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SEHEN, dass man BLIND ist.

Eine philosophische Reflexion über H.G. Wells Erzählung: „The Country of the Blind“

 

In seiner Erzählung „The Country of the Blind“ (in: Christopher Dolley (Hg.): The Penguin Book of English Short Stories. Penguin Books, Harmondsworth 1983 (1967). S. 103-128) aus dem Jahre 1904 erzählt H.G. Wells von einem Bergsteiger namens Nunez, der in Ecuador bei einer Bergtour in das Tal der Blinden verschlagen wird.

Diese Erzählung erscheint mir als treffliche Parabel für das Problem, wie ein Philosophierender von den anderen Menschen und von der Gesellschaft behandelt wird. Doch ist sie das nicht deshalb, weil Nunez, die Hauptfigur der Erzählung, ein Philosoph wäre – im Gegenteil, er verhält sich eigentlich sehr dumm und rücksichtslos (und zeigt somit, dass ein sehender Mensch in anderen Bereichen durchaus auch blind sein kann) – sondern einfach weil er sehen kann, während die anderen Menschen in diesem Tal blind sind und er ihnen, da sie sich in ihrem Leben eingerichtet haben und mit ihrer Lebensweise genug haben, den Nutzen des Sehens nicht verständlich machen kann.

Um den größeren fiktiven Zusammenhang zu erzählen, in dem der Plot der Geschichte sich abspielt: Es handelt sich um ein abgelegenes Tal in den Anden, in das früher Menschen geflohen waren, die sich der Herrschaft der Spanier entziehen wollten, bis ein gewaltiges Erdbeben es völlig von der Umwelt abschloss. Aufgrund irgendeiner Umweltgegebenheit erblindeten alle Menschen in diesem Tal langsam, und ihre Kinder wurden blind geboren. Nun leben sie bereits seit 14 Generationen in diesem Zustand in ihrem Tal und haben sowohl alle Wörter, die im Zusammenhang mit optischen Sinneseindrücken stehen, vergessen, wie auch, dass es außerhalb ihres Tals noch eine größere Welt gibt.

Nunez, der bei einem Bergunfall über ein steiles Schneefeld in das Tal rutscht und wie durch ein Wunder unverletzt bleibt, wird von H.G. Wells in dieser Erzählung als krasses Gegenteil der Talbewohner dargestellt. So ist er sehr von seiner vermeintlichen Überlegenheit eingenommen und sagt sich fortwährend das Sprichwort vor: "In the Country of the Blind the One-Eyed Man is King". Doch wird er nicht König der blinden Talbewohner (warum strebt er das überhaupt an?), sondern der Diener eines von ihnen, von Yacob. Als er schließlich dessen Tochter Medina-saroté heiraten möchte, wird ihm ihre Hand verweigert, solang er sich nicht einer chirurgischen Operation zur Entfernung seiner Augen unterzieht. Diese beiden Organe in Nunez’ Gesicht, die den Talbewohner, deren eigene Augen eingefallen sind, krankhaft angeschwollen erscheinen, werden von den Ältesten für Nunez’ verrückte Hirngespinste und wirre Reden über das Sehen verantwortlich gemacht, welche ihn als Person instabilisieren. Nunez willigt ein, doch am Vorabend seiner Operation flieht er ohne Ausrüstung in die Berge hinauf, wo er wahrscheinlich umkommen wird.

Man könnte diese Geschichte freilich als Erzählung über die Beschränktheit und Borniertheit einer geschlossenen Gemeinschaft lesen, die nichts anerkennen will, das sie nicht selber schon kennt. Damit aber würde man die Kraft des Konkreten nur ungenügend nutzen, da die Vorstellung konkreter Umstände und Vorgänge oft mehrere Interpretationen zulässt. Im Bezug auf diese Geschichte vom Tal der Blinden ist es insbesondere faszinierend, sich vor Augen zu führen, dass Nunez, obwohl er durch seinen Sehsinn so hoch über die anderen Menschen hinausgehoben ist, diesen eigentlich nichts anzubieten hat. So könnte er etwa ihre Häuser schön mit Farbe streichen, denn er stellt fest, dass diese farblich ziemlich hässlich bemalt sind. Aber wofür täte er das, sie könnten es ja doch nicht sehen. Dasselbe träfe zu, wollte er ihnen ein Bild malen oder ihnen auch nur von den Farben einer Blume erzählen. Auch ihren Häusern fehlt nichts, obwohl sie keine Fenster haben, denn die Talbewohner sind ja blind und verstehen es ausgezeichnet, sich in permanenter Dunkelheit mithilfe von Tastsinn und Gehör zu bewegen – nur Nunez hat Probleme damit, dass er etwas kann, was die anderen nicht können, weil er in ihren Häusern nichts sieht und sich in ihnen nicht bewegen kann. Auch ist es so, dass die Talbewohner tagsüber schlafen und in der Nacht arbeiten, weil es da kühler ist – für sie ist das kein Problem, weil sie ohnehin nicht sehen können, für Nunez hingegen schon.

Wenn man auf Philosophie zu sprechen kommt, stellen die Menschen sehr schnell die Frage, welchen Nutzen sie denn für die Menschen oder für die Gesellschaft habe? – Aber was ist, wenn wir jetzt einmal annehmen, dass Philosophieren so wie Sehen ist: Beim Sehen ist uns unmittelbar klar, welchen „Nutzen” es hat, bzw. ist uns unser Augenlicht so teuer, dass uns eigentlich sogar Nunez Flucht aus dem Tal der Blinden verständlich erscheint, die er unternimmt aus Horror vor dem Verlust seines Augenlichts. Umgekehrt geht es aber auch darum zu verstehen, dass den Menschen – emotional – absolut nichts fehlt, wenn sie blind sind, noch dazu dann, wenn sie ausschließlich von anderen blinden Menschen umgeben sind und nichts davon wissen, dass die Fähigkeit zu sehen überhaupt existiert. Und nun ist es ja tatsächlich so, dass die philosophierenden Menschen auf dieser Welt in der Minderheit sind, während die Nichtphilosophen die Mehrheit bilden.

Und wenn man nun die Texte Philosophierender liest, so stellt man immer wieder fest (und das könnten auch Nichtphilosophen diese lesend feststellen), dass es den Philosophierenden in der Hauptsache nicht um irgendetwas geht, das auf einen konkreten Nutzen einengbar wäre, sondern um etwas, das größer und integrierter ist als verschiedene Nutzen - um so etwas wie das Sehen. Tatsächlich eröffnet das Philosophieren Weltzugänge, eröffnet weitere Fenster und Türen zur Welt, und in der Freude über diese Belüftung und darüber, durch diese zusätzlichen Öffnungen in die Welt hinausschauen zu können, besteht für die Philosophierenden die Bedürfnisbefriedigung durch Philosophie und die Rechtfertigung der Anstrengung beim Philosophieren.

Gerd Achenbach zitiert auf seiner Homepage in dem Text “Die Grundregel philosophischer Praxis” Bertrand Russell, der in seinem Buch Probleme der Philosophie (1912) geschrieben hatte:

„Wer niemals eine philosophische Anwandlung gehabt hat, der geht durchs Leben und ist wie in ein Gefängnis eingeschlossen: von den Vorurteilen des gesunden Menschenverstands, von den habituellen Meinungen seines Zeitalters oder seiner Nation und von den Ansichten, die ohne die Mitarbeit oder die Zustimmung der Vernunft in ihm gewachsen sind. So ein Mensch neigt dazu, die Welt bestimmt, endlich, selbstverständlich zu finden; die vertrauten Gegenstände stellen keine Fragen, und die ihm unvertrauten Möglichkeiten weist er verachtungsvoll von der Hand. Sobald wir aber anfangen zu philosophieren (...), führen selbst die alltäglichsten Dinge zu Fragen, die man nur sehr unvollständig beantworten kann. (So kann zwar) die Philosophie nicht mit Sicherheit [s]agen, wie die richtigen Antworten auf die gestellten Fragen heißen, aber sie kann uns viele Möglichkeiten zu bedenken geben, die unser Blickfeld erweitern und uns von der Tyrannei des Gewohnten befreien. Sie vermindert unsere Gewißheit darüber, was die Dinge sind, aber sie vermehrt unser Wissen darüber, was die Dinge sein könnten. Sie schlägt die etwas arrogante Gewißheit jener nieder, die sich niemals im Bereich des befreiende[n] Zweifels aufgehalten haben, und sie hält unsere Fähigkeiten zu erstaunen wach, indem sie uns vertraute Dinge von uns nicht vertrauten Seiten zeigt.”

Das ist so ein „typische“ Aussage – ja so möchte ich sie fast nennen – mit all ihren begrifflichen Paradoxien (wie z.B.: „befreiender Zweifel“ – wie kann sich denn ein Zweifel befreiend anfühlen, der wirkt doch im Gegenteil verunsichernd?), mit denen Philosophierende einander kundtun, dass sie davon wissen, dass Philosophieren so etwas wie ein Sehen ist – und somit auch eine jener Aussagen, an der sie einander erkennen.

Philosophierende also brauchen keinen Nutzen der Philosophie, denn wie viel Nutzen das Sehen so nebenbei auch haben mag, wir tun es nicht wegen des Nutzens. Wir tun es aus Freude am Sehen und weil wir uns ohne das Sehen „blind“ fühlen würden, wobei wir mit diesem Wort die Angst vor einer großen Beraubung und Verarmung unseres Lebens zum Ausdruck bringen. Für die meisten Menschen würde zu erblinden das Ende ihres Lebens bedeuten; ein Philosophierender hätte mit einem ähnlichen Gefühl zu kämpfen, wenn er mit dem Zwang konfrontiert wäre, mit dem Philosophieren aufhören zu müssen.

Was ich damit – in Anlehnung an die Erzählung „The Country of the Blind“ von H.G. Wells sagen möchte: Wir Philosophierende sollten nicht so blöd sein wie der Bergsteiger Nunez in dieser Erzählung. Wir sollten einsehen, dass die anderen nicht sehen können. Wir sollten einsehen, dass sie gar nicht wissen, was sehen ist – und ihnen deshalb auch nichts abgeht. Wir sollten einsehen, dass es – aus ihrer Sicht – daher auch gar keinen Nutzen von Philosophie gibt. Und zwar gibt es deshalb keinen Nutzen von Philosophie, weil man auch ohne Philosophie leben kann. Die Menschen rund um uns leben ohne Philosophie wie die Menschen im Tal der Blinden ohne Augenlicht leben – und so wie die Menschen im Tal der Blinden kein Bedürfnis nach einem schönen Anstrich ihrer Häuser, nach Fenstern in denselben und nach Bildern, Fotos und Gemälden haben, so haben Nichtphilosophen auch kein Bedürfnis und keinen Bedarf nach dem, was Philosophie dem Menschen anzubieten hat.

Anders gesagt, was Russell im zitierten Textstück macht, nämlich zu sagen, dass Philosophieren wie die Befreiung aus einem Gefängnis sei, ist schön und poetisch, aber sinnlos. Es gilt mit Blick auf unsere Mitmenschen zu verstehen, dass sie sich nicht gefangen fühlen und daher auch gar kein Bedürfnis haben, aus irgendeinem Käfig zu entkommen.

Wenn man sich als Philosophierender Nichtphilosophen nähert, muss man das anders machen, auf jeden Fall diskreter – und nicht so plump und tollpatschig wie Nunez den Blinden das Sehen auf ihre blinden Augen gedrückt hat. Zuallererst gilt es einmal, die Fragen von Nichtphilosophen nach dem potentiellen Nutzen von Philosophie ernst zu nehmen, auch wenn sie uns Philosophierenden Unbehagen bereiten, weil sie uns so sinnlos erscheinen wie die Frage, warum wir morgens unsere Augen öffnen. Aber es gilt eben zu verstehen – und das ist das Schwierigste überhaupt – dass andere Menschen anders sind als wir. Und zum Glück sind wir ja auch nicht in einer so aussichtslosen Situation wie Nunez, denn wir können auf zahlreiche philosophische AutorInnen und die prestigereiche Tradition der Philosophie verweisen, was unsere Gesprächspartner daran hindern dürfte zu behaupten, was wir von uns geben, das seien rein nur krankhafte Hirngespinste. Nunez, der in der Erzählung von H.G. Wells den blinden Menschen alleine gegenüber steht, hat solche Möglichkeiten nicht.

Und dann gilt es, von dem, was den Nichtphilosophen als möglicher Nutzen von Philosophie erscheint, auszugehen und diesen Nutzen wirklich zur Grundlage des Gesprächs zu machen, auch wenn uns erscheint, dass es sich bei dieser Nutzenkonstruktion bloß um einen Irrtum oder um eine Oberflächlichkeit handeln kann. Der Nutzen von Philosophie für Nichtphilosophen könnte eventuell darin bestehen,

  • Zugang zu finden und Anteil zu haben an der prestigereichen Tradition der Philosophie bzw. an ihrem gesellschaftlichen Prestige.
  • Lebensglück: Wenn sich die Menschen in der Philosophie Glück zu finden erhoffen, so sehe ich nicht, warum man es ihnen nicht versprechen sollte – man lügt damit nicht mehr und nicht weniger als Schokoladeproduzenten und Hollywood-Filmstudios.
  • (Seelische) Heilung: Das Feld der seelischen Heilung ist heute vermint weil völlig reguliert durch die Institutionen der Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie. Aber gesunden – also ungefährdeten – Menschen kann man ohne weiteres philosophische Heilung anbieten. Philosophische Heilung gibt es auch und sie funktioniert sogar, soweit das Prinzip funktioniert (von dem übrigens auch viele Psychotherapien getragen werden), dass es besser (und eben unter Umständen heilsam) ist, sich mit einem Problem, das man hat, auseinanderzusetzen, als sich nicht mit ihm auseinanderzusetzen.
  • Was könnte es sonst noch für Nutzen der Philosophie geben? Vielleicht wären da noch einige Punkte, aber ich glaube, da müsste ich Nichtphilosophen befragen, denn als Philosophierender habe ich das Verständnis dessen verloren, was ein Nutzen der Philosophie für Nichtphilosophen sein könnte.

Im Sinne dieses letzten Punktes sehe ich auch die Lehre, die wir PhilosophInnen aus der Erzählung von H.G. Wells ziehen können: Wir sehen zwar (vielleicht), während die anderen Menschen nicht sehen, aber das bedeutet auf keinen Fall, dass wir auch SEHEN, was ihnen fehlt und welche Bedürfnisse sie haben. Wenn wir Nichtphilosophen erklären wollen, welche Bedürfnisse wir mit unserem Philosophieren befriedigen, so geht das an ihnen ebenso weit vorbei wie alles, was Nunez den blinden Menschen in jenem Gebirgstal der Anden anzubieten hat. Unser Sehen (wenn es so etwas gibt) durch die Philosophie ist auf der anderen Seite zugleich auch so etwas wie eine Blindheit, nämlich eine für die Bedürfnisse und Nutzenvorstellungen von nicht philosophierenden Menschen. Dagegen hilft wohl nur eines, was Nunez in der Erzählung auch viel zu wenig tut, nämlich Hören, die gute stille Tugend des Hinhörens, intensiver noch in der Gestalt des Lauschens. Damit werden wir unsere Mitmenschen ebenso wenig zum Philosophieren bringen wie Nunez die Blinden sehend machen kann, das gilt zumindest für die überwiegende Mehrheit von ihnen. Denn für die Philosophie ist jeder Mensch unerreichbar, der nicht von sich aus seine Fühler schon einmal in ihrer Richtung ausgestreckt hat. Aber es könnte eben doch sein, dass, wenn wir unsere Mitmenschen diskret begleiten, bisweilen hier und dort ein konkreter Nutzen des Philosophierens für sie erkennbar wird. So wie man sich vorstellen kann, dass Nunez den Blinden bisweilen in einzelnen Situationen mit seiner Seekraft Hilfestellung hätte leisten können, wenn er still an ihrer Seite gelebt und nicht soviel über das Sehen geredet hätte. Über das Philosophieren reden, das dürfen wir im Gegensatz zu Nunez freilich schon, nur muss uns klar sein, dass es sich, wenn wir einen Nutzen des Philosophierens für Nichtphilosophen finden, immer um eine für uns selber gänzlich unverständliche Übersetzung von Philosophie in etwas anderes, das in einer für uns unvorstellbaren Lebensform Platz hat, handeln wird.

Bei der Lektüre von H.G. Wells Erzählung dachte ich jedenfalls unwillkürlich: Diesen armen blinden Menschen kann man es ja nicht vorwerfen, nicht zu wissen und zu verstehen, dass sie blind sind! – Aber wer die Fähigkeit zu sehen besitzt, der hat eigentlich keine Entschuldigung und kann also nicht behaupten, nicht imstande zu sein zu SEHEN, wo und wofür er blind ist!

Ich versuche es noch einmal auszudrücken, was ich hier sagen will, denn mir scheint, es ist noch nicht vollends klargeworden und wird dies auch nicht, solange ich nicht die rechte Formulierung gefunden habe, die dieses Problem gleichsam in die Gestalt einer Formel prägt. Vielleicht gelingt dieses Ansinnen, wenn ich sage: Um wirklich zu philosophieren (und unsere nichtphilosophische Umwelt darin miteinzubeziehen) müssen wir Philosophierende MEHR als philosophieren. Wir dürfen uns nicht mit dem Philosophieren begnügen, sondern müssen über das Philosophieren hinausgehen, so wie Nunez in H.G. Wells’ Erzählung sich nicht mit dem Sehen begnügen hätte sollen, sondern sich darüber hinaus vorstellen hätte sollen, wie die Welt für blinde Menschen aussieht. Wir Philosophierende denken ja immer: Es gibt das Nichtphilosophieren, dann das Philosophieren und nach dem Philosophieren schon nichts mehr, was darüber hinaus ginge – aber genau das ist eben zu kurz gedacht. Es führt dazu, dass wir Nichtphilosophen auf geradem Wege zu Philosophierenden machen wollen, weil uns das philosophische Bewusstsein höher und wertvoller erscheint als das nichtphilosophische, ohne uns danach zu fragen, wie für Nichtphilosophen die Welt aussieht und welche Bedürfnisse und Nutzenvorstellungen aus ihrer Wirklichkeitssicht resultieren bzw., noch wichtiger, welche NICHT resultieren.

Wenn es also darum geht, was Nichtphilosophen nicht erstreben oder stärker noch, was sie tatsächlich nicht wollen, was sie aus ganzem Herzen ablehnen, dann fällt mir das Volk der Blinden aus H.G. Wells’ Erzählung ein, das Nunez die Augen chirurgisch entfernen möchte, weil es der Meinung ist, diese seien krankhaft angeschwollen. Nietzsche sagt in seiner „3. Unzeitgemäßen Betrachtung“, Schopenhauer als Erzieher über Michel de Montaigne: Das Bekanntwerden mit diesem Philosophen sei so, als würde einem ein (zusätzliches) Bein oder ein Flügel wachsen. Eine (ebenfalls für einen Philosophen typische) Aussage wie diese liest sich anders, nachdem man H.G. Wells Erzählung „The Country of the Blind“ kennen gelernt hat.

„Daß ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt worden. Mir wenigstens geht es seit dem Bekanntwerden mit dieser freiesten und kräftigsten Seele so, daß ich sagen muß, was er von Plutarch sagt: „kaum habe ich einen Blick auf ihn geworfen, so ist mir ein Bein oder ein Flügel gewachsen.““
[Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, S. 280. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 67003 (vgl. Nietzsche-W Bd. 1, S. 296)]

Ein zusätzliches Bein oder ein Flügel, das würden Nichtphilosophen wahrscheinlich als körperliche Verunstaltung ansehen und schnellstmöglich chirurgisch korrigieren wollen. Aus dieser Überlegung folgt auch: Man komme Nichtphilosophen nie mit dem, was WIRKLICH der Nutzen von Philosophie wäre. Es ist nicht nur so, dass sie diesen Nutzen nicht sehen können, sondern wenn sie ihn sich vorstellen, so erscheint er ihnen als etwas zutiefst Ablehnenswertes. Man bleibe deshalb im Gespräch mit Nichtphilosophen besser im Rahmen ihrer eigenen Kategorien und erzähle ihnen Dinge, die sie verstehen können, um sie nicht gegen die Philosophie aufzubringen.

Es geht darum zu verstehen, dass Philosophie in der Welt nichtphilosophischer Menschen tatsächlich keinen Platz hat; erst wenn man das verstehen kann, kann man sich als PhilosophIn auf NichtphilosophInnen zubewegen – und man kann dann versuchen, sich selbst und das eigene Philosophieren vorsichtig in ihre nichtphilosophische Welt zu integrieren (was sicher einiges an Mimikry und Chuzpe verlangt). Das stellt freilich ein Paradoxon dar, das sich aber – auch auf Dauer – nicht auflösen lässt und also auszuhalten ist. Was hingegen sicher nicht gehen wird, ist, NichtphilosophInnen dazu zu verführen, PhilosophInnen zu werden, denn diese haben (wie die blinden Menschen in H.G. Wells’ Erzählung nach dem Sehen) nicht nur kein Bedürfnis nach Philosophie, sondern sie würden den Sinn für das Philosophieren bei jenen Einzelnen, bei denen er erwacht ist, am liebsten wieder herausoperieren, weil er doch nicht in ihre Welt passt und droht, sie durcheinanderzubringen.

 

Schlussfolgerungen

  • Philosophierende Menschen dürfen als Sehende sich nicht nur mit dem Sehen begnügen, sondern sollten auch zu sehen versuchen, wofür sie durch ihr Sehvermögen blind sind.
  • Blind sind sie dafür, dass die NichtphilosophInnen sich in ihrer nichtphilosophischen Welt eingerichtet haben und der Philosophie deshalb nicht bedürfen.
  • Es mag zwar evident sein, dass Sehen besser ist als blind zu sein, aber leider haben wir es im Fall von Philosophie und nichtphilosophischer Welt mit keinem so einfachen Verhältnis zu tun: Im Umgang mit NichtphilosophInnen müssen wir als Philosophierende daher nach Nutzen und Vorteilen des Philosophierens suchen, die in der Welt der NichtphilosophInnen sichtbar werden, auch wenn das solche sind, die aus unserer Sicht wenig mit den wahren Vorteilen von Philosophie zu tun haben.
  • Der Vorteil und Nutzen des Philosophierens gegenüber dem nichtphilosophierenden Leben wird durch die Metapher des Sehens klar beschrieben: Wir alle, die wir sehen können, genießen unser Augenlicht und möchten unter keinen Umständen auf dasselbe verzichten. Es gibt aber umgekehrt genauso gut den Vorteil und Nutzen des Nichtphilosophierens: Man ist so wie die anderen Menschen und harmoniert besser mit ihnen.

Das Verhältnis von Philosophie und menschlicher Welt ist also schwierig. Der Nutzen von Philosophie lässt sich jederzeit argumentieren, nur muss man es umsichtig tun und dabei zwischen der Perspektive der PhilosophInnen und jener der Nichtphilosophinnen hin- und herhüpfen. Doch wer sollte die geistige Wendigkeit, die dazu nötig ist, aufbringen, wenn nicht die PhilosophInnen, denn die nichtphilosophierenden Menschen, die nur ihren Nutzen vor Augen haben, werden nicht sehen, dass dieser sie blind macht für das Sehen.


18. Mai 2010

 

© helmut hofbauer 2010