| Reflexion
über Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“
und
darüber, wie die Mitteilung philosophischer Gedanken
in der wohlgeordneten Gesellschaft möglich ist
1.
Fernando Savaters Version
Sehen
wir uns zuerst Fernando Savaters Darstellung des „Volksfeinds“
an – gemeinsam mit seiner Interpretation des Stücks:
Fernando
Savater: La dimensión ética de la
empresa. Fundación social. Santafé
de Bogotá 1998.
S.
66-68
„Ibsen erzählt uns in seinem Werk „Ein
Volksfeind“ die Geschichte eines sehr verantwortungsvollen
Arztes, der entdeckt, dass das Wasser des Kurbades
der Stadt sehr verschmutzt ist, dass es deshalb Gift
für den Menschen ist und dass man es nicht erlauben
darf, dass Personen es weiterhin benutzen. Das Problem
liegt darin, dass die gesamte Wirtschaft der Stadt
sich um das Kurbad und die Leute, die es permanent
in der Hoffnung auf Besserung besuchen, dreht –
sogar der Protagonist arbeitet als Arzt in ihm. Der
Bürgermeister, der zum größeren Unglück
der Bruder des Arztes ist, sagt ihm, dass die Lage
des Kurbads zu ändern viel Geld kosten würde
und dass die Arbeiten nicht weniger als zwei Jahre
in Anspruch nehmen würden. „Außerdem“,
sagt der Bürgermeister zum Arzt, „wer würde
zurückkommen in unser Kurbad, sobald bekannt
ist, dass das Wasser vergiftet ist? Das Beste ist
es, den Zustand des Wassers nicht publik zu machen.“
Da widersetzt sich ihm der Protagonist kategorisch
und sagt: „Nein! Es ist nicht möglich,
die Besucher das Wasser des Kurbads trinken und sich
in ihm baden zu lassen. Das muss man melden und publik
machen.“ Der Bürgermeister stellt sich
dem entgegen, sagt ihm, dass die Untersuchung des
Wassers, die der Arzt in Auftrag gegeben hat, nicht
exakt sei und dass er ihm seine Stellung als Arzt
des Kurbads aufkündigen müsse, wenn er seine
Behauptung nicht zurückzieht. Der Arzt beruft
eine öffentliche Versammlung ein; in dieser besteht
der Bürgermeister auf den exzessiven Kosten der
baulichen Wiederherstellung des Kurbads, die überdies
von allen Steuerzahlern bezahlt werden müssten,
und der Arzt besteht auf dem großen Schaden,
den man den Besuchern zufügen würde. Am
Ende kommt die gesamte Bevölkerung darin überein,
den Arzt als Volksfeind zu bezeichnen und darin, dass
man die Vergiftung des Wassers des Kurbads nicht öffentlich
machen wird.
Ibsen
zeigt uns also, wie sogar in Fällen von Übereinkunft
in einer Versammlung (wörtl: „gremialer
Solidarität“) die Ethik oder die persönliche
Verantwortung es ist, die sich erhebt und sagt, dass
man auf diesem Weg nicht weitergehen darf, dass man
bestimmte Sachen nicht vertuschen darf, auch wenn
es dazu notwendig sein sollte, sich den Personen entgegenzustellen,
die die eigenen Nachbarn gewesen sind und mit denen
man lange zusammengearbeitet hat. Die persönliche
Ethik zeigt ganz einfach, dass es Situationen gibt,
in denen es notwendig ist, sich der Gruppe oder der
Gemeinschaft entgegenzustellen, zu der man gehört
und auf eine entschlossene Weise zu handeln, ohne
Rücksicht zu nehmen auf die Interessen, die davon
berührt werden.“
[Übersetzung: Helmut Hofbauer] |
Man
sieht hier sehr deutlich: Fernando Savaters Ethik persönlicher
Verantwortlichkeit läuft letzten Endes darauf hinaus,
dass das Individuum eine Rolle als Außenseiter gegenüber
der Gesellschaft einnimmt. In der Gruppenpsychologie spricht
man von verschiedenen „Rollen“, die in einer
Gruppe möglich sind: AnführerIn, MitläuferIn
(das sind jene, die den größten Teil der Gruppe
ausmachen), AußenseiterIn und KonkurrentIn. Wenn jemand
also wirklich ethisch handeln wollte, dann müsste er
oder sie bereit sein, die Außenseiterrolle in der
Gesellschaft einzunehmen. Im Idealfall – wenn alle
Menschen ethisch handeln würden – wären
alle Außenseiter. – Wäre eine solche Gesellschaft
denkbar, die nur aus Außenseitern besteht?
Die
Notwendigkeit, Außenseiter zu sein, ergibt sich aus
der Selbstbestimmtheit ethischen Handelns: Also, ich tue
etwas, nicht weil die Gruppe oder die Tradition sagt, dass
das richtig sei, sondern weil ich selbst durch rationales
Nachdenken entschieden habe, dass es richtig ist. Ohne Selbstbestimmung
gibt es eigentlich kein ethisches Handeln. Also selbst wenn
die Gesellschaft eine bestimmte Handlungsweise empfiehlt
und fordert und diese entspräche auch jener, auf die
man selbst durch eigene Reflexion als auf die ethisch richtige
gekommen wäre, ist diese Handlungsweise keine ethische,
denn sie ist fremdbestimmt.
Ethisches
Handeln ist also asoziales oder antigesellschaftliches Handeln.
Und hier zeigt sich, dass das, was für das ethisches
Handeln gilt, in genau derselben Weise auch für das
philosophische Nachdenken gilt. Denn Philosophieren besteht
darin, dass ein Mensch rational über irgendwelche Fragen,
die er (oder sie) sich stellt, nachdenkt. Dabei kann herauskommen,
dass er in einer bestimmten Frage mit der Gesellschaft einer
Meinung ist oder auch dass er nicht mit ihr einer Meinung
ist. Das ist genau jene Individualität und Unabhängigkeit
von der Gruppe, die die Außenseiterstellung kennzeichnet.
Wer also philosophiert, ist ebenfalls zum Außenseiter/zur
Außenseiterin verdammt oder ist eben ganz von alleine
ein/e AußenseiterIn.
2. Was sagt Ibsen dazu?
Henrik
Ibsen: Ein Volksfeind. Reclam, Stuttgart
1993. S. 13.
„AMTSRAT:
[…] Ich kann nicht zulassen, daß krumme
oder unlautere Wege beschritten werden.
DOKTOR STOCKMANN. Bin ich jemals krumme oder unlautere
Wege gegangen?
AMTSRAT. Du hast jedenfalls eine angeborene Neigung,
deine eigenen Wege zu gehen. Und das ist in einer
wohlgeordneten Gesellschaft fast genauso unpassend.
Der einzelne muß sich nun einmal dareinfinden,
dass er sich dem Ganzen unterordnet, oder, besser
gesagt: den Autoritäten, die über das Wohl
des Ganzen wachen.“ |
Also
des Arztes, also Doktor Stockmanns, Bruder ist nicht der
Bürgermeister, sondern ein Herr Amtsrat; aber sonst
stehen uns keine Ungereimtheiten bei der Interpretation
dieses Textzitats im Weg:
Doktor
Stockmann liebt es in der Anschauung seines Bruders, der
ein 100prozentiger Vertreter und Verteidiger der Gesellschaft
ist, eigene Wege zu gehen und das sei in einer wohlgeordneten
Gesellschaft schon fast so genauso unpassend wie krumme
und unlautere Wege zu gehen. Man kann annehmen, dass das
aus der Perspektive der Gesellschaft so aussieht: An und
für sich würde die Gesellschaft ja heftigst bestreiten,
dass sie es jemandem verwehrt, seine eigenen Wege zu gehen
und nach seiner eigenen Fasson glücklich zu werden,
in Wirklichkeit jedoch setzt sie häufig schon das Gehen
eigener Wege mit dem Gehen auf krummen und illegalen Wegen
gleich.
Noch
etwas ist interessant in diesem Zitat: Der Einzelne müsse
sich, so der Amtsrat als Verteidiger der Gesellschaft, dem
Ganzen unterordnen, und er sagt auch gleich, worin diese
Unterordnung unter das Ganze besteht, nämlich in der
Unterordnung unter die Autoritäten. Nun wird einem
jeden, der nicht völlig blind ist, sofort in die Augen
springen, dass die Autoritäten und das Ganze der Gesellschaft
nicht das gleiche Ding sind. Die Autoritäten, das ist
nicht die Gesellschaft als Ganzes, sondern das sind wiederum
einzelne Menschen. Woraus folgt, dass man sich der Gesellschaft
eigentlich gar nicht unterordnen kann, weil ja nicht bekannt
ist, was diese ist und worin sie besteht. Um sich ihr unterordnen
zu können, muss man sich ihren Autoritäten unterordnen,
also jenen Menschen, die beanspruchen, sie zu repräsentieren.
Das aber macht doch einen großen Unterschied: Denn
wenn es noch einige Überzeugungskraft hat, sich der
Gesellschaft unterzuordnen, so hat es doch schon viel weniger
Überzeugungskraft, sich lieber anderen Menschen unterzuordnen
als seinem eigenen rationalen Urteil: Denn warum sollte
man von Haus aus davon ausgehen, dass die Anderen besser
urteilen als man selber?
3.
Der denkende Mensch ist allein, weil er einen eigenen Standpunkt
entwickelt
Der
denkende Mensch ist also allein – und zwar allein
dadurch, dass er denkt; er ist asozial – und zwar
genau dadurch, dass er denkt und doch besser nicht denken
sollte. Was also ist die Gesellschaft? Die Gesellschaft
ist ein behäbiges Ding, das darin besteht, so bleiben
zu wollen, wie sie ist, auf dem Kurs bleiben zu wollen,
auf dem sie fliegt – egal ob das ein Kollisionskurs
ist oder nicht. Das Missverständnis des denkenden Menschen
mit der Gesellschaft hat seinen Ursprung darin, dass er
sich über das Wesen der Gesellschaft irrt. Er meint,
die Gesellschaft bestehe aus der Gruppe der Menschen, welche
sie bildet. Deshalb meint er, wenn er einen Gedanken hat,
von dem er glaubt, dass er der Gesellschaft nütze,
dann müsse diese doch an seinem Gedanken Interesse
haben. Doch die Kommunikationsbeziehungen zwischen Einzelnem
und Gesellschaft sind nicht von der Art. Doktor Stockmanns
Bruder, der Amtsrat, kennt die Gesellschaft besser:
S.
42
„DOKTOR STOCKMANN. Ja, aber ist es denn nicht
die Pflicht eines Staatsbürgers, es der Allgemeinheit
mitzuteilen, wenn er auf einen neuen Gedanken gekommen
ist?
AMTSRAT. Ach, die Allgemeinheit benötigt gar keine
neuen Gedanken. Die Allgemeinheit ist mit den guten,
alten, bewährten Gedanken, die schon da sind, bestens
bedient.“ |
Wichtige
Anmerkung dazu von meiner Seite: Diese Beobachtung wird
vielen heute als falsch erscheinen, da wir doch unsere Gesellschaft
als begierig nach neuen Gedanken erleben und sehen, wie
sie mit Nachdruck in F&E, also in Forschung und Entwicklung,
investiert. Der scheinbare Widerspruch löst sich jedoch
auf, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Gesellschaft
früher an einem Ort stille stand, während sie
heute, durch die Aufklärung in Bewegung gesetzt, in
eine Richtung fliegt. Diese Bewegung wird „Fortschritt“
genannt; die Richtung ist unbekannt und wird nicht hinterfragt.
Wenn die Gesellschaft also heute nach neuen Gedanken zu
streben scheint, dann tut sie das – genau wie die
frühere Gesellschaft – nur, um ihren Ist-Zustand
zu bestätigen, also um sich NICHT zu verändern.
Die einzigen Gedanken, die die Gesellschaft mit Freude aufnimmt,
sind diejenigen, die sie ein bisschen mehr so werden lassen,
wie sie ohnehin schon ist; die es ihr erlauben, sich weiter
in die Richtung zu bewegen, in die sie ohnehin schon fliegt.
Würde man die Reaktion der Gesellschaft auf Gedanken
betrachten, die ihre derzeitige Entwicklungsrichtung in
Frage stellen, dann würde man sehen, wie aufgeschlossen
sie neuen Gedanken gegenüber wirklich ist.
4.
Der ins Innere des Menschen fließende Nutzen oder
Schaden verliert tendenziell seine Sichtbarkeit für
die Gesellschaft
Was
die Gesellschaft eigentlich ist, ist – entgegen dem
Vorurteil der meisten Menschen – weder evident, noch
ist diese Frage leicht zu beantworten. Wir können diese
Frage nur anhand ihrer praktischen Auswirkungen nachverfolgen,
z.B. hier in Gestalt von Ibsens philosophischer Fiktion
„Ein Volksfeind“:
S.
46
„DOKTOR STOCKMANN. Aber ich bin es doch, der für
das Wohl der Stadt kämpft! Ich will die Mängel
beheben, die früher oder später sowieso ans
Tageslicht kommen werden. Oho, es wird sich schon zeigen,
daß ich meine Heimatstadt liebe.
AMTSRAT. Du, der du in blindem Trotz losläufst
und die wichtigste Einnahmequelle der Stadt zerstörst.
DOKTOR STOCKMANN. Die Quelle ist vergiftet, Mensch!
Bist du verrückt! Wir leben hier davon, daß
wir Dreck und Unrat verhökern! Unser gesamtes aufblühendes
Gemeinwesen wird von der Lüge genährt!
AMTSRAT. Einbildungen – wenn nicht Schlimmeres.
Ein Mann, der gegen seine Heimatstadt so schwerwiegende
Beschuldigungen erhebt, muß ein Feind der Gesellschaft
sein.“ |
Das
Problem beginnt im Grunde damit, dass man sagt, dass das
Ganze über dem Einzelmenschen steht. Wenn also einzelne
Menschen durch das Kurbadwasser vergiftet werden, dann werden
nur Einzelne geschädigt, nicht aber das Ganze. Das
Ganze der Gesellschaft wird aber geschädigt, wenn die
finanzielle Haupteinnahmequelle der Stadt zerstört
wird. Nun wissen wir freilich, dass das vom Amtsrat ein
bisschen zu kurz gedacht ist: Wenn wirklich Menschen vom
Wasser des Kurbads in ihrer Gesundheit erheblich geschädigt
werden und das nachträglich an die Öffentlichkeit
kommt, dann blühen der Stadt finanzielle Einbußen,
möglicherweise auch in der Gestalt von Schadenersatzzahlungen,
die viel größer sein werden als das bisher diagnostizierte
voraussichtliche Schadensausmaß. Das Muster ist dennoch
wiederum das gleiche: Nicht die in ihrer Gesundheit geschädigten
Menschen stellen den gesellschaftlichen Schaden, den Schaden
für die Gesellschaft dar, weil sie ja nur Teile der
Gesellschaft sind: Einzelne sind erkrankt, Einzelne sind
vielleicht gestorben. Die finanziellen Einnahmen (obwohl
auch diese am Ende bei einzelnen Individuen landen) der
Stadt jedoch machen das aus, was den Nutzen oder Schaden
(im Falle ihres Ausbleibens) der Gesellschaft darstellt,
weil sie in einer statistischen Aufstellung der gesamten
Stadt zugeschrieben werden können.
Wenn
wir es also mit der Frage nach der Gesellschaft zu tun haben,
dann haben wir es mit einem bestimmten Mechanismus zu tun.
Dieser Mechanismus besteht darin, dass in den Augen der
Öffentlichkeit bestimmte Phänomene es leichter
haben, Sichtbarkeit und Relevanz zu gewinnen als andere.
Z.B. wiegt ein Mensch, der sich allein vor Schmerzen windet,
weniger als z.B. das Faktum wiegen würde, dass alle
um 1% im Jahr weniger verdienen, selbst wenn sie diese Einkommensminderung
aufgrund ihres Reichtums nicht spüren sollten. Der
Grund liegt einfach darin, dass der Einkommensverlust im
Beispiel auf alle, also auf das Ganze der Gesellschaft zuschreibbar
ist; der oder auch die sich vor Schmerzen krümmende
PersonEn jedoch nicht verallgemeinerbar sind.
Letztlich
führen uns diese Überlegungen zu der Frage, ob
der Mensch ein „allgemeines Schicksal“ hat:
Wenn der Mensch nämlich ein allgemeines und kein persönliches
Schicksal hätte, wenn er also mehr Anteil daran hätte,
dass z.B. die Haupteinnahmequelle der Stadt ausfällt
als daran, dass er sich an verschmutzem Wasser vergiftet,
krank wird und stirbt, dann wäre er zur Gänze
ein gesellschaftliches Wesen. Es ist natürlich offenbar,
dass er das nicht ist: Wenn der Mensch durch schmutziges
Wasser krank wird und stirbt, dann kümmert es ihn nicht
mehr, ob die Gesellschaft weniger Geld verdient. Für
ihn sind diese Fragen vorbei, denn als Toten betreffen sie
ihn nicht mehr.
5.
Mächtig ist der Mensch nur, wenn die Gesellschaft hinter
ihm steht.
Am
Ende des Stücks hat der Protagonist Dr. Stockmann eine
ganz sonderliche und falsche Idee:
S.
120
„DOKTOR STOCKMANN. (senkt die Stimme). Pst, ihr
dürft jetzt noch nicht davon reden, aber ich habe
eine große Entdeckung gemacht.
FRAU STOCKMANN. Schon wieder?
DOKTOR STOCKMANN. Ja sicher, sicher! (Er sammelt sie
um sich und sagt vertraulich.) Die Sache ist nämlich
so, seht ihr, dass der stärkste Mann auf der Welt
der ist, der ganz allein dasteht.“ |
Laut
Nachwort von Walter Baumgartner ist das eine Verulkung von
Schillers Wilhelm Tell, der im gleichnamigen Drama sagt:
„Der Starke ist am mächtigsten allein.“
Baumgartner ist der Meinung, dass die „sprachliche
Unbeholfenheit“ Dr. Stockmanns den „Inhalt [dementiert]“,
den dieser Satz bei Schiller hat (S. 123). Mir scheint eher,
dass Dr. Stockmann dessen Inhalt durch die veränderte
Formulierung genau ins richtige Licht rückt: Der stärkste
Mann steht laut Stockmann ganz allein da. Und das ist ja
auch die Endsituation von Ibsens Drama „Ein Volksfeind“:
Dr. Stockmann steht mit seiner Familie ganz allein da; man
hat ihm und seinen Nächsten die Jobs und die Wohnung
gekündigt und von draußen schießen Unbekannte
mit Steinen die Fenster ein. Wenn so Macht aussieht, dann
weiß ich nicht. Das Schlussstatement von Dr. Stockmann
ist daher wohl am richtigsten so zu verstehen: Wenn man
keine Macht mehr hat, dann muss man stark sein, weil einem
ohnehin nichts anderes übrigbleibt.
Alle
seine Macht zu verlieren, das ist auch genau die soziale
Konsequenz, die sein Handeln für Dr. Stockmann hat.
Er begibt sich durch sein Handeln in die Außenseiterrolle,
er begibt sich ins Alleinsein. Das Alleinsein ist daher
selbst nichts anderes als der völlige Machtverlust
einer Person. Umgekehrt wird dadurch auch klarer, was Macht
in Wirklichkeit ist: Macht bedeutet, nicht allein zu sein.

Nicht
allein ist Dr. Stockmanns Bruder Peter Stockmann, der Amtsrat.
Dieser könnte in den Zustand des Alleinseins auch gar
nicht kommen, weil er nie eine eigene Meinung hat, mit der
er allein sein könnte. Seine Überzeugung besteht
darin, dass man sich den Autoritäten beugen müsse
– anders gesagt, sie besteht darin, dass das Alleinsein
unter allen Umständen zu fliehen und die Gemeinschaft
mit den Anderen unter allen Umständen und um jedem
Preis zu suchen sei.
Die
Illusion des denkenden Menschen hingegen besteht darin,
das Recht (auch in Gestalt des Rechthabens in der rationalen
Diskussion durch den „zwanglosen Zwang des besseren
Arguments“ (Jürgen Habermas)) über die reale
Machtsituation zu stellen. Doch hier geht man von der idealen
Phantasievorstellung aus, dass in der Gesellschaft zugehört
würde. (Auch Jürgen Habermas baut seine Theorie
des kommunikativen Handelns ja auf eine „ideale Sprechsituation“
auf – das heißt, dass es sie in der realen Wirklichkeit
gar nicht gibt.) Frau Stockmann ist da in ihrer Wirklichkeitssicht
weit realistischer, wenn sie sagt:
S.
47
„FRAU STOCKMANN. Aber, lieber Tomas, dein Bruder
hat nun mal die Macht auf seiner Seite…
DOKTOR STOCKMANN. Ja, aber ich habe das Recht!
FRAU STOCKMANN. Ach ja, das Recht, das Recht; was hilft
es dir, wenn du recht hast, aber keine Macht?“ |
Es
gibt also nichts Schädlicheres für das Individuum
– nichts, was mehr zum eigenen Schaden beiträgt
– als der Glaube, dass die Vernunft über der
Gesellschaft stehe.
5.
Hinterhältige Literatur
Walter
Baumgartners Deutung des Dramas (im Nachwort des Reclam-Bandes)
unterscheidet sich substantiell von jener Fernando Savaters:
Er schreibt Ibsen keinerlei Botschaft zu, die er uns mitteilen
wollte, sondern betont anstatt dessen Henrik Ibsens Entschluss,
„hinterhältige Literatur“ zu präsentieren,
den dieser offenbar nach dem Reinfall mit seinem Stück
„Die Gespenster“ (1881) gefasst hatte:
S.
121
„Doch Ibsen ließ in seinem literarischen
Vermächtnis Wenn wir Toten erwachen (1899) den
Künstler-Protagonisten von seinen „hinterhältigen
Kunstwerken“ sprechen, die nur an der Oberfläche
harmlos seien. Sie sollten hinter den honorigen und
harmlosen Charaktermasken „Pferdegesichter und
sture Eselsschnauzen, schlappohrige, flachstirnige Hundeschädel
und verfressene Schweinsköpfe und manchmal brutale
Ochsen“ sichtbar machen.“ |
Tatsächlich
hat Walter Baumgartner recht, denn Dr. Stockmann ist ein
überheblicher, von sich selbst eingenommener Idiot,
sodass es in diesem Drama eigentlich nur verachtenswerte
Figuren gibt und keine einzige Stimme, auf die der Theaterbesucher/die
Theaterbesucherin hören wollen könnte. Trotzdem
erscheint mir diese Interpretation von Baumgartner als symptomatisch
für die Interpretationsweise der Wissenschaft (im Gegensatz
zu jener des Philosophen), die sich damit begnügt,
das auszusagen, was mit Sicherheit wahr ist, und sich vor
allem scheut, was nur wahr sein könnte. Damit beraubt
sie sich selber des Inhalts des Stücks und auch alles
dessen, was in ihm wirklich von Interesse sei könnte,
weil Kunst eine Form der Kommunikation ist, die die Wahrheit
aussagt, ohne gleichzeitig zu behaupten, dass es auch tatsächlich
die Wahrheit ist.
Das
ist gewissermaßen die Eigenart der Kunst – und
so auch der Literatur – dass sie ganz einfach sagt,
wie sie die Welt sieht und sich dabei aus dem gesellschaftlichen
Streit um die Wahrheit raus hält.
Wenn
nun die Wissenschaft in Gestalt der Literaturwissenschaft
literarische Aussagen auf der Grundlage der (für die
Wissenschaft verpflichtenden) Behauptung der Wahrheit zu
deuten versucht, dann kommt nichts oder nur Nebensächliches
heraus, weil ja die Literatur Wahrheit nur in ihrer verkleideten
Form als Fiktion vorbringt. Die Fiktion ist aber –
ob als Lüge, Erfindung oder sonst was – für
die Wissenschaft nichts Sachhaltiges und daher nicht bearbeitbar.
Daraus
erhellt auch die Nichtzuständigkeit der Literaturwissenschaft
für die Literatur: Da die Literaturwissenschaft auf
feststellbare Wahrheit erpicht ist, muss sie sich mit Biografien
von SchriftstellerInnen und anderem Faktenwissen zufrieden
geben, das in den Rahmen ihrer Wirklichkeitsauffassung passt,
während sie zur Interpretation von literarischen Werken
per definitionem nicht fähig ist, weil sie Wahrheit
feststellen will, diese jedoch in literarischen Werken in
„hinterhältiger“ Form als Fiktion auftritt.
6.
Die Notwendigkeit hinterhältiger Philosophie?
Ich
habe nun Anlass zu fragen, ob die Philosophie sich in unserer
Gesellschaft nicht vielleicht in einer ähnlichen Position
befindet wie die Kunst und die Literatur und sich von daher
auch einer vergleichbaren Kommunikationsstrategie bedienen
sollte?
Ein
Gedicht von Wilhelm Busch mit dem Titel „Der Narr“
hat mich auf diese Frage gebracht. Die Geschichte, die er
darin erzählt, besagt: Da ist ein Mensch von durchschnittlicher
Intelligenz, dem nichts fehlt außer dass er glaubt,
der Papst zu sein. Worauf die Anderen ihn ins Irrenhaus
stecken. Ein Freund besucht ihn und sagt zu ihm, weil dieser
sich wundert, dass er für verrückt gehalten wird:
Wilhelm
Busch: Zu guter Letzt. In: Friedrich Bohne
(Hg.): Historisch-kritische Gesamtausgabe in vier
Bänden. Band 4. Vollmer, Wiesbaden &
Berlin 1960. S. 309.
„Ja,
sprach der Freund, so sind die Leute.
Man hat an einem Papst genug.
Du bist der zweite.
Das eben kann man nicht vertragen.
Hör zu, ich will dir mal was sagen:
Wer schweigt, ist klug.“
|
Vierzehn
Tage später trifft der Freund den Narren auf offener
Straße wieder. Er fragt ihn, ob er geheilt sei. Aber
woher denn, antwortet der Narr: Wir hätten alle unseren
„Sparren“, also unsere Verrücktheit, aber
wer schweige, sei klug. Offenbar denkt er also auch weiterhin,
er sei der Papst, aber weil er das nicht offen sagt, hält
ihn niemand mehr für verrückt.
Der
philosophierende Mensch ist in einer ganz ähnlichen
Situation wie dieser Narr: Er will (und muss) die Wahrheit
sagen. Das muss er ganz einfach schon deshalb, weil das
philosophische Sprachspiel auf der Wahrheitsbehauptung basiert.
(Man kann also nicht philosophieren, indem man wie die Kunst
oder die Literatur behauptet: „Ich erzähl euch
nichts Wahres, sondern bloß Interessantes und Verblüffendes!“
– weil so die philosophische Redeweise nicht funktioniert.)
Nun ist aber das Problem, dass es die Wahrheit (so wie in
Wilhelm Buschs Gedicht den Papst) in unserer Gesellschaft
schon gibt. Es gibt sie in Gestalt der Wissenschaft, und
die Wissenschaft hat die Wahrheit, sodass man nur zum Preis,
alle Menschen zu verärgern, einer mit einer eigenen
Wahrheitsbehauptung auftreten kann.
Die
Wahrheit ist also auf der Ebene der Gesellschaft oder im
Diskurs der Öffentlichkeit etwas Konfliktives. Da hilft
es auch gar nichts darauf hinzuweisen, dass philosophische
und wissenschaftliche Wahrheitssuche völlig unterschiedliche
Gegenstände und Ziele haben: Sucht die Wissenschaft
dasjenige, was die Gesellschaft als Ganzes in ihrem Wissen
voranbringt, so sucht die Philosophie demgegenüber
individuelle Einsicht. (Und das, was den Wissensschatz der
Gesellschaft als Ganzes mehrt, kann durchaus zu keiner individuellen
Einsicht führen, wie umgekehrt das, was zu Einsicht
und Verstehensprozessen bei Individuen führt, durchaus
nichts zum Wissen der Gesellschaft als Ganzes beitragen
muss.)
Die
Frage ist also, wie soll man sich als Philosophierender
verhalten. Drei Möglichkeiten stehen zur Auswahl:
- Soll
man schweigen, so wie Buschs Narr? Dann ist man fraglos
auf der sicheren Seite, aber dann wäre die Philosophie
nicht nur aus dem sozialen, sondern auch aus dem intersubjektiven
Raum verdrängt und ins Bewusstsein des Individuums
eingesperrt – eine recht unbefriedigende Lösung.
(Man ist an Ernst Jüngers Anarchen erinnert, der
sich vom Anarchisten dadurch unterscheidet, dass er Anarchist
nur im Geiste ist und niemandem davon erzählt, noch
seine Einstellung offen auslebt.)
-
Soll man hinterhältige Philosophie präsentieren,
so wie Henrik Ibsen hinterhältige Kunstwerke? In
dem Fall, haben wir gesagt, funktioniert das philosophische
Sprachspiel nicht mehr, das ebenso wie das wissenschaftliche
auf der Behauptung von Wahrheit aufbaut.
-
Oder soll der Philosophierende seine philosophische Wahrheitssuche
in die Gestalt wissenschaftlicher Tätigkeit verkleiden?
Aber in dem Fall muss er/sie seine/ihre Suche nach persönlicher
Einsicht aufgeben und anstatt dessen nach Einsichten für
die Gesellschaft oder für das Kollektiv streben,
was eine ganz andere Sache ist.
SCHLUSS
Eine
Lösung, eine Auflösung des Rätsels wollen
Sie von mir haben? Habe ich keine. Ich habe all dies hier
nur aufgeschrieben, um darauf hinzuweisen, dass die Frage
nach einer praktikablen und (für die Gesellschaft)
zulässigen Form philosophischer Äußerung
dieselbe Gestalt hat wie das eingangs zitierte Problem der
Ethik: Wenn der Mensch ethisch handelt, dann tut er das
Gute – nun ja, das vielleicht auch, aber: Vor allem
anderen denkt er selbst nach und tut dann das, was seiner
eigenen Überlegung zufolge ihm als das Beste erscheint.
Er handelt also autonom, nicht heteronom. Das bringt ihn
in einen Gegensatz zur Gesellschaft. Es bringt ihn in einen
offenen Gegensatz zur Gesellschaft, wenn er etwas anderes
tut als das, was die Gesellschaft für richtig hält,
aber das ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, es bringt
ihn latent immer und in einen fortwährenden Gegensatz
zur Gesellschaft aus dem Grund, weil er selber denkt. Im
Einklang mit der Gesellschaft zu sein, bedeutet demgegenüber,
der Gesellschaft gegenüber keinen eigenen Standpunkt
zu entwickeln, gleich welcher es sei.
Wer
also ethisch handelt, steht von vornherein im Gegensatz
zur Gesellschaft, ebenso wie jemand, der selber denkt, von
vornherein im Gegensatz zur Gesellschaft steht. Der Mensch,
der selber denkt, ist in ähnlicher Weise verrückt
wie der Narr, der sich für den Papst hält: Dieser
übersieht, dass es den Papst schon gibt und dass es
die Menschen stört, wenn ein zweiter sich als Papst
bezeichnet. Ebenso übersieht jener Mensch, der für
sich persönlich nach Wahrheit sucht, dass es in unserer
entwickelten und differenzierten Gesellschaft etablierte
Institutionen zur Wahrheitssuche schon gibt, deren Arbeit
man stört und kritisiert dadurch, dass man selber auch
nach Wahrheit sucht.
Der
Ausdruck „entwickelte und differenzierte Gesellschaft“
weist darauf hin, dass das nicht immer so gewesen ist. In
früheren, weniger hoch entwickelten Gesellschaften,
wurde der Mensch von seinen Mitmenschen mehr als Individuum
angesehen, dessen Anschauungen aus diesem Grund von den
Anderen eher unabhängig von seiner Person auf ihre
innere Konsistenz und logische Überzeugungskraft geprüft
werden konnten. Heute hingegen zählen die Meinungen
von Individuen immer mehr nur noch in Abhängigkeit
von ihrer gesellschaftlichen, d.h. beruflichen, Funktion.
Aus dem Grund zählt es in unserer Gesellschaft nichts,
was der Rauchfangkehrer über den Atomkern sagt, da
er nicht Atomphysiker ist – und zwar auch dann, wenn
seine Behauptung inhaltlich richtig und wahr ist.
Wir
können daraus eine Entwicklungslinie ableiten, in welcher
nach dem Grade der Organisation und inneren Differenzierung
einer Gesellschaft immer mehr Tätigkeiten und Aufgaben,
die ursprünglich dem Menschen als Menschen zugeschrieben
wurden, von der individuellen auf höhere, soziale Ebene
verlagert werden. In dieser Untersuchung haben wir gesehen,
wie in der Gesellschaft unseren Entwicklungsstands ethisches
Handeln und eigenes Denken dem Menschen abgenommen und von
Institutionen auf gesellschaftlicher Ebene übernommen
werden. Das ist den meisten Menschen klar, das Umgekehrte,
das daraus folgt, versteht man wahrscheinlich weit weniger:
Ethisches Handeln und eigenes Denken sind in der heutigen
Gesellschaft tatsächlich weitgehend nicht mehr erlaubt.
Noch sind sie nicht verboten durch Gesetze, sondern bloß
durch soziale Sanktionen – aber man bemerkt bereits,
wie vielen Menschen das Verständnis für sie fehlt.
Nur
den Umkehrschluss aus dieser Überlegung haben wir also
noch nicht ganz begriffen: nämlich dass aus der heutigen
Gesellschaftsordnung eigentlich zwingend folgt, dass sowohl
auf Ethik als auch auf Philosophie zu verzichten wäre.
Die Tatsache, dass die Gesellschaft keinen Platz für
sie mehr hat, ist der Grund, warum sie heute nur noch in
verkleideter Form auftreten können (z.B. wird im Ethikunterricht
wahrscheinlich meistens Moral gelehrt und Philosophie verkleidet
sich an den Universitäten gezwungenermaßen als
Wissenschaft).
Womit
ich am Ende ja doch noch in gewisser Weise eine Antwort
auf die von mir gestellte Frage nach der heute möglichen
Form philosophischen Sprechens gegeben hätte: Ich weiß
nicht, welche Form man wählen kann, aber sicher nicht
die von der philosophischen Sprechweise ursprünglich
intendierte. Denn diese setzt einen gesellschaftlichen Raum
voraus, in dem Individuen einander als Individuen begegnen
können und ein offenes Ohr haben für das, was
der/die andere inhaltlich jeweils sagt. Aber diesen Raum
haben wir durch die Arbeitsteilung und das Expertentum abgeschafft;
und dadurch haben wir zugleich auch den Menschen als Individuum
abgeschafft, das ethisch handeln könnte, das nachdenken
könnte und dem man zuhören könnte, weil es
sich vielleicht was Interessantes ausgedacht hat.
Kann
man sagen: Mit anderen Worten, es dürfte das nicht
geben, was wir heute „Gesellschaft“ nennen,
damit Philosophie und ethisches Handeln möglich sind?
19.
Juli 2010
|