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Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Der Wiener Kreis: Untergang der Philosophie durch exaktes Denken

Wie der Wiener Kreis seine Abneigung gegen die Philosophie zur neuen Philosophie machte und das Verständnis von Philosophie in der Öffentlichkeit dadurch neu prägte

 

(24.8.2018)

Rezension von Karl Sigmund: Sie nannten sich der Wiener Kreis. Exaktes Denken am Rand des Untergangs. Springer, Wiesbaden 2015.

 

ABSTRACT

Der Wiener Kreis hat einige falsche Unterscheidungen popularisiert und dadurch die Vorstellungen, die die Öffentlichkeit von Wissenschaft und Philosophie hat, verzerrt.
Bei der Wissenschaft legte er Gewicht auf das exakte Denken oder genaue Beobachten und lenkte dadurch von der Einsicht ab, dass alles exakte Denken solange nicht als Wissenschaft gelten wird, solange es nicht von der Gemeinschaft der Wissenschaftler anerkannt wird.

Der Philosophie teilte der Wiener Kreis die Rolle zu, die Bedeutung wissenschaftlicher Sätze zu klären. Durch diese Einflechtung in die wissenschaftliche Arbeitsteilung nahm er der Philosophie die Rolle, die sie im Leben des einzelnen Menschen spielt, und zwar ihre Orientierungsfunktion für das Individuum.

Aber nicht nur das Verständnis von Philosophieren als Selberdenken des einzelnen Menschen kam im Zuge der falschen Rollenzuteilung zwischen Wissenschaft und Philosophie durch den Wiener Kreis unter die Räder, sondern: Die Möglichkeit überhaupt, dass philosophische Einsicht gegen die herrschende allgemein geteilte Meinung opponieren könnte, wurde ausgelöscht. Denn die Auffassung des Wiener Kreises, dass alle Erkenntnis und alles Wissen wissenschaftlich sein müssen, um als Erkenntnis oder Wissen bezeichnet werden zu dürfen, führte zu der Vorstellung, dass es nur eine offizielle Fassung der Wahrheit gibt (nämlich die wissenschaftliche Erkenntnis) – und diese Vorstellung, wonach sich die gesamte Diskussion um die Wahrheit ausschließlich auf der offiziellen Ebene abspielt, führte zum Verlust der Philosophie als Untergrundarbeit, als zwielichtiges, halb-privates Unternehmen, das allgemein geteilte Überzeugungen durch Hinterfragen unterminiert und auf diese Weise seinen Beitrag zur Korrektur herrschender Glaubensvorstellungen leistet.

Auch mit der Charakterisierung der Philosophie als Tätigkeit hat der Wiener Kreis mehr zur Verwirrung als zur Klärung beigetragen. Gemeint hat der Wiener Kreis mit „Philosophie als Tätigkeit“, dass der Philosophie in der Wissenschaft eine Rolle zukommt, aber keine substantielle. (Eine substantielle Rolle kommt nur den einzelnen Fachwissenschaften zu, die neue Sätze der Erkenntnis tatsächlich aufstellen dürfen, die Philosophie darf sie nur klären.) In Wirklichkeit weist der Begriff der „Tätigkeit“ darauf hin, dass Philosophie von einzelnen Menschen betrieben wird und Funktion von deren persönlichen Erkenntnisinteressen ist, dass also Philosophie die Neugier des einzelnen Menschen zu befriedigen hat und nicht die der Gemeinschaft.

Die Folge der Verunstaltungen der Philosophie durch den Wiener Kreis ist, dass der einzelne Mensch heute von den anderen Menschen nicht einmal mehr verstanden wird, wenn er philosophiert. Indem die Leute – infolge des verwissenschaftlichenden Einflusses des Wiener Kreises auf die Philosophie – die Vorstellung davon verloren haben, dass Philosophie im Bemühen des einzelnen Menschen besteht, sich in dieser Welt durch Nachdenken zu orientieren, werden philosophische Aussagen vorschnell dem wissenschaftlichen Kontext zugeordnet und in diesem als schlechte (wissenschaftliche) Philosophie qualifiziert. Das versteht sich auch von selbst: Da Philosophie nie die Absicht hatte, die Kunststückchen aufzuführen, die der Wiener Kreis ihr auftrug, muss sie heute als schlechte Philosophie erscheinen, wenn sie sich so zeigt, wie sie ist. Wissenschaftliche Philosophen haben heute das Unternehmen der Philosophie gekapert und dadurch die eigentliche Philosophie gezwungen, in Bereiche auszuwandern, die nicht mehr Philosophie heißen, sondern z.B. Selbsthilfe, Lebensberatung, Coaching usf. Der Wiener Kreis und die Schule der Analytischen Philosophie, die sich auf den Wiener Kreis beruft, waren so erfolgreich darin, die Philosophie auszulöschen, dass sich das wissenschaftliche Philosophieren an den universitären Philosophieinstituten durchgesetzt hat und die Studierenden heute dort keine Philosophie mehr vorfinden. Wenn man sich darüber wundert, warum man heute ausgerechnet unter Menschen, die sich selbst als „Philosophen“ bezeichnen, niemanden mehr findet, der überhaupt weiß, was Philosophie ist und mit dem man sich philosophisch unterhalten könnte, dann ist die Ursache dafür zu einem wesentlichen Teil im Wiener Kreis zu suchen, dem Aushängeschild der österreichischen Philosophie in der Welt.

Vorliegender Aufsatz zeigt den wesentlichen Gegensatz zwischen Philosophie als Tätigkeit des einzelnen Menschen und Philosophie als wissenschaftlicher „Tätigkeit“, in welcher sich der einzelne Mensch in der Gemeinschaft auflöst, auf: Sobald Philosophie in die Wissenschaft eingegliedert wird, kann sie ihre Funktion, die darin besteht, dass er einzelne Mensch herausfindet, was er eigentlich selber über die Dinge denkt, nicht mehr erfüllen, weil die Wissenschaft als gemeinschaftliches Unternehmen dieses Ziel nicht teilt und keinen Wert darauf legt, was der einzelne Mensch für wahr hält.

Karl Sigmund hat ein sehr informatives und empfehlenswertes Buch über den Wiener Kreis geschrieben. Die Lektüre des Buchs hat mich dazu angeregt, mein bisheriges Bild vom Wiener Kreis zu überdenken. Infolge der zahlreichen historischen Details, die im Buch enthalten sind, wurde mein Bild vom Wiener Kreis angereichert und in vielen Aspekten auch zurechtgerückt. Vor allem erscheint der Wiener Kreis, wenn man das Buch aufmerksam liest, weniger monolithisch als gedacht. Die Mitglieder (und Nahestehenden) des Wiener Kreises waren nicht alle derselben Meinung, und ich habe den Eindruck, dass sogar ich, mit meinen vom Programm des Wiener Kreises abweichenden Vorstellungen, mich mit der einen oder anderen Person dort verständigen hätte können. Insbesondere Moritz Schlick, Hans Hahn und Rudolf Carnap sind während der Lektüre aufgrund ihrer Besonnenheit und Bereitschaft, die Meinung anderer Menschen zu berücksichtigen, in meiner Achtung gestiegen, Otto Neurath als laut polternder politischer Ideologe hingegen gefallen. Es mag sein, dass die Zusammengehörigkeit des Wiener Kreises letzten Endes, so wie die Zusammengehörigkeit jeder sozialen Gruppe, etwas zum Teil im Nachhinein Konstruiertes ist. Immerhin, der Wiener Kreis steht für etwas; und das, wofür er steht, damit setze ich mich im folgenden Text noch einmal auseinander. Es mag sein, dass der Untertitel von Sigmunds Buch mich dazu mit angestachelt hat. Denn er lautet: „Exaktes Denken am Rand des Untergangs“. Das klingt danach, als ob wir uns des exakten Denkens nach Vorbild des Wiener Kreises befleißigen müssten, weil sonst jene Unvernunft, die zu den beiden Weltkriegen geführt hat, die einzige Alternative wäre. Sie suggeriert also gleichsam Alternativlosigkeit: Entweder man schließt sich dem Wiener Kreis an oder man begibt sich ins Lager der Unvernünftigen; Alternativen sind nicht möglich.

Ich habe darüber nachgedacht, was ich denn heute jemandem über den Wiener Kreis erzählen würde, der noch nichts über ihn weiß. Das Wichtigste in meinen Augen ist, dass der Wiener Kreis Wissenschaft und Philosophie auf eine bestimmte Weise aufgefasst und beschrieben hat, die von dem ablenken und das verdunkeln, was Wissenschaft und Philosophie wirklich sind. In Konsequenz dessen hat der Wiener Kreis eine merkwürdige Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und Philosophie eingeführt, die einem Vorschlag von Ludwig Wittgenstein folgt und darauf beruht, dass Philosophie die Bedeutung wissenschaftlicher Sätze klären soll. Damit hat sie die Philosophie in das Getriebe der Wissenschaft eingebaut, aus ihr eine innerakademische Angelegenheit gemacht und sie dadurch dem einzelnen (nichtakademischen) Menschen weggenommen. Durch diese neue Rolle, die man der Philosophie zugewiesen hat, hat sich das Verständnis von Philosophie in der Öffentlichkeit verändert: Sie hat aufgehört, das individuelle Nachdenken des einzelnen Menschen zu sein, mit dessen Hilfe er sein persönliches Weltbild bestimmt und seine Handlungsentscheidungen trifft, um zu einem komplizierten Diskurs von Fachkollegen in wissenschaftlichen Zeitschriften zu werden. Wenn man, so wie ich (und schon einige Menschen vor mir), den Hauptaspekt der Philosophie in ihrer Orientierungsfunktion für den einzelnen Menschen sieht, dann hat der Wiener Kreis die Philosophie durch ihre Neubestimmung umgebracht.

 

Alle Zitate (bis auf eines) stammen aus: Karl Sigmund: Sie nannten sich der Wiener Kreis. Exaktes Denken am Rand des Untergangs. Springer, Wiesbaden 2015.

 

1. Verbreitung eines falschen und irreführenden Verständnisses von Philosophie

Für den Wiener Kreis hatte Philosophie die Aufgabe, die Bedeutung wissenschaftlicher Sätze zu klären. Sie kann selbst keine (philosophischen) Sätze aufstellen; nur die Wissenschaft kann (wissenschaftliche) Sätze aufstellen, weil die Wissenschaft empirisch arbeitet und dadurch Zugriff auf die Welt hat, Philosophie dagegen nur im Nachdenken besteht und deshalb nicht mehr tun kann, als mit dem Material zu arbeiten, das von der Wissenschaft produziert worden ist. Auf diese Weise hat der Wiener Kreis aus der Philosophie eine Hilfsdisziplin der Wissenschaft gemacht.

Was bei dieser Missrepräsentation (missrepresentation, wie es auf Englisch heißt), also dieser fehlerhaften Wiedergabe des Konzepts der Philosophie verlorengegangen ist, ist ihr Kern, das Wesentliche am Philosophieren: dass es individuelles Nachdenken ist im Gegensatz zur kollektiven Lehre und Überlieferung. Philosophie ist seit den Vorsokratikern ein Nachdenken des einzelnen Menschen gegen die Gemeinschaft oder Gesellschaft, in der er lebt. Der einzelne Mensch nimmt sich Inhalte der Tradition der Gemeinschaft oder Gesellschaft, in der er lebt, vor, um kritisch über sie nachzudenken. Das Ziel des Philosophierens ist nicht in erster Linie das Aufstellen neuer Wahrheiten (im Sinn von kollektiven Wahrheiten – also solche, wiederum die gesamte Gemeinschaft oder Gesellschaft für wahr halten soll), sondern die Bildung von individuellen Überzeugungen (in dem Sinne, dass der einzelne philosophierende Mensch sich eine Meinung bildet, was er von einer bestimmten allgemein geteilten Meinung halten soll).

Aus dem Grund kann es in der Philosophie auch keinen Erkenntnisfortschritt geben wie in der Wissenschaft. Denn der Fortschritt spielt sich auf der kollektiven Ebene ab: Wir schreiten fort, im Laufe der Geschichte verbessern wir unsere Kenntnisse der Welt. Philosophie spielt sich aber auf der individuellen, einzelmenschlichen Ebene ab: Und wenn ein einzelner Mensch eine Einsicht errungen hat, die für ihn persönlich einen Fortschritt darstellt, dann muss das nach seinem Tod von der Gemeinschaft oder Gesellschaft noch lange nicht so gesehen werden. Daher kommt der übliche Vorwurf an die Philosophie: „Die Philosophen haben alle nur verschiedene Meinungen vertreten, aber die Menschheit hat keiner von ihnen vorangebracht!“ Aber das mussten sie auch nicht, denn die Tatsache, dass ihre Erkenntnisse auf der kollektiven Ebene nicht als Fortschritt qualifiziert wurden, bedeutet nicht, dass sie ihnen nicht persönlich im Leben weitergeholfen haben.

Dazu kommt, dass es in der Philosophie ja nicht in erster Linie darum geht, Wahrheiten zu finden, die von der gesamten Gemeinschaft oder Gesellschaft als solche anerkannt werden können. Vor allem geht es beim Philosophieren für den Einzelnen darum, die Täuschungen der Gesellschaft zu durchschauen. Der philosophierende Mensch findet also keine Naturgesetze heraus, sondern er kämpft gegen die Irreleitung seiner Erkenntnis durch die Gemeinschaft oder Gesellschaft, in der er lebt, an. Allein aus dem Grund ist es schon schwer zu sehen, wie philosophische Erkenntnis auf der gesellschaftlichen Ebene als Erfolg oder Fortschritt gewertet werden könnte. Denn sie kann ja immer nur folgende Form haben: „Liebe Gesellschaft, in dem und dem und dem Punkt hast du mich angeschwindelt!“
Die Urmetapher für die Situation des philosophierenden Menschen ist Platons Höhlengleichnis, in welchem eine Gesellschaft (Menschen, die Gegenstände vor dem Schein eines Feuers vorbeitragen) einzelne Menschen in die Irre führt (Menschen, die gefesselt dasitzen und denen weisgemacht werden soll, dass die von den Gegenständen geworfenen Schattenbilder an der Wand die Wirklichkeit seien). In einer modernen Version wird die Metapher des Höhlengleichnisses im Film „Matrix“ erzählt, in welchem den Menschen die Realität von einem Computersystem simuliert wird und sich ein Protagonist, Neo, dafür entscheidet, die rote Pille zu schlucken, um herauszufinden, was nun real und damit wirklich vorhanden ist.

Mit einem Wort, die Entgegensetzung oder Gegnerschaft zwischen dem philosophierenden einzelnen Menschen und der Gemeinschaft oder Gesellschaft, in der er lebt, verschwindet völlig im irreführenden Konzept, das sich der Wiener Kreis von der Philosophie gemacht hat. In der Anschauung des Wiener Kreises ist es so, dass es eine hochoffizielle Disziplin der Philosophie gibt, welche mit der Wissenschaft kooperiert, indem sie deren Sätze zur Klärung übernimmt. Aber so verhält es sich ja in Wirklichkeit nicht: Wenn die Wissenschaft die offizielle Wahrheit einer Gemeinschaft oder Gesellschaft bestimmt, weil sie eine kollektive (gemeinschaftliche) Erkenntnisform ist, dann kann Philosophie nicht in derselben Weise ein offizielles Unternehmen sein, sondern sie ist ein zwielichtiges Unternehmen, sie ist Untergrundarbeit.

Ebenso erscheint es mir klar, dass es Wissenschaft und Philosophie nicht um dieselben Erkenntnisgegenstände gehen wird. Auch in diesem Punkt ist also der Wunsch nach einer Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Philosophie verfehlt. Bei Erkenntnissen, wo es keinen Interessengegensatz zwischen der Gemeinschaft oder Gesellschaft und dem Einzelmenschen gibt, hat die Philosophie nichts zu tun. Zu diesen Erkenntnissen gehört der größte Teil der wissenschaftlichen Erkenntnisse, bei denen niemand etwas dagegen hat, wenn auch der einzelne Mensch – insofern er dazu in der Lage ist – sie verwertet, um sie für seine Zwecke zu gebrauchen. Anders verhält es sich bei Verhaltensweisen, die die Gemeinschaft oder Gesellschaft dem Einzelnen empfiehlt und mit denen sie ihn in Bedrängnis bringen kann: z.B. wenn eine Gesellschaft ihre Mitglieder beruhigt, das Pensionssystem sei sicher, obwohl es in Wirklichkeit nicht sicher ist; oder wenn sie den Menschen verspricht, sie werden gewiss einen Job finden, wenn sie nur an der Universität studieren und Studienabschlüsse erwerben; oder wenn sie den Menschen empfiehlt zu heiraten, Kinder zu bekommen und Wohnraum auf Kredit zu erwerben, aber natürlich auf eigenes Risiko. In solchen Fällen ist Philosophie gefragt: Der einzelne Mensch muss sich in solchen Fragen, in denen ihn die Wissenschaft allein lässt, eine eigene Meinung bilden und sein Handeln danach ausrichten. Es ist nun aber auch nicht zu sehen, wie derartige philosophische Erkenntnisse des einzelnen Menschen am Ende Eingang in die Sammlung der von der Gesellschaft gehüteten kollektiven Wahrheiten finden könnten. Wahrscheinlich wird man zu solcherart „Erkenntnissen“ oder Entscheidungen, die Realität zu sehen, nur sagen: „Das ist individuell verschieden. Da muss man die persönlichen Umstände berücksichtigen.“ Mir erscheint das nicht unerheblich: darauf hinzuweisen, dass philosophische Erkenntnisse in den meisten Fällen persönliche Umstände berücksichtigen werden und deshalb nicht verallgemeinert werden können. Denn der einzelne Mensch denkt ja für sich nach, wenn er philosophiert, er denkt darüber nach, wie er die Welt unter Berücksichtigung seiner persönlichen Umstände sehen soll; er denkt, wenn er philosophiert, nicht darüber nach, wie die Gesellschaft die Welt sehen sollte (auch wenn das die gegenwärtig populären und in der Öffentlichkeit bekannten Philosophen tun, aber sie verdanken ihre Bekanntheit eben einem verkehrten Verständnis von Philosophie).

Übrigens, hinter der Irreführung des Einzelmenschen durch die Gesellschaft steht nicht immer böse Absicht auf Seiten der Gesellschaft. Obwohl es sich durchaus auch darum handeln kann: Manche Überzeugungen und Gewohnheiten werden von Gesellschaften einfach zu dem Zweck verbreitet, ihre Mitglieder zu disziplinieren, damit sie stillhalten. Es kann aber genauso gut sein, dass die Gesellschaft selbst noch glaubt, was sie den Kindern lehrt, dass sich die Gesellschaft aber in den letzten Jahren verändert hat und die überlieferte Wahrheit nicht mehr stimmt oder teilweise nicht mehr stimmt. Das Pensionssystem etwa kann stabil und finanzierbar gewesen sein, als es eingeführt wurde, doch dann hat sich die demographische Struktur der Gesellschaft verändert, und es stimmt vielleicht nur noch teilweise, dass es sicher ist. Die Gesellschaft möchte aber nicht, dass das die einzelnen Menschen wissen, weil sonst Panik ausbrechen würde. Also hat auch die Wissenschaft, die als kollektive Erkenntnis die Erkenntnisinteressen der Gesellschaft vertritt, keinen Anlass die Menschen darüber aufzuklären. Schließlich kann es auch sein, dass die Gesellschaft selbst an einzelne ihrer Lehren oder, wie man sagt, „allgemein verbreiteten Überzeugungen“ glaubt, weil diese die Realität so darstellen, wie sie von der Mehrheit der Menschen gerne gesehen wird. Sie repräsentieren also nicht die Wahrheit, sondern Wunschbilder, schönen Schein, der den Menschen das Leben angenehmer macht. Und wenn man ihnen diesen schönen Anschein der Dinge in bestimmten Angelegenheiten wegnehmen würde, dann wären sie verletzt, weil sich ihr Selbstbild als Person modifizieren würde, sie müssten nun auf ihr würdevolleres Selbstbild verzichten und dafür mit einem nicht so hübschen vorlieb nehmen.

Kurz, es gibt viele mögliche Ursachen, warum die Gesellschaft und der einzelne Mensch in Angelegenheiten der Erkenntnis in einen Interessengegensatz kommen können, und der Lösungsvorschlag des Wiener Kreises – die Wissenschaften mit der Wahrheitsfindung zu beauftragen und die Philosophie mit der Klärung der wissenschaftlichen Erkenntnisse – erscheint mir so wie wenn man in einem totalitären Staat das Propagandaministerium mit der systemkritischen Pressearbeit beauftragen wollte. Aber was im Beispiel des totalitären Staates auf den ersten Blick als widersinnig erscheint – damit die systemkritischen Medien systemkritische Inhalte veröffentlichen können, müssten sie vom Propagandaministerium unabhängig sein, oft werden sie hingegen verboten sein – das fällt beim Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie offenbar überhaupt nicht auf: Wenn die Aufgabe der Wissenschaft darin besteht, die offizielle Ansicht der Gesellschaft zu vertreten, dann kann die Philosophie nicht auf derselben (wissenschaftlichen, offiziellen) Ebene agieren, wenn sie unabhängiges Denken sein will. Denn sobald man auf der wissenschaftlichen und offiziellen Ebene über die Dinge nachdenkt, nimmt man die Haltung ein „Ich suche nach einer Einsicht, die für uns alle gilt.“ Also man sucht nach Einsichten, die verlautbart werden können, die offiziellen Charakter annehmen können. Die Folge wird sein, dass man sich um alle Fragestellungen, denen ein Interessenkonflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft oder Gesellschaft innewohnt bzw. auch um jene, deren sich die Gemeinschaft schämt, herumdrücken wird.

Somit ist eine Folge der Misskonzeption der Philosophie durch den Wiener Kreis, dass in Vergessenheit gerät, was überhaupt philosophische Probleme sind. Die eigentlichen philosophischen Probleme geraten aus dem Blick, und der Philosophie wird ihr Tätigkeitsfeld entzogen. Das ist natürlich falsch formuliert: Es wird nicht der Philosophie das Tätigkeitsfeld entzogen, sondern den Menschen wurde durch den Wiener Kreis ein falsches Philosophieverständnis gelehrt, durch das nun nicht mehr sichtbar ist, wozu Philosophie eigentlich dient. Daher ist es kein Wunder, wenn viele Leute heute sagen: „Philosophie interessiert mich nicht, sie bringt mir persönlich nichts.“ Wenn der Wiener Kreis Recht hätte, dann müssten sich ja auch wirklich nur ganz wenige Menschen, die sich in Wissenschaftstheorie spezialisieren, mit Philosophie beschäftigen: Ihre Aufgabe bestünde dann darin, die Sätze der neuesten wissenschaftlichen Theorie in ihrer Bedeutung zu klären.

 

Bild: Viele Menschen (hier: die Caritas) stellen die Gemeinschaft über den einzelnen Menschen. (Die Caritas bemerkt offenbar selbst nicht den Widerspruch in ihrer Weltanschauung, denn sie hilft einzelnen Menschen, die von der Gemeinschaft im Stich gelassen worden sind.)

 

Bild: Gemeinschaften (hier: Decathlon) bemühen sich um den einzelnen Menschen, aber er interessiert sie nur in seiner Funktion, die Gemeinschaft zu verstärken (als Mitglied der Gemeinschaft).

 

2. Verbreitung einer irreführenden Vorstellung von Wissenschaft

Die falsche und irreführende Vorstellung des Wiener Kreises von Philosophie geht Hand in Hand mit einer teilweise irreführenden Vorstellung von Wissenschaft. Wissenschaft ist für den Wiener Kreis „exaktes Denken“, ein Ausdruck, der auch im Untertitel von Karl Sigmunds Buch vorkommt. Was ist daran falsch? Nun, erstmal nichts: Ich würde den Wissenschaftlern nicht absprechen wollen, dass sie exakt denken. Irreführend ist diese Wissenschaftsvorstellung trotzdem, und zwar deshalb, weil sie von der Hauptsache ablenkt: Wissenschaft ist ein gemeinsames, arbeitsteiliges Unternehmen, in dem ein jeder Forscher einen Aspekt der Wirklichkeit beforscht. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse nehmen in der Folge die Form eines Beitrags zum jeweiligen Fach an.

Es ist nun nicht so, dass die Mitglieder des Wiener Kreises diesen Umstand verschwiegen hätten. So schrieb etwa Rudolf Carnap in seinem Buch Der logische Aufbau der Welt:

„Wenn wir dem Einzelnen in der philosophischen Arbeit ebenso wie in der Fachwissenschaft nur eine Teilaufgabe zumessen, so glauben wir, umso zuversichtlicher in die Zukunft blicken zu können: Es wird in langsamem, vorsichtigem Aufbau Erkenntnis nach Erkenntnis gewonnen; jeder trägt nur herbei, was er vor der Gesamtheit der Mitarbeitenden verantworten und rechtfertigen kann. So wird sorgsam Stein zu Stein gefügt und ein sicherer Bau errichtet, an dem jede folgende Generation weiterschaffen kann.“

(S. 122-123)

Auch in der Programmschrift des Wiener Kreises Wissenschaftliche Weltauffassung aus dem Jahr 1929 kam dieser Aspekt der Wissenschaft in Gestalt der Begriffe „Einheitswissenschaft“ und „Kollektivarbeit“ an der Erkenntnis vor. (Otto Neurath war der Verfechter der Idee der Einheitswissenschaft.)

Was ich mir nun denke, ist, dass man diesen Aspekt der Wissenschaft als kollektiver Arbeit an einem gemeinsamen Bauwerk der Erkenntnis – in der Zeit seit dem Wiener Kreis – bisher nicht reflektiert und damit in seiner Differenz zum traditionellen Philosophiekonzept wahrgenommen hat.

Betrachten wir zu dem Zweck kurz das obige Zitat von Rudolf Carnap: Was daraus deutlich wird, ist zuerst, dass er auch die zukünftige Philosophie so wie die Arbeit in wissenschaftlichen Fachdisziplinen organisieren will. Die Philosophie muss also gemeinschaftliche Arbeit werden; die philosophische Arbeit des einzelnen Philosophierenden wird zur spezialisierten Arbeit an Detailfragen; die Erkenntnis, die am Ende herauskommt, ist die Erkenntnis der Gesellschaft oder der Menschheit oder der „folgenden Generationen“ – also nicht die des einzelnen philosophierenden Menschen, sondern die eines Kollektivsubjekts.

Und was war die Idee von Philosophie zuvor gewesen? Weiter oben habe ich es schon angedeutet: Das Grundkonzept der Philosophie war gewesen, dass ein Kollektivsubjekt (die Gemeinschaft oder Gesellschaft) durch seine kollektiven Erzählungen – Mythen, Religionen, Gebräuche, Traditionen, aber auch die Wissenschaft würden hierher gehören – seinen Mitgliedern Vorstellungen von der Realität vermittelt mit dem Anspruch, dass diese als „wahr“ oder als „normal“ zu betrachten seien. Und der Einzelne als Philosoph fragt sich nun: „Ja, stimmt denn das eigentlich, was man mir da einredet?“

Das bedeutet – und das hat man meiner Meinung nach bisher noch nicht deutlich gesehen – dass das Ziel des Philosophierens nie darin bestanden haben kann, kollektive Erkenntnis zu schaffen, also solche Erkenntnis, die Erkenntnis der Gemeinschaft oder Gesellschaft ist, oder solche Erkenntnis, bei der es einen Fortschritt über die Generationen hinweg geben kann. Das philosophische Projekt findet dann sein Ende, wenn der einzelne philosophierende Mensch seine eigenen Fragen zu seiner eigenen Zufriedenheit beantwortet hat.

Diese individuelle oder einzelmenschliche Erkenntnis verschwindet nun im Modell der kollektiven Erkenntnis, wie sie in der „wissenschaftlichen Weltauffassung“ definiert wird: Der einzelne Mensch sucht nicht mehr nach Erkenntnis für sich selbst, sondern sucht etwas zur gesamtgesellschaftlichen Erkenntnis beizutragen. Er beantwortet nicht mehr seine eigenen, sondern die Fragen der Gesellschaft oder der Menschheit.
Jetzt wird man mich fragen: Aber was ist mit der Wahrheit? Das ist eine Schlüsselfrage, denn die Wahrheit ist der Angelpunkt, an dem für die Menschen mit wissenschaftlicher Weltauffassung das wahre Wissen mit der kollektiven Erkenntnis verbunden ist. Wenn etwas wahr ist, muss es ja für alle Menschen wahr sein! Also kann etwas nicht für einen Menschen allein wahr sein. Es macht somit keinen Sinn, für sich allein nach Erkenntnis zu suchen – weil ja alle Erkenntnisse, die wahr sind, automatisch wahr für alle Menschen sind.

Ich sehe das mit der Wahrheit ganz genauso. Aber ich würde nicht den Schluss daraus ziehen, dass sich aus diesem Grund die einzelmenschliche Erkenntnis in der kollektiven Erkenntnis auflöst und nicht mehr notwendig ist. Denn der Einzelmensch muss in seinem Leben immer wieder Entscheidungen selbst treffen, ohne dass die Wissenschaft ihm dabei behilflich ist oder sein könnte. Den wesentlichen Unterschied macht für mich, ob man mit dem einzelnen Menschen überhaupt noch redet, ob man sich ihm zuwendet und versucht, ihn mit Argumenten zu überzeugen. Denn die Vorstellung von der wissenschaftlichen Erkenntnis als Kollektivarbeit macht genau das überflüssig. In dieser Vorstellung ist Erkenntnis „Erkenntnis der Gruppe“ und Wissen ist „Wissen der wissenschaftlichen Gemeinschaft“. Es gibt keine Erkenntnis des einzelnen Menschen mehr, und der einzelne Mensch kann im Rahmen der wissenschaftlichen Weltauffassung auch nichts wissen – warum also sollte man sich ihm zuwenden und etwas darauf geben, was er denkt? Er zählt einfach nicht, weil er ein Einzelner ist.

Mein Schluss daraus ist: Damit der einzelne Mensch Erkenntnis haben kann, muss er sich aus der Wissenschaft ausklinken, denn in der wissenschaftlichen Erkenntnis löst sich der Einzelne in der Gemeinschaft auf. Die einzelmenschliche Erkenntnis verliert im Rahmen der wissenschaftlichen Erkenntnis ihren Charakter als Wissen dieser oder jener Person und wird zum Beitragswissen (=Der Einzelne leistet Beiträge zu einem einzelnen wissenschaftlichen Fach.); unter dieser Voraussetzung kann der einzelne Mensch nicht an der Vervollständigung seines persönlichen Wissens arbeiten, weil in diesem Rahmen bereits die Vorstellung, dass der einzelne Mensch so etwas wie ein für seine Zwecke möglichst vollständiges und abgerundetes Wissen besitzen möchte, als ein Unding gilt. Wenn Erkenntnis nur Erkenntnis der Gruppe sein kann, dann kann kein einzelner Mensch Erkenntnis besitzen und in seinen Aussagen ernstgenommen werden.

Bild: Viele Menschen können sich Individualität nur vorstellen als den krampfhaften (und vergeblichen) Versuch, sich mithilfe von viel Glitter und eitlen Posen von anderen Menschen zu unterscheiden.

 

Der Strohmann Metaphysik

Das Banner, unter dem sich die Mitglieder des Wiener Kreises vereinigten, ist der Kampf gegen die Metaphysik. Ich frage mich: Was haben sie denn gegen die Metaphysik? Die tut einem doch nichts! Was ist eigentlich Metaphysik? Metaphysik enthält jene Begriffe, die zum Ausdruck bringen, wie die Welt wirklich sein könnte, wenn wir über das hinausgehen, was wir bisher wissen. Sie enthält Begriffe wie Gott, das Unbewusste, das Nichts, das Ding an sich, etc. Es ist verständlich, dass Menschen über das, was sie bisher über die Realität wissen, hinausgehen und darüber spekulieren, wie es nun wirklich ist; es wäre auch unverständlich, wenn sie es nicht täten. Kants „Ding an sich“ ist ein gutes Beispiel dafür: Sein Ausgangspunkt war, dass unsere Sinnesorgane auf eine bestimmte Weise gebaut sind und deshalb nur eine beschränkte Leistung erbringen können: Ein Hund hört besser, eine Katze sieht besser als wir, ein Röntgenapparat zeigt Knochenbrüche, die wir mit freiem Auge nicht sehen können. Hätte man Sinnesorgane mit unbeschränkter Leistung zur Verfügung, so sähe man die Dinge so, wie sie wirklich sind – das „Ding an sich“. Es ist überhaupt nichts Geheimnisvolles. Auch Gott ist keine geheimnisvolle Größe, sondern die sehr verständliche Spekulation der Menschen, dass sich angesichts der wahrnehmbaren Ordnung in der Welt jemand die Mühe gemacht haben könnte, am Anfang aller Zeiten einen Plan dafür auszuarbeiten – und ich denke, dass auch ein Mathematiker oder Physiker, wenn er ein theoretisches Konzept ausarbeitet, das erst später empirisch nachgewiesen werden kann, vorerst Metaphysik betreibt.

Kurz: Metaphysik ist schlicht unausweichlich. Sie tritt überall dort auf, wo Menschen über das augenblicklich Bekannte hinausgehen – daher muss sie am häufigsten in der Wissenschaft auftreten, weil das Hinausgehen-übers-bisher-Bekannte deren tägliches Geschäft ist.

Ich kann mich daher des Verdachts nicht erwehren, dass der Wiener Kreis hier etwas missverstanden hat oder seine eigenen Motive missverstanden hat und dass die Metaphysik nicht die eigentliche Gegnerin war, sondern nur ein Strohmann, den man mit besonders lautem Geschrei öffentlich verbrannt hat, um die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Anliegen, aus der Philosophie eine wissenschaftliche Disziplin zu machen, abzulenken.

Mein Vorschlag wäre daher, den Kampf des Wiener Kreises gegen die Metaphysik so zu verstehen, dass es dem Wiener Kreis um die Durchsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnis als kollektiver Erkenntnis ging und er dabei einen Vernichtungsfeldzug gegen alle jene Elemente früheren Denkens führte, die sich nicht in ein kollektives Denken eingliedern ließen.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Missverständnisse von Mitgliedern des Wiener Kreises sowie von Personen mit ausgeprägter wissenschaftlicher Weltauffassung, die als dem Wiener Kreis nahestehend gesehen werden:

Mich persönlich hat besonders das Beispiel von Bertrand Russell amüsiert, wie es im Buch von Karl Sigmund (S. 146-147) geschildert wird: Otto Neurath war ein deklarierter Sozialist, der sogar links vom Austromarxismus stand und in Bayern für die so genannte „Vollsozialisierung“ gekämpft hatte. In Bertrand Russell sah er einen „Wegbereiter des sozialistischen Proletariats“, weil er ein „Führer der exakten Philosophie“ war. Neurath schrieb in der Arbeiterzeitung über Russell:

„Dem sozialistischen Proletariat bereiten alle den Weg, welche antikapitalistischer Denkweise und scharfsinniger Klarheit dienen! Der Engländer Bertrand Russell hat, wie wenige andere, beides getan. […] Das ist derselbe Mann, der heute in der ganzen Welt als Führer der exakten Philosophie gilt, jener Weltauffassung, die die logisch-mathematische Struktur der Gegenstände und ihrer Verknüpfungen aufspürt und der Erfahrung überall zu ihrem Recht verhilft.“

(S. 146)

Doch dann besuchte Bertrand Russell die Sowjetunion und war von dem, was er sah, überhaupt nicht angetan. Otto Neurath kritisiert ihn scharf:

„Marxismus ist für Russell Uniformisierung der Ideen, ist für ihn Verachtung der Vernunft, schon weil er den Klassenkampf lehrt, den Russell nicht brauchen kann. […] Russell ist in seinen sozialen Darlegungen unwissenschaftlich, er untersucht nicht die Zusammenhänge, beschreibt nicht logisierend Tatbestände, sondern drückt seine Sehnsucht, seine Wünsche aus… […]“

(S. 146-147)

Ich kann nicht anders als Neurath Recht geben: Russell ist hier inkonsequent. Allerdings ist in den Zitaten von Neurath, die Karl Sigmund bringt, die eigentliche Ursache, die dieser Inkonsequenz zugrunde liegt, nicht ausdrücklich formuliert. Sie besteht nämlich darin, dass Russell das Reich des Denkens anders behandelt als das der wirklichen Welt: Wenn Russell genauer darüber nachgedacht hätte, hätte er einsehen müssen, dass er dasjenige, was er in der wirklichen Welt als „Uniformisierung der Ideen“ auffasste, in der Wissenschaft selbst vorangetrieben hatte. Denn die Wissenschaft als Erkenntnisprojekt der Gemeinschaft oder Gesellschaft – und eben nicht als Erkenntnisprojekt des einzelnen Menschen – kann natürlich selbst nichts anderes sein als eine Uniformisierung der Ideen. Neurath als überzeugtem Sozialisten war das von vornherein klar: Es geht bei der Wissenschaft darum, etwas Gemeinsames zu machen! Aus dem Grund stellten sich ihm auch keine Hindernisse in den Weg, wenn er in das geistige Reich der Wissenschaft hinüberwechselte. Ganz anders verhielt sich das bei Bertrand Russell: Seine liberale Gesinnung erschwerte ihm die Einsicht, dass er im Reich des Geistes den Sozialismus durchsetzte, indem er die Wissenschaft vorantrieb.

So mancher, der das liest, wird nun glauben, dass ich gegen den Sozialismus eingestellt bin und eine Revolution anstrebe, die der Wissenschaft eine liberale Verfassung gibt. Aber das erscheint mir nicht einmal denkmöglich: Wenn man beschließt, Erkenntnis als ein gemeinsames Projekt durchzuführen, so wird es ein sozialistisches (=ein gemeinschaftliches) Projekt sein; und würde in der Erkenntnis jeder Mensch für sich allein kämpfen, dann wäre das nicht Wissenschaft. Wissenschaft ist an und für sich ein sozialistisches Unternehmen im Bereich der Erkenntnis und kann nichts anderes sein. Sie hat sich auch bereits in der Welt durchgesetzt und gezeigt, was sie leisten kann. Weder also wird irgendjemand sie abschaffen wollen, noch ist sie in ihren grundsätzlichen Wesenszügen veränderbar. (In ihrer konkreten Organisation, z.B. in der Form, wie Publikationen zustande kommen oder die Karriere von Jungwissenschaftlern verläuft, ist sie freilich schon modifizierbar, wenn die Mehrheit der Wissenschaftler sich dazu entscheidet.)
Die einzige Frage, die sich für mich stellt, ist: Will man neben der Wissenschaft auch die Philosophie noch am Leben lassen? Da Philosophie meinem Philosophieverständnis nach im individuellen Nachdenken oder in der einzelmenschlichen Erkenntnissuche besteht, lautet die Frage konkret: Will man akzeptieren, dass neben der großen sozialen Maschine der Wissenschaft auch der einzelne Mensch noch nachdenken und für sich persönlich Erkenntnisse sammeln darf? Nimmt man wiederum das Zitat von Carnap aus dem Aufbau als Maßstab, dann lautet die Antwort: „Nein! Der Einzelmensch muss sich in die Wissenschaft eingliedern. Denn neben der gemeinschaftlichen Erkenntnis gibt es keine weitere Erkenntnis. Alle Erkenntnis ist eben wahr – und damit gemeinschaftlich, weil sie für alle Menschen gültig ist – oder sie ist falsch und damit keine Erkenntnis!“
Meiner Erwartung nach würde der Hardcore-Wissenschaftler, vor diese Alternative gestellt, sagen: „Nein, es gibt neben der wissenschaftlichen Erkenntnis keine einzelmenschliche Erkenntnis. Die Meinungen der einzelnen Menschen sind irrelevant!“

Wir sollten aber im Blick behalten, worum es wem geht: Den Wissenschaftlern geht es um „die Wahrheit“, die beeinträchtigt wird durch die Existenz verschiedener Meinungen. Mir geht es um das Prinzip der Aufklärung, welches besagt, dass jedes menschliche Individuum selbst entscheiden dürfen soll, woran es glaubt und was es für richtig hält; das Prinzip der Aufklärung wird beeinträchtigt durch die Autorität „der Wahrheit“, weil sie die einzelnen Menschen dazu auffordert, der Autorität der Wissenschaft zu folgen, statt selbst über die Dinge nachzudenken.

Wenn also der Wiener Kreis gegen die Metaphysik kämpfte, dann ging es ihm eigentlich nicht um die Metaphysik selber, sondern es ging ihm darum, schon bestehende Gedankengebäude einfach vom Tisch zu wischen, um selbst freie Bahn zu haben. Es ging dem Wiener Kreis darum, dass man sich mit den vor der Zeit des Wiener Kreises schon bestehenden Philosophien gar nicht mehr im Einzelnen auseinandersetzen wollte; denn solange man sich im Einzelnen mit einem Gedankengebäude auseinandersetzt, setzt man sich noch überhaupt damit auseinander. Man wollte sich aber gar nicht mehr mit der bis dahin im Laufe der Geschichte schon geleisteten philosophischen Arbeit auseinandersetzen; deshalb erfand man den Metaphysikvorwurf, um sie zu beflecken und um sagen zu können, sie hätte insgesamt keinen Wert.

Bild: Heldentum ist eine Funktion, die der einzelne Mensch für die Gemeinschaft ausübt. Der Einzelne opfert sich für die Gemeinschaft. Sobald zum Heldentum aufgefordert wird, ist es nicht mehr freiwillig.

 

3. Unterschiedliche Auffassungen von Philosophie als „Tätigkeit“

Die Idee, Philosophie als Tätigkeit aufzufassen, stammte von Ludwig Wittgenstein. Karl Sigmund zitiert hier den Tractatus:

„Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken. Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. Ein philosophisches Werk besteht wesentlich aus Erläuterungen. Das Resultat der Philosophie sind nicht ‚philosophische Sätze‘, sondern das Klarwerden von Sätzen. Die Philosophie soll die Gedanken, die sonst, gleichsam trüb und verschwommen sind, klar machen und scharf abgrenzen. (4.112) “

(S. 114)

Dazu ist von meiner Seite zu sagen, dass ich der Auffassung von Philosophie als einer Tätigkeit auch anhänge – was mich scheinbar (aber nicht wirklich) zu einem Gesinnungsgenossen von Wittgenstein macht. Für mich ist das Wort „Tätigkeit“ mit folgenden drei Bedeutungsaspekten oder –Konsequenzen verbunden, die mir essentiell für die Auffassung von Philosophie erscheinen:

  1. Philosophie ist eine Tätigkeit – also ist sie kein (akademisches) Fach.
  2. Philosophie ist eine Tätigkeit – also ist sie die die Tätigkeit eines Subjekts, eines Menschen, der sie aus eigenem Interesse heraus unternimmt. Sie ist also kein „Prozess“, also ein Vorgang, der ohne ein Handlungssubjekt auskommt.
  3. Philosophie ist eine Tätigkeit – also ist sie nicht abgeschlossen, im Werden, unvollkommen, fehlerhaft. Sie ist also das Gegenteil eines „Werks“, bei dem ein Ergebnis herausgekommen ist, das man zudem schön poliert hat, damit es in den Augen des Publikums glänzt.

Wenn man nun sagt, so wie Wittgenstein es tut, Philosophie sei eine Tätigkeit, welche den Zweck der Klärung von Gedanken hat, dann nehme ich an, dass das folgendermaßen zu verstehen ist: Philosophie ist ein Prozess mit Werkcharakter (ein Werk ist eine abgeschlossene Tätigkeit, die man vorzeigen kann), mit dem wir es aber erst dann zu tun haben, wenn der Zweck – nämlich die Klärung einer bestimmten wissenschaftlichen Aussage – gelingt, wobei die Philosophie ihre „Tätigkeit“ als wissenschaftliche Hilfsdisziplin ausübt und als solche die ihr von den einzelnen wissenschaftlichen Fächern zugeteilten Aufgaben abarbeitet statt Ausdruck der Erkenntnisinteressen eines philosophierenden Menschen zu sein.

Man kann also Philosophie als „Tätigkeit“ auffassen und doch je nach Wortdefinition sehr Verschiedenes, ja Gegensätzliches, darunter verstehen. Man kann darunter die Nachdenktätigkeit eines Menschen wie oben dargestellt verstehen; man kann darunter aber auch die Funktion als wissenschaftliche Hilfsdisziplin verstehen, die halt eben nur Aussagen klärt, statt – wie andere wissenschaftliche Disziplinen – selbst welche aufzustellen.

Ich gehe davon aus, dass die Mitglieder des Wiener Kreises das Konzept von der Philosophie als Tätigkeit im Sinne von Philosophie als wissenschaftliche Hilfsdisziplin aufgefasst haben.

Karl Sigmund zitiert Moritz Schlick:

Die Philosophie ist nicht ein System von Sätzen, sie ist keine Wissenschaft. Was aber ist sie dann? – Wir erkennen jetzt in ihr anstatt eines Systems von Erkenntnissen ein System von Akten; sie ist nämlich diejenige Tätigkeit, durch welche der Sinn der Aussagen festgestellt oder aufgedeckt wird. Durch die Philosophie werden Sätze geklärt, durch die Wissenschaft verifiziert. Bei dieser handelt es sich um die Wahrheit der Aussagen, bei jener aber darum, was die Aussagen eigentlich meinen.“

(S. 131)

Und den Mathematiker Hans Hahn:

„Der Name „wissenschaftliche Weltauffassung“ soll ein Bekenntnis geben und eine Abgrenzung: […] Eine Abgrenzung gegen die Philosophie im üblichen Sinne, als eine Lehre von der Welt, die beansprucht, gleichberechtigt neben den einzelnen Fachwissenschaften oder gar höher berechtigt über ihnen zu stehen. – Denn wir sind der Meinung: Was sich überhaupt sinnvoll sagen lässt, ist Satz einer Fachwissenschaft, und Philosophie treiben heißt nur: Sätze der Fachwissenschaft kritisch danach prüfen, ob sie nicht Scheinsätze sind, ob sie wirklich die Klarheit und Bedeutung besitzen, die die Vertreter der betreffenden Wissenschaft ihnen zuschreiben; und das heißt weiter: Sätze, die eine andersartige, höhere Bedeutung vortäuschen als die Sätze der Fachwissenschaften, als Scheinsätze zu entlarven.“

(S. 133)

 

Eine Frage, die ich in diesem Zusammenhang gerne klären würde ist: Was bedeutet diese Geschichte mit der Philosophie als Tätigkeit angesichts der Existenz der Schule der Analytischen Philosophie, die gegenwärtig an den akademischen Philosophieinstituten zur beherrschenden Strömung wird und die sich in Bezug auf ihr Selbstverständnis auf den Wiener Kreis beruft? Ist das noch Philosophie oder ist es nicht eigentlich Philosophie, die im Grunde gar nicht Philosophie sein will? Ist das Konzept der „Philosophie als Tätigkeit“ im Sinne Wittgensteins nicht vielleicht nur der Ausdruck dafür, dass die Mitglieder des Wiener Kreises wie auch die analytischen Philosophen mit Philosophie eigentlich gar nichts zu tun haben wollen?
Im Zusammenhang mit dieser Frage ist die Geschichte aufschlussreich, wie es zum Titel Wissenschaftliche Weltanschauung des Manifests des Wiener Kreises (1929) kam:

„Carnap verfasste […] den ersten Entwurf. Sein Titelvorschlag: Leitgedanken der Wiener philosophischen Schule. Doch der Entwurf stieß auf Widerspruch. […] Schon der Titel missfiel Neurath. ‚Philosophie‘ war ein Wort, das er eher vermied, und am liebsten auf seinen „Index der verbotenen Worte“ gesetzt hätte; und „Schule“ wecke unangenehme Assoziationen. Außerdem: Die „Schulphilosophie“ verachteten alle.
Philipp Frank sekundierte Otto Neurath: „Mehr als nur ein paar Leute hatten für Ausdrücke wie ‚Philosophie‘ und ‚Positivismus‘ nichts übrig und wollten nicht, dass sie im Titel erscheinen. […] Schließlich wählten wir den Titel: Wissenschaftliche Weltauffassung.“

(S. 126)

Übrigens ist auch die Geschichte des Zustandekommens dieses wissenschaftlichen Manifests bezeichnend für die Weise, wie die geforderte wissenschaftliche Einigkeit an Überzeugungen oft entsteht: Moritz Schlick befand sich auf einer Reise in Kalifornien. Carnap, Feigl und Waismann verfassten den ersten Entwurf. Neurath brachte sich kräftig ein, Hahn wurde „erst spät um seine Anregungen gebeten“ (S. 129), Carnap führte die Endformulierung durch und ließ „die Broschüre“ drucken. Schlick bekam erst das gedruckte Werk zu Gesicht und war damit unzufrieden: „für Schlicks Geschmack steckte zuviel Neurath in dem Manifest.“ (S. 129) Auch Hahn war unzufrieden. „Es ist bezeichnend, dass sowohl Schlick als auch Hahn binnen Jahresfrist jeweils ihre eigene Programmschrift veröffentlichten.“ (S. 129)

An der Geschichte des Zustandekommens des Manifests des Wiener Kreises sieht man, wieviel Politik in ihm steckte; und der Vollblutpolitiker Otto Neurath war daran federführend beteiligt. Vollblutpolitiker wie Neurath wissen, dass es wichtig ist, „Tatsachen zu schaffen“, und das wird oft durch ein offizielles Schriftstück bewerkstelligt. Den besonneneren, wissenschaftlichen Charakteren, Schlick und Hahn, kam es mehr auf Inhalte an als auf die Mobilisierung von Menschen: Ihnen blieb in der Folge nichts anderes übrig, als ihre eigene Sicht des Wiener Kreises als Einzelpersonen zu formulieren. Hier muss ich nochmals auf den Punkt zurückkommen, den ich weiter oben schon einmal berührt habe: Wissenschaft ist eine politische Angelegenheit, weil es in ihr um ein gemeinschaftliches Projekt geht und es in der Politik darum geht herauszuarbeiten, welche Interessen die gemeinsamen Interessen sind und welche nicht. Neurath war das offenbar infolge seiner Grundeinstellung klar; Schlick und Hahn nicht. Sie glaubten, dass sich das Gemeinschaftliche in der Wissenschaft aus der Sache selbst heraus ergibt – weil Wahrheit für alle Menschen gilt, weil Wahrheit also gemeinschaftlich ist – und argumentierten daher sachlich. Wenn man sich aber rein am Sachlichen orientiert, dann zeigt das Beispiel des Manifests des Wiener Kreises: Es gab beinahe so viele Meinungen darüber, was der Wiener Kreis war und was er beabsichtigte, wie es Mitglieder oder Interessenten des Wiener Kreises gab; und sobald man mit dem Manifest ausdrücklich festlegte, was der Wiener Kreis war, wollten manche gar nicht mehr dazugehören, wie z.B. Karl Menger, Kurt Gödel und Ludwig Wittgenstein.

An dieser Stelle ist auch eine Bemerkung zur Schwierigkeit, welche die Wissenschaft mit der Politik hat, angebracht. Wissenschaft möchte nicht zugeben, dass sie, wie ich das nenne, „Politik im Reich des Denkens“ ist, weil dann die Frage, was wissenschaftlich ist und was nicht, nicht länger eine wissenschaftstheoretische Frage wäre, sondern eine soziologische. Man will also nicht zugeben, dass Wissenschaft nicht alleine wahres, durch wissenschaftliche Methode aufgefundenes, Wissen ist, sondern stattdessen das Wissen der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Denn das würde bedeuten, dass nicht länger der Wissenschaftstheorie das Recht zukäme zu entscheiden, was als wissenschaftlich gilt und was nicht, sondern der Soziologie, indem man nun davon ausgeht, dass diese Frage durch die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft entschieden wird in einem Prozess, in dem auch Machtinteressen eine Rolle spielen und in dem es ganz allgemein „menschelt“.

Freilich würde auch die Wissenschaftstheorie weiterhin eine Rolle spielen, aber eben nur eine unter mehreren. Sobald aber nicht mehr die Wissenschaftstheorie die Hauptrolle spielt bei der Entscheidung der Frage, was wissenschaftlich ist und was unwissenschaftlich, können sich die Wissenschaftler nicht mehr selbst regieren. Schlaumeier von außen (z.B. Soziologen) könnten dann darauf hinweisen, dass es in der Wissenschaft nicht immer wissenschaftlich zugehe. Aus diesem Grund nimmt die Wissenschaft bis heute die Last des Paradoxons auf sich, eine Gemeinschaft zu sein, die gemeinsam ihren Weg geht, und gleichzeitig leugnet, eine Gemeinschaft zu sein, deren Entscheidungen wie die Entscheidungen jeder Gemeinschaft durch einen Prozess der Interessenabgleichung in Form irgendeiner Art von politischer Auseinandersetzung zustande kommen. Anstatt dessen macht sie ihren Schülern, den Jungwissenschaftlern, weis, dass sie die einzige Gemeinschaft sei, die gleichsam auf platonische Art funktioniert, also geleitet von wissenschaftstheoretischen Prinzipien, die im Ideenhimmel der Wissenschaftstheorie existieren und sich von dorther, ohne Vermittlung oder Beeinflussung durch weltliche Elemente, unmittelbar in der konkreten wissenschaftlichen Arbeit manifestieren, also ohne Vermittlung durch die soziale Organisation der menschlichen Gemeinschaft und unbeeinflusst von menschlichen Bedürfnissen, die nichts mit dem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse zu tun haben.

Alles das würde ich vorschlagen zu sehen vor dem Hintergrund des Konzepts von Wissenschaft als der Idee eines gemeinschaftlichen Zusammenarbeitens im Bereich der Erkenntnis, welches alternative Meinungen tendenziell ausschließt, weil es von vornherein jeweils auf diejenige Meinung über eine Sache fokussiert, die es zur Gruppenmeinung bringen kann und die als solche zur Wahrheit oder wissenschaftlich erwiesenen Tatsache erhoben werden kann. In einem solchen Kontext ist die Meinung einer Einzelperson immer wertlos, weil sie die Meinung einer einzelnen Person und nicht die Mehrheits- oder Gruppenmeinung ist. Im Rahmen des Konzepts der Wissenschaft wird dem einzelnen Menschen grundsätzlich nicht zugestanden, dass er einmal recht haben könnte, weil die Gruppenmeinung immer Priorität gegenüber der Meinung des Einzelnen genießt. Es existieren übrigens sogar das Wort „Einzelmeinung“ und der Satz „Das ist eine Einzelmeinung.“ – um zum Ausdruck zu bringen, dass die Meinung des einzelnen Menschen nicht zählt, einfach weil sie nur die Meinung eines einzelnen (Einzel-meinung) Menschen ist. Die Vorstellung, dass der einzelne Mensch als nicht wahrheitsfähig gilt, ist dem am sozialen Kollektiv orientierten Politiker (Neurath) natürlich viel unmittelbarer zugänglich als den an der sachlichen Wahrheit orientierten Philosophen und Wissenschaftlern (Schlick und Hahn). Meine Frage in dem Zusammenhang ist nur: War es Leuten wie z.B. Schlick und Hahn nicht ersichtlich, dass Wissenschaft in geringerem Grad „exaktes Denken“ ist als „Kollektivarbeit“ (Otto Neurath), dass sie weniger „genaues Beobachten“ ist als das Übernehmen von Teilaufgaben bei der Schaffung eines gemeinsamen „sicheren Baus“ der Erkenntnis (Carnap)? Denn exakt denken und genau beobachten, das kann der einzelne Mensch auch, aber im Kollektiv zusammenarbeiten, das kann er alleine nicht, auch wenn er noch so sachlich und an der Wahrheit orientiert ist.

Sigmund zitiert aus dem Manifest jenes Thema, auf dem Otto Neurath immer wieder „herumgeritten“ ist:

„Das Bestreben geht dahin, die Leistungen einzelner Forscher in Verbindung und Einklang miteinander zu bringen. Aus dieser Voraussetzung ergibt sich die Betonung der Kollektivarbeit.“

(S. 145)

Meine Vermutung geht dahin, dass Menschen mit kollektiven politischen Einstellungen wie der Vollsozialist Otto Neurath von vornherein auf einer Linie mit dem kollektiven Grundzug der Wissenschaft als Kollektivarbeit oder gemeinschaftlicher Zusammenarbeit sind, während politisch liberal eingestellte Menschen (wie z.B. Bertrand Russell oder Karl Popper) sich damit eher schwertun und, sozusagen, auf gewundenem Anfahrtsweg einen Zugang zur Wissenschaft finden müssen?
Dabei ist es gewiss nicht ohne Bedeutung, dass die meisten Mitglieder des Wiener Kreises Sozialisten waren:

„„Wir alle im Kreis“, schrieb Carnap später, „waren an sozialem und politischem Fortschritt stark interessiert. Die meisten von uns, ich eingeschlossen, waren Sozialisten.““
Die meisten, wenn auch einige nicht: Schlick zum Beispiel, Menger, Kraft oder Gödel.“

(S. 148.)

 

Diejenigen, die nicht sozialistisch orientiert waren, „drifteten“ dann auch eher vom Wiener Kreis weg:

„Gemeinsam drifteten die beiden [Karl Menger und Kurt Gödel, Anm. H.H.] langsam vom Wiener Kreis weg. Denn in diesem Kreis gab es, für ihren Geschmack, zu viel Wittgenstein und zu viel Neurath; zu viel Kult um den einen, und zu viel Politik von dem anderen.
Karl Menger wollte sich nicht vom linken Flügel des Kreises vereinnahmen lassen. Zwar begeisterte er sich für die abstrakte Kunst der Bildstatistik in Otto Neuraths Museum, aber der „Vollsozialisierung“ konnte er wenig abgewinnen. Sie lag allzu weit weg von den liberalen Grundgedanken seines Vaters und den Auffassungen der österreichischen Schule der Nationalökonomie, die sich lieber mit den Bedürfnissen und Entscheidungen von Individuen befasste als mit Kollektiven, Klassen und Massen.“

(S. 208.)

 

Was mich wundert, ist, dass auch solche Wissenschaftler mit einem sachlichen Zugang zur Wissenschaft, die jedoch liberale Grundanschauungen hatten, welche die Bedürfnisse von Individuen über jene von Kollektiven stellen, nicht bemerkten oder bemerken wollten, dass es sich bei der Wissenschaft an sich und von ihrem Wesen her um eine Unternehmung handelt, welche die Bedürfnisse des Kollektivs über die von Individuen stellt. Ja, mehr noch, eigentlich ist die Wissenschaft ein geistiges Reich, in welchem das Kollektiv so sehr vorherrscht, dass einzelne Menschen in ihm gar nicht mehr existieren. Man bemerkt das daran, dass es in wissenschaftlichen Diskussionen nicht länger um die Überzeugungen von dieser oder jener Person geht und auch nicht mehr darum, diese oder jene Person zu überzeugen, damit die Person ihre Meinung ändert. Sondern es geht um die Überzeugung der wissenschaftlichen Gemeinschaft, und wenn eine einzelne Person, die eine gegenteilige Meinung hegt, sich der Mehrheitsmeinung nicht anschließt, dann wird sie zurückgelassen. Denn: Es geht in der Wissenschaft einfach nicht um die einzelne Person und es geht in ihr auch nicht darum, dass die einzelne Person Überzeugungen hat, die wahr sein sollten. Das merke ich auch an der ewigen Klage darüber, an der ich Vollblutwissenschaftler erkenne und sie von den Philosophen unterscheide, dass es in der Geschichte der Philosophie keinen Fortschritt gäbe.

Für mich ist sehr klar, warum es in der Geschichte der Philosophie keinen Fortschritt geben kann:

Erstens wird es, wenn wir die Erkenntnis des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellen, zu einzelnen Fragen verschiedene Meinungen geben, weil es verschiedene Menschen gibt. Wenn wir es nun ablehnen, uns auf eine Meinung zu einigen, die wir als die Wahrheit oder die maßgebliche Meinung einer Epoche ansehen – woran wollen wir dann messen, ob es einen Fortschritt in der Philosophie gibt? Es stehen ja immer mehrere Meinungen nebeneinander.

Zweitens, wenn wir den einzelnen Menschen und nicht das Kollektiv in den Mittelpunkt der Philosophie stellen, dann beginnt die Geschichte der Philosophie jeweils mit der Geburt dieses Menschen und endet mit seinem Tod. Es gibt dann keine Geschichte der Philosophie, außer wir wollen einen überindividuellen, kollektiven Blickpunkt einnehmen.

In seiner eigenen – dem Manifest des Wiener Kreises entgegengestellten – Programmschrift machte sich auch Moritz Schlick der Klage über die Fortschrittslosigkeit der Philosophie „schuldig“:

„Von Zeit zu Zeit hat man Preisaufgaben über die Frage gestellt, welche Fortschritte die Philosophie in einem bestimmten Zeitraum gemacht habe. – Aus solchen Fragen spricht deutlich ein Misstrauen gegen die Philosophie der jeweils jüngst vergangenen Zeit, und man hat den Eindruck, als sei die gestellte Aufgabe nur eine verschämte Formulierung der Frage: Hat denn die Philosophie in jenem Zeitraum überhaupt irgendwelche Fortschritte gemacht. […]
Ich bin nämlich überzeugt, dass wir in einer durchaus endgültigen Wendung der Philosophie mitten drin stehen und dass wir sachlich berechtigt sind, den unfruchtbaren Streit der Systeme als beendigt anzusehen. Die Gegenwart ist, so behaupte ich, bereits im Besitz der Mittel, die jeden derartigen Streit im Prinzip unnötig machen; es kommt nur darauf an, sie entschlossen anzuwenden.“

(S. 130-131.)

 

Schlick beklagt also hier die Fortschrittlosigkeit der Philosophie und proklamiert danach eine „endgültige Wendung der Philosophie“ zu einem fortschrittsfähigen System durch die „entschlossene Anwendung“ eines Mittels, das die Einnahme unterschiedlicher Standpunkte (hier: (philosophische) Systeme) unmöglich macht. Für mich ist das ein gutes Beispiel dafür, das sich jemand keine Gedanken über die logischen Konsequenzen gemacht hat, die folgen, wenn man – wie das in der Philosophie der Fall ist – vom einzelnen Menschen und dessen Erkenntnisinteresse an der Welt ausgeht. Denn dann kann es keinen Fortschritt in der Philosophie geben. Schließlich ist „Fortschritt“ ein historischer (historisch gemeinter) Begriff, der zeitlich über das Leben des einzelnen Menschen hinausgeht – und damit nimmt man eine überindividuelle Perspektive auf den einzelnen Menschen ein, und das ist schon nicht mehr die Perspektive der Philosophie. (Wenn, dann müsste die Preisfrage richtig lauten, ob seine philosophische Arbeit einem bestimmten Menschen eine persönliche Entwicklung innerhalb seiner Lebensspanne ermöglicht hat.)

Mit einem Wort: Wenn ich Menschen wie Schlick und Hahn betrachte, dann sehe ich in ihnen Menschen, die nicht wussten, was sie taten, weil sie sich die Schlussfolgerungen aus ihren Überzeugungen nicht bewusst machten. Einerseits hingen sie dem kollektiven Projekt der Wissenschaft an, weil ihnen das Chaos der Philosophiegeschichte zuwider war; andererseits stellten sie aber auch den Wert der genauen Beobachtung oder des exakten Denkens über den Wesenszug der Wissenschaft als Kollektivarbeit, was wiederum dem einzelnen Menschen als genauem Beobachter und exaktem Nachdenker den Vorrang vor dem Kollektiv einräumt. Sie machten sich also nicht klar, wer Vorrang haben soll, der Einzelne oder das Kollektiv. So ist es auch erklärbar, dass beide – Schlick und Hahn – von Wittgenstein fasziniert waren, der ihnen als „exakter Denker“ erschien, obwohl er in Wirklichkeit ein tiefreligiöser Mensch war. „Aber nicht alle verfielen Wittgensteins Zauber: So blieb etwa Otto Neurath dagegen völlig immun. Er witterte Metaphysik hinter den meisten Sätzen des Traktats…“ (S. 119.) Was kein Wunder ist, wenn man meiner bisherigen Analyse aufmerksam gefolgt ist: Wittgenstein konnte Schlick, Hahn, Waismann und andere auf der Sachebene, die „kristallklar“ und dennoch unverständlich war, verwirren, nicht aber den Politiker Neurath, der den Tractatus höchstwahrscheinlich mit der Frage im Hinterkopf las: „Was folgt daraus für das Kollektiv, was sind die Ergebnisse daraus auf der überindividuellen, gemeinschaftlichen Ebene?“

An dieser Stelle möchte ich auch einfügen, dass der Ausdruck „wissenschaftliche Weltauffassung“ ebenfalls vieldeutig und verwirrend ist. Er kann meinen

  1. jene Einstellung und Weltauffassung, die ein Wissenschaftler haben muss, um im Betrieb der wissenschaftlichen Arbeit mitmachen zu können;
  2. dass jeder Mensch, auch Nichtwissenschaftler, eine wissenschaftliche Weltanschauung haben sollten, weil sie die einzig wahre und sachgerechte ist.
    Versteht man „wissenschaftliche Weltanschauung“ in der erstgenannten Bedeutung, dann ergibt sich im Wesentlichen ein vernünftiger Sinn, denn junge Wissenschaftler schließen sich einer beruflichen Zunft an, wenn sie Wissenschaftler werden, und es ist ihnen förderlich, wenn sie deren Überzeugungen und Grundeinstellungen übernehmen, ebenso wie ein junger Schuster die Einstellungen seiner Zunft übernehmen sollte, um von seinen Berufskollegen akzeptiert zu werden.

Die zweite Bedeutung besagt so etwas wie, dass alle Menschen auch im Alltag Wissenschaftler sein sollten; ihre beste Illustration ist vielleicht MacGyver, der Protagonist einer amerikanischen Fernsehserie aus den 1980er Jahren, der in jeder Folge seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse anwandte, indem er aus zufällig in der Nähe vorhandenen Materialien rettende Werkzeuge baute. Diese Phantasie ist auch heute noch populär und wird in Österreich vertreten von den „Science Busters“, die den Menschen Experimente zeigen, die man mit gewöhnlichen Küchenutensilien durchführen kann. Ich habe nichts dagegen, dass man den Leuten interessante Dinge zeigt, die ihren Handlungsspielraum erweitern. Ich will nur auf eine Folgefrage hinweisen, die sich dazu als Konsequenz aus der Weltanschauung des Wiener Kreises ergibt: Müssen wir alle Wissenschaftler werden? Ist es so, dass, weil wissenschaftliche Erkenntnis als einzige wahrheitsfähig ist und es neben der wissenschaftliche Erkenntnis keine andere Erkenntnis gibt, alle Bürger Wissenschaftler werden können, und zwar, weil es für sie nicht anders geht, Freizeit- und Hobbywissenschaftler?

Mein Vorschlag, um diese Frage zu beantworten, lautet: Grundsätzlich ist eine „Weltauffassung“ (oder eine „Weltanschauung“) etwas, das ein einzelner Mensch oder auch eine Gruppe von Menschen haben kann – und hier liegt das Missverständnispotential. Demnach ist eine Weltauffassung nämlich primär etwas Persönliches: „Ich habe diese Weltauffassung, welche hast du?“ Wenn man nun von einer „wissenschaftlichen Weltauffassung“ spricht, was ist damit gemeint? Ist gemeint, dass ein Mensch eine Weltauffassung annimmt (dass er eine wissenschaftliche Weltauffassung annimmt) oder ist gemeint, dass er seine Weltauffassung (seine persönliche Weltauffassung) aufgibt, um sich jener der Gemeinschaft anzuschließen? Ich persönlich würde zu der Interpretation tendieren, dass man seine Weltauffassung aufgeben muss, wenn man sich einer Gruppe anschließt. Insofern wäre die Übernahme einer „wissenschaftlichen Weltauffassung“ gleichzusetzen mit dem Verzicht auf eine (persönliche) Weltauffassung. Die Überzeugung, dass eine (persönliche) Weltauffassung in der Wissenschaft nichts zu suchen hat, hat sich in meinem eigenen Leben auch dadurch gefestigt, dass ich einzelne talentierte Menschen beobachtet habe, die sich ihre eigene Vorstellung von der wissenschaftlichen Weltauffassung gemacht haben und in der Folge versuchten, ihre Fachkollegen zu belehren, was gute Wissenschaft sei. Natürlich hatten sie, aufgrund der Übermacht der Kollegenschaft, keine Chance. Daraus folgt, dass es in der Wissenschaft aussichtsreicher ist, sich an dem zu orientieren, was die Kollegen für richtig halten, und nicht an dem, was man selbst für richtig hält (wenn man Erfolge haben möchte), also: Der Verzicht auf eine (eigene) Weltauffassung ist angebracht und zu ersetzen durch den Anschluss an die Glaubenssätze der Gruppe.

In dem Zusammenhang sind noch einige erläuternde Worte zum merkwürdigen Status der Wissenschaft in Relation zu Politik und Weltauffassung nötig, damit verständlich wird, worum es hier geht.

Als im Februar 1934 der Verein Ernst Mach (der offizielle Name des Wiener Kreises) vom Dollfuß-Regime aufgelöst wurde, legte Schlick Einspruch ein mit folgenden Argumenten:

„Der Verein sei absolut unpolitisch gewesen und habe „getreulich im Sinne des Mannes gewirkt, dessen Namen er trug“; er habe also statutengemäß eine rein wissenschaftliche Tätigkeit entfaltet. Mit Atheismus habe das Ganze nicht das Geringste zu tun.
Jegliche „Hinneigung zur Sozialdemokratischen Partei“ stritt Schlick entschieden ab. […]
Der Verein bezwecke die Förderung der wissenschaftlichen Weltauffassung, also geradezu das Gegenteil einer weltanschaulichen Propaganda.“

(S. 265-266)

Was Moritz Schlick in dieser Bürgerkriegszeit sagte, um sich und seine Freunde zu schützen, will ich nicht auf die Goldwaage legen, aber inhaltlich gesehen ist es natürlich alles falsch: 1. Die Hinneigung zur Sozialdemokratischen Partei war im Wiener Kreis definitiv vorhanden; 2. Der Wiener Kreis war definitiv ein atheistisches Projekt; 3. Er betrieb auch eine weltanschauliche Propaganda, und zwar genau dadurch dass er die „wissenschaftliche Weltauffassung“ proklamierte.

In seiner Verteidigung des Vereins Ernst Mach vor dem Dollfuß-Regime versuchte Schlick von jener merkwürdigen Verfasstheit der Wissenschaft in unserer Gesellschaft zu profitieren, die ihr übrigens bis heute zukommt. Sie besteht darin, dass Wissenschaft

  1. als etwas Unpolitisches gilt. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass diese Auffassung mit dem Prinzip von Wissenschaft unvereinbar ist. Die Wissenschaft folgt nämlich der Überzeugung, dass es jeweils nur eine Wahrheit zu einer möglichen Fragestellung für die gesamte Menschheit gibt. Allein dadurch ist Wissenschaft bereits so etwas wie ein sozialistischer Staat im Reich des Geistes. Denn dass, nach liberalem Vorbild, jeder Forscher sein eigenes Süppchen kocht und nach eigener Fasson glücklich wird, ist in der Wissenschaft unmöglich. In der Wissenschaft werden alle sozusagen über einen Kamm geschoren; darin besteht der Sozialismus der Wissenschaft. Freilich, wie heiß die wissenschaftliche Einheitssuppe gegessen wird, hängt von ihrer konkreten sozialen Organisation ab, und hier besteht Spielraum. Bereits von ihrem Grundgedanken her ist Wissenschaft die Entprivatisierung und Kollektivierung von Überzeugungen, vermittelt durch das Prinzip der Allgemeingültigkeit, wonach der einzelne Mensch gar nicht sinnvollerweise eigene Überzeugungen haben kann, denn, wenn sie wahr sind, gehören sie ohnehin der gesamten Menschheit. Meine Intention ist nun nicht, diesen Umstand zu kritisieren, denn ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es sich mit der Wissenschaft anders verhalten könnte, sondern nur darauf hinweisen, dass es am leichtesten in jenen Bereichen möglich ist, Politik zu betreiben, die gar nicht als politisch gelten. Was also die Wissenschaft zu einem aussichtsreichen politischen Kampffeld macht, ist eben das, das sie als unpolitisch gilt. Hier ist mit weniger Kontrolle zu rechnen, die Gegner sind oft nicht gut gerüstet oder nicht einmal vorhanden, und die Zuhörer merken nicht, dass es eigentlich um Politik geht, weil es nur indirekt um sie geht, während direkt über etwas anderes, z.B. über die Protokollsätze oder über mathematisch-logische Theoreme, diskutiert wird.
  2. als etwas angesehen wird, das mit Religion und Weltanschauung nichts zu tun hat. Freilich nahm der Wiener Kreis Stellung zur Religion, indem er sie in Gestalt der Metaphysik aus der Wissenschaft eliminierte. Ich will nun nicht behaupten, dass sie in die Wissenschaft hineingehört, sondern nur dass Wissenschaftler nicht vermeiden können, eine Haltung zur Religion einzunehmen, weil Wissenschaft etwas Areligiöses ist. Wenn sie Wissenschaft als etwas Areligiöses oder Metaphysikfreies ansehen, ist das keine neutrale Haltung, sondern eine wertende.
  3. nach demselben Prinzip funktioniert der dritte Rettungsversuch Schlicks: Der Verein Ernst Mach bezwecke keine weltanschauliche Propaganda, weil er „nur“ die wissenschaftliche Weltauffassung förderte. Aber die wissenschaftliche Weltauffassung ist eben auch eine Art von weltanschaulicher Propaganda. Man kann nicht behaupten, man habe keine Weltanschauung, wenn man eine wissenschaftliche Weltanschauung hat. Auch die wissenschaftliche Weltauffassung ist eine persönliche Weltanschauung, selbst wenn sie aussieht wie der Verzicht auf eine persönliche Weltanschauung, indem man stattdessen eine kollektive Weltanschauung angenommen hat, nämlich jene der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Im Grunde ist es die sozialistische Verfasstheit der Wissenschaft im Reich des Geistes, welche dieses Spiel mit Begriffen und diese merkwürdige Verfasstheit der Wissenschaft in der Gesellschaft möglich macht, denn indem man sagt: „Ich schließe mich der (wissenschaftlichen) Weltauffassung der Gruppe an.“ – kann man sagen: „Ich habe keine (eigene) Weltauffassung.“ Oder man kann sagen: „Es geht in der Wissenschaft nicht um Weltanschauungen!“ Und indem man sagt: „Ich bin für keine bestimmte Partei, sondern suche nur das, was für alle Menschen wahr und richtig ist.“ – kann man unpolitisch erscheinen, aber dasjenige, was für alle Menschen das Beste ist, ohne den Unterschieden zwischen ihnen Beachtung zu schenken, ist das Ziel einer sozialistischen Partei. So kann man einer Partei zugehören, indem man keiner zugehört. Schließlich: Wenn man sagt: „Wir behandeln hier in der Wissenschaft jene Fragen, die für alle Menschen relevant sind, aber die Frage nach Gott ist mit wissenschaftlichen Mitteln unbeantwortbar, deshalb ist sie Privatsache, die ein jeder Mensch mit sich selber ausmachen muss.“ – dann schließt man die Religion aus der Gemeinschaft oder aus dem gemeinsamen Bereich in der Gesellschaft aus. Wiederum: Ich sage nicht, dass Gott Thema der Wissenschaft sein sollte oder dass ich mir religiöse Philosophieprofessoren an den universitären Philosophieinstituten wünsche; ich glaube nur nicht die Botschaft des Wiener Kreises, wenn er sagt, er befördere nur das „exakte Denken“ und habe kein weltanschauliches Programm – denn nur das „exakte Denken“ zu verfolgen, ist auch ein weltanschauliches Programm.

Schluss

Die Geschichte des Wiener Kreises bietet uns eine Reihe von falschen Dichotomien oder irreführenden Gegensätzen, an denen sich die Menschen bis heute orientieren und die zu verkehrten Vorstellungen von Wissenschaft und Philosophie geführt haben.
Drei solche falsche Unterscheidungen habe ich in meinem Aufsatz erläutert:

  1. Die Vorstellung, wonach Wissenschaft im exakten Denken bestehe, weshalb logischerweise Philosophie im inexakten, schwammigen oder „abgehobenen“ Denken bestehen muss.
  2. Dass die Funktion und Aufgabe der Philosophie in der Klärung wissenschaftlicher Sätze bestehe, im Gegensatz zur Wissenschaft, die selbst Sätze mit Wahrheitsanspruch aufstellen darf.
  3. Dass Philosophie eine Tätigkeit sei im Sinne von: etwas, das keine positiven Ergebnisse zustande bringt, im Gegensatz zur Wissenschaft, deren Erkenntnisse als Resultate stehenbleiben (nachdem sie die Klärungsarbeit der Philosophie überstanden haben).

Diese drei falschen Unterscheidungen verdecken eine viel grundlegendere Unterscheidung, die unser Bild von Wissenschaft und Philosophie zurechtrücken könnte: diejenige, dass Wissenschaft ein kollektives, gemeinschaftliches Unternehmen ist und Philosophie ein individuelles, einzelmenschliches.
Wenn man die Sache durch die Brille dieser letzten Unterscheidung betrachtet, wird klar, dass

  1. Die Philosophie keineswegs weniger exakt denkt als die Wissenschaft, aber individuelle Denkentwürfe in einem kollektiven Erkenntnissystem eben keinen Platz haben.
    Die Philosophie natürlich auch eigene Erkenntnisse und Aussagen macht, dass deren Gültigkeit aber auf den Bereich beschränkt ist, für den sie gemacht sind: den des eigenen Lebens des philosophierenden Menschen.
    Die Philosophie natürlich eine Tätigkeit ist, aber als individuelle Tätigkeit des einzelnen Menschen und nicht als philosophische Disziplin an einem akademischen Philosophieinstitut. Die philosophische Tätigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie immer im Werden ist, immer unfertig und deshalb fehlerhaft und aus diesem Grund von der Wissenschaft verachtet wird. Trotzdem muss sie unternommen werden, weil sie das ist, worauf die Handlungsentscheidungen des einzelnen Menschen beruhen, solange er selbstbestimmt lebt und nicht fremdbestimmt, indem er dem Ratschlag von Experten blind folgt.

Es wird außerdem klar, dass der Wiener Kreis gegen das gerichtet war, was Karl Popper „Kritischen Rationalismus“ nannte (und den er oft auch mit der Aufklärung assoziierte) und was ich „Philosophie“ nenne. Der „Kritische Rationalismus“ besteht nach Popper darin, dass wir uns nie einer Autorität beugen, sondern immer die kritische Entscheidung darüber, was wir letztlich für wahr halten, selbst treffen. Der Wiener Kreis stellt die Autorität der Wissenschaft über jene des Selbstdenkens und dadurch stellt er die Gruppe über den einzelnen Menschen. Insofern steht der Wiener Kreis nicht für „exaktes Denken“ angesichts der Unvernunft, die zu zwei Weltkriegen führte, eigentlich nahm er gegen das Denken Stellung, nämlich gegen das Denken des einzelnen Menschen – und damit nahm er auch gegen die Philosophie Stellung. Aber das sagt Otto Neurath viel deutlicher als ich:

„Lest’s keinen Kant, lest’s keinen Schopenhauer; Wissenschaft sollt’s treiben! Von den alten Eierschalen, Metaphysik, Idealismus und alledem müsst ihr euch befreien!“

(S. 144)

Da ich mir bewusst bin, dass ich hier zu Blinden von der Farbe rede, möchte ich in diesem Punkt noch einmal festhalten: Es geht beim „Kritischen Rationalismus“ – wie auch bei der „Aufklärung“ und der Philosophie – darum, dass Individuen über die Gruppe gestellt werden, dass die Überzeugungen von einzelnen Menschen ernst genommen werden, weil man dazu bereit ist, einzelne Menschen ernst zu nehmen beziehungsweise weil man sie für autonome, aufgeklärte, selbstverantwortliche Wesen hält:

„Diese Antwort faßt eine Einstellung zusammen, die man als einen „Kritischen Rationalismus“ beschreiben könnte. […] Jedoch auf dem Gebiet der Ethik und sittlicher Erkenntnis kommt Kants Prinzip der Autonomie dieser Einsicht sehr nahe. Dieses Prinzip drückt seine Einsicht aus, daß wir niemals das Gebot einer Autorität, und sei sie noch so erhaben, als Grundlage der Ethik anerkennen dürfen. […] Es kann sein, daß die Autorität die Macht hat, ihre Befehle durchzusetzen, und daß wir machtlos sind, Widerstand zu leisten. Aber wenn es und physisch möglich ist, unsere Handlungsweise zu bestimmen, so können wir uns der letzten Verantwortung nicht entziehen. Denn die kritische Entscheidung liegt bei uns: Wir können dem Befehl gehorchen oder nicht gehorchen; wir können die Autorität anerkennen oder verwerfen.“

(Karl Popper: „Über die sogenannten Quellen der menschlichen Erkenntnis“, Ausschnitt aus einem Vortrag, gehalten am 27. Juli 1979 in der Universität Salzburg anlässlich der Verleihung eines Ehrendoktorats, in: ders.: Alle Menschen sind Philosophen. Piper, München 2014. S. 177-187. Hier: S. 181-182.)

 

 

Was man daran meiner Meinung nach bis heute nicht verstanden hat – und die falschen Dichotomien des Wiener Kreises tragen ebenfalls dazu bei, davon abzulenken – ist, dass man nicht Wissenschaft betreibt, wenn es einem um die Meinungen und Überzeugungen von Menschen geht. Popper hat oft die kritische Diskussion in den Vordergrund gestellt und von den Teilnehmern die Bereitschaft verlangt, ihre eigenen Überzeugungen von anderen kritisieren zu lassen und dabei nicht wehleidig zu sein. Möglicherweise – das weiß ich nicht – hat er selbst geglaubt, eine kritische Diskussion sei eine wissenschaftliche Diskussion, wenn in ihr wissenschaftliche Themen diskutiert werden. Wenn man es bis zum Ende durchdenkt, ist jedoch eine wissenschaftliche Diskussion eine solche, bei der es um die Feststellung der gemeinsamen Meinung einer Gruppe, der wissenschaftlichen Gemeinschaft, geht. Eine Diskussion, bei der es um die Feststellung der Meinung der einzelnen Diskussionsbeiträger geht, kann keine wissenschaftliche Diskussion sein, weil hier der Endpunkt in den Individuen liegt und nicht im Gemeinsamen.

Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Philosophie liegt letztlich darin, ob man das Individuum ernst nimmt. In der Wissenschaft kann man es nicht ernst nehmen, weil es nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur gemeinsam anerkannten Wahrheit ist. In der Philosophie muss man es ernst nehmen, weil hier die Bildung jener Meinungen und Überzeugungen, mit denen der einzelne Mensch durchs Leben geht, das eigentliche Ziel sind. Was ich also sagen will, ist: Wenn man es, wie oft bei Popper, mit einem Diskurs zu tun hat, bei dem man merkt, dass es ihm darum geht, andere Menschen als Personen anzusprechen und durch rationale Argumente von etwas zu überzeugen, dann hat man es nicht mit Wissenschaft zu tun, sondern mit Philosophie. Denn dann geht es um die Arbeit an den Überzeugungen dieser Menschen und nicht um die Feststellung der gemeinsamen Wahrheit, die für alle gültig ist. Beim Philosophieren steht also der einzelne Mensch mit seinen Überzeugungen im Mittelpunkt und nicht die für alle gemeinsam gültige Wahrheit. Die Wissenschaft funktioniert nach dem Prinzip: Wenn sich jemand unserer Überzeugung nicht anschließen will, dann diskutieren wir nicht erst lang mit ihm, sondern lassen ihn zurück; sie hält sich nicht damit auf, durch Überzeugungsarbeit eine korrekte Vorstellung im einzelnen Menschen zu etablieren.

Diesen feinen Unterschied hat man, glaube ich, bis heute nicht gesehen. Es wäre Zeit, ihn bei der Bestimmung dessen, was Wissenschaft und Philosophie sind, zu berücksichtigen. So bin ich z.B. bis heute gezwungen, bei der LiterarMechana meine philosophischen Publikationen als wissenschaftliche zu melden, weil keine eigene Kategorie „Philosophie“ angeboten wird; dabei gibt es doch keinen größeren Unterschied als diesen: Texte, die sich an den einzelnen Menschen wenden (Philosophie) und Texte, die sich vom einzelnen Menschen abwenden (Wissenschaft). Dieses Beispiel deutet auch die Dringlichkeit an, die dieses Thema für mich hat: Die „wissenschaftliche Weltauffassung“ des Wiener Kreises hat sich in der Öffentlichkeit durchgesetzt und dazu geführt, dass meine philosophischen Arbeiten von den Menschen von vornherein nicht so aufgenommen werden können, wie sie gemeint sind. Der Wiener Kreis hat vorgeblich gegen die Metaphysik gekämpft; in Wirklichkeit hat er aber gegen den einzelnen Menschen gekämpft und es unmöglich gemacht, dass der Ausdruck des Denkens einzelner Menschen als Philosophie verstanden wird. Mit der Auslöschung des einzelnen Menschen in der Wissenschaft – weil in dieser nur die Gruppenmeinung zählt – geht natürlich auch eine Auslöschung der Philosophie einher, sofern Philosophie im Philosophieren des einzelnen Menschen zum Zweck seiner persönlichen Orientierung im Leben besteht, Philosophie heute aber nur mehr innerhalb des wissenschaftlichen Rahmens als möglich angesehen wird.

Heute dominiert die Analytische Philosophie, die sich auf den Wiener Kreis beruft, die Philosophieinstitute in der angelsächsischen Welt und zunehmend auch jene in Kontinentaleuropa und beeinflusst das Bild der Philosophie in der Öffentlichkeit. Es ist das eine Philosophie, die gar nicht Philosophie sein will. Sie betreibt zwar Philosophie, doch in Wirklichkeit ist es die Ersetzung von Philosophie durch Wissenschaft, von einzelmenschlichem durch kollektives Denken. Ich glaube nicht, dass sich dagegen etwas unternehmen lässt, aber wir sollten wenigstens wissen, dass es so ist. Ich glaube, es würde auch schon helfen, wenn die Menschen wenigstens wüssten, dass wissenschaftliches Denken nicht exaktes Denken ist, sondern dass man einen Menschen gar nicht mehr sinnvoll fragen kann, was er denkt, wenn man, wie die Wissenschaft, davon ausgeht, dass das, was der einzelne Mensch im Kopf trägt, nicht von Wert ist, sondern nur das, was sich in der Wissenschaft durchsetzt und über die historischen Epochen hinweg Bestand hat.

Bild: "Lern dich weiter." Was ist gemeint? "Lern, damit du deine eigenen Fragen beantwortet bekommst." oder: "Lern, damit du für die Gemeinschaft brauchbarer wirst."?

 

© helmut hofbauer 2018