Impressum

Über mich

Interkulturelle
Kommunikation

Philosophie

Kulturtheorie

Literaturwissen-
schaft

Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Was ist kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft?

In meinem Bestreben herauszufinden, was eigentlich Wissenschaft ist, habe ich jetzt das Einführungsskriptum in die Literaturwissenschaft von Friederike Hassauer (Redaktion: Anke Gladischefski) Was ist Literatur? Einführung in die Romanistik (Hispanistik/Galloromanistik) und in die Allgemeine Literaturwissenschaft. Facultas Verlag, Wien 2001 wieder gelesen und seinen Inhalt analysiert.

Lesen Sie hier meine Schlussfolgerungen! Die gesamte Analyse finden Sie in diesem 19-seitigen pdf-Dokument:

Was ist kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft? (pdf-Dokument)

 

Schlussfolgerungen

Die in meinem Aufsatz ausgeführten Analysen und Überlegungen haben gezeigt, dass

1. sich kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft nicht länger mit Literatur beschäftigt, sondern mit etwas anderem, das es erst zu begreifen gilt;

2. dass die im Skriptum angeführten Sachgründe für die kulturwissenschaftliche Ausrichtung der Literaturwissenschaft nicht ausreichen, um deren Ansatz zu rechtfertigen; hingegen es nötig ist, diese Neuperspektivierung der Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft als willentliche Entscheidung aufzufassen und ihre Ziele und Motive zu verstehen, um sie selber zu begreifen.

3. Diese Ziele und Motive liegen bestimmt auf der kollektiven, gesellschaftlichen Ebene, weil kulturwissenschaftlich literaturwissenschaftliche Erkenntnisse großformatiger Gestalt sind, aber sie liegen weniger in der Verfolgung feministischer Ziele oder irgendwelcher anderer konkreter gesellschaftspolitischer Ziele denn in der grundsätzlichen Verlagerung von Erkenntnissen und Ursachenerklärungen auf die kollektive/gesellschaftliche/kulturelle Ebene. Es geht also auch weniger um eine Untersuchung der Kultur anhand von literarischen Texten als um die Durchsetzung des Prinzips, wonach die Ebene der Kultur/der gesellschaftlichen Regeln die einzige mögliche Instanz für (wissenschaftliche, wahrheitsfähige) Realitätserklärungen ist.

4. Bei der Betrachtung dieser Erklärungsebene fand sich eine enge Verquickung von Wissenschaftlichkeit, Politik und einem in seiner Erkenntnisfähigkeit und –autonomie entmündigten, weil sauber in ein kulturelles Regelsystem eingebetteten Individuums.

5. Diese Verquickung von Wissenschaft und Politik hat zwei Richtungen: Zum einen verweist sie auf den/die entindividualisierte/n LeserIn literarischer Werke, welcher gesellschaftlichen Strömungen heillos aufgrund seiner Sozialisation ausgeliefert ist; zum anderen verweist sie auf den/die in ebenso starker Weise entmündigten LiteraturwissenschaftlerIn, welcher der literaturwissenschaftlichen Literaturtheorie distanz- und kritiklos ausgeliefert wird, weil eine jede individuelle Geistesregung als „subjektiv“ und „unwissenschaftlich“ denunziert wird: Aus dieser Sicht ist eine doppelte Grundintention der neuen kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft erkennbar:

a) zum Einen will kulturwissenschaftliche orientierte Literaturwissenschaft aktiv Politik betreiben, indem sie ihre wissenschaftliche Autorität in die Waagschale des öffentlichen Diskurses legt; sie betreibt Klientelpolitik und nutzt dafür die Ebene, auf der sie alle ihre möglichen Erkenntnisse ansetzt: Diese stellen immer wieder letztlich Analysen der Gesellschaft, des gesellschaftlichen Diskurses oder der Kultur dar und habe daher schon von vornherein die richtige Gestalt zum Einsatz im politischen Diskurs;

b) zum Anderen konstituiert sich kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft als Wissenschaft selbst nach dem Vorbild politischer Gruppierungen. Sie hebt nicht nur ihre Erklärungen auf die kollektive Ebene, sondern auch den/die LiteraturwissenschaftlerIn, welcher/m auf diese Weise die Möglichkeit zum individuellen Widerspruch seiner/ihrer Disziplin gegenüber genommen wird. Alle Prinzipien kulturwissenschaftlicher Methodologie dienen dem Zweck (und wirken zum dem Ziel zusammen), das einzelne Individuum, sei es schrittweise oder ganz, erkenntnistheoretisch zu entmündigen und es der „Theorie“ und seiner Disziplin auszuliefern. Das beginnt mit Argumenten wie, man müsse „Theorie“ haben oder man müsse literarische Texte in ihren Entstehungskontext einordnen, welche allein durch ihre banale Notwendigkeit, theoretisch belesen sein zu müssen oder über großes historisches Wissen verfügen zu müssen, den größten Teil der Menschen aus der Diskussion über Literatur ausschließt. Diejenigen Menschen, die den erhöhten Ansprüchen dennoch genügen können, werden durch weitere methodologische Grundprinzipien diszipliniert und an den Gruppenwillen angepasst wie z.B., man müsse ein literarisches Werk so interpretieren, indem man die die gesellschaftlichen Sinnbildungsprozesse interpretiere, die mit ihm verbunden sind, wodurch den LiteraturwissenschaftlerInnen der freie Wille genommen wird, darüber zu bestimmen, was und wonach sie in den literarischen Werken suchen wollen. Folgt jemand nicht uns ist jemand nicht gehorsam, ist man sehr schnell mit den Ausschlussurteilen aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft, jenem der „subjektiven Beliebigkeit“ und jenem der „Unwissenschaftlichkeit“ zur Hand. Die kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft verhält sich somit ähnlich wie eine radikalisierte politische Bewegung, die sofort zum Ausschluss einzelner Gruppenmitglieder bereit ist, wenn diese Zweifel an oder eine distanzierte Haltung zur Parteiideologie zeigen.

Insgesamt hat sich damit das Konzept einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft eindeutig als ein ideologisches erwiesen. Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft ist eine Ideologie in dem Sinne, dass sie sich im wissenschaftlichen Feld nicht durch rationale Argumentation sondern durch die sozialen Kräfte und Zwänge der Gruppenbildung durchsetzen möchte – und ihre inhaltlichen wie auch methodologischen Prinzipien sind dazu geschaffen, eine wissenschaftliche Gemeinschaft innerhalb des wissenschaftlichen Feldes zu schaffen, dem der/die Einzelne nur entweder mit Leib und Seele angehören kann oder ganz aus der Wissenschaft vertrieben wird.



 

© helmut hofbauer 2009