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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Gedanken nach der Lektüre von John Stuart Mills Utilitarism

 

John Stuart Mill scheint ein schlechter Philosoph gewesen zu sein. Das bestätigt auch Dieter Birnbacher im Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe (John Stuart Mill: Utilitarism/Der Utilitarismus. Englisch/Deutsch (Übersetzt von Dieter Birnbacher). Reclam, Stuttgart 2006 (1976)). William James habe Mills philosophische Argumentationsweise einmal so charakterisiert: „Mills gewöhnliche Art zu philosophieren bestand darin, zunächst eine von seinem Vater entlehnte Theorie kühn zu behaupten und dann im Einzelnen an die Gegner der Theorie so viele Zugeständnisse zu machen, dass von dieser praktisch nichts mehr übrig blieb.“ (S. 201-202) – und Birnbacher darauf, kommentierend: „Einiges hiervon wird der Leser des vorliegenden Essays sicherlich bestätigt finden.“ (S. 202) und, zusammenfassend: „Der Utilitarismus, den Mill verteidigt – ließe sich überspitzt sagen – wird im Verlauf der Verteidigung so weit modifiziert, das er keiner Verteidigung mehr bedarf, da jeder ihn anerkennt.“ Es wäre also möglicherweise gescheiter gewesen, wenn ich mich schon mit dem Utilitarismus beschäftigen will, Jeremy Benthams Introduction to the Principles of Morals and Legislation zu lesen, die in sich um einiges konsistenter sein soll.

Dennoch ist Mills Verteidigung des Utilitarismus – nach Birnbacher – „im angelsächsischen Sprachraum der meistgelesene moralphilosophische Text überhaupt. In den Einführungskursen der Universitäten spielt er eine ähnlich zentrale Rolle wie hierzulande Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, und wie dieser ist er in besonderem Maße geeignet, die Probleme der praktischen Philosophie lebendig werden zu lassen und zu theoretischer Analyse und moralischer Stellungnahme herauszufordern.“ (S. 198) Es wird ja wohl nicht deshalb sein, dass man an amerikanischen Universitäten Mills Utilitarism mit den Studenten bespricht, um ihnen zu zeigen, wie man schlecht philosophiert/wie man nicht philosophieren sollte? Aber John Stuart Mill war gewiss ein guter Politiker: Denn es gehört zum unabdingbaren Handwerkszeug von Politikern, dass sie es verstehen, den Leuten etwas Neues und anderes einzureden, indem sie ihnen weismachen, es wäre ohnehin dasselbe wie das Alte, an das sie vordem schon geglaubt hatten und dasselbe wie das, was sie immer schon wollten. Für einen Philosophen/eine Philosophin hingegen schickt sich das nicht: Hier wäre es angezeigt zu sagen: „Das ist jetzt aber etwas Anderes!“, wenn es tatsächlich etwas anderes ist. Aber vielleicht, kann ich hieran meine erste Spekulation anschließen, ist Utilitarismus ja auch von vornherein weit weniger eine ethische oder Moraltheorie, denn eine genuin politische Theorie? Das wäre zumindest nahe liegend bei jemandem wie John Stuart Mill, der sich ab 1823 in der von ihm gegründeten „Utilitarian Society“ „für Redefreiheit und für die Ausdehnung des Wahlrechts auf die arbeitenden Klassen“ (S. 199) und 1865-1868 als Mitglied des Unterhauses für Frauenrechte einsetzte (S. 200).

Der Inhalt des Buches

Der Inhalt von Utilitarism besteht, um es recht direkt herauszusagen, in einer Verteidigung des utilitaristischen Prinzips der Nützlichkeit/des Glücks oder Genusses als höchstem Prinzip für die Moral gegen den Vorwurf, dass das Prinzip des Strebens nach Glück („pleasure“) einer Ethik oder Moral und überhaupt dem Menschen unwürdig sei und viel eher den Schweinen entspreche:

"Now, such a theory of life excites in many minds, and among them in some of the most estimable in feeling and purpose, inveterate dislike. To suppose that life has (as they express it) no higher end than pleasure – no better and nobler object of desire and pursuit – they designate as utterly mean and grovelling; as a doctrine worthy of swine, to whom the followers of Epicure were, at a very early period, contemptuously likened;” (S. 24)

Diesem Vorwurf begegnet Mill mit der schon von William James und Birnbacher angedeuteten Strategie, indem er nämlich versichert, dass auch schon Sokrates (S. 6) und Jesus von Nazareth (S. 52) Utilitaristen gewesen seien und mithin der Utilitarismus also gar nichts Neues sei, sondern nur die moralischen Prinzipien jener Moral enthülle, an die wir uns ohnehin schon bisher hielten. (Wodurch sich ein bisschen die Frage stellt, was denn der Utilitarismus zur bisher bestehenden Moral im konkreten Einzelfall überhaupt noch hinzugibt?) Im Wesentlichen dienen alle fünf Kapitel des Buches diesem Ziel, nämlich zu zeigen, dass „Nützlichkeit“ (utility) und „Glück“ oder „Freude“ (happiness) ein würdevolles Moralprinzip sei (ja, eines, Nützlichkeit und Glück wird in eins gesetzt), denn vorher hatte man ja geglaubt (und man glaubt es zum Teil bis heute), je mehr es weh tut und je mehr sich jemand selbst quält und verleugnet, desto mehr sei sein Verhalten ethisch. Ich möchte daher bereits an dieser Stelle klarstellen, dass mich dieses Problem gar nicht interessiert. Es interessiert mich nicht, weil ich hier im Großen und Ganzen Mills Meinung bin, dass man das Gerechte nicht um des Gerechtseins willen tut, sondern irgendwie deswegen, weil es gut ist und dass das Gerechte wie auch jedes anderwertig ethisch/moralisch Geforderte erst dadurch gut wird, indem es mit konkreten Inhalten auffüllt wird (also z.B. dadurch, dass es uns dazu dienlich ist Glück, Freude oder Genuss zu erreichen).

Viel mehr täte mich schon interessieren (was in diesem Buch nicht erklärt wird), wie man, wenn man vom Begriff der „Nützlichkeit“ ausgeht, argumentativ zu jenem der happiness kommt. Das ist also schon einmal eine begriffliche Klippe, die ich nicht zu überspringen vermag. Das nächste Rätsel ist dann schon: Wenn man einmal die „Nützlichkeit“ und das Streben nach „Glück“ als oberstes Moralprinzip akzeptiert hat, wie man dann argumentativ von diesem persönlichen Nutzen oder Glück zu dem vom Utilitarismus propagierten „größten Nutzen für die größte Zahl“ von Menschen kommt oder zum größten gesellschaftlichen Glück? Das ist so unlogisch, dass man sich nur vorstellen kann – wie Mill das ohnehin darstellt – dass das Nützlichkeitsprinzip nur erfunden worden ist, um dem schon bestehenden, traditionellen Moralsystem einen neuen Akzent zu geben. Denn, vom Nutzenbegriff ausgehend zu denken und von da aus bis zu der von Mill gewünschten größten happiness für alle Menschen zu kommen, bleibt für mich – bis es mir nicht jemand mal erklärt – etwas Undenkbares.

Aber auch das interessierte mich bei der Lektüre von Mills Buch nicht wirklich. Anstatt dessen akzeptierte ich es mal probeweise und verfolgt meine eigentliche Frage: Und – die größte happiness für die größte Zahl von Menschen, ist diese denn zumindest das Gleiche wie die größte happiness oder der größte Nutzen für die Gesellschaft? Ehrlich gesagt, mir scheint, bei Mill besteht nicht einmal Sensibilität für dieses Problem. Uns hat Niklas Luhmann schon gewarnt: Die Gesellschaft ist so komplex, dass eine gut intendierte Handlung durch ein Individuum, auf gesellschaftlicher Ebene negative Folgen nach sich ziehen könnte; eine neue Aufgabe für die Moraltheorie, folgerte Luhmann ironisch, könnte daher sein, vor der Moral (bzw. vor den Konsequenzen ihrer Befolgung) zu warnen. Bei John Stuart Mill gibt es jedoch nicht nur keinerlei Überbrückungsnotwendigkeit zwischen dem Individuen und den vielen Individuen, sondern es gibt auch keine Schwierigkeiten im Übergang zwischen den vielen Individuen und der Gesellschaft.

„No reason can be given why the general happiness is desirable, except that each person, so far as he believes it to be attainable, desires his own happiness. This, however, being a fact, we have not only all the proof which the case admits of, but all which it is possible to require, that happiness is a good: that each person’s happiness is a good to that person, and the general happiness, therefore, a good to the aggregate of all persons.” (S. 106)

Hier haben wir es also mit einer vollständigen Gleichsetzung zwischen Individuum und allen Menschen/Gesellschaft zu tun: Dass das Individuum sein eigenes Glück erstrebt, ist nach Mill der Beweis dafür, dass das Glück ein Gut gleichermaßen für die einzelne Person wie auch für das „aggregate of all persons“ (Birnbacher übersetzt das mit der „Gesamtheit der Menschen“) ist. Ich würde da folgende Zweifel anmelden: Weiß die Gesamtheit der Menschen oder weiß eine Gesellschaft denn überhaupt, was Glück, Freude oder Genuss sind? Kann z.B. Österreich glücklich sein? („Du, glückliches Österreich, heirate!“ (Matthias Corvinus)) Oder Großbritannien? Kann die Wissenschaft sich freuen oder der Justizpalast genießen? Gegenthese: Was happiness und pleasure sind, können nur Individiuen wissen. Es ist daher auch vorhersehbar, dass Individuen, die nach dem utilitaristischen Prinzip von happiness und pleasure suchen, sehr bald mit Institutionen, Funktionssystemen und staatlichen Gebilden in Konflikt geraten, die von diesen Dingen keinen Begriff haben. Ich kenne den Standardeinwand auf diese Behauptung schon: Aber in Institutionen, gesellschaftlichen Funktionssystemen und staatlichen Einrichtungen arbeiten doch auch Menschen, und diese wissen doch auch, was Menschsein bedeutet! Aber dieser Einwand ist ein Kurzschluss, der daher rührt, dass es sehr schwer aufzufassen und zu akzeptieren ist, dass Menschen von den Organisationsgebilden, in denen sie arbeiten, sozialisiert werden und sich im Lauf ihres Berufslebens immer mehr (der/die eine mehr, der/die andere weniger) an die Imperative und Regeln für beruflichen Erfolg oder Misserfolg ihrer Institution als Arbeitgeberin anpassen. Inwieweit jemand tatsächlich zu einem bestimmten Zeitpunkt „ein Mensch geblieben ist“, wie man so sagt, wäre nur durch eine konkrete Nagelprobe, festzustellen. Auf diesen Punkt, dass Institutionen Individuen entmenschlichen, muss man aber gar nicht beharren, wenn man nur einsieht, dass derartige soziale Gebilde eine funktionelle Eigenlogik entwickeln, welche häufig nicht in erster Linie mit dem Ziel des größtmöglichen Glücks für die größte Zahl von Menschen übereinstimmt, sondern von organisationseigenen Zielen abhängt, welche im offiziellen Zweck der Organisation/Institution sowie in deren Wunsch, in der Zukunft weiterhin fortzubestehen, liegen. Vielleicht lässt sich das am einfachsten am Beispiel eines Staates illustrieren: Ein Staat hat – im Gegensatz zu einer Zeitung oder einem Krankenhaus – keinen konkreten Zweck; er kann folglich, je nach gesellschaftlicher Gestalt und politischem System, durchaus die Tendenz bekommen, einen Teil oder sogar einen Großteil seiner Bürger zu unterdrücken, weil er etwa die Reformen, die diese von ihm verlangen, mit seinem eigenen Untergang (in der derzeitigen Form oder mit dem bisherigen Charakter) gleichsetzt.

Umgekehrt habe ich somit nun auch bereits zum Ausdruck gebracht, was eventuell interessant wäre am Utilitarismus: Das happiness principle ist streng genommen nur Individuen zugänglich, weil nur Individuen wissen können, was happiness oder Glück ist. Das utilitaristische Prinzip könnte sich daher (wenn schon nicht als Prinzip für ethisches Handeln, so doch zumindest) als Maßstab für die ethische Beurteilungen von Institutionen und großen sozialen Gebilden verwenden lassen. Mit ihm könnten Schulen, Krankenkassen, NGOs, Staaten und weltumspannende soziale Netze daraufhin befragt werden, ob sie denn eigentlich noch etwas zum größeren Glück und geringeren Leid von konkreten Menschen beitragen oder ob sie nur noch existieren, um ihre eigenen Systemgesetzlichkeiten zu erfüllen und für konkreten Menschen gar keinen Nutzen mehr haben. (Ich selbst bezweifle ja den Nutzen der Institution Wissenschaft. Wobei die Tatsache, dass die Wissenschaft uns durch die Ermöglichung neuer technischer Erfindungen das Leben erleichtert, unbezweifelt ist (man kann bloß darüber nachdenken, dass der technische Fortschritt auch ein zweischneidiges Schwert ist). Aber die Funktion, konkrete Individuen durch die Weitergabe wissenschaftlichen Wissens gescheiter und wissender zu machen, erfüllt die Wissenschaft immer weniger (beziehungsweise entwertet die Wissenschaft dieses Wissen auch, indem sie es „populärwissenschaftlich“ nennt). Die Frage, die ich mir persönlich stelle, ist nun, ob der technische Fortschritt, den mir die Wissenschaft bietet, den Ausschluss aus dem Wissen aufwiegt? Da ich aber Philosoph bin und an technischem Fortschritt relativ viel weniger Interesse habe als daran, in meinem Erkenntnisstreben von anderen Menschen ernst genommen zu werden, muss ich sagen, dass aus meiner Sicht eigentlich die Wissenschaft ihren Nutzen verloren hat.)

Interessanterweise ist es aber auch bei John Stuart Mill nicht so, dass er das Individuum völlig im Gleichklang mit der Gesellschaft sah, sondern es scheint viel eher sein politischer und weltanschaulicher Wunsch gewesen zu sein, diesem Ideal näher zu kommen:

„But there is this basis of powerful natural sentiment; and this it is which, when once the general happiness is recognised as the ethical standard, will constitute the strength of the utilitarian morality. This firm foundation is that of the social feelings of mankind; the desire to be in unity with our fellow creatures, which is already a powerful principle in human nature, and happily one of those which tend to become stronger, even without express inculcation, from the influences of advancing civilization. The social state is at once so natural, so necessary, and so habitual to man, that, except in some unusual circumstances or by an effort of voluntary abstraction, he never conceives himself otherwise than as a member of a body; and this association is riveted more and more, as mankind are further removed from the state of savage independence.” (S. 94)

Es ist also nicht so, dass Individuum und Gesellschaft an sich (weil das der menschlichen Natur entspricht) in Harmonie sind, sondern Mill erzählt hier eine Geschichte: Es ist das die historische Geschichte, die weg von der „wilden Unabhängigkeit” und hin zu dem Zustand führt, wo ein jeder Mensch gar nicht anders von sich zu denken vermag denn als „Teil eines Körpers“, des Gesellschaftskörpers natürlich. Mill gibt auch zu, dass „heute“ (1861) „[i]n the comparatively early state of human advancement in which we now live, a person cannot indeed feel that entireness of sympathy with all others...“ (S. 100), aber das werde sich bessern, versichert er, in dem Maße, wie durch politische Maßnahmen die Quellen gesellschaftlicher Interessengegensätze aufgehoben und rechtliche Ungleichheiten zwischen den Individuen und den Klassen ausgeglichen werden (S. 98), woran Mill ja auch selbst in seiner politischen Karriere mitgearbeitet hat. Wir können nun aus heutiger Sicht, indem wir die historische Erfahrung, die zwischen 1861 und 2010 liegt, einbringen, uns fragen, ob wir Mills Zukunftsoptimismus teilen oder ob wir nicht doch eher die Möglichkeit der Realisierung einer derartigen Utopie einer differenzierten Beurteilung unterziehen würden. Auf jeden Fall aber scheint mir das zuletzt Vorgebrachte zwei Schlüsse über das Wesen von Mills Utilitarismus zuzulassen:

1. Die Harmonie zwischen Individuum und Gesellschaft ist keine natur- oder Gott gegebene, sondern entspricht eher einem Wunsch und muss erst auf politischem Wege im historischen Prozess hergestellt werden. (Man könnte auch sagen: Diese Harmonie zwischen Individuum und Gesellschaft ist ein normatives Postulat: So sollte es sein; aber es ist nicht so.)
2. Der Utilitarismus Mills ist weniger ein ethisches Programm als ein politisches. Ich selbst würde die Grenzen zwischen Ethik, Moral und Politik ja noch viel strenger ziehen, aber so will ich hier gar nicht argumentieren, sondern nur darauf hinweisen, dass der Utilitarismus (a) zur Erreichung seines Ziel, dass das Individuum sich mit seinen Mitmenschen eins fühlen kann, noch die Hilfe der Politik benötigt; (b) die utilitaristische Ethik benötigt selber ebenfalls politische und gesellschaftsweite Anerkennung, damit sie besser funktioniert und leichter praktiziert werden kann („when once the general happiness is recognised as the ethical standard“, heißt es im zuletzt zitierten Textausschnitt); (3) und wenn das utilitaristische Prinzip einmal gesellschaftlich und politisch akzeptiert sein wird, was werden dann die Konsequenzen sein? Richtig, die Konsequenzen werden wiederum vor allem politischer Natur sein: dann werden die Mittel der Erziehung und der allgemeinen Bildung in seinen Dienst gestellt und der Utilitarismus wird in allen Menschen „kultiviert“ werden, was zur Folge haben wird, dass ihm zur Durchsetzung seiner Imperative sowohl äußere Sanktionen (die Missbilligung durch die Mitmenschen) wie auch innere (schlechtes Gewissen) zur Verfügung stehen.

„The whole force therefore of external reward and punishment, whether physical or moral, and whether proceeding from God or from our fellow men, together with all that the capacities of human nature admit, of disinterested devotion to either, become available to enforce the utilitarian morality, in proportion as that morality is recognised; and the more powerfully, the more the appliances of education and general cultivation are bent to the purpose.“ (S. 84)

In dem Maße also, wie das utilitaristische Prinzip sich gesellschaftlich und politisch durchsetzt, in dem Maße, kann man sagen, wird sogar Gott denjenigen strafen oder belohnen, der sich an dieses moralische Prinzip hält oder nicht. Ob der Utilitarismus demnach eine Ethik oder Moralphilosophie ist, lasse ich einmal dahingestellt, aber man kann schon herausstreichen, dass er etwas ganz anderes ist wie ein philosophisches Nachdenken, bei dem der einzelne Mensch mit sich selbst zu Rate geht und sich fragt, wie er in dieser Welt handeln soll, damit es gut ist und er sich selbst auch in Zukunft weiterhin in den Spiegel schauen kann.

Zum Aufbau des Buches

Das Buch hat fünf Kapitel, wobei das erste mit „General Remarks“ übertitelt ist und im Wesentlichen bloß enthält, dass man den Utilitarismus zumindest richtig verstehen sollte, bevor man ihn annimmt oder ablehnt (S. 18) – und also die Einleitung zur der ganzen folgenden Kette von Zurechtstellungen ist.

Das zweite Kaptitel heißt „What Utilitarism Is“. In ihm hält Mill sich damit auf, verschiedensten Vorwürfen gegen den Utilitarismus zu entgegnen. Es versichert, dass der Utilitarismus kein bloßer Hedonismus und keine Ethik für Schweine sei und rückt ihn dabei soweit in die Nähe der traditionellen Moral, dass ein jeder Mensch, der nach dieser moralisch ist, auch als guter Utilitarist erscheinen muss.

Das dritte Kapitel hat als Überschrift „Of the Ultimate Sanction of the Principle of Utility“ und beantwortet die für viele Menschen sehr wichtige Frage, welche Sanktionen es bei Nichtbefolgung der Utilitaristischen Ethik/Moral gibt. Es hat sich nämlich, kommentiere ich jetzt einmal leichtfertig, in der Geschichte der Moralphilosophie die Überzeugung durchgesetzt, dass Ethik und Moral mit großer Unlust verbunden sein müssen (was beim Utilitarismus, dessen Imperativ darin besteht, nach happiness und pleasure zu streben, ja eigentlich gar nicht der Fall sein dürfte), und die Antwort Mills auf die Frage nach den Sanktionen ist übrigens: Der Utilitarismus habe genau dieselben Sanktionen anzubieten wie alle übrigen Moralsysteme. („The principle of utility [...] has [...] all the sanctions which belong to any other system of morals.“ (S. 82) (Also auch hier ist der Utilitarismus nicht anders und nicht neu.)

Das vierte Kapitel handelt über die sehr bedeutende Frage ab: „Of What Sort of Proof the Principle of Utility Is Suceptible“. John Stuart Mill wendet darin seinen Scharfsinn auf, um zu beweisen, dass das Prinzip der „Nützlichkeit“ bzw. des „Glücks“ (pleasure) als Moralprinzip tauglich ist. Er beginnt damit, indem er festhält, dass die Menschen eben tatsächlich ihr Glück erstreben (S. 106) und hat dann nur noch das Problem, dass sie auch manchmal etwas anderes erstreben – Tugend – das nicht soviel Spaß macht. Dieses Problem löst er, indem er sagt, dass auch Tugend Glück zum Ziel habe und dass wir Menschen die Eigenschaft besäßen, mit Dingen, die an sich bloß Mittel zum Glück sind (Tugend, Geld, Ruhm (S. 110)) selber lustvolle Gefühle zu assoziieren, wenn man seinen Geist dementsprechend kultiviert (S. 114). Auf diese Weise wird also die dornige und langweilige Tugend selbst zum erstrebten Glück und passt infolge ihrer Wandlung in etwas Begehrenswertes ins utilitaristische Schema.

Das fünfte Kapitel ist recht lang und war ursprünglich als eigenes Essay konzipiert, welches erst später in das Buch eingefügt wurde. Es heißt „On the Connexion between Justice and Utility“ und behandelt also die Frage der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit ist ein Problem für den Utilitarismus, weil es gewöhnlich heftige Gefühle und Widerreden auslöst, wenn die Utilitaristen Gerechtigkeitsfragen auf bloße Nützlichkeitserwägungen reduzieren wollen. Mill reduziert sie trotzdem auf die Nützlichkeit, nur baut er vor, indem er sagt, die Fragen rund um die Gerechtigkeit seien besonders wichtig, lebenswichtig, für die Menschen, weshalb sie diesen mit besonders starken, zum Teil animalischen Gefühlen (S. 158) begegnen und deshalb glauben, Gerechtigkeit, die nur graduell etwas anderes sei (sie ist uns wichtiger) als einfache Nützlichkeitserwägungen, sei qualitativ etwas ganz anderes.

Kann mich John Stuart Mill mit seinen Argumenten überzeugen? Nein, das kann er nicht, denn damit das möglich wäre, müsste ich zuerst seine Vorstellung von Ethik oder Moralphilosophie mit ihm teilen. Ich müsste sozusagen in der Lage sein, den Utilitarismus als Gesamtpaket, so wie er ihn in diesem Buch anbietet, anzunehmen. Aber ich teile diesbezügliche Vorstellungen, die Mill offenbar noch mit seinen zeitgenössischen Lesern teilte und auch mit den heutigen Moralphilosophen und Ethikern teilt, nicht. Weder glaube ich, dass es notwendig oder auch nur gut wäre, ein einziges System der Moral zu entwerfen, an welches sich alle Menschen halten sollen; noch, dass es rationale Beweise für moralische Prinzipien oder Sanktionen für das Nichtbefolgen ethischer Regeln gibt; noch auch, dass Ethik darin besteht, uns in unserem Handeln mit der Gesellschaft in Einklang zu bringen. Wenn ich solche Dinge von mir gebe, wird man mich fragen, ob ich etwa Verbrechen für moralisch gerechtfertigt halte? Und ich werde darauf entgegnen, natürlich nicht, aber zugleich auch die Gegenfrage stellen, ob man die Ethik auf einen Teilbereich der Jurisdiktion, also des Rechts, reduzieren will, indem man in ihr auch solche Dinge regelt und mit moralischen Sanktionen belegt wie, dass man nicht morden oder nicht stehlen darf. Nein, ich verstehe nicht einmal, was das eigentlich ist, was John Stuart Mill in seinem Buch Utilitarism den Lesern anbietet, ich frage mich also, worüber er darin eigentlich redet?

Einen Hinweis darauf fand ich ausgerechnet in dem langen und ansonsten mühsam zu lesenden fünften Kapitel. Mill sagt dort, dass das Gerechtigkeitsprinzip oft keine Lösung biete, weil die Leute in der Diskussion um Gerechtigkeit einander oft gleichwertige aber widersprechende Gerechtigkeitsprinzipien entgegenhalten würden, zwischen denen eine Entscheidung unmöglich sei. Einen Ausweg biete oft erst das „social utility“-Prinzip. Zum Beispiel: Sollen in einem genossenschaftlichen Industriebetrieb alle Arbeiter gleich viel bezahlt bekommen (S. 171f.)? Oder sollen die erfahreneren und geschickteren besser bezahlt werden? Nun, die „soziale Nützlichkeit“ wird, ich kann es mir nicht anders vorstellen, für die zweite Option stimmen. Doch schon kommt das nächste Beispiel: Wie sieht es aus mit der Verteilung der Steuerlasten (S. 173f.)? Soll ein jeder gleich viel Steuern zahlen oder sollen die Besitzenderen mehr zahlen als die Ärmeren? Wenn alle gleich viel Steuern zahlen würden, würde wenig Geld in den Staatssäckel kommen und das würde wiederum die soziale Wohlfahrt gefährden – ich kann mir also wiederum vorstellen, wie ungefähr das Prinzip der „sozialen Nützlichkeit“ entscheiden würde. Aber ich wundere mich über etwas anderes: Welche Fragen werden mir hier als ethische dargeboten? Utilitaristische Ethik erscheint hier weniger als eine Antwort auf die Frage: Wie soll ich handeln?, sondern: Wie soll die sozialpolitische Realität gestaltet sein? Und die möglichen Antwortvorschläge des Utilitarismus sehen weniger wie Handlungsanweisungen an einzelne Personen aus denn als Argumente für bestimmte Sozial-, Arbeits- und Steuergesetze bzw. gegen andere.

Wieder erweist sich also der Utilitarismus eher als politische Theorie denn als Moralphilosophie. Vielleicht kann man das aber auch einfach als ein Zeichen der Zeit auffassen und den Utilitarismus als die Philosophie des aufwachenden Bürgertums sehen in einer Zeit, als sich die Bürger in allen Lebensbereichen zu regen begannen und auch in der Politik Verantwortung übernehmen wollten. Auch hier liegt viel an historischer Erfahrung zwischen uns und der Zeit von John Stuart Mill, und ich glaube, die Möglichkeit, durch politische Regelungen Missstände aus der Welt zu schaffen, wenn man nur dem richtigen moralischen Prinzip dabei folgt, wird heute nicht mehr so optimistisch gesehen. Politik gehört heute immer weniger zur Handlungssphäre des einzelnen Menschen, weil das politische System sich selbst so immunisiert hat, dass das Individuum erlebt, wie ohnehin alles immer gleich bleibt, egal welche Partei es wählt oder wogegen es protestiert. Dennoch ist die Frage natürlich grundsätzlich weiterhin interessant: Ist Moralphilosophie dazu gut, um uns Individuen zu helfen, damit wir uns emanzipieren können und eigenständig zu handeln lernen, oder ist sie dazu gut, um dem Staat oder der Gesellschaft zu helfen, uns zu knechten und uns in unserem Handeln zu konditionieren und an die Norm anzupassen (denn wenn nur der Utilitarismus Recht haben sollte in der Moralphilosophie, dann gäbe es ja nur eine Norm)?

Diese Fragen führen mich zurück zu meiner Eingangsfrage. Liegt dem Konzept von Mills Utilitarismus nicht eine politische Illusion zugrunde, wenn er meint, dass es einen „general interest“ gebe, „in which that of every individual is included“ (S. 188)? Im zweiten Kapitel spricht Mill davon, dass bei zwei Genüssen (pleasures), einem niedrigeren (körperlichen) und einem höheren (geistigen), derjenige, der beide kennt, sich immer für den höheren entscheiden würde (S. 28). Ich dachte beim Lesen, er kennt Hansi Hinterseer nicht. Dieser blonde ehemalige Schifahrer versammelt große Mengen an Fans um sich, indem er ihnen in seinen Schnulzenliedern von der heilen Welt vorsingt. Der Glaube, dass sich die Menschen bei zwei möglichen Genüssen immer für denjenigen entscheiden würden, „which employs their higher faculties“ (S. 28) ist bestenfalls typische Akademikerart, von den anderen Menschen zu denken, schlechtestenfalls aber kann man darin eine normative Art zu denken sehen, die den anderen Menschen vorschreibt, sie sie sich verhalten und welche Vergnügen sie vorziehen sollten. An dieser Stelle kommt John Stuart Mill also in Konflikt mit einer liberaleren politischen Haltung, die allen Individuen zugesteht, jeweils sein eigenes Konzept vom Glück zu verfolgen.

Eine weitere Frage besteht darin, welche happiness man denn verfolgen soll, wenn man die general happiness verfolgt, gesetzt der Fall, dass nicht alle Menschen das Gleiche wollen:

„...for that standard is not the agent’s own greatest happiness, but the greatest amount of happiness altogether; and if it may possibly be doubted whether a noble character is always happier for its nobleness, there can be no doubt that it makes other people happier, and that the world in general is immensely a gainer by it. Utilitarism, therefore, could only attain its end by the general cultivation of nobleness of character...” (S. 36)

Ich habe bereits darauf aufmerksam gemacht, dass der Utilitarismus eine allgemeine Erziehung und „Kultivierung” in seinem Sinne notwendig macht, also wiederum eine politische Aktion, die vom Bildungssystem in die Praxis umgesetzt werden müsste, um aus den Menschen solche Menschen zu machen, denen dann auch gefällt, was sie kriegen sollen. Mit einem Wort, sie müssen durch Erziehung genussfähig gemacht werden, damit sie dasjenige als genussvoll erstreben, was der Utilitarismus für genussvoll hält.

„This, being, according to the utilitarian opinion, the end of human action [nämlich „an existence exempt as far as possible from pain, and as rich as possible in enjoyments“ S. 36], is necessarily also the standard of morality; which may accordingly be defined, the rules and precepts for human conduct, by the observance of which an existence such as has been described might be, to the greatest extent possible, secured to all mankind; and not to them only, but, so far as the nature of things admits, to the whole sentient creation.” (S. 38)

Hier wird also das “greatest happiness principle” sogar noch auf die gesamte fühlende Natur ausgedehnt. Dabei ist es doch schwer genug zu wissen, was die Mitmenschen glücklich macht. Würde man dieses Prinzip in die Praxis umzusetzen versuchen, so wüsste ich nicht, wie man einem paternalistischen, bevormundenden Verhalten entkäme.

„When people who are tolerably fortunate in their outward lot do not find in life sufficient enjoyment to make it valuable to them, the cause generally is, caring for nobody but themselves. To those who have neither public nor private affections, the excitements of life are much curtailed, and in any case dwindle in value as the time approaches when all selfish interests must be terminated by death: while those who leave after them objects of personal affection, and especially those who have also cultivated a fellow-feeling with the collective interests of mankind, retain as lively an interest in life on the eve of death as in the vigour of youth and health.” (S. 42)

Selbstsucht also ist die Hauptursache, welche das Leben unbefriedigend erscheinen lässt (ebd.), und dagegen solle man ein Gefühl der Anteilnahme mit den kollektiven Interessen der Menschheit entwickeln. Ich könnte das nun beim besten Willen nicht tun, weil ich gar nicht weiß, welche die kollektiven Interessen der Menschheit sind. Vielleicht: die Erde auszuhöhlen, alle Bodenschätze schnell zu verwerten, um möglichst reich zu werden, bevor es die Konkurrenten tun? Wie soll die Erde in 10, 50 oder 100 Jahren aussehen? Ich habe keine Vorstellung davon, zum Teil, weil ich das berechtigte Gefühl habe, dass niemand etwas von meiner Vorstellung hören wollen würde, wenn ich mir denn eine machte. John Stuart Mill vertrat immerhin noch die Meinung, dem Wirtschaftswachstum müsse Einhalt geboten werden, und die Menschen sollten anstelle von noch mehr Gütern kulturelle Werte schaffen, um der Zerstörung der Natur Einhalt zu gebieten (S. 200). Heute hingegen sehe ich unsteuerbare soziale Prozesse am Werk (Wirtschaftswachstum, Bevölkerungswachstum, Umweltzerstörung), bei denen ich mir gar nicht ausmalen will, wohin diese alle führen werden, um einigermaßen ruhig leben zu können. Ich will also gar nicht an den kollektiven Interessen der Menschheit teilnehmen, weil mir scheint, dass diese den Prozess benennen, der im Begriff ist, uns ins Verderben zu führen.

Damit man am Schicksal der Welt teilnehmen könnte, müssten utilitaristische Gesetze aus dieser Welt erst wieder eine machen, an der man als Individuum auch teilnehmen könnte, wie es oben schon mal hieß und auch an dieser Stelle wieder: „As the means of making the nearest approach to this ideal, utility would enjoin, first, that laws and social arrangements should place the happiness, or (as speaking practically it may be called) the interest, of every individual, as nearly as possible in harmony with the interest of the whole...“ (S. 52) Das wäre wohl ein wünschbares Ziel, ich kann mir nur nicht vorstellen, wie das möglich wäre? Es gibt in unserer heutigen Realität Organisationen, angefangen von den großen Staatsbahnen über das Schulsystem und das Gesundheitssystem bis hin zur jeweiligen Staatsverwaltung selber, die alle nicht zum Nutzen der Individuen existieren, sondern in erster Linie zu ihrem eigenen Nutzen, um ihr Fortbestehen zu sichern, und auf Kosten der Individuen. Diese Kosten will ich jedoch gar nicht in erster Linie beklagen, sondern dass die entsprechenden sozialen Gebilde sich nicht einmal eine Idee davon machen, was für die Individuen nutzbringend sein könnte. Bei Schulen z.B. ist wichtig, dass man sie absolviert hat; was man dort gelernt hat, ist unwichtig; die Bahn transportiert einen, reduziert aber ihre Strecken, sodass sie einen vor dem notwendigen Besitz eines Autos doch nicht bewahrt; der Staat schließlich erzieht einen (Bildungssystem) und hält die öffentliche Ordnung und das Infrastruktursystem in Schuss, damit die Menschen ruhig leben können – aber die Menschen können nicht ruhig leben, weil Finanzkrise und Arbeitslosigkeit über sie hereinbrechen. Damit will ich sagen: Ein jedes dieser gesellschaftlichen System überlebt zwar seine eigenen systemischen Unzulänglichkeiten und kommt mit ihnen zurecht, aber das schafft es nur, indem es sich an den Individuen abstreift: Der Arbeitsmarkt verlangt irgendwelche Kenntnisse? Das unselbstständige Bildungssystem stopft damit die Individuen. Das Bahnfahren ist teuer, weil das Autofahren billig ist? Nun so müssen die Bahnfahrer eben teure Bahnkarten kaufen. Der Staat steckt in der Bredouille, weil es durch die Globalisierung Konkurrenz aus Niedriglohnländern gibt? Nun, so müssen eben die Individuen ihre Qualifikationen steigern, damit das Land ein Hochlohnland bleiben kann (nämlich ohne dass die Zwecklosigkeit des Wettkampfs mit den Niedriglohnländern thematisiert wird). Ehrlich gesagt, dass uns diese Institutionen nutzen, ist vielleicht nicht zu bestreiten, aber dass sie uns mehr nutzen als sie uns kosten, ist bereits wieder fraglich (auch natürlich, ob sie uns nutzen wollen, ohne sich dadurch gleich wieder selbst zu nutzen – bei Politikern, um gewählt zu werden). Am gravierendsten erscheint mir das Problem beim Schulsystem, welches zu einem großen Teil bestimmt, zu welchen Menschen es seine Schützlinge macht und welches dann, ziemlich sorg- und konzeptlos irgendwelche Menschen produziert. Aber dasselbe betrifft wohl auch den Staat, wenn er seine Bürger immer stärker dem Arbeitsmarkt ausliefert und dabei Situationen zulässt, die dem Individuum die Würde als Mensch und als Bürger rauben (Ich denke dabei an jüngste Entwicklungen wie die „ein Euro-Jobs“ oder zu geringe Arbeitslosen- oder Rentenunterstützungen.).

Nun bin ich also tatsächlich vom Nachdenken über Mills Verteidigung des Utilitarismus in eine Betrachtung des eigenen, des heutigen Gesellschaftssystems hineingeschlittert, und das vielleicht nicht unzufällig, denn woran auch immer man heute denkt: Ob das nun das Schulsystem, das Gesundheitssystem, den öffentlichen Transport, das Rechtssystem, das Militär, den Handel, die Gastwirtschaft, die Industrie, die Wissenschaft, die Kunst, den Sport etc. betrachtet, alles betrachtet man mit Missfallen und wünscht sich, dass es bald zugrunde gehen möge. Oder etwa nicht? Mögen Sie etwa gedopte Radrennsportler und für Millionen von Klub zu Klub verkaufte Fußballer? Mir kann der ganze Sportzirkus, der Kunstzirkus, der Medienzirkus, der Wissenschaftszirkus, der Wirtschafts- und Bankenzirkus, der Politzirkus etc. gestohlen werden. Es gibt eigentlich keinen gesellschaftlichen Bereich, wo man heute noch Lust hat, mitzumachen, weil man das Gefühl hat, dass es dort halbwegs fair zugeht und dass man dort seine Leistung erbringen wird können. Anstatt dessen ist man eigentlich in jedem gesellschaftlichen Bereich von den dortigen Geschehnissen und allgemeinen Praktiken so angeekelt, dass man sich denkt: Macht euch euren Kram doch alleine! – und sich nur wünscht, in Ruhe gelassen zu werden.

Hier liegt ein Problem: ein „fellow-feeling with mankind“ zu entwickeln ist unmöglich, zumindest für jemanden, der nicht die Fähigkeit besitzt, über alle sich aufdrängenden Widersprüche hinwegzusehen und sein Einheitsgefühl mit der Gesellschaft und der Welt herzustellen wie ein jubelnder Fußballfan sie mit seinem Team herstellt. Die Betrachtung der heutigen Verfasstheit der Welt lässt eigentlich keine Möglichkeit zu, als sie extrem unsympathisch zu finden. Der Mensch, der aus diesem Grund keinen Anschluss finden kann an das Einheitsgefühl mit der Menschheit, muss sich auf diesem Planeten notgedrungen wie ein zeitweiliger Passagier fühlen, dessen Verbindung mit ihr mit dem Ablauf seiner Lebenszeit endet. Ich kann mir aber ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, wie die bürgerliche Gesellschaft je glauben konnte, es werde alles besser, alle gesellschaftlichen Widersprüche werden abgeschafft und in einer schönen neuen Zeit würden das Interesse des Einzelnen mit dem Gemeinwohl zusammenfallen. Schließlich ist die bürgerliche Gesellschaft in allen ihren Grundelementen auf den Interessensgegensatz aufgebaut, zum Beispiel im Geldzahlungsverkehr: Des einen Menschen Ausgaben sind des anderen Menschen Einnahmen; was den einen Menschen reicher macht, macht den anderen ärmer. (Ich weiß schon, die Bürger sagen, aber er erhalte ja auch ein Äquivalent dafür in Form eines Produkts, aber das ist wieder einer dieser populären Fehlschlüsse: Ein vierter oder fünfter DVD-Player macht dich nicht reicher, die entsprechende Summe Geldes (weil sie angelegt werden kann und Zinsen abwirft) hingegen schon.

Aber was passiert, wenn man das utilitaristische Projekt einschränkt, und sich vom Wohl aller Menschen oder gar dem der gesamten fühlenden Natur auf jenes seiner unmittelbaren Mitmenschen zurückzieht? Auch das lässt die Konzeption von John Stuart Mill zu:

„...it is a misapprehension of the utilitarian mode of thought, to conceive it as implying that people should fix their minds upon so wide a generality as the world, or society at large. The great majority of good actions are intended, not for the benefit of the world, but for that of individuals, of which the good of the world is made up; and the thoughts of the most virtuous man need not on these occasions travel beyond the particular persons concerned, except so far as is necessary to assure himself that in benefiting them he is not violating the rights – that is, the legitimate and authorized expectations – of any one else.” (S. 56)

Die Fälle, in welchen jemand das utilitaristische Prinzip im größeren Umfang verwirklichen könne, seien Ausnahmefälle (einer unter tausend), und ein derartiger öffentlicher Wohltäter hätte dann schon die Pflicht, den öffentlichen Nutzen zu orientieren (ebd., S. 57). Ich sehe es ja nun nicht als meine Aufgabe in diesem Text, Mill Widersprüche in seiner Argumentation nachzuweisen, aber man muss schon zugeben, dass das ausgesprochene bzw. geschriebene Wort bei ihm einen sehr geringen Wert hat. Sicherlich ist dieser Wert viel zu gering, als dass es möglich wäre, ihn „beim Wort zu nehmen“ und ihn zu fragen: „Und, wie ist das jetzt wirklich? Ist nun das größte Glück der größten Zahl oder gar aller Menschen anzustreben oder nur das meiner Freunde und Bekannten? Meine Intention in dieser Reflexion hier ist aber eine ganz andere: Wenn ich nun versuchen würde, das Wohl meiner Freunde und Bekannten zu befördern, wenn ich also versuchte, das utilitaristische Prinzip wenigstens auf dieser Ebene zu verwirklichen – könnte ich das, gelänge mir das? Ich glaube nicht, dass mir das gelingen könnte, weil ich nicht weiß, was meine Freunde und Bekannten wollen und was sie erstreben. Wäre es freilich so, dass sie am Verhungern wären, dann wäre die Aufgabe leicht. Dann würde ich ihnen zu essen geben und könnte sicher sein, dass sie meine Zuwendung als Wohltat erfahren haben. So aber mache ich mir bestimmte Vorstellungen von dem, was für einen Menschen schön und erstrebenswert sein müsste und stelle dann in der Praxis immer wieder fest, dass meine Mitmenschen etwas anderes für angenehm und wünschenswert halten. Ich strebe z.B. ein interessantes Gespräch an, weil so etwas für mich einen Genuss darstellt, aber ich muss merken, dass meine Mitmenschen ein uninteressantes Gespräch über unbedeutende Nebensächlichkeiten vorziehen – und ein interessanteres Gespräch wohl auch mit Hinweis auf die Ermüdung durch die vermeintlich damit verbundene intellektuelle Anstrengung ablehnen würden. Ich meine z.B., dass den Leuten gute Musik gefallen sollte, aber ich stelle fest, dass die Leute oft schlechte Musik der guten vorziehen, weil diese ihren Freunden gefällt und sie sich eins mit ihren Freunden fühlen wollen. Ich würde meinen, dass zumindest Literaturwissenschaftler an Literatur interessiert sind, aber ich stelle fest, dass sie nie Interesse haben, über Literatur zu reden, sondern anstatt dessen nur über die Qualifikationsstufen ihrer akademischen Karriere reden. Meine Beispiele, glaube ich, lassen schon erkennen, dass das Problem um vieles leichter wäre, wenn man bei einem jeden Menschen wenigstens davon ausgehen könnte, dass er sich das Objekt seiner Bevorzugung selbst ausgesucht hat und bereit ist, für diese seine persönliche Wahl Verantwortung zu übernehmen, und wenn es möglich wäre, von demjenigen, was ein anderer Mensch will, im Gespräch mit ihm zu erfahren. Beides ist aber leider nicht der Fall: Was ein Mensch will, das kommt oft durch eine diffuse Mischung aus seinen eigenen Impulsen, seinem Weltbild und Einflüssen seiner mitmenschlichen Umwelt zustande; und kommunizieren kann man oft nicht mit ihm darüber – um wenigstens zu erfahren, was er will – weil er seine Objekte der Begierde für natürlich, normal oder selbstverständlich hält (und nicht als Resultate seiner Wahl), sodass er durch Fragen nach dem, was er will oder gern hat, provoziert fühlen könnte. Das Resultat ist, dass man über das, was die eigenen Mitmenschen wollen oder bevorzugen, gewöhnlich nur aus Beobachtungen und Andeutungen erfährt, welche man dann allerdings erst noch mit dem Weltbild der jeweiligen Menschen gegenverrechnen muss, um herauszufinden, was ihre Wünsche und die Gegenstände ihrer Wünsche überhaupt für sie bedeuten.

Anders gesagt, das Feld desjenigen, was meine unmittelbaren Mitmenschen wollen, ist nicht einfacher und leichter zu bewältigen als dasjenige der Gesellschaft oder der gesamten fühlenden Natur, sondern es ist ein nahezu undurchsichtiger Dschungel; und zweitens muss man, um die Wünsche seiner unmittelbaren Nebenmenschen zu verstehen, erst recht wieder auf die Welt und auf die Gesellschaft rekurrieren, die doch um soviel größer und unüberschaubarer ist als unsere kleine, private Welt, weswegen Mill geschlossen hatte, das Ziel, das größte Glück für die größte Zahl von Menschen zu verfolgen, könne man dem gewöhnlichen Menschen nicht zumuten.

Schlussbemerkungen

Ich will an dieser Stelle langsam zu einem Ende kommen, weil eine weitere Beschäftigung mit Mills Buch Utilitarism zwar durchaus noch möglich wäre, das Buch jedoch nicht so gehaltvoll ist, dass noch weitere interessante und die Diskussion bereichernde Aspekte ans Licht kommen.

Wenn also Mills Buch mehr ist als bloße politische Rhetorik (sehr viel in Form und Inhalt des Buches gibt dazu Anlass, es nur für einen Versuch politischer Einflussnahme zu halten), sondern als philosophischer Entwurf ernst genommen werden kann, dann ist zwischen mir und Leuten, die sich Mills Argumentation anschließen könnten, eine fundamentale Kluft in der Weltanschauung bemerkbar: Wie Mill und solche Leute sich die Übereinstimmung des eigenen utility- oder happiness-principle mit jenem der Mitmenschen und gar mit jenem der Gesellschaft oder der Menschheit vorstellen können, ist mir ein absolutes Rätsel und bedürfte zuerst einmal der Aufklärung.

Wenn man eine solche Gleichsetzung des für einen selber Nützlichen mit dem der Mitmenschen und dem der Gesellschaft vollzieht, hat man die Welt philosophisch nicht sehr tief analysiert (wiewohl man politisch sehr schön geredet hat). Ich bin daher in meinen Reaktionen auf Mills Thesen bereits sehr viel tiefer gegangen als er selber das tut und habe andeutungsweise die Probleme skizziert, die sich auftun, wenn man auf diesem Denkweg, den Mill vorschlägt, wandelt: Gesellschaftliche Gebilde entwickeln Eigenlogiken, die das, was Individuen wollen, nicht berücksichtigen; selbst die Erbringung von Nutzen und die Befriedigung von Bedürfnissen ist in unserer Gesellschaft auf dem Prinzip des Widerspruchs und Widerstreits angelegt; Individuen wissen gar nicht oder können gar nicht Auskunft geben über das, was sie wollen, weil sie von ihren Mitmenschen und der Gesellschaft, so wie sie sie sehen beeinflusst sind und zugleich zuwenig selbstständig sind, um sich einzugestehen, dass sie diese oder jene Wahl selber getroffen haben, etc. Meinen Einwänden gegenüber erscheint die Darstellung der Welt durch John Stuart Mill wie die Predigt eines Pfarrers, der die Einheit der Gemeinde in Gott beschwört, oder wie ein Lied von Hansi Hinterseer, das ein Bild von der heilen Welt malt. Es erscheint mir deshalb sehr schwer, mich argumentativ mit der Position Mills auseinandersetze, weil ich daran zweifle, dass die Menschen wirklich wollen, was er ihnen vorschlägt, obgleich das wunderbare Paradoxon zutage tritt, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, dass sie alle von jener Verbundenheit des Individuum mit der Menschheit hören wollen, die er ihnen verspricht. Die Frage ist, was passieren würde, wenn diese (rhetorischen) Wünsche wirklich in Erfüllung gehen würden? Wahrscheinlich würde das gesamte Gesellschaftssystem zusammenbrechen. Wenn unser auf Unwahrheit, Neid, Missgunst und Konkurrenzkampf aufgebautes Gesellschaftssystem auf Ehrlichkeit, Solidarität und gegenseitige Hilfe umgestellt würde, wahrscheinlich würde dann den meisten Menschen ihre Handlungsmotivation ausgehen. Obendrein wäre, ebenso wie wenn plötzlich die Welt Hansi Hinterseers über uns hereinbrechen würde, zu befürchten, dass den Menschen langweilig würde. Das Glück ist unendlich langweilig, der Himmel ohne Wolken eintönig, rundum nur wohlwollende Menschen nerven. (Es wäre also durchaus auch gut gewesen, wenn Mill sich mehr Gedanken über die anthropologischen Grundlagen dessen gemacht hätte, was er fordert.) Es bleibt also ein Rätsel, warum die Menschen so gern von der heilen Welt reden hören, deren Realisierung sie in Wirklichkeit wahrscheinlich gar nicht wollen würden.

Ich jedoch komme in meinem Nachdenken über das spezielle Sosein der gesellschaftlichen Realität und der Funktionslogik ihrer Institutionen immer wieder auch auf das Wollen der einzelnen Menschen zurecht. Vieles in der Gesellschaft könnte ganz leicht in rationaler Weise besser organisiert werden, sodass sie mehr Nutzen für die konkreten Individuen bringen und in ihrem Funktionieren weniger zu Bruch geht, respektive weniger Menschen zerbrochen werden. Aber ich stelle immer wieder fest, dass sich das nicht machen lässt, weil meine Mitmenschen dieses Gegeneinander brauchen, diesen Konkurrenzkampf, die Unehrlichkeit und die Widersprüchlichkeit. (Ich gehe an dieser Stelle einmal davon aus, dass ich das nicht in der Weise so stark brauche.) Ja, wenn alle Welt solidarisch wäre und individuelle Nützlichkeit und gesellschaftliche Nützlichkeit ineinander aufgingen, gegen wen könnte sich der Einzelne denn dann noch durchsetzen? Wie könnte man dann Freude daraus ziehen, dass man schlauer, geschickter, schneller ist als die anderen? Unsere Gesellschaft hat für diese Menschen eine ganze Reihe von „Spielen“ organisiert, bei denen es jeweils (wenige) Gewinner und (viele) Verlierer gibt. Das ist im Wissenschaftssystem ebenso wie im Wirtschaftssystem, im Rechtssystem oder im Erziehungssystem. Schon sobald man nur in die Grundschule kommt, spielt man in einem Spiel mit, in dem es Gewinner und Verlierer gibt, und weiß es gar nicht, weil es einem nicht gesagt wird. Schon auf dieser Stufe also stehen politische Rhetorik und philosophische Wahrheitserkenntnis einander gegenüber. Während die politische Rhetorik sagt, die Schule sei für alle gut, denn sie versorge alle mit Bildung, sagt die philosophische Einsicht, dass die Schule ein Spiel sei, das von vornherein auch dazu angelegt ist, um eine Gruppe von Verlierern zu produzieren, und zwar noch dazu: Verlierer, die weder wissen, was mit ihnen gespielt wird, noch, dass sie später in ihrem Erwerbsleben wahrscheinlich nie mehr aus ihrer Verlierersituation herauskommen werden. Wie das Schulbeispiel ja auch sehr schön zeigt: Gegenüber dem vorrangigen Gewinnen und Verlieren treten die konkreten Inhalte, um die man kämpft, in den Hintergrund. Das ist ja auch der Grund, warum LiteraturwissenschaftlerInnen über ihre publizierten Artikel oder über ihre Habilitation sprechen, aber nicht über Literatur. Und auch wäre ein Ansatzpunkt für eine Kritik des Utilitarismus: Happiness oder pleasure ist ja auch ein Inhalt. Wir sehen aber um uns herum, wie Menschen sich hauptsächlich von Umständen und nicht von Inhalten antreiben lassen. Es existieren wissenschaftliche Studien darüber, dass das Gefühl von Unglück kauffördernd wirkt und also die Wirtschaft stärkt (Cynthia E. Cryder et al.: „Misery is not Miserly: Sad and Self-Focused Individuals Spend More“, http://www.contrib.andrew.cmu.edu/~ccryder/miseryisnotmiserly.pdf ) Man muss also, wenn man tiefer in dieses Thema, das der Utilitarismus vorschlägt, eindringt, sogar so unwahrscheinlich und unmögliche Gedanken in Betracht ziehen, dass die Menschen gar nicht in der Lage sind, happiness oder pleasure zu erkennen, weil sie dazu geistig nicht selbstständig genug sind, bzw. dass sie, obwohl sie das freilich nie zugeben würden, sogar ihr eigenes Unglück erstreben. Was die Menschen wollen, ist so komplex und in sich widersprüchlich, dass man gar nicht wüsste in welcher Weise man handeln oder die Welt verbessern wollen könnte. Der Erfolg des Getränks „Red Bull“ (aber „Coca Cola“ wäre ein ebenso gutes Beispiel) scheint mir diese Gedanken zu illustrieren: Es ist unentscheidbar, ob sein Initiator Dietrich Mateschitz damit der Welt etwas Gutes oder etwas Schlechtes gegeben hat: ein Getränk, das müde und überarbeitete Menschen munter macht, anstatt ihnen Zeit zum Schlafen zu verschaffen. Gut und böse sind so stark vermischt in den Herzen der Menschen, dass eine Wohltat ohne üble Nebenwirkungen für sie aller Wahrscheinlichkeit nach unannehmbar wäre. Mit einem Wort, ich kann mir nicht vorstellen, was ein Nutzen für die Gesellschaft wäre.


9. Jänner 2010

 

© helmut hofbauer 2009