| Ethik
anhand von Fernando Savater
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Ethik zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung
Was
Ethik eigentlich sein sollte: ein Instrument zur Selbstbestimmung
des Menschen
Was
ich von Fernando Savater über Ethik gelernt habe –
und was mir so wichtig ist, dass ich meine Diplomarbeit
auch heute noch hoch in Ehren halte – ist, dass Ethik
eigentlich jene Disziplin ist (und vernünftigerweise
auch sein sollte), in der es um das gute Leben geht! Und
nicht jene Disziplin, so wie sie heute allgemein verstanden
wird, in der es darum geht, dass gute Taten getan werden
sollen und Begründungen geliefert werden, warum sie
getan werden sollen.
Fernando
Savater hat mir gezeigt, dass es in der Ethik darum geht,
dass der einzelne Mensch darüber nachdenkt, worin für
ihn selber ein gutes, glückliches Leben besteht und
was er dazu tun sollte, um dieses gute, glückliche
Leben zu erreichen. In dieser Konzeption von Ethik –
die mit der ursprünglichen, von Aristoteles ersonnenen
Konzeption der Ethik, übereinstimmt - beurteilt der
einzelne Mensch seine eigenen Handlungen und Lebensziele.
Dem heute gängigen Verständnis von Ethik zufolge
besteht Ethik hingegen darin, dass meine Handlungen von
anderen Menschen, von den Spezialisten der Ethik, beurteilt
werden.
Diese
Erkenntnis von dem, was Ethik eigentlich sein sollte, ist
von nicht geringer Bedeutung: Folgt aus ihr doch, dass fast
alle Publikationen über Ethik, die heute auf dem Markt
sind, im Grunde schlichtweg Themenverfehlungen sind!
Fernando
Savater hat in seiner „Ethik der Eigenliebe“
(Etica del amor propio) gezeigt, dass man nicht aus der
Heteronomie, aus der Fremdbestimmung, herauskommt, wenn
man danach fragt, was das Gute sei und was eine gute Handlung;
oder wenn man versucht, sein eigenes Handeln nach allgemeingültigen
vernünftigen Grundsätzen auszurichten und danach
fragt, welche das sind. Sondern dass der einzige Weg zur
Autonomie, zur Selbstbestimmung, des Menschen, zu welcher
die Ethik ja eigentlich führen sollte, die Selbstaufklärung
des Willens ist, das heißt, indem der einzelne Mensch
über die Frage nachdenkt: „Was will ich eigentlich
wirklich in meinem Leben?“
"Lassen
wir das Gute und das Böse und Gutes und Böses
beiseite, weil sie kein Ausgangspunkt sind, sondern
ein Resultat. Die Frage, die die derzeitigen Gelehrten
der Ethik versucht, dreht sich um den ungebührlichen
Schritt vom „ist“ zum „soll“,
dem naturalistischen Fehlschluss. Hier kommt man
auch nicht weit. Das Sollen! Wen kann so eine Sache
schon wirklich interessieren? Nicht einmal Kant,
da bin ich sicher, auch wenn er es vortäuschte,
um seinen Diener bei Laune zu halten. Wenn ich mich
frage: „Warum soll ich diese oder jene Sache
tun?“ komme ich nicht aus der Infraethik heraus,
aus der Heteronomie, aus dem infantilen Stadium
der Moral. Wie es scheint, wenn man manche zeitgenössische
Autoren liest, ist das „Sollen“ so etwas
Seltenes und Wertvolles, so erhaben, dass es nicht
ohne Verminderung seines Werts aus dem „Sein“
kommen kann. Aber das Gegenteil ist viel wahrer:
um wieviel interessanter, reicher, komplexer, moralischer
ist doch das „ist“ gegenüber dem
„soll“! Dass sie uns nur das Sein hierlassen
und alle Sollen zur Hölle mitnehmen! Die Bedeutung
der moralischen Verpflichtung ist viel mehr einem
„ist“ als einem „soll“ ähnlich,
das ist das Geheimnis der umstrittenen Angelegenheit."
Fernando
Savater:
"Meine
Freundin, die Ethik, und ich"
aus dem Buch Sobre vivir
(Eigenübersetzung)
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Wenn
es das Gute gibt und man bestimmen kann, worin es besteht,
so wird es immer irgend einen Experten geben, der das besser
weiß als ich und ich werde niemals selbstbestimmt
handeln können. Ebenso, wenn man sein Handeln nach
allgemeingültigen vernünftigen Prinzipien ausrichten
sollte; auch in dem Fall werde ich niemals selbstbestimmt
leben und handeln können, weil es immer einen Professor
der Ethik geben wird, der aufgrund seines Wissens über
diese allgemeingültigen Grundsätze meine Handlungen
besser zu beurteilen versteht als ich selber.
"Worum
es sich dreht, ist also zu ergründen, was die
Menschen wollen. Die Ethik kommt von nirgendwo sonst
her, als aus dem menschlichen Willen. Ich bin moralisch,
nicht wann ich tue, was ich soll – pah! –
sondern wenn ich mich getraue, das zu tun, was ich
will. Das, was ich wirklich will. Aber es ist nicht
leicht, so etwas zu schaffen, schließlich
bleibt für mich auch mein eigenes Wollen zu
einem Gutteil im Dunkeln. Die Aufgabe der Ethik
ist weder, das Sollen zu begründen, noch es
in Dekaloge zu proportionieren, sondern das Wollen
aufzuklären. Schon seit der Antike haben sie
uns das gesagt: der Weg der Tugend ist der der Erkenntnis,
niemand ist absichtlich böse. Die Trivialität
skandalisiert sich vor so noblen Wahrheiten, welche
immer noch ein wenig gewagt klingen: „aber,
wollen denn die Individuen nicht sehr verschiedene
Dinge? Und was, wenn jemand das Verbrechen oder
das Laster will?“ Da sagte schon Spinoza:
wenn jemand klar sieht, dass es ihm angemessener
ist sich aufzuhängen, als ein gutes Essen zu
genießen, so soll er sich aufhängen und
uns in Ruhe lassen. Aber Vorsicht: der Witz liegt
darin, dass er es klar sieht..."
Fernando
Savater:
"Meine
Freundin, die Ethik, und ich"
aus dem Buch Sobre vivir
(Eigenübersetzung)
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Wozu Ethik geworden ist: Zu einem Instrument, um
andere Menschen zu beurteilen
Die
Ethik hat sich, aus meiner Perspektive gesprochen, im Laufe
ihrer Geschichte in ihr völliges Gegenteil verwandelt:
Von Aristoteles erdacht als Disziplin und Instrument für
den einzelnen Menschen, um zu mehr Selbstbestimmung im Handeln
zu kommen und ihn dazu zu motivieren, selbst darüber
nachzudenken, welche Handlungen er setzen will und wie er
seine eigenen Handlungen beurteilen soll, ist sie im Laufe
der Geschichte (Kant ist da der Wendepunkt, obwohl Savater
versichert, dass er selbst bei Kant nicht glauben kann,
dass so etwas Uninteressantes wie das Sollen ihn wirklich
interessiert haben sollte.) zu einem Instrument der Heteronomie,
der Fremdbestimmung, verkommen, wo Ethik-Experten das Handeln
von anderen Menschen beurteilen.
Die Ursachen der Verwandlung der Ethik in ihr Gegenteil
Wenn
man verstehen möchte, wie das möglich war, dass
die Ethik sich in ihr komplettes Gegenteil verwandeln konnte,
dann ist das nicht möglich, wenn man nicht danach fragt,
welche Interessen mit der Ethik verbunden werden. Wenn wir
beispielsweise an den Staat und an die Gesellschaft denken,
so ist leicht einzusehen, dass das „gute, glückliche
Leben“ für sie keine Kategorie darstellen kann
– erstens ist das Glück nicht objektiv messbar
und zweitens ist schwer einsehbar, warum der Gesellschaft
die Lebenszufriedenheit der Individuen so sehr am Herzen
liegen sollte wie den Individuen selber. Wenn wir hingegen
unser Augenmerk auf die Frage lenken, wie Handlungen von
Individuen vom Staat oder von der Gesellschaft beurteilt
werden können, dann sehen wir hier schon auf den ersten
Blick, dass in diesem Bereich aus gesellschaftlicher Sicht
großer Regelungsbedarf besteht: Angefangen von neuen
Bereichen wie Medizinethik oder Biomedizinethik, die einem
als erstes einfallen, weil sie häufig in den Medien
vorkommen, bis hin zu ganz traditionellen Bereichen wie
der Rechtsprechung oder dem Verhaltenskodex in einzelnen
Berufen hat die Gesellschaft das Bedürfnis, das Verhalten
von Individuen in verschiedenen Abstufungen als „gut“
oder „böse“ zu beurteilen, um auf diese
Weise ihr eigenes internes Funktionieren zu regulieren.

Aus
diesem einfachen Gedankengang allein heraus lässt sich
bereits verstehen, dass ein Staat oder eine Gesellschaft
ihre Professoren der Ethik eher weniger dafür bezahlen
wird, dass sie die Staatsbürger darin schulen, wie
diese das eigene Leben in den Griff bekommen und ein gutes
und glückliches Leben führen, denn das „gute
und glückliche Leben“ kann nur für den Einzelmenschen
eine handlungsleitende Kategorie sein; ein Staat oder eine
Gesellschaft können nicht einmal wissen, was das überhaupt
ist. Hingegen werden Staat und Gesellschaft, an ihrem eigenen
Funktionieren interessiert, dazu tendieren, die Experten
der Ethik dafür zu bezahlen, dass sie darüber
nachdenken, wie das Handeln anderer Menschen zu beurteilen
ist, und nach allgemeinen Grundsätzen für das
Handeln zu suchen, um die Beurteilungskriterien für
diese Handlungen zu vereinheitlichen und der Beurteilung
dadurch noch mehr Überzeugungskraft zu verleihen.
Vielleicht
kann man diesen Verwandlung der Ethik in ihr Gegenteil auch
so erklären, indem man sagt, dass die Ethik unseren
heutigen demokratischen und marktwirtschaftlichen Überzeugungen
zum Opfer gefallen ist. Denn während Aristoteles, als
freier Bürger im Stadtstaat Athen lebend, (in einer
Gesellschaft, in der es Sklaven gab), sich selber wertvoll
genug war, um über das eigene gute Leben nachzudenken
(und diesbezüglich seinem Sohn Nikomachus Ratschläge
zu geben), ist für uns heutige Menschen ein Produkt
erst dann von Wert, wenn wir es anderen Menschen und zwar
einer möglichst große Zahl von anderen Menschen
anbieten können.
Wenn
man also heute sagt, Ethik sei eine Disziplin, in der ein
einzelner Mensch über seine eigenen Handlungen nachdenkt,
um auf diese Weise ein gutes, glückliches Leben zu
erreichen, so ist das so ähnlich, als würde man
sagen, dass hier ein einziger Mensch ein einziges Produkt
und das auch nur für sich selber entwickelt. Eine solche
Idee ist für uns heutige Menschen völlig unattraktiv,
schließlich fördert sie weder unseren wirtschaftlichen
oder beruflichen Erfolg noch unser Ansehen bei anderen Menschen
– und aus diesem Grund ist sie auch fast (oder eigentlich
ganz) unverständlich.
Kleiner
Exkurs (zur besseren Verständlichkeit)
Vittorio
Hösle schreibt in seinem Buch Die Krise der
Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie.
Beck, München 1990. S. 147
„Warum
ist das Problem der Letztbegründung so wichtig?
Wie schon gesagt, kann allein dann, wenn es eine nicht-hypothetische
Erkenntnis gibt, sinnvollerweise von einem kategorischen
Imperativ ausgegangen werden – andernfalls gibt
es nur hypothetische Imperative, die besagen: „Wenn
du a willst, musst du b tun“. Welches a ich
aber will, hängt ganz von mir ab – es gibt
kein Kriterium dafür, legitime Ziele von illegitimen
abzugrenzen. Und wenn man darauf verweist, dass alle
Menschen nach Glück streben, so bleibt gegen
jede eudämonistische Ethik der alte Einwand übrig,
dass wir nicht ausschließen können, dass
bestimmte Wesen glücklicher werden, wenn sie
verbrecherisch handeln, als wenn sie es nicht tun.
(...) Damit ist aber jeder Eudämonismus in der
Ethik schon widerlegt.“
Das
ist in etwa die Gegenposition zu der von Fernando
Savater. Mein Vorschlag, wenn man es mit solch einem
Text wie dem von Vittorio Hösle zu tun hat, ist,
die einzelnen Perspektiven auseinanderzuhalten. Dann
wird man den Text gleich viel besser verstehen. Es
gibt da zuerst einmal die Ich-Perspektive, oder, umgelegt
auf die von Hösle diskutierten Inhalte: Wenn
es keine Letztbegründung gibt, kann ich dann
nicht mehr herausfinden, wie ich am besten handeln
sollte? Und dann gibt es die Wir-Perspektive: Wenn
wir keine Letztbegründung haben, können
wir dann noch einem anderen Menschen vorschreiben,
wie er handeln soll? Vittorio Hösle beantwortet
diese letztere Frage mit nein: Es gibt dann nur hypothetische
Imperative und das heißt, dass mein Handeln
nur davon abhängt, was ich tun will; meine Ziele
kann man mir hingegen nicht vorschreiben. Auch der
"alte Einwand" weist darauf hin, auf welcher
Perspektivenebene sich Vittorio Hösle vorzugsweise
aufhält: Es ist der andere Mensch, von dem man
befürchtet, dass er verbrecherisch handeln könnte
- und wogegen man die Ethik zu Hilfe ruft, damit sie
ihm das verbiete. Wir befinden uns hier also eindeutig
auf der Wir-Ebene, wobei dazuzusagen ist, dass die
Sprache der Wissenschaft in diesem Punkt ungenau ist,
weil sie die Autoren dazu nötigt, persönliche
Fürwörter zu vermeiden und so die Unterscheidung
der einzelnen Betrachterperspektiven erschwert.
Vittorio
Hösle befindet sich also nicht auf der Ebene,
wo ein Ich darüber nachdenkt, wie es besser handeln
könnte, sondern auf der Ebene, auf der ein Wir
(oder ein Ich im Namen eines Wir's) darüber nachdenkt,
wie und mit welcher Begründung es anderen Ichs
etwas vorschreiben/verbieten könnte, damit diese
Vorschrift oder dieses Verbot auch gehörig wirksam
ist. Nun kommt der zweite Punkt, auf den ich die Aufmerksamkeit
lenken möchte: Vittorio Hösle schreibt:
"Welches a ich aber will, hängt ganz von
mir ab" - und diese Folgerung scheint etwas Schlechtes
zu bedeuten, er vervollständigt den Satz nämlich
mit: "es gibt kein Kriterium dafür, legitime
Ziele von illegitimen abzugrenzen". Der Punkt,
auf den ich hinweisen möchte, ist der: Es erscheint
hier als etwas Schlechtes, wenn das a, das ich erreichen
will, von mir abhängt, aber, genau bedacht: Wenn
ich nicht in der Lage bin, mein Handlungsziel selbst
auszuwählen, dann kann ich auch nicht ethisch
handeln. Wenn es ein äußeres Kriterium
gäbe, das legitime von illegitimen Handlungszielen
unterscheidet und dieses Kriterium uns allen gemeinsam
klar vor Augen stehen würde, dann könnte
ich es mir sparen, darüber nachdenken, wie ich
handeln sollte, dann könnte ich mir das ethische
Nachdenken ganz sparen.
Ich
glaube, hier liegt der Knackpunkt, der Punkt der Verständnisunmöglichkeit
zwischen diesen beiden Positionen - und wahrscheinlich
ist das ein Punkt, den überhaupt viele Menschen
gar nicht verstehen: Vittorio Hösle würde
wohl sagen: "Wenn es kein Kriterium gibt für
die Unterscheidung von legitimen und illegitimen Handlungen,
dann ist es beliebig, wie ich handle." Und ich
würde drauf antworten: "Wenn es aber ein
Kriterium für die Unterscheidung von legitimen
und illegitimen Handlungen gäbe, dann könnte
ich mich nicht mehr für die eine oder andere
Handlungsweise entscheiden, weil dieses Kriterium
mir ja die Entscheidung bereits abgenommen hat."
Hösle würde sagen: "Ohne ein Kriterium
hätte ich keinen Anhaltspunkt, um mich entscheiden
zu können." Savater (oder ich) würde
drauf sagen: "Ja, aber mit einem Kriterium hast
du überhaupt keine Entscheidung mehr vor dir,
denn das Kriterium, das Gutes von Bösem unterscheidet,
beschneidet die Entscheidungsfreiheit des handelnden
Subjekts." Es ist dies tatsächlich ein Paradoxon:
Wenn ich wissen kann (durch eine Letztbegründung,
ein Kriterium für legitime und illegitime Taten),
wie ich handeln soll, dann bin ich unfrei und kann
mich nicht für die richtige oder die falsche
Tat entscheiden - und dadurch kann ich auch nicht
ethisch handeln, weil ethisch zu handeln ja bedeutet,
sich für die richtige Handlung zu entscheiden.
Das, nämlich mich zu entscheiden, geht aber nicht,
wenn schon von vornherein klar ist, welche die richtige
und welche die falsche Handlungsweise ist. Wenn ich
hingegen nicht weiß, welche die gute und welche
die schlechte Handlungsweise ist, dann bin ich frei,
die eine oder die andere für die gute zu halten
- und dann kann ich mich entscheiden.
Das
Paradoxon besteht also darin: Entweder man gibt mir
ein Geländer (das mich zum Guten führt),
aber dann kann ich mich nicht mehr entscheiden, das
Geländer führt mich - oder aber es gibt
kein Geländer und ich kann frei entscheiden,
dann aber erscheint es als "beliebig" (oder
wie Hösle sagt: "es hängt ganz von
mir ab"), wie sich jemand entscheidet - und überhaupt
ist es dann auch ganz unentscheidbar, ob eine Handlungsweise
gut oder böse ist. Ich würde allerdings
sagen, dass sich hier, auf der zweiten Seite des Paradoxons
zu demselben auch noch ein verbreitetes Vorurteil
hinzugesellt. Bevor ich dieses jedoch erkläre,
möchte ich vor der scheinbaren Selbsterklärungskraft
von Wörtern wie "beliebig" oder Ausdrücken
wie "es gibt keine Kriterien mehr" und "es
hängt dann nur von jedem Einzelnen ab" warnen:
Selbst wenn ethische Entscheidungen, also Entscheidungen
darüber, welchen Handlungsweg man einschlagen
soll, "beliebig" oder "Geschmackssache"
sein sollten, werden sie dadurch immer noch nicht
zu Entscheidungen zwischen Tee und Kaffee - ethischen
Entscheidungen haftet doch ein Ernst und eine Bedeutsamkeit
an, die sie von reinen Geschmacksfragen trennen, selbst
wenn sie selber auch Geschmacksfragen sein sollten.
(Und, wie vorher schon gesagt: Wenn es "nur von
jedem Einzelnen abhängt", wie er handelt,
"weil es keine moralischen Kriterien mehr gibt",
so bedeutet das ja auch nichts anderes, als dass es
von jedem Einzelnen abhängt, dass er ethisch
handelt; denn wenn es nicht von ihm abhinge, dann
gäbe es auch kein ethisches Handeln.)
Das
Vorurteil nun, von dem ich gesprochen habe, von dem
sich Autoren wie Vittorio Hösle und andere helfen
lassen, ohne das explizit zu erwähnen, gehört
irgendwie mit zu diesem Paradoxon. Es lautet ungefähr
so: Über etwas, das beliebig ist, lohnt es sich
eigentlich nicht nachzudenken, oder man kann darüber
eigentlich auch gar nicht nachdenken. Dieses Vorurteil
ist wie ein Trichter, es lenkt alles Nachdenken hin
auf die Alternative: Entweder finde ich eine Letztbegründung,
die mir ein Kriterium zur Unterscheidung von legitimen
und illegitimen Handeln gibt, oder aber es versinkt
alles in Beliebigkeit - und dann lohnt es sich eigentlich
nicht oder es ist dann auch ganz unmöglich, über
Ethik nachzudenken. Und das nun ist der Punkt, an
dem ich ansetzen würde: Ethische Entscheidungen
mögen beliebig sein, aber sie sind es, wie gesagt,
nicht in dem Sinn wie die (momentane) Entscheidung
zwischen Tee und Kaffee, wo ich mal kurz nachfühle,
nach welchem Geschmack es meine Zunge verlangt und
dann entscheide. Meine eigenen ethischen Entscheidungen
lassen sich vielleicht nicht zu hundert Prozent begründen,
aber möglicherweise zu achtzig Prozent, manchmal
vielleicht sogar zu neunundneunzig Prozent. In dem
Fall aber sollte ich es herausfinden, welche meine
Gründe und Motive sind - und in dem Grad, wie
sie sich identifizieren lassen, lassen sie sich auch
argumentieren. Dass letztlich am Grund meiner Motive
ein schwarzer, unerkennbarer Punkt bleibt, ist, wie
ich ausgeführt habe, notwendig, damit ich in
Freiheit entscheiden kann. Aber dass ich mich in Freiheit
entscheiden kann, macht meine Entscheidungen allein
noch nicht beliebig, und diese Beliebigkeit macht
es auch nicht überflüssig, mir über
meine Motive und Beweggründe klar zu werden,
soweit das nur irgend möglich ist, und diese
gegeneinander abzuwägen und zu rechtfertigen,
mit einem Wort, Ethik zu treiben. Kurz und gut: Es
ist einfach nicht wahr, wie es dieses Vorurteil aussehen
lässt, dass es keinen Sinn hätte, über
Ethik nachzudenken und Ethik zu treiben, wenn das
Handeln beliebig wäre oder nur von jedem Einzelnen
abhinge. Im Gegenteil wäre es gerade dann interessant
mit den anderen zu diskutieren und zu sagen: "Du,
ich habe herausgefunden, dass ich das aus diesem und
diesem Grund gemacht habe. Aus welchem Grund hast
du so und so gehandelt?"
Schließlich
gibt es auch noch einen dritten Punkt in Vittorio
Hösles Zitat, auf den ich hinweisen möchte.
Es ist nämlich so, dass er nicht nur, was die
Perspektiven betrifft, sondern auch noch anderswo
die Ebenen verwechselt oder mischt. Fernando Savaters
Antwort auf den "alten Einwand", "dass
wir nicht ausschließen können, dass bestimmte
Wesen glücklicher werden, wenn sie verbrecherisch
handeln, als wenn sie es nicht tun", kennen wir
schon. Er würde sagen: "Na und?" Oder
genauer gesagt, so wie es auch oben steht: "Wenn
jemand klar sieht, dass es ihm angemessener ist",
das Böse zu tun, dann soll er es tun. "Aber
Vorsicht: der Witz liegt darin, dass er es klar sieht..."
Man sieht hier auch den Perspektivenunterschied (Hösle
ist es wichtig, dass andere Menschen nicht verbrecherisch
handeln, während Savaters Ethik davon ausgeht,
dass ein jeder über sich selbst nachdenkt und
für sich selbst entscheidet), aber nicht nur:
Es besteht bei Hösle auch eine Ebenenverwechslung
insofern, als dass er mit ethischen Mitteln Probleme
des Rechts lösen will. Es ist nun nicht auszuschließen,
dass hinter einer gesetzlichen Bestimmung manchmal
auch ethische Werte stehen, man muss sich aber darüber
klar sein, dass Ethik und Recht zwei sehr verschiedene
Sphären sind, mit verschiedenen Handlungssubjekten
und dementsprechend auch unterschiedlichen Zielen.
Dass z.B. jemand nicht verbrecherisch werden soll,
ist ein Ziel der Gemeinschaft oder der Gesellschaft,
nicht aber ein Ziel von mir als Individuum. Meinetwegen
kann jemand ruhig ein Verbrecher werden, solange er
mich mit seinen Verbrechen in Ruhe lässt. Die
Gesellschaft hingegen muss sich um so etwas kümmern,
um ihre innere Ordnung aufrecht zu erhalten. Und aus
diesem Grund beschließt sie Gesetze und erhält
einen riesigen Apparat bestehend aus Richtern, Staatsanwälten,
Polizei und Gefängnissen. Die Frage ist jetzt,
warum ich, wenn ich Ethik betreibe, über derlei
Fragen, die in erster Linie die Gesellschaft betreffen
und um die sich die Gesellschaft ohnehin kümmert,
auch noch nachdenken soll?
Das
bedeutet also: Wenn es wirklich so sein sollte, dass
es nur hypothetische Imperative gibt, es also nur
von mir abhängt, welches Handlungziel ich mir
auswähle und es deshalb, wie Vittorio Hösle
ausführt, kein Kriterium gibt, um legitime von
illegitimen Handlungen zu unterscheiden - so what?
Wenn ich eine illegitime Handlung ausführe, dann
werde ich es schon merken: Dann kommt ohnehin die
Polizei und nimmt mich fest. Es ist von daher recht
überflüssig, dass die Ethik Probleme, die
das Rechtssystem schon gelöst hat, noch einmal
lösen soll.
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