| Ich
und Facebook
Ich
schreibe natürlich „ich und Facebook“ und
nicht „Facebook und ich“, weil es mir nicht
an Selbstvertrauen fehlt. Und ich schreibe es natürlich
auch deshalb, weil Facebook so groß und mächtig
ist und ich so klein, dass es ohnehin gleich ist (weil es
wirkungslos bleibt), was ich schreibe.
Also,
was ich sagen wollte: Ich biete eine Homepage an, und die
unterscheidet sich von Facebook (oder auch von YouTube)
dadurch, dass ich Inhalte anbieten (wie diskutabel auch
immer diese sein mögen), während die Erfinder
von Facebook und YouTube bloß Plattformen anbieten,
auf denen sich andere spielen und die sie mit Inhalten füllen
können.
Der Unterschied
im Erfolg ist nicht wegdiskutierbar: Während Mark Zuckerberg,
der Erfinder von Facebook, mehrmaliger Dollarmilliardär
ist, bin ich ein armer Schlucker und meine Homepage wird
gerade mal von ein paar Leuten pro Tag oder Monat besucht.
So wie Mark Zuckerberg hätte ich es also machen müssen,
wenn ich erfolgreich hätte sein wollen (- und wer will
das nicht sein).
Ich habe
gegen Facebook (und Plattformen wie Facebook) nur zwei Einwände,
obgleich ich auch schon eine Seite dort habe (man ist ja
praktisch dazu gezwungen, wenn alle Freunde auch schon eine
haben) und wenngleich ich verstehe, dass die Menschen heute
Spielwiesen im Internet brauchen, weil sie in der Arbeitswelt
und im täglichen Leben, was Spaß und Kreativität
betrifft, so kurz gehalten werden, dass solche Online-Plattformen
ein notwendiges Ventil darstellen, um sich ein wenig auszuleben
und das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen.
Mein
erster Einwand ist der, dass die Leute – also die
vielen Facebook-Benutzer – falsch liegen, wenn sie
glauben, dass jemand, der keine Inhalte anbietet (und also
offenbar nicht auf die Meinungen der Menschen Einfluss nehmen
will), sondern nur eine Plattform, auf der sich andere verwirklichen
können, dadurch keine Inhalte anbietet. In Wirklichkeit
bieten Facebook, YouTube, Twitter und wie diese Plattformen
sonst noch alle heißen mögen, freilich auch Inhalte
an. Aber sie tun es nicht explizit, sondern durch die Art
und Weise, wie sie Menschen vergemeinschaften. Aus diesem
Grund hätte ich als freiheitsliebender Mensch mich
auch nicht bei Facebook angemeldet, wenn, wie gesagt, man
nicht mittlerweile durch sozialen Druck beinahe gezwungen
wäre, dort angemeldet zu sein. Facebook bildet eine
ganz bestimmte Art von Freundes-Gemeinschaften, denen ich
als freiheitsliebender Mensch gerne ausgewichen wäre,
weil ich den Wunsch in mir trug, dass noch andere Vergemeinschaftungsweisen
und Weisen, Freunde und Gleichgesinnte zu finden, möglich
sein sollten.
Zum
Beispiel wäre es möglich, dass ein jeder der ähnliche
inhaltliche Interessen hat wie ich, meine Homepage jederzeit
mittels Suchmaschine findet. Nur nimmt man diese Suchanstrengung
freilich immer seltener in Kauf, wenn man ohnehin seine
Zeit bereits damit verliert, mit 150 Freunden auf Facebook
zu kommunizieren. Aber es gibt auch Sachen, für die
Facebook nichts kann – und damit komme ich zu meinem
zweiten Einwand gegen Facebook und alles Facebookähnliche:
Als das Internet aufkam, hoffte ich Inhaltssüchtiger,
dass im Internet mit der Zeit interessante Inhalte zu finden
sein würden. Nun ja, Google macht das jetzt, indem
sie Bücher digitalisieren und ins Netz stellen, aber
das ist nicht die Art und Weise, wie ich mir die Erfüllung
meines Wunsches vorgestellt hatte, denn Bücher kann
ich mir schließlich und endlich auch aus der Bibliothek
ausborgen.
Das
ist also nicht die Schuld von Facebook, sondern des ganzen
Internets, das gewissermaßen facebookartig funktioniert:
Es sind keine Inhalte darin zu finden. Z.B. n Interkultureller
Kommunikation, womit ich mich mehrere Jahre lang beschäftigt
habe: Man findet viele Institute privater und universitärer
Natur, deren Angebote man lesen kann, aber interessante
Texte zu diesem Thema findet man sehr selten. Sobald es
zu Inhalten tatsächlich kommt, ziehen es die Anbieter
derselben vor, bloß noch eine Ankündigung der
Inhalte ins Netz zu stellen – und sich für die
Inhalte selber bezahlen zu lassen. Ich glaube, ich bin der
einzige Verrückte, der noch für das Internet Inhalte
generiert, und die Tatsache, dass meine Seite wenig bekannt
ist, hängt auch ganz einfach damit zusammen, dass im
Internet niemand mehr Inhalte erwartet.
Die Hochschule „Großer Schwindel“
Während
die österreichischen StudentInnen das Audimax der Universität
Wien besetzt halten (ich verstehe nicht, wieso), hat die
polnische Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ eine
„journalistische Provokation“ durchgeführt
(siehe: „Gazeta Wyborcza“ vom Freitag, dem 23.
Oktober 2009: „Akademia Wielka Lipa“) . Sie
„gründete“ die „Akademie sozialer
Kommunikation“ und stellte eine Internetseite dieser
Hochschule online, mit welcher sie fünf Tage lang um
zahlende Studenten warb, indem sie den Erwerb des Magistertitels
nach zwei (!) Studienjahren und diese noch dazu im Online-Studium
versprach. Das ist in Polen freilich gesetzlich völlig
unmöglich, da ein Magisterstudium mindestens 9 Semester
dauern muss. Weder die staatliche Akkreditierung, noch Namen
des Lehrpersonals oder der Namen des Rektors wurden auf
der Internetseite angegeben, trotzdem meldeten sich in der
Zeit von fünf Tagen an die 500 „Studienwillige“.
Auch
ein Einzahlungskonto wurde nicht angegeben, andernfalls
hätte die gefälschte Hochschule bereits mehr als
150 000 Zloty verdient. 300 Leute riefen an, viele wollten
das Geld gleich einzahlen, um sich einen Studienplatz zu
reservieren, die Anmeldungen kamen aus Polen, Europa, aber
sogar auch von Personen aus Argentinien und Kuweit. Nur
relativ wenige Personen, 200, äußerten Zweifel
am „allzu schönen Angebot“. Auf der Internetseite
der erfundenen Akademie gab es einen Hinweis darauf, dass
es in dieser Studienzeit nicht möglich sei, das dem
Magistertitel entsprechende Wissen zu erwerben („Akademia
nie gwarantuje zdobycia nalezytnej wiedzy z zakresu wybranych
kierunków w okresie studiów. Umo?liwia w szybkim
tempie przygotowanie studenta do obrony pracy magisterskiej.“),
aber das war den Studienanwärtern relativ egal: Sie
wollten hauptsächlich den Magistertitel haben, denn,
wie einer von ihnen meinte, die Magister trügen ihre
Nasen recht hoch („...a magistry glowy wysoko nosza).
Arbeitgeber wollten ihre Angestellten anmelden, weil sie
den Magistertitel bräuchten, und Großmütter
ihre Enkel, weil sie mit dem akademischen Titel wahrscheinlich
mehr Erfolg auf dem Arbeitsmarkt hätten.
Leider
zogen die Journalisten der Gazeta keine Schlüsse aus
ihrem Rechercheexperiment über die „Magie des
papierenen Studiums“ (so der Titel des Artikels in
der Samstags- und Sonntagsausgabe der „Gazeta Wyborcza“,
vom 24. und 25. Oktober 2009), sodass ich das tun muss.
Man stellte zwar die Tatsachen fest (und unter anderem die
Tatsache, dass viele Menschen einen akademischen Titel „so
billig wie möglich“, vor allem: mit so wenig
Zeiteinsatz wie möglich, erwerben wollen und dass es
ihnen dabei auf das in diesem Studium erworbene Wissen nicht
ankommt), aber stellte keine Fragen danach, warum das so
ist. Nun, die Ursachen für diese Haltung liegen sicherlich
hauptsächlich im Arbeitsmarkt. Würde dieser anstatt
von akademischen Titeln eher tatsächliches Wissen durch
Stellen und entsprechende Löhne honorieren, dann wären
der Drang und die Not, einen solchen Titel zu besitzen,
nicht so groß. Man muss ja auch daran denken, dass
viele Menschen in unseren Gesellschaften auf dem Arbeitsmarkt
unter dem Wert ihrer tatsächlichen Fähigkeiten
gehandelt werden, bloß weil sie keinen Titel haben
– das ist freilich Anlass zu Ressentiments.
Aber
auf den Arbeitsmarkt kann man die Ursachenforschung dann
doch nicht einschränken, auch wenn er unmittelbar die
Hauptursache darstellt, denn auch der Arbeitsmarkt verfährt
ja nur nach einer Verhaltensweise, die heute gesamtgesellschaftlich
vorherrscht, nämlich die Einschätzung und Bewertung
von Menschen und Dingen nach ihren formalen und nicht nach
ihren tatsächlichen Qualifikationen. So hat es sich
ja auch in den Wissenschaften durchgesetzt, dass die Qualität
eines wissenschaftlichen Beitrags aufgrund des glanzvollen
Namens der wissenschaftlichen Zeitschrift, in der er publiziert
worden ist, beurteilt wird und nicht aufgrund einer Lektüre
seines Inhalts. Das alles hat natürlich zur Folge,
worauf ich immer wieder hinweise, dass wir die Dinge nicht
mehr unmittelbar in der Hand haben, sondern nur noch mittelbaren
Kontakt zu ihnen haben, was dazu verleitet zu tricksen –
aber das scheint außer mich, der ich offenbar als
einziger ein Bedürfnis nach unmittelbarer Beschäftigung
mit den Dingen habe, niemanden zu stören.
Über die Notwendigkeit der Einführung
des Begriffs des „Themenanwesenheitsgrads“
Wie auch
immer, die Rechercheprovokation der „Gazeta Wyborcza“
war hochgradig überflüssig in dem Sinne, dass
man ihr Ergebnis voraussehen hatte können. Da alles
verkehrt herum läuft in der heutigen Gesellschaft,
läuft natürlich auch das Hochschulsystem verkehrt
herum: So wurde die Aufgabe der Universitäten und Hochschulen
in den letzten Jahrzehnten ausgeweitet auf die Ausbildung
von qualifizierten Kräften für den Arbeitsmarkt,
während Universitäten doch an und für sich
(und das bis heute) auf wissenschaftliche Berufslaufbahnen
vorbereiten und gar keine Berufsausbildungen anbieten. Weil
an den Universitäten aus ihnen Wissenschaftler gemacht
werden sollen, scheitern viele Menschen am Studium, die
gar keine Wissenschaftler werden wollen, sondern das Studium
nur für eine Karriere am Arbeitsmarkt brauchen. Umgekehrt
hat man durch die Ausweitung der Ausbildungsaufgaben der
Universitäten auf die Ausbildung aller höherqualifizierter
Kräfte für den Arbeitsmarkt (Stichwort: Akademikerquote)
umgekehrt auch alle jene Leute in der Universität sitzen,
für die Lernen und wissen-Wollen keinen besonderen
Wert darstellt, sondern die nur ein „Papier“
brauchen, damit sie Karriere machen können.
Das
Ergebnis des journalistischen Experiments ist also hochgradig
trivial, denn freilich weiß man, dass es den meisten
Studierenden beim Studieren nur um den Titel geht, und nicht
um das Wissen. Die Interpretation desselben auf einer allgemeineren
Ebene aber ist es nicht: Ist es vielleicht so, dass unsere
Gesellschaft auf generell das Desinteresse an Inhalten honoriert
und die Orientierung an Äußerlichkeiten und formalen
Qualifikationen belohnt?

Ich möchte
diesen Gedanken vergleichen mit einer Erfahrung, die man
ja nicht nur mit „desinteressierten Studenten“,
sondern ebenso auch mit Wissenschaftlern macht: Oft sitzt
man ja einmal in einer Diskussionsrunde und hat den Eindruck,
dass die eigenen Diskussionsbeiträge bei den anderen
Diskussionsteilnehmern nicht gut ankommen, aber nicht deswegen,
weil sie nicht gut oder zumindest bedenkenswert wären,
sondern weil sich die Diskutanten an der organisationalen
Umwelt ihres Lebens orientieren und der Meinung sind, dass,
egal was auch immer in Bezug auf die zur Diskussion gestellte
These die Wahrheit wäre, diese jedenfalls keine Auswirkung
auf die Organisationen, in welchen sie arbeiten, und auf
organisationellen Bedingungen ihrer beruflichen Arbeit habe,
sodass das Ergebnis der Diskussion ihnen eigentlich gleichgültig
sein kann.
Also,
um das deutlicher zu machen, man redet über eine inhaltlich
interessante Frage, über eine solche, die diese Menschen
eigentlich interessieren müsste, weil sie an sich Relevanz
für ihr Leben hätte, aber diese Frage interessiert
diese Menschen nicht, weil sie an ihrem beruflichen Fortkommen
interessiert sind und die Organisationen, in welchen sie
arbeiten, die inhaltliche Beschäftigung mit dieser
Frage nicht honorieren. Ein Beispiel dafür wäre
z.B. ein Philosophieprofessor, der eine philosophische Frage
nicht von einem Studenten noch von einem Fachkollegen gestellt
bekommt, sondern, sagen wir, von einem philosophieinteressierten
Laien. Weil es eine philosophische Frage ist, sollte er
sich an und für sich dafür interessieren; da er
sich aber aus beruflichen Gründen nicht für diese
Frage interessieren muss, interessiert er sich auch nicht
dafür.
Dieser
Philosophieprofessor verhält sich, indem er das tut,
gar nicht anders als die Studierenden, die in zwei Jahren
(oder lieber schon in einem) ihren Magistertitel haben wollen,
und er verhält sich im Grunde auch nicht anders als
die Facebookuser, die ihr Desinteresse an inhaltlichen Fragen
durch ihre Nutzung von Facebook dokumentieren. Es herrscht
in unserer Zeit, was sich an vielen Phänomenen ablesen
lässt, so etwas wie ein allgemeines Desinteresse an
Inhalten, ein weitgehender Wertverlust von Inhalten, welcher
so weit geht, dass man vielleicht auch grundsätzliche
gedankliche Vorannahmen überprüfen sollte wie
zum Beispiel jene, dass man über etwas redet, wenn
man über etwas redet.
Anstatt
zu denken, dass man über etwas rede, wenn man über
etwas redet, und dass es deswegen nun um Inhalte gehe, sollte
man sich vielleicht eher fragen: Inwieweit ist unser vorgebliches
Thema eigentlich tatsächlich in der Diskussion inhaltlich
anwesend? Die Bestimmung eines Themenanwesenheitsgrads könnte
dabei helfen zu verstehen, inwieweit die Teilnehmer einer
Diskussion tatsächlich über das Thema reden, über
das sie zu reden vorgeben – und inwieweit ihnen das
Thema nicht doch völlig gleichgültig ist, weil
es für die Funktionsprozesse in den Organisationen
und sozialen Feldern, in denen sie sich bewegen, irrelevant
ist. Eigentümliche Konzepte wie z.B. jenes vom „zwanglosen
Zwang des besseren Arguments“, welches man in der
Philosophie proklamiert hat, sollte man vielleicht noch
einmal überdenken, setzt es doch voraus, dass Menschen
inhaltlich mit ihnen reden und dass nicht fortwährend
organisationale Umstände in diesen Gesprächen
dazwischenfunken und gegenstandslos machen, was inhaltlich
an sich relevant wäre.
Aber
wo wird heutzutage eigentlich noch inhaltlich geredet außer
wenn man einem solchen „Verrückten“ begegnet
wie mir, der ein Faible für das Inhaltliche hat?
2.
November 2009
|