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Ethik anhand von Fernando Savater

- Ethik zwischen Selbstbestimmung und Bevormundung



Was Ethik eigentlich sein sollte: ein Instrument zur Selbstbestimmung des Menschen

Was ich von Fernando Savater über Ethik gelernt habe – und was mir so wichtig ist, dass ich meine Diplomarbeit auch heute noch hoch in Ehren halte – ist, dass Ethik eigentlich jene Disziplin ist (und vernünftigerweise auch sein sollte), in der es um das gute Leben geht! Und nicht jene Disziplin, so wie sie heute allgemein verstanden wird, in der es darum geht, dass gute Taten getan werden sollen und Begründungen geliefert werden, warum sie getan werden sollen.

Fernando Savater hat mir gezeigt, dass es in der Ethik darum geht, dass der einzelne Mensch darüber nachdenkt, worin für ihn selber ein gutes, glückliches Leben besteht und was er dazu tun sollte, um dieses gute, glückliche Leben zu erreichen. In dieser Konzeption von Ethik – die mit der ursprünglichen, von Aristoteles ersonnenen Konzeption der Ethik, übereinstimmt - beurteilt der einzelne Mensch seine eigenen Handlungen und Lebensziele. Dem heute gängigen Verständnis von Ethik zufolge besteht Ethik hingegen darin, dass meine Handlungen von anderen Menschen, von den Spezialisten der Ethik, beurteilt werden.

Diese Erkenntnis von dem, was Ethik eigentlich sein sollte, ist von nicht geringer Bedeutung: Folgt aus ihr doch, dass fast alle Publikationen über Ethik, die heute auf dem Markt sind, im Grunde schlichtweg Themenverfehlungen sind!

Fernando Savater hat in seiner „Ethik der Eigenliebe“ (Etica del amor propio) gezeigt, dass man nicht aus der Heteronomie, aus der Fremdbestimmung, herauskommt, wenn man danach fragt, was das Gute sei und was eine gute Handlung; oder wenn man versucht, sein eigenes Handeln nach allgemeingültigen vernünftigen Grundsätzen auszurichten und danach fragt, welche das sind. Sondern dass der einzige Weg zur Autonomie, zur Selbstbestimmung, des Menschen, zu welcher die Ethik ja eigentlich führen sollte, die Selbstaufklärung des Willens ist, das heißt, indem der einzelne Mensch über die Frage nachdenkt: „Was will ich eigentlich wirklich in meinem Leben?“

 

"Lassen wir das Gute und das Böse und Gutes und Böses beiseite, weil sie kein Ausgangspunkt sind, sondern ein Resultat. Die Frage, die die derzeitigen Gelehrten der Ethik versucht, dreht sich um den ungebührlichen Schritt vom „ist“ zum „soll“, dem naturalistischen Fehlschluss. Hier kommt man auch nicht weit. Das Sollen! Wen kann so eine Sache schon wirklich interessieren? Nicht einmal Kant, da bin ich sicher, auch wenn er es vortäuschte, um seinen Diener bei Laune zu halten. Wenn ich mich frage: „Warum soll ich diese oder jene Sache tun?“ komme ich nicht aus der Infraethik heraus, aus der Heteronomie, aus dem infantilen Stadium der Moral. Wie es scheint, wenn man manche zeitgenössische Autoren liest, ist das „Sollen“ so etwas Seltenes und Wertvolles, so erhaben, dass es nicht ohne Verminderung seines Werts aus dem „Sein“ kommen kann. Aber das Gegenteil ist viel wahrer: um wieviel interessanter, reicher, komplexer, moralischer ist doch das „ist“ gegenüber dem „soll“! Dass sie uns nur das Sein hierlassen und alle Sollen zur Hölle mitnehmen! Die Bedeutung der moralischen Verpflichtung ist viel mehr einem „ist“ als einem „soll“ ähnlich, das ist das Geheimnis der umstrittenen Angelegenheit."

Fernando Savater:
"Meine Freundin, die Ethik, und ich"
aus dem Buch Sobre vivir
(Eigenübersetzung)

 

Wenn es das Gute gibt und man bestimmen kann, worin es besteht, so wird es immer irgend einen Experten geben, der das besser weiß als ich und ich werde niemals selbstbestimmt handeln können. Ebenso, wenn man sein Handeln nach allgemeingültigen vernünftigen Prinzipien ausrichten sollte; auch in dem Fall werde ich niemals selbstbestimmt leben und handeln können, weil es immer einen Professor der Ethik geben wird, der aufgrund seines Wissens über diese allgemeingültigen Grundsätze meine Handlungen besser zu beurteilen versteht als ich selber.

 

"Worum es sich dreht, ist also zu ergründen, was die Menschen wollen. Die Ethik kommt von nirgendwo sonst her, als aus dem menschlichen Willen. Ich bin moralisch, nicht wann ich tue, was ich soll – pah! – sondern wenn ich mich getraue, das zu tun, was ich will. Das, was ich wirklich will. Aber es ist nicht leicht, so etwas zu schaffen, schließlich bleibt für mich auch mein eigenes Wollen zu einem Gutteil im Dunkeln. Die Aufgabe der Ethik ist weder, das Sollen zu begründen, noch es in Dekaloge zu proportionieren, sondern das Wollen aufzuklären. Schon seit der Antike haben sie uns das gesagt: der Weg der Tugend ist der der Erkenntnis, niemand ist absichtlich böse. Die Trivialität skandalisiert sich vor so noblen Wahrheiten, welche immer noch ein wenig gewagt klingen: „aber, wollen denn die Individuen nicht sehr verschiedene Dinge? Und was, wenn jemand das Verbrechen oder das Laster will?“ Da sagte schon Spinoza: wenn jemand klar sieht, dass es ihm angemessener ist sich aufzuhängen, als ein gutes Essen zu genießen, so soll er sich aufhängen und uns in Ruhe lassen. Aber Vorsicht: der Witz liegt darin, dass er es klar sieht..."

Fernando Savater:
"Meine Freundin, die Ethik, und ich"
aus dem Buch Sobre vivir
(Eigenübersetzung)

 


Wozu Ethik geworden ist: Zu einem Instrument, um andere Menschen zu beurteilen

Die Ethik hat sich, aus meiner Perspektive gesprochen, im Laufe ihrer Geschichte in ihr völliges Gegenteil verwandelt: Von Aristoteles erdacht als Disziplin und Instrument für den einzelnen Menschen, um zu mehr Selbstbestimmung im Handeln zu kommen und ihn dazu zu motivieren, selbst darüber nachzudenken, welche Handlungen er setzen will und wie er seine eigenen Handlungen beurteilen soll, ist sie im Laufe der Geschichte (Kant ist da der Wendepunkt, obwohl Savater versichert, dass er selbst bei Kant nicht glauben kann, dass so etwas Uninteressantes wie das Sollen ihn wirklich interessiert haben sollte.) zu einem Instrument der Heteronomie, der Fremdbestimmung, verkommen, wo Ethik-Experten das Handeln von anderen Menschen beurteilen.


Die Ursachen der Verwandlung der Ethik in ihr Gegenteil

Wenn man verstehen möchte, wie das möglich war, dass die Ethik sich in ihr komplettes Gegenteil verwandeln konnte, dann ist das nicht möglich, wenn man nicht danach fragt, welche Interessen mit der Ethik verbunden werden. Wenn wir beispielsweise an den Staat und an die Gesellschaft denken, so ist leicht einzusehen, dass das „gute, glückliche Leben“ für sie keine Kategorie darstellen kann – erstens ist das Glück nicht objektiv messbar und zweitens ist schwer einsehbar, warum der Gesellschaft die Lebenszufriedenheit der Individuen so sehr am Herzen liegen sollte wie den Individuen selber. Wenn wir hingegen unser Augenmerk auf die Frage lenken, wie Handlungen von Individuen vom Staat oder von der Gesellschaft beurteilt werden können, dann sehen wir hier schon auf den ersten Blick, dass in diesem Bereich aus gesellschaftlicher Sicht großer Regelungsbedarf besteht: Angefangen von neuen Bereichen wie Medizinethik oder Biomedizinethik, die einem als erstes einfallen, weil sie häufig in den Medien vorkommen, bis hin zu ganz traditionellen Bereichen wie der Rechtsprechung oder dem Verhaltenskodex in einzelnen Berufen hat die Gesellschaft das Bedürfnis, das Verhalten von Individuen in verschiedenen Abstufungen als „gut“ oder „böse“ zu beurteilen, um auf diese Weise ihr eigenes internes Funktionieren zu regulieren.

Aus diesem einfachen Gedankengang allein heraus lässt sich bereits verstehen, dass ein Staat oder eine Gesellschaft ihre Professoren der Ethik eher weniger dafür bezahlen wird, dass sie die Staatsbürger darin schulen, wie diese das eigene Leben in den Griff bekommen und ein gutes und glückliches Leben führen, denn das „gute und glückliche Leben“ kann nur für den Einzelmenschen eine handlungsleitende Kategorie sein; ein Staat oder eine Gesellschaft können nicht einmal wissen, was das überhaupt ist. Hingegen werden Staat und Gesellschaft, an ihrem eigenen Funktionieren interessiert, dazu tendieren, die Experten der Ethik dafür zu bezahlen, dass sie darüber nachdenken, wie das Handeln anderer Menschen zu beurteilen ist, und nach allgemeinen Grundsätzen für das Handeln zu suchen, um die Beurteilungskriterien für diese Handlungen zu vereinheitlichen und der Beurteilung dadurch noch mehr Überzeugungskraft zu verleihen.

Vielleicht kann man diesen Verwandlung der Ethik in ihr Gegenteil auch so erklären, indem man sagt, dass die Ethik unseren heutigen demokratischen und marktwirtschaftlichen Überzeugungen zum Opfer gefallen ist. Denn während Aristoteles, als freier Bürger im Stadtstaat Athen lebend, (in einer Gesellschaft, in der es Sklaven gab), sich selber wertvoll genug war, um über das eigene gute Leben nachzudenken (und diesbezüglich seinem Sohn Nikomachus Ratschläge zu geben), ist für uns heutige Menschen ein Produkt erst dann von Wert, wenn wir es anderen Menschen und zwar einer möglichst große Zahl von anderen Menschen anbieten können.

Wenn man also heute sagt, Ethik sei eine Disziplin, in der ein einzelner Mensch über seine eigenen Handlungen nachdenkt, um auf diese Weise ein gutes, glückliches Leben zu erreichen, so ist das so ähnlich, als würde man sagen, dass hier ein einziger Mensch ein einziges Produkt und das auch nur für sich selber entwickelt. Eine solche Idee ist für uns heutige Menschen völlig unattraktiv, schließlich fördert sie weder unseren wirtschaftlichen oder beruflichen Erfolg noch unser Ansehen bei anderen Menschen – und aus diesem Grund ist sie auch fast (oder eigentlich ganz) unverständlich.

Kleiner Exkurs (zur besseren Verständlichkeit)

Vittorio Hösle schreibt in seinem Buch Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. Beck, München 1990. S. 147

„Warum ist das Problem der Letztbegründung so wichtig? Wie schon gesagt, kann allein dann, wenn es eine nicht-hypothetische Erkenntnis gibt, sinnvollerweise von einem kategorischen Imperativ ausgegangen werden – andernfalls gibt es nur hypothetische Imperative, die besagen: „Wenn du a willst, musst du b tun“. Welches a ich aber will, hängt ganz von mir ab – es gibt kein Kriterium dafür, legitime Ziele von illegitimen abzugrenzen. Und wenn man darauf verweist, dass alle Menschen nach Glück streben, so bleibt gegen jede eudämonistische Ethik der alte Einwand übrig, dass wir nicht ausschließen können, dass bestimmte Wesen glücklicher werden, wenn sie verbrecherisch handeln, als wenn sie es nicht tun. (...) Damit ist aber jeder Eudämonismus in der Ethik schon widerlegt.“

Das ist in etwa die Gegenposition zu der von Fernando Savater. Mein Vorschlag, wenn man es mit solch einem Text wie dem von Vittorio Hösle zu tun hat, ist, die einzelnen Perspektiven auseinanderzuhalten. Dann wird man den Text gleich viel besser verstehen. Es gibt da zuerst einmal die Ich-Perspektive, oder, umgelegt auf die von Hösle diskutierten Inhalte: Wenn es keine Letztbegründung gibt, kann ich dann nicht mehr herausfinden, wie ich am besten handeln sollte? Und dann gibt es die Wir-Perspektive: Wenn wir keine Letztbegründung haben, können wir dann noch einem anderen Menschen vorschreiben, wie er handeln soll? Vittorio Hösle beantwortet diese letztere Frage mit nein: Es gibt dann nur hypothetische Imperative und das heißt, dass mein Handeln nur davon abhängt, was ich tun will; meine Ziele kann man mir hingegen nicht vorschreiben. Auch der "alte Einwand" weist darauf hin, auf welcher Perspektivenebene sich Vittorio Hösle vorzugsweise aufhält: Es ist der andere Mensch, von dem man befürchtet, dass er verbrecherisch handeln könnte - und wogegen man die Ethik zu Hilfe ruft, damit sie ihm das verbiete. Wir befinden uns hier also eindeutig auf der Wir-Ebene, wobei dazuzusagen ist, dass die Sprache der Wissenschaft in diesem Punkt ungenau ist, weil sie die Autoren dazu nötigt, persönliche Fürwörter zu vermeiden und so die Unterscheidung der einzelnen Betrachterperspektiven erschwert.

Vittorio Hösle befindet sich also nicht auf der Ebene, wo ein Ich darüber nachdenkt, wie es besser handeln könnte, sondern auf der Ebene, auf der ein Wir (oder ein Ich im Namen eines Wir's) darüber nachdenkt, wie und mit welcher Begründung es anderen Ichs etwas vorschreiben/verbieten könnte, damit diese Vorschrift oder dieses Verbot auch gehörig wirksam ist. Nun kommt der zweite Punkt, auf den ich die Aufmerksamkeit lenken möchte: Vittorio Hösle schreibt: "Welches a ich aber will, hängt ganz von mir ab" - und diese Folgerung scheint etwas Schlechtes zu bedeuten, er vervollständigt den Satz nämlich mit: "es gibt kein Kriterium dafür, legitime Ziele von illegitimen abzugrenzen". Der Punkt, auf den ich hinweisen möchte, ist der: Es erscheint hier als etwas Schlechtes, wenn das a, das ich erreichen will, von mir abhängt, aber, genau bedacht: Wenn ich nicht in der Lage bin, mein Handlungsziel selbst auszuwählen, dann kann ich auch nicht ethisch handeln. Wenn es ein äußeres Kriterium gäbe, das legitime von illegitimen Handlungszielen unterscheidet und dieses Kriterium uns allen gemeinsam klar vor Augen stehen würde, dann könnte ich es mir sparen, darüber nachdenken, wie ich handeln sollte, dann könnte ich mir das ethische Nachdenken ganz sparen.

Ich glaube, hier liegt der Knackpunkt, der Punkt der Verständnisunmöglichkeit zwischen diesen beiden Positionen - und wahrscheinlich ist das ein Punkt, den überhaupt viele Menschen gar nicht verstehen: Vittorio Hösle würde wohl sagen: "Wenn es kein Kriterium gibt für die Unterscheidung von legitimen und illegitimen Handlungen, dann ist es beliebig, wie ich handle." Und ich würde drauf antworten: "Wenn es aber ein Kriterium für die Unterscheidung von legitimen und illegitimen Handlungen gäbe, dann könnte ich mich nicht mehr für die eine oder andere Handlungsweise entscheiden, weil dieses Kriterium mir ja die Entscheidung bereits abgenommen hat." Hösle würde sagen: "Ohne ein Kriterium hätte ich keinen Anhaltspunkt, um mich entscheiden zu können." Savater (oder ich) würde drauf sagen: "Ja, aber mit einem Kriterium hast du überhaupt keine Entscheidung mehr vor dir, denn das Kriterium, das Gutes von Bösem unterscheidet, beschneidet die Entscheidungsfreiheit des handelnden Subjekts." Es ist dies tatsächlich ein Paradoxon: Wenn ich wissen kann (durch eine Letztbegründung, ein Kriterium für legitime und illegitime Taten), wie ich handeln soll, dann bin ich unfrei und kann mich nicht für die richtige oder die falsche Tat entscheiden - und dadurch kann ich auch nicht ethisch handeln, weil ethisch zu handeln ja bedeutet, sich für die richtige Handlung zu entscheiden. Das, nämlich mich zu entscheiden, geht aber nicht, wenn schon von vornherein klar ist, welche die richtige und welche die falsche Handlungsweise ist. Wenn ich hingegen nicht weiß, welche die gute und welche die schlechte Handlungsweise ist, dann bin ich frei, die eine oder die andere für die gute zu halten - und dann kann ich mich entscheiden.

Das Paradoxon besteht also darin: Entweder man gibt mir ein Geländer (das mich zum Guten führt), aber dann kann ich mich nicht mehr entscheiden, das Geländer führt mich - oder aber es gibt kein Geländer und ich kann frei entscheiden, dann aber erscheint es als "beliebig" (oder wie Hösle sagt: "es hängt ganz von mir ab"), wie sich jemand entscheidet - und überhaupt ist es dann auch ganz unentscheidbar, ob eine Handlungsweise gut oder böse ist. Ich würde allerdings sagen, dass sich hier, auf der zweiten Seite des Paradoxons zu demselben auch noch ein verbreitetes Vorurteil hinzugesellt. Bevor ich dieses jedoch erkläre, möchte ich vor der scheinbaren Selbsterklärungskraft von Wörtern wie "beliebig" oder Ausdrücken wie "es gibt keine Kriterien mehr" und "es hängt dann nur von jedem Einzelnen ab" warnen: Selbst wenn ethische Entscheidungen, also Entscheidungen darüber, welchen Handlungsweg man einschlagen soll, "beliebig" oder "Geschmackssache" sein sollten, werden sie dadurch immer noch nicht zu Entscheidungen zwischen Tee und Kaffee - ethischen Entscheidungen haftet doch ein Ernst und eine Bedeutsamkeit an, die sie von reinen Geschmacksfragen trennen, selbst wenn sie selber auch Geschmacksfragen sein sollten. (Und, wie vorher schon gesagt: Wenn es "nur von jedem Einzelnen abhängt", wie er handelt, "weil es keine moralischen Kriterien mehr gibt", so bedeutet das ja auch nichts anderes, als dass es von jedem Einzelnen abhängt, dass er ethisch handelt; denn wenn es nicht von ihm abhinge, dann gäbe es auch kein ethisches Handeln.)

Das Vorurteil nun, von dem ich gesprochen habe, von dem sich Autoren wie Vittorio Hösle und andere helfen lassen, ohne das explizit zu erwähnen, gehört irgendwie mit zu diesem Paradoxon. Es lautet ungefähr so: Über etwas, das beliebig ist, lohnt es sich eigentlich nicht nachzudenken, oder man kann darüber eigentlich auch gar nicht nachdenken. Dieses Vorurteil ist wie ein Trichter, es lenkt alles Nachdenken hin auf die Alternative: Entweder finde ich eine Letztbegründung, die mir ein Kriterium zur Unterscheidung von legitimen und illegitimen Handeln gibt, oder aber es versinkt alles in Beliebigkeit - und dann lohnt es sich eigentlich nicht oder es ist dann auch ganz unmöglich, über Ethik nachzudenken. Und das nun ist der Punkt, an dem ich ansetzen würde: Ethische Entscheidungen mögen beliebig sein, aber sie sind es, wie gesagt, nicht in dem Sinn wie die (momentane) Entscheidung zwischen Tee und Kaffee, wo ich mal kurz nachfühle, nach welchem Geschmack es meine Zunge verlangt und dann entscheide. Meine eigenen ethischen Entscheidungen lassen sich vielleicht nicht zu hundert Prozent begründen, aber möglicherweise zu achtzig Prozent, manchmal vielleicht sogar zu neunundneunzig Prozent. In dem Fall aber sollte ich es herausfinden, welche meine Gründe und Motive sind - und in dem Grad, wie sie sich identifizieren lassen, lassen sie sich auch argumentieren. Dass letztlich am Grund meiner Motive ein schwarzer, unerkennbarer Punkt bleibt, ist, wie ich ausgeführt habe, notwendig, damit ich in Freiheit entscheiden kann. Aber dass ich mich in Freiheit entscheiden kann, macht meine Entscheidungen allein noch nicht beliebig, und diese Beliebigkeit macht es auch nicht überflüssig, mir über meine Motive und Beweggründe klar zu werden, soweit das nur irgend möglich ist, und diese gegeneinander abzuwägen und zu rechtfertigen, mit einem Wort, Ethik zu treiben. Kurz und gut: Es ist einfach nicht wahr, wie es dieses Vorurteil aussehen lässt, dass es keinen Sinn hätte, über Ethik nachzudenken und Ethik zu treiben, wenn das Handeln beliebig wäre oder nur von jedem Einzelnen abhinge. Im Gegenteil wäre es gerade dann interessant mit den anderen zu diskutieren und zu sagen: "Du, ich habe herausgefunden, dass ich das aus diesem und diesem Grund gemacht habe. Aus welchem Grund hast du so und so gehandelt?"

Schließlich gibt es auch noch einen dritten Punkt in Vittorio Hösles Zitat, auf den ich hinweisen möchte. Es ist nämlich so, dass er nicht nur, was die Perspektiven betrifft, sondern auch noch anderswo die Ebenen verwechselt oder mischt. Fernando Savaters Antwort auf den "alten Einwand", "dass wir nicht ausschließen können, dass bestimmte Wesen glücklicher werden, wenn sie verbrecherisch handeln, als wenn sie es nicht tun", kennen wir schon. Er würde sagen: "Na und?" Oder genauer gesagt, so wie es auch oben steht: "Wenn jemand klar sieht, dass es ihm angemessener ist", das Böse zu tun, dann soll er es tun. "Aber Vorsicht: der Witz liegt darin, dass er es klar sieht..." Man sieht hier auch den Perspektivenunterschied (Hösle ist es wichtig, dass andere Menschen nicht verbrecherisch handeln, während Savaters Ethik davon ausgeht, dass ein jeder über sich selbst nachdenkt und für sich selbst entscheidet), aber nicht nur: Es besteht bei Hösle auch eine Ebenenverwechslung insofern, als dass er mit ethischen Mitteln Probleme des Rechts lösen will. Es ist nun nicht auszuschließen, dass hinter einer gesetzlichen Bestimmung manchmal auch ethische Werte stehen, man muss sich aber darüber klar sein, dass Ethik und Recht zwei sehr verschiedene Sphären sind, mit verschiedenen Handlungssubjekten und dementsprechend auch unterschiedlichen Zielen. Dass z.B. jemand nicht verbrecherisch werden soll, ist ein Ziel der Gemeinschaft oder der Gesellschaft, nicht aber ein Ziel von mir als Individuum. Meinetwegen kann jemand ruhig ein Verbrecher werden, solange er mich mit seinen Verbrechen in Ruhe lässt. Die Gesellschaft hingegen muss sich um so etwas kümmern, um ihre innere Ordnung aufrecht zu erhalten. Und aus diesem Grund beschließt sie Gesetze und erhält einen riesigen Apparat bestehend aus Richtern, Staatsanwälten, Polizei und Gefängnissen. Die Frage ist jetzt, warum ich, wenn ich Ethik betreibe, über derlei Fragen, die in erster Linie die Gesellschaft betreffen und um die sich die Gesellschaft ohnehin kümmert, auch noch nachdenken soll?

Das bedeutet also: Wenn es wirklich so sein sollte, dass es nur hypothetische Imperative gibt, es also nur von mir abhängt, welches Handlungziel ich mir auswähle und es deshalb, wie Vittorio Hösle ausführt, kein Kriterium gibt, um legitime von illegitimen Handlungen zu unterscheiden - so what? Wenn ich eine illegitime Handlung ausführe, dann werde ich es schon merken: Dann kommt ohnehin die Polizei und nimmt mich fest. Es ist von daher recht überflüssig, dass die Ethik Probleme, die das Rechtssystem schon gelöst hat, noch einmal lösen soll.


© helmut hofbauer 2006