vom Nachdenken ablenken (wollen), damit sie nicht an die
eigene Endlichkeit denken müssen.
Die zweite
philosophische Eigenschaft, die einer solchen „unbedingten“
Alternative innewohnt, ist natürlich die, dass sie
sich nicht einfach lösen lässt – ja sogar
vielleicht überhaupt nicht gelöst werden will.
So etwas stört die heutigen Menschen auch sehr, die
von einem Problem ohne Lösung nichts wissen wollen
(die also die tragische Dimension des Lebens nicht anerkennen
wollen), in welchem Fall sie sofort mit dem Vorwurf kommen,
es lohne sich nicht, über ein derartiges Problem nachzudenken.
(Und tatsächlich lohnt es sich nicht, denn wir Menschen
müssen alle sterben – und es ist noch kein Mittel
dagegen erfunden worden. Aus dem Grund denkt die Öffentlichkeit
auch nicht über dieses Thema nach. Kein öffentlicher
Diskurs handelt über dieses Thema ab. Somit bleibt
nur eine Möglichkeit übrig: Der Mensch, ein jeder
einzelne für sich selber und immer allein muss den
Tod „schlucken“, muss mit der Aussicht auf den
Tod leben und das Sterben erleben.)
Übrigens
endet der Roman Everyman nicht, ohne dass der Protagonist
sich auf den Tod vorbereitet hätte. Er, als Ungläubiger,
erledigt das durch einen Friedhofsbesuch, bei dem er sich
vom Totengräber erklären lässt, wie dieser
ein Grab aushebt. Dinge, wie dass der Boden es Grablochs
ganz eben sein müsse wie ein Bett, auf das man sich
legen könne, gewinnen da große Bedeutung. Der
Protagonist bereitet sich auf seinen Tod vor, indem er sich
mit dem Gedanken vertraut macht, wo er einmal liegen wird
und was mit seinem Körper gemacht werden wird. Hier
liegt gewissermaßen die Religiosität des unreligiösen
Menschen und wiederum etwas – Handlungen von bestenfalls
symbolischen Wert – für das die Gesellschaft
blind ist und das deshalb auch auf der Ebene der gesellschaftlichen
Realität nicht existiert.
Worin
liegt nun der Wert einer derartigen „philosophischen“
Thematisierung von etwas, „das wir ohnehin nicht ändern
können“, wie das immer heißt? Nun, mir
scheint, der Wert ist so groß wie die Gegenkraft der
Gesellschaft, welche fortwährend dazu drängt,
das Thema Krankheit und Tod zu verschweigen. Krankheit und
Tod sind unangenehme Themen, aber sie gehören zu einem
menschlichen Leben (wohlgemerkt: selbst noch in der Rebellion
gegen sie gehören sie zum menschlichen Leben) und durch
ihr Verschweigen aus dem Bewusstsein wird die Gesellschaft
eine unmenschliche. Oder, was dasselbe ist: Durch ihr Verschweigen
leugnet die Gesellschaft, dass das menschliche Leben als
individuelles gelebt wird. Die Werbebranche lebt weiter,
während die alten Arbeitskollegen und Vorgesetzten
des Protagonisten sterben oder unter der Last von Depressionen
zusammenbrechen. Die Menschen sterben, das System lebt.
Laut zu sagen, dass die Menschen sterben, bedeutet heute
schon, ihnen ein wenig von dem Leben zurückzugeben,
das ihnen das Sozialsystem und seine Organisationen mit
ihrer bunten Vitalität genommen haben. Die Marketingwirtschaft
hat freilich allemal mehr Lebenskraft in sich als die einzelnen
Menschen (wenn auch nur dadurch, dass sie ihre Lebenskraft
aus den Menschen bezieht und sie dann überlebt). Eben
deshalb ist es wichtig, dass wir damit aufhören, uns
mit dem zu identifizieren, was mächtiger ist als wir
und zu sagen, die Wirtschaft sei menschlicher als wir, weil
sie den menschlichen Traum vom ewigen Leben besser erfüllt
als wir mit unseren gebrechlichen Körpern das könnten.
Was
die existenzielle Thematisierung des Themas betrifft, so
hat Everyman eine Ähnlichkeit mit dem Film
„Spirala“ (1978) des polnischen Regisseurs Krzysztof
Zanussi. In „Spirala“ bringt sich ein Mann aus
Angst vor dem Tod um. Das ist folgerichtig, denn wenn man
unter unerträglicher Todesangst leidet, ist es besser,
die Sache gleich hinter sich zu bringen als mit dieser Angst
weiterzuleben. Interessant ist in diesem Film, wie dieser
Mann, der zu seiner Todesangst gekommen sein muss, wie man
eine Entdeckung macht, alle anderen Menschen verwundert
anschaut, wie sie bloß ohne Todesangst leben können.
Ein Thomas Bernhardsches Motiv spielt da mit hinein: Gegenüber
dem Tod wird alles andere lächerlich – und damit
hätte man auch hier wieder einen philosophischen Hebel,
mit dem man sich von allen anderen Sachen befreien kann,
indem man sie gegenüber dem Tod relativiert.
Everyman
hat auch so einen „Hebel“. Auch in diesem Roman
erscheint der Alltag gegenüber der Größe
des Todes (oder auch gegenüber der selten erfahrenen
großen Schönheit des Lebens) als nicht einmal
erzählenswert: 22 Jahre vergingen in exzellenter Gesundheit.
Nur funktioniert Everyman umgekehrt als in der
klassischen Therapie durch Philosophie: Man kann sich nicht
durch den Anblick des Todes von den Alltäglichkeiten
des Lebens distanzieren, um dafür etwas zu tun oder
zu schaffen, was dem Leben wirklich Sinn gibt. Sondern Everyman
erzählt eigentlich von der Sinnlosigkeit solcher Sinn
gebender Anstrengungen. Der Protagonist malt in seiner Pensionszeit
eine Zeit lang, worauf er sich schon sein ganzes Berufsleben
lang gefreut hatte. Danach aber gefallen ihm seine eigenen
Bilder nicht mehr und er ertrinkt in der Langeweile, den
Atlantik den ganzen Tag anschauen zu müssen, obwohl
das jener Ozean ist, den er von Kind auf geliebt hatte.
Die Kunst rettet also nicht vor der Todesangst, scheint
der Roman zu sagen. Aber so etwas würde ich auch nie
behaupten, sondern nur, dass das Leben gestaltet werden
will und bereits scheitern kann, bevor man noch mit den
unmenschlich großen Fragen von Krankheit und Tod Schiffbruch
erleidet. Es stellt sich auch die Frage, ob dieser Mensch
unbedingt malen muss? Vielleicht könnte eine andere
Tätigkeit ihm eher das Gefühl von Sinn und Lebendigkeit
vermitteln? Der Roman jedoch stellt diese Tatsache hin wie
eine Behauptung: Auch künstlerische Betätigung
rettet uns nicht!
Ich kann
diese These nicht diskutieren, weil ich nicht in der Situation
dazu bin. Wenn ich selbst einmal alt und gebrechlich sein
werde, werde ich diese These auch nicht diskutieren, sondern
mit ihr im praktischen Leben ringen, indem ich versuchen
werde, meinen Leben immer noch einen Sinn zu geben. Und
ob ich dann siegen werde, weiß ich nicht – wohl
aber scheint mir, dass ein jeder Sieg des eigenen Willens
immer nur ein temporärer sein kann vor dem definitiven
Verzweifeln, dem das Aufgeben und die Resignation folgen.
Die Frage
ist also nicht so sehr diese, ob ich in Anbetracht von Krankheit
und Tod stärker oder furchtloser wäre als Philip
Roth und sein Romanheld, sondern eher die: Macht es wirklich
Sinn, von einem Leben, das in Wohlstand – in Butter
und Marmelade – verläuft, in Begriffen des schlimmsten
und blutigsten Massakers zu erzählen? Freilich hat
der Roman von einem gewissen Gesichtspunkt aus Recht, absolut
Recht sogar. Aber es erscheint mir eben doch fraglich, ob
eine derartige Darstellungsweise des Lebens dabei behilflich
sein kann, mir das Leben schmackhafter zu machen? In gewisser
Weise verkehrt mir eine solche Darstellungsweise des Lebens
alle Koordinaten der Orientierung. Es ist schon richtig,
dass Krankheit und Tod unausweichlich sind und auf uns warten,
aber deshalb nur von ihnen zu erzählen, bedeutet, das
Leben auf sie zu reduzieren. Und wenn diese Reduktion erst
mal vollzogen ist, wie könnte dann noch etwas anderes
in das Blickfeld kommen?
*
Aber
vielleicht hat dieser Roman hat doch einen Sinn, nämlich
das Nachdenken darauf zu lenken, wie das Leben aussehen
würde, wenn man sich nur Wohlstand und Wohlleben wünscht.
Es wäre ein „Massaker“ von gesundheitlichen
Problemen und zwar einfach deshalb, weil von etwas anderem
nicht erzählt wird, weil etwas anderes nicht vorkommt.
Es gibt, mit anderen Worten, keine Möglichkeit, unser
Streben nach Glück durch Wohlstand zu ersetzen. Damit
ist jene „sozialdemokratische Vorstellung vom geglückten
Leben“ angesprochen, die ich oben einmal erwähnt
habe. Viele leben ja so: Sie streben ein gutes Einkommen
und soziale Sicherheit an und wollen das Leben dann „genießen“.
Das Problem dabei ist nur, das Leben lässt sich nicht
„genießen“! Es lässt sich deshalb
nicht genießen, weil man sein Leben nicht in zurückgelehnter
Körperhaltung ablaufen lassen kann. Das heißt,
man kann schon und viele tun das ja auch, aber in dem Fall
wird es vom eigenen Leben nicht mehr zu erzählen geben
als die Krankheiten und Unglücksfälle, die man
durchstehen müsste. Mit anderen Worten, dasselbe wie
in Roths Everyman.
Das bedeutet,
man muss sein Leben als Abenteuer leben, damit es etwas
zu erzählen gibt über es, außer Krankheiten
und Operationen. Das bedeutet auch, der Traum, einmal ruhig
leben zu können, sich einmal zurücklehnen zu können,
der Traum vom Glück, also als etwas Stabilem, ist illusorisch.
Das Gegenteil von dieser Lebensauffassung ist wahr: Sobald
wir Wohlstand erreicht haben und in jeder Hinsicht abgesichert
sind, müssen wir erneut diese Dinge hinter uns lassen,
Risiken eingehen und Abenteuer bestehen, obwohl das vom
Gesichtspunkt des Hausverstands unvernünftig ist. Aber
tun wir es nicht, so verläuft unsere gesunde Zeit als
leere Zeit, von der nichts zu erzählen bleibt, und
die Zeit, in der wir krank sind, füllt als einzige
unser Leben mit Erzählungen. Aber das sind natürlich
ausschließlich Erzählungen, die davon zeugen,
dass das Leben ein Skandal ist und nicht wert, gelebt zu
werden.
Ein weiterer
erwähnenswerter Punkt: Es erscheint in diesem Roman
auch ein falsch verstandenes Konzept von Individualität.
Schon der Romantitel „Everyman“ vermittelt ja,
dass es sich bei diesem Protagonisten um einen jeden beliebigen
Menschen handeln könnte. Aber es gibt noch einen deutlicheren
Satz im Roman, welcher besagt, dass die Hauptfigur, wenn
sie eine Autobiografie schreiben würde, diese die Geschichte
eines männlichen Körpers nennen würde.
„Should
he ever write an autobiography, he’d call it The
Life and Death of a Male Body.“ (S.
61)
Es fragt
sich, wie ein Individuum, das sich von vornherein so weit
ins Allgemeine (ins Allgemeinmenschliche) zurückgezogen
hat, denn zu einer eigenen Geschichte (einer Geschichte
des eigenen Lebens) kommen könnte?
11. Sept. 2009 |