Impressum

Über mich

Interkulturelle
Kommunikation

Philosophie

Kulturtheorie

Literaturwissen-
schaft

Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft

Rezension von Monika Wogrolly-Domejs Buch Abbilder Gottes. Demente Komatöse, Hirntote

Styria Verlag, St. Stefan 2004.


1. Mein Interesse an diesem Buch

Ich möchte dieses Buch hauptsächlich als Ideengeber für mögliche Fragestellungen verwenden, die mich im Zusammenhang mit meinem Interesse am Verständnis von Wissenschaft gesellschaftsweit und an jenem in der Medizin interessieren. Das verbindende Glied zwischen Monika Wogrollys Buch und meinen Erkenntnisinteressen ist dabei insbesondere, dass in ihm die Medizin sehr stark in ihrer Gestalt als soziale Organisation erscheint, welche einzelne Menschen (Demente, Komatöse, Hirntote, aber auch Patienten einer pulmologischen Ambulanz sowie Empfänger von Spenderorganen), die sich selbst nicht mehr helfen können, behandelt, verwaltet und dabei die Kontrolle über sie übernimmt. Die Frage ist also: Wie geht die Medizin, die ja nicht nur Wissenschaft sondern zugleich auch ein großer gesellschaftlicher Apparat zur Heilung und/oder Versorgung von Kranken ist, mit den ihr anvertrauten Menschen um? Folgt dieser Umgang rein nur wissenschaftlichen Erkenntnissen – oder finden sich in ihm zusätzlich auch andere Motive, welche an die Medizin von außen, durch die Gesellschaft, herangetragen werden bzw. aus der Organisation des medizinischen Heil- und Versorgungsbetriebs erwachsen?

2. Fliegen Beine ausreißen – was ist das für ein Buch?

Dieses Buch ist schwer zu verstehen – und anfällig für Missverständnisse – weil es eine Diskussion eröffnen und nicht eine Frage mit eindeutigen Argumenten entscheiden will.

(Das kommt freilich meiner Vorstellung von Philosophie entgegen, weil deren Aufgabe meiner Anschauung nach darin besteht, überall dort, wo andere etwas schon außer Streit gestellt haben, um zur Tagesordnung übergehen zu können, es erneut zu hinterfragen und zu problematisieren, damit darüber diskutiert werden kann; das soll heißen: Wenn von der Mehrheit der Menschen ein Problem als etwas Unangenehmes betrachtet wird und dessen Lösung als Erleichterung erlebt wird, so empfindet der Philosophierende das häufig umgekehrt, weil ihm ein jedes gesicherte Wissen als Gegenstand der denkerischen Beschäftigung mit der Welt verloren gegangen ist. Der Philosophierende teilt also nicht die Abscheu der meisten Menschen gegenüber Problemen, denn wo keine Probleme sind, da ist auch kein Philosophieren möglich.)

Das Thema, auf das sich Monika Wogrolly hierbei letztendlich einschießt, ist der Stammhirntod als Kriterium für den Tod von Menschen. Hier sagt sie aber nun nicht, dieses Kriterium sei einfach falsch und man dürfe daher aus hirntoten Menschen keine Organe entnehmen, sondern sie beklagt eine „Verrohung“ (S. 23) und „Gefühlskälte“ (S. 16), die sich in diesem Kriterium und der mit ihm zusammenhängenden medizinischen Praxis verbergen, aber ohne zugleich einen Antwortvorschlag auf die Frage nach der ethischen Berechtigtheit von Hirntod und Organtransplantationspraxis zu geben. Zusammenfassend gesagt, das Buch gibt keine Antwort auf konkrete Fragen (Soll/darf man transplantieren oder unter welchen Umständen soll Transplantation erlaubt/nicht erlaubt sein?) und anstatt dessen eröffnet es einen Bereich von Unwägbarkeiten (indem es die Würde des Menschen und die Beziehung von Arzt und Pflegepersonal zum – auch sogar komatösen oder sogar hirntoten – Patienten als zusätzliche Argumente, die bei diesem Thema eine Rolle spielen sollten, in die Diskussion einbringt), welcher das Problem eher von einer möglichen Lösung entfernt als es dieser näher zu bringen (und zusätzlich noch die Folgewirkung haben kann, dass sich Transplantationsmediziner in diffuser Weise persönlich angegriffen fühlen könnten).

Daraus folgt die Frage: Welchen Wert kann ein solches Buch überhaupt haben? Welche Erkenntnisse oder Gedanken kann es einem vermitteln, wenn es doch auf das Hauptproblem (die moralische Legitimität des Hirntodkriteriums und der mit ihm verbundenen Organentnahmepraxis), das es zu behandeln scheint, gar keine Antwort gibt und dieses Hauptproblem folglich auch gar nicht richtig behandelt, also sich nicht direkt und in der Hauptsache mit ihm auseinandersetzt? Zumindest erhellt aus diesem Aufriss besser, wie mir scheint, als auf irgendeine andere Weise, auf die man das Buch vorstellen könnte, was das für ein Buch ist: Es ist ein Buch, dass Nebensachen zur Hauptsache erklärt, eines, dass beharrlich „weiche“, unfassbare, nicht quantifizierbare und dadurch auch nicht objektivierbare Faktoren in die Diskussion einbringt und sie für relevant erklärt, und es ist ein Buch, bei dem man immer wieder nachdenken muss, worum es in ihm denn eigentlich genau geht und wie hoch, beziehungsweise auch in welchem Rahmen, man den argumentativen Wert dessen veranschlagen will, um das es letztlich in diesem Buch geht. Dabei ist zu sagen, dass die Intention Wogrollys bei der Lektüre schon ziemlich klar wird: Es geht ihr um eine Bekämpfung der utilitaristischen Ethik, die offenbar im medizinischen Bereich herrscht. Aber sie macht das mit solchen Argumenten, welche zwar den Diskurs bereichern (anreichern?), aber sicher den utilitaristischen Ethiker nicht überzeugen oder bezwingen können und auch die Gesellschaft nicht von ihrem Glauben an die utilitaristische Ethik abbringen werden. Daher ist der Leser/die Leserin bei der Lektüre dieses Buchs angehalten, auf Nebenwegen zu gehen, selbst nach tauglichen Motiven zu suchen, die es wert erscheinen, dass man ihnen weiter folgt, und sich selbst danach zu fragen, was genau über welche Aspekte, die im Buch vorkommen, man letztendlich gelernt zu haben meint.

Als Beispiel für das Gesagte betrachte man folgende zwei Zitate, wobei das erstere der beiden tatsächlich in gewisser Weise einen Höhepunkt des Buches darstellt, wird doch in ihm der gesamte gesellschaftliche Apparat der Medizin mit seinen Hochschulen, ÄrztInnen und Spitälern mit einem Buben verglichen, der einer Fliege die Flügel ausreißt!

„Um das zu verstehen, worum es in dem Zusammenhang wirklich geht, denken wir an folgendes Beispiel: Wenn ein Erwachsener ein Kind dabei erwischt, wie es einer Fliege die Flügel ausreißt – das Paradebeispiel solch moralisch verwerflichen Betragens ist Heinrich Hoffmanns Episode vom Bösen Friederich -, erklärt er ihm, dass jedes Tier ein achtenswertes Lebewesen sei, dass es den Schmerz fühle und man das nicht tun dürfe. Ist das Kind besonders aufgeweckt, mag es entgegnen, dass eine Fliege keine dem Menschen vergleichbare Leidensfähigkeit besitze und man daher mit gutem Grund annehmen könne, dass das, was für den Menschen nach Qual und Folter aussehe, für die Fliege nichts dergleichen sei. Dennoch wird der Erwachsene darauf beharren, dass das Kind in Zukunft von solchen Beschäftigungen lässt, mit dem Argument, da es sonst verrohen und sich ein solcher Umgang mit Tieren auch auf seinen Umgang mit Menschen niederschlagen könne.
Das Beispiel zeigt, dass der Mensch früh darauf vorbereitet wird, wie man sich gegenüber seinen Mitmenschen, aber auch gegenüber allen anderen Kreaturen zu verhalten hat, wohl aus einem einzigen Grund: Respekt vor dem Leben.
Der inhärente Wert des Lebens wurde durch die Einführung des Hirntodkriteriums erschüttert. Aber worauf kommt es an, wenn etwas wie einer Fliege oder einem Frosch unsere Wertschätzung und Achtsamkeit zukommen? Wohl doch auf die Bereitschaft, selbst mit einer Fliege und einem Frosch eine Art Beziehung einzugehen!“

(S. 282, Hervorhebungen durch Kursivschrift im Original)

Mit dieser Argumentation soll folgende These „bewiesen“ werden:

„Es erscheint dem gesunden Moralempfinden zutiefst verwerflich, sich gegen schwerstkranke und sterbende Menschen emotional zu schützen, indem man sie reduktionistisch mit pragmatischem Kalkül betrachtet und ihnen das Letzte an Würde, menschlichem Dasein und Mitmenschlichsein abspricht, das Recht auf die Normalsterblichkeit, auf den eigenen und ganz persönlichen Tod. Mag es fraglos ein Akt der Nächstenliebe sein, über den Hirntod hinaus mit seinen Organen anderen Menschen zu nützen, so ist doch intuitiv abzulehnen, dass über biologisch noch lebende Patienten nach erfolgtem Stammhirnausfall ein Freibrief der Verfügbarkeit ausgestellt wird und die Alleinverantwortung für die Entscheidung zur Organentnahme der Intensivmedizin vorbehalten bleibt, während Angehörige im Sinne eines utilitaristischen Pseudopaternalismus angeblich zu ihrem eigenen Besten vom Entscheidungsprozess ausgeschlossen werden.“
(S. 16, Hervorhebungen durch Kursivschrift im Original)

Die Forderung nach der Zustimmung der Verwandten zur Organentnahme sowie auch jene nach einer anderen rechtlichen Regelung als der in Österreich geltenden so genannten „Widerspruchslösung“ (bei der jemand, der nicht als potentieller Organspender dienen möchte, sich in ein Register eintragen kann) sind beide sicherlich vertretbar – aber nicht mit diesem Argument mit dem Kind, das der Fliege die Flügel ausreißt! Hier wäre es doch allzu verständlich, wenn die ÄrztInnen sich beleidigt zeigen und sagen: „Also bitte, wir sind doch nicht wie kleine Kinder, die Fliegen zum Spaß Flügel ausreißen!“ Das Argument kann also nicht ankommen und in dieser Richtung auch keine Wirkung entfalten. Dennoch ist es aber auch kein dummes Argument, denn das aufgeweckte Kind entgegnet dem Erwachsenen, die Fliege besitze doch (vielleicht?, wahrscheinlich?) gar keine dem Menschen vergleichbare Leidensfähigkeit. Hier ist die Vergleichbarkeit schon eher gegeben, denn die Medizin behauptet ja wirklich, dass Hirntote keinen Schmerz empfinden können, wogegen in Widerspruch steht, dass ihnen bei der Organentnahme eine Narkose und schmerzstillende Mittel zur Vorbeugung gegen Muskelkontraktionen und Bewegungen der Gliedmaßen verabreicht werden.

Dann aber kommt es noch besser: Der Erwachsene in Wogrollys Argumentation setzt sich über das „naturwissenschaftliche“ Argument des aufgeweckten Kindes hinweg und begibt sich auf eine reine Prinzipienebene, die zugleich eine symbolische Ebene ist, indem er dem Kind in Zukunft das Quälen der Fliege verbietet, doch nun nicht mehr wegen des Leidens der Fliege, sondern aus dem Grund, da das Kind sonst verrohen könnte. Es ist nun nicht die Überzeugungskraft, die dieser Argumentation ihren Wert verleihen würde, sondern die Tatsache, dass man plötzlich die Blickrichtung wechselt und sich fragt: Und wo ist diese symbolische Ebene (die sich im „Respekt vor dem Leben“ im Allgemeinen ausdrückt) eigentlich in der Medizin? Gibt es sie in der Medizin auch oder gibt es sie da nicht? Und gibt es sie vielleicht deshalb in der Medizin nicht, weil wir bei Gegenständen, die eine gewisse Größe und Bedeutung auf der Ebene der gesellschaftlichen Diskussion erreichen, von Argumenten auf der symbolischen Ebene abgehen und anstatt dessen solche bevorzugen, die quantifizierbar sind und deren konkrete Nützlichkeit einsichtig ist – mit einem Wort, dass wir da – man weiß nicht genau, warum – reflexartig von der symbolischen Ebene zur utilitaristischen wechseln? (Somit ist diese Argumentation von Wogrolly vielleicht auch kurioserweise ein Beispiel für etwas, dessen Existenz man nicht für möglich halten sollte: für ein Argument, das gut ist, obwohl es nicht überzeugt.)

Ein Wort noch zum Utilitarismus: Was ist Utilitarismus? Nun, wenn man John Stuart Mill liest, dann kann alles Utilitarismus sein, und selbst Prinzipien und die symbolische Ebene menschlicher Existenz sind aus seiner Konzeption des Utilitarismus nicht ausgeschlossen. Wenn man aber, wie es Monika Wogrolly tut, die die derzeitige Regelung „pragmatisch“ (hier gibt es die amerikanische philosophische Richtung des „Pragmatismus“, die verlangt, dass eine jede Erkenntnis, um als wahr zu gelten, praktische Konsequenzen für das Leben eines oder sogar vieler Menschen haben muss) und „utilitaristisch“ nennt, dann ist einigermaßen klar, was damit gemeint ist: Es geht genau um diesen Ausschluss der symbolischen Ebene, der Beziehungsebene und der Vorstellung von der Würde des Menschen, die (nach Kant) keinen Preis hat. Hier wird also umgekehrt gedacht: Wenn man nach einem „pragmatischen“ „Nutzen“ für andere Menschen oder die Gesellschaft verlangt, dann zieht das die Notwendigkeit nach sich, diesen Nutzen zu konkretisieren und zu quantifizieren – und diese Notwendigkeit wiederum kippt um oder schlägt über in die Vorstellung, dass nur dasjenige von Nutzen sein könne, was konkretisierbar und quantifizierbar ist, wodurch derart diffuse Einheiten wie der „Respekt vor dem Leben“ aus den ethischen Erwägungen herausfallen.

Unwillkürlich fragt man sich, ob es bei diesen Gegenständen größerer gesellschaftlicher Wichtigkeit denn gar keine Möglichkeit gibt, der „vernünftigen“ Diskussion zu entkommen, (wobei „vernünftig“ hier die Reduktion auf alles Konkrete, unmittelbar Greifbare und auf das Quantifizierbare meint), welche alle „feineren“ Argumente ausschließt, wie z.B. die persönliche Haltung der Achtung vor dem Leben, die ihren Wert nicht aus ihrer unmittelbaren Nützlichkeit für jemanden bezieht, sondern aus der Tatsache, dass man sie hat und immer wieder auch Energie und Anstrengung in sie investiert, um sie aufrecht zu erhalten? Ist es vielleicht letztlich so, dass auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene eine andere Logik herrscht als auf jener der individuellen Ethik? – In dem Fall wäre es schwer zu verstehen, was Ethik eigentlich ist: Ist Ethik vielleicht eine Art politische und administrative Verteilungsgerechtigkeit, welche jedem Menschen die Pflichten und Kosten aufbürdet, die ihm zumutbar sind und jedes Individuum vor ungerechtfertigter benachteiligender Behandlung schützt? Oder besteht Ethik nicht im Gegensatz dazu darin, individuelle Werte und Anliegen auf die gesellschaftliche Ebene zu tragen, auch auf die Gefahr hin, dass ihre Argumente auf politischer und administrativer Ebene nicht verstanden werden können?

Wie dem auch genau sei, aber Wogrollys Argumentation leistet eben immerhin doch soviel, den Verdacht zu erwecken, dass die utilitaristische Sichtweise womöglich in Bezug auf manche für das menschliche Leben wichtige Dimensionen eine Reduktion darstellt, nämlich eine auf greifbarere und auf bezifferbare Größen.

Eine andere Frage, die sich aus der utilitaristischen Grundorientierung ergibt, ist natürlich die: Wer bestimmt, was einem anderen Menschen nützlich ist? Denn wenn ich meine zu wissen, was für einen anderen Menschen gut und nützlich ist, dann bedeutet das, dass er nach meiner Fasson glücklich werden muss (wenn ich ihn bedränge, indem ich meine Vorstellung vom Guten verfolge). Dieses Problem betrifft prinzipiell alle helfenden Berufe, aber besonders die Medizin, die mit gesetzlichem Schutz und in gesetzlichem Auftrag hilft. Hier käme ich bereits zum Problem des Paternalismus, also zu jener väterlich bevormundenden Art zu helfen, die dem Menschen, dem geholfen wird, seine Autonomie nimmt. In der Medizin schöpft der Arzt/die Ärztin das Recht dem/der PatientIn zu helfen, aus seinem/ihren größeren naturwissenschaftlichen Wissen über das Funktionieren des menschlichen Körpers: Dieses Wissen berechtigt ihn/sie im Bereich von Krankheit/Gesundheit zu bestimmen, was gut ist für den/die PatientIn. Doch muss man sagen, dass diese Bestimmungsmacht über den/die Patientin, selbst wenn dieses Wissen richtig ist und die Hilfe eine wohlgemeinte und auch von Patientenseite eine erbetene und freiwillig akzeptierte ist, dennoch eine Herrschaftsausübung von ÄrztInnen über andere Menschen bleibt.

Zwar mag das Wort „Herrschaftsausübung“ in diesem Zusammenhang, in denen ein mühevoller Dienst an den Menschen geleistet wird, als zu hart erscheinen, aber es sagt nicht mehr aus, als dass in einem utilitaristischen Kalkül, in welchem das für eine oder für möglichst viele Personen Nützlichste getan werden soll, freilich derjenige das Bestimmungsrecht haben sollte, der weiß, worin das Nützliche im konkreten Fall besteht. Das aber sind im Fall von Gesundheit/Krankheit die Ärzte: Sie kennen hier das Gute und das Nützliche, was für den/die PatientIn bedeutet, er/sie sollte auf eigene Entscheidungen verzichten und anstatt dessen dem ärztlichen Rat folgen. Daraus folgt, paternalistisches, bevormundendes Verhalten ist dem Utilitarismus eigentlich inhärent, woraus sich wiederum der Verdacht ergibt, dass der Utilitarismus jener Gesellschaft besonders lieb sein wird, die eine Herrschaft, die auf Spezialisten und Fachleute aufgebaut ist, errichten und rechtfertigen will.

Auch wenn man also nach einer Ethik sucht, die imstande ist, dem Individuum die Handlungsautonomie zurück zu gewinnen, müsste man sich wahrscheinlich vom Nützlichen und von jenem Vernünftigen, dessen Vernünftigkeit rein in seinem Nutzen besteht, distanzieren. Doch das ist nicht das einzige Problem des Paternalismus, zu dem ich ein wenig später zurückkommen werde.

3. Die Gestalt des Buches

Auch die äußere Gestaltung des Buches ist verwirrend, denn es besteht aus einer Art Einleitung („Das Dilemma der Normalsterblichkeit“, S. 11-29) und einem Schlusswort („Abbilder Gottes: So neutralisiert wie Radiergummis“, S. 273-283). Dazwischen liegen empirische Studien teilnehmender Beobachtung, welche die Autorin durchgeführt hat: 1. bei der Fiberbronchoskopie (S. 31-59), 2. auf einer transplantationsmedizinischen Station (S. 61-101), 3. auf einer geriatrischen Langzeitpflegestation (S. 103-199) und 4. auf einer neurochirurgischen Intensivstation (S. 201-272). Nun ist es zweifellos anerkennenswert, dass eine Philosophin solche empirischen Studien durchführt, um einen persönlichen Eindruck von der Realität in den einzelnen Institutionen zu gewinnen, aber die Argumentation des Buches leidet darunter. Beziehungsweise beschränkt sich die Argumentation des Buches sehr stark auf das Einleitungskapitel und das Schlusswort. Also nur dort erfährt man (mit wenigen Ausnahmen in der Buchmitte, etwa Wogrollys Analyse der verdinglichenden Sprache über die Patienten (S. 185 ff.), was die Autorin selber meint. Bei der Lektüre der empirischen Forschungen verliert man den Faden des Buches und gewinnt ihn – mit frappierender Eindringlichkeit – erst wieder, wenn man das Schlusswort erreicht, sodass man sich fragt, ob denn die dargestellten Beobachtungen eine derart harsche Kritik rechtfertigen? Möglicherweise tun sie es; aber wenn sie es tun, dann muss man als LeserIn auch selber draufkommen, wie sie es tun, weil die beiden argumentativen Texte zu kurz sind, als dass sie die Kraft hätten, das Denken des Lesers/der Leserin zu leiten.

4. Paternalismus und Pseudopaternalismus

Eine weitere interessante Erkenntnis, die sich aus dem Buch gewinnen lässt, ist diejenige, dass sich hinter dem Paternalismus der Ärzte, also jenem „väterlichen“, helfenden Verhalten (welches in seiner Gestalt des „schwachen Paternalismus“, nach der Unterscheidung von John Feinberg (S. 25), also wenn man Personen hilft, die „in ihrer Selbstbestimmungsfähigkeit aktuell oder dauerhaft eingeschränk[t]“ sind (S. 26), auch ethisch gerechtfertigt sein mag), in Wirklichkeit oft ein Pseudopaternalismus verbirgt, welcher anzeigt, dass auch noch andere Motive in das ärztliche Verhalten eingedrungen sind als nur das Bestreben, dem/der Kranken zu helfen:

„Der Arzt hatte sich in vielen Fällen nicht intentional auf den individuellen Patienten gerichtet und handelte nicht primär in dessen Interesse, sondern konzentrierte sich [S. 27] auf einen möglichst reibungslosen Untersuchungsablauf (die optimale Erfolgsquote).
Im institutionalisierten Verhältnis von Arzt und Patient fand sich häufig ein als kindlich-hätschelnder oder emotionslos-sachlicher Umgang des Arztes mit dem Patienten getarnter Pseudopaternalismus und eine damit korrespondierende verstärkte Regressionsbereitschaft des verunsicherten und für ihn undurchsichtigen medizinischen Maßnahmen unterworfenen Patienten. Ein beträchtlicher Autonomieverlust war aber nicht bloß auf Seiten des Patienten zu verzeichnen, sondern betraf ebenso den zwischenmenschlich enthaltsamen Arzt. Vereinfacht gesagt, musste es dem Arzt hauptsächlich darum gehen, ein gewisses Patientenkontingent im Lauf einer begrenzten Zeit, z.B. eines Vormittags, bestimmten institutionell vorgesehenen Versorgungs-, Untersuchungs- und Behandlungsritualen zu unterziehen, wobei es kaum je zu einer mitmenschlichen Kontaktaufnahme kommen konnte, was hauptsächlich auf die Rahmenbedingungen, eine hohe Patientenfluktuation, den Zeit- und Leistungsdruck sowie Mehrfachbelastungen von Arzt und Pflegepersonal zurückzuführen war. Wenn der Arzt den Patienten als Person nicht wahrnimmt, ist es aber ausgeschlossen, ihm gegenüber paternalistisch zu wirken.“
(S. 26-27)

Der letzte Satz soll wohl bedeuten, dass väterlich bevormundendes Helfen eigentlich nur dann vorliegen kann, wenn man tatsächlich mit der Intention handelt, jemandem zu helfen, und nicht dann, wenn man sein Tagespensum an zu behandelnden Stückeinheiten absolviert – ein Satz, der in seiner ironischen Verdoppelung von sehr feiner Bosheit ist. Es sind allerdings nicht solche Feinheiten, die ich in diesem Buch von Monika Wogrolly suche, sondern was mich an dieser Stelle speziell interessiert, ist, dass man die Tatsache des Paternalismus, die doch schon allein und für sich selbst genommen ein schwieriges Problem darstellt, nicht allein und isoliert haben kann. Zur bevormundenden Rolle des Arztes dem Patienten gegenüber, die grundsätzlich aus seinem naturwissenschaftlichen Mehrwissen über die menschlichen Körperfunktionen und deren Pathologien herrührt, mischen sich offenbar organisationale Zwänge der Klinik oder des Sozialsystems Medizin. Ob derartige Zwänge unvermeidlich sind, weil die Ressourcen (gut ausgebildete Ärzte und teure technische Ausrüstung) für die Gesellschaft knapp sind oder deshalb, weil alles, das organisiert wird, sehr schnell nicht mehr nur seinem ursprünglichen Zweck, sondern auch den Zwecken, die aus seinem Organisiertsein folgen, gehorcht, ist eine interessante Frage. Weiters könnte man auch noch darüber spekulieren, ob sich in dieser Rationalisierung des Ressourcenumgangs nicht ebenfalls die wissenschaftliche oder naturwissenschaftliche Haltung zur Welt in ihrer heutigen Gestalt ausspricht, welche bestrebt ist, Probleme effektiv und effizient zu lösen, also wirksam und wirtschaftlich, und welche dadurch Menschen verdinglicht, weil eine solche Umgangsweise eher Dingen entspricht als Menschen?

Das Problem des Paternalismus könnte noch zu einer weiteren Überlegung Anlass geben: Auf S. 28 fasst Monika Wogrolly ihre Eindrücke zusammen, wonach sich hinter paternalistischen Strategien von Ärzten, die „angeblich im Interesse und zum Besten des Patienten sind“, oft die „Verfolgung von Interessen hinter der medizinischen Praxis (ökonomischen, institutionellen, ideologischen, persönlichen Interessen“ verbirgt. Es ist natürlich nahe liegend, dass, wenn das Wohl der PatienInnen das stärkste Rechtfertigungsargument der Medizin gegenüber der Gesellschaft ist, dieses Argument wohl auch eingesetzt werden wird, um andere Interessen der ÄrztInnen, sollten da welche existieren, zu verbergen oder zu verkleiden. Vor allem aber sollte ich mir dessen stärker bewusst werden, dass tatsächlich das Wohl der PatientInnen das stärkste Argument der ÄrtzInnen gegenüber der Gesellschaft ist – und nicht etwa die wissenschaftliche Wahrheit. Wenn das so ist, dann ließe sich das Argument vom Wohl des Patienten nämlich an sich auch gegen wissenschaftlich einwandfreie medizinische Behandlungen von PatientInnen anwenden, welche sich jedoch nur auf den menschlichen Körper beziehen und den Patienten/die PatientIn als Person auf ihren Körper reduzieren: Kann eine medizinische Behandlung gut sein, die zwar den Menschen auf die beste und schnellste Weise heilt, bei der sich aber der Patient/die Patientin menschlich nicht gut behandelt fühlt?

5. Religiöse Erwartungen an die Medizin

Dieses Buch Monika Wogrollys heißt „Abbilder Gottes“. Das ist dasjenige, was wir Menschen der Religion nach sein sollen. Die Verbindung zum Religiösen stellt sie aber auch bei der Medizin her. Es fragt sich, ob das zu Recht geschieht – schließlich gehört die Medizin, was ihr Wissen und ihre Forschung betrifft, zur Naturwissenschaft und ist als solche zum rein rationalen Denken ohne jegliche Anlehnung an den Glauben verpflichtet. Aber auch in diesem Fall, wenn man also die Wissenschaftlichkeit und Rationalität der Medizin nicht in Frage stellt – warum sollte ein wissenschaftliches und rationales Gebilde nicht Gegenstand des Glaubens werden, wenn große Hoffnungen und Erwartungshaltungen mit ihm verknüpft werden? Das bedeutet, das Religiöse kommt bei der Medizin nicht aus derem Inneren, sondern von außen her, von der Gesellschaft, welche große Hoffnungen in das gesellschaftliche Projekt der Medizin setzt. Monika Wogrolly versucht eine Beschreibung dieses religiösen Verhältnisses der Gesellschaft zur Medizin, aus welchem sich, unter anderem, auch die Frage ergibt: Woher kommen eigentlich die Ziele der Wissenschaft? Sind das selbst wissenschaftliche und wissenschaftlich gerechtfertigte Ziele oder werden sie von außen an die Wissenschaft herangetragen?

„Das Unsagbare oder Mystische, von dem Ludwig Wittgenstein im Tractatus in Zusammenhang mit Metaphysik, Religion und Ethik spricht, das Spirituelle schien hier Platz zu greifen, und zwar in Form eines zwanghaften Glaubens an den Triumph der Medizin, eines Glaubens, der keine Widerrede und schon gar keine Zweifel duldete – weder von Ärzten noch Pflegenden geschweige denn Patienten und deren Angehörigen, weshalb ein Therapieabbruch oder eine Behandlungsverweigerung vom Arzt in aller Regel als unqualifizierter Widerstand und Misstrauensantrag des Patienten gegen das medizinisch-wissenschaftliche Glaubenssystem gedeu-[S. 20]tet wurde und nicht als ernsthaftes Aufblitzen von Personalität, Würde und Autonomie.“ (S. 19-20)

„Dieses Buch wurde geschrieben, um darauf hinzuweisen, dass Spitalsärzte unter überhöhtem Erwartungsdruck stehen und die globale Anspruchshaltung gegenüber der Medizin ins schier Grenzenlose ansteigt. Spätestens mit den Möglichkeiten [S. 21] der Lebensverlängerung, der Gentechnologie und Transplantationstechnik ist ein Zeitalter der an Gottgläubigkeit gemahnenden Medizingläubigkeit angebrochen, was als Konsequenz die soziale Ausgrenzung von nicht behandelbaren und hoffnungslosen medizinischen Fällen hat.“ (S. 20-21)

Gegen die Religion der Medizingläubigkeit in diesem Textzitat setzt Monika Wogrolly eine andere „Religion“: Es ist das der Glaube (der an sich ebenfalls ohne Gott auskommen kann) an die Würde des Menschen. Sie zitiert zu diesem Zweck auf S. 277 aus Kants Grundlegung der Metaphysik der Sitten eine Stelle, wonach im Reich der Zwecke entweder alles einen Preis oder eine Würde habe: Der Sukkus dieser Stelle ist, dass dasjenige, das eine Würde hat, keinen Preis haben kann. Es ist die Frage, ob man so etwas tun darf: eine „Religion“ gegen die andere stellen? Aber wenn die Medizin durch die Medizingläubigkeit der Gesellschaft tatsächlich zu einer Art Religion geworden sein sollte, dann müsste sie eigentlich auch durch religiöse (oder religionskritische) Argumente angreifbar sein.

Umgekehrt könnte es aber auch sein, dass es zu zusätzlichen Erkenntnissen über die Medizin führt, wenn ich einmal versuche, sie konsequent als religiöses Projekt aufzufassen. Auf Seite 281 formuliert Wogrolly den überaus interessanten Gedanken, dass es nichts gäbe, was der Medizin erlauben würde, ein irdisch begrenztes System zur Beseitigung von Krankheiten zu sein, sodass sie sich gegen die gesellschaftlichen Erwartungshaltungen an sie nicht verteidigen könne. Dieser Gedanke wirft ein bezeichnendes Licht auf den Umgang unserer Gesellschaft mit der Wissenschaft: Unsere Gesellschaft, die sich für rational und aufgeklärt hält, scheint selbst kein aufgeklärtes Verhältnis zur Wissenschaft zu haben, sondern ein zutiefst religiöses. An derselben Stelle spricht Wogrolly aber auch von einer „gesellschaftlichen Gleichgültigkeit“ und einer „moralische[n] Verlassenheit“ der Medizin. Das religiöse Verhältnis der Gesellschaft zur Medizin und ihr Desinteresse an ihr passen insofern zusammen, als an die Ärzte hohe Erwartungen herangetragen werden, „die Mittel, wie sie das erreichen können, interessieren die Menschheit aber nicht“ (ebd.) – eine Folge unseres Spezialistentums bzw. der so genannten funktional differenzierten Gesellschaftsordnung (Luhmann)?

An dieser Thematik der gesellschaftlichen Heilserwartungen an die Medizin hängt ein ganzer Rattenschwanz philosophischer Fragen. Wenn z.B. Monika Wogrolly schreibt: „Der Tod wird verleugnet und als medizinisch-menschliches Versagen empfunden und verdrängt.“ (S. 275), dann steht dahinter die philosophische Frage nach der Einstellung zum Tod. Ebenso stehen die Einstellungen zu Leiden und Krankheit als Teil des Lebens in Frage. Der Erfolg der modernen Medizin scheint von der Gesellschaft (und von den meisten Menschen) dahin gehend genutzt zu werden, solche philosophischen Fragen hinauszuschieben oder zu verdrängen. Insofern eröffnet Monika Wogrolly durch ihre Art der Kritik am Medizinsystem, welche die zwischenmenschliche Beziehung und die symbolische Ebene menschlicher Existenz mit einbezieht, also auch wieder einen Raum für philosophische Fragen und Erwägungen.

6. Resümee der Fragen

Freilich könnte man den Inhalt dieses Buches noch viel tiefer analysieren. Mein Interesse in diesem Aufsatz ist jedoch, einige Frageansätze zu gewinnen, die man heute an die Medizin und an die Wissenschaft stellen kann. Was dieses Buch mit meinen Überlegungen verbindet, ist, ich habe es schon erwähnt, dass in ihm die Organisation der Medizin sehr stark im Vordergrund steht und diese Organisation bzw. die in ihr arbeitenden Menschen etwas mit mehr oder weniger hilflosen Individuen tun. Und was die Medizin, mit ihren mehr oder weniger hilflosen Patienten macht, macht sie nach bestem Wissen und Gewissen, das heißt nach aktuellem Stand der medizinischen Wissenschaft sowie der ärztlichen Kunst. (Wenn man die Wissenschaft ebenfalls in ihrem Organisationscharakter sieht und berücksichtigt, dass Menschen in ihrem Alltagsleben normalerweise keine wissenschaftlichen Erkenntnisse machen, dann könnte man diese Beschreibung auch auf sie anwenden: Die Organisation der Wissenschaft „macht“ etwas mit im Bereich der Erkenntnis mehr oder weniger (oder eigentlich völlig) hilflosen Menschen.)

Wie nun behandelt die organisierte Medizin die Menschen? Schlecht? Nein, davon kann keine Rede sein. Aber es wird eben doch ersichtlich, dass auf der Ebene der Organisation die utilitaristische Ethik anscheinend uneinholbare Vorteile gegenüber anderen Sorten ethischer Argumente besitzt. Wenn Monika Wogrolly etwa in ihrem Schlusswort von einer Mutter erzählt, die 15 Monate nach dem Tod ihres Sohnes noch immer seine Schuhe putzt, um ihn auf diese Weise die Erinnerung an ihn lebendig zu halten, dann steht diese Episode wohl für eine bestimmte Dimension des menschlichen Existierens, ist aber kaum vorstellbar als Aspekt in einer gesundheitspolitischen Diskussion zwischen Experten.

Eine Frage wäre also:
Ist in der Medizin (in der die Ethik eine große Rolle spielt, Ethikanträge gehören zur täglichen Arbeit von medizinischen ForscherInnen) die utilitaristische Ethik unausweichlich? Und womit hängt sie zusammen – hängt sie mit dem naturwissenschaftlichen, verdinglichend-manipulierenden Wissenschaftsverständnis der Medizin zusammen? Oder hängt sie mit der Gesellschaft und zwar insbesondere mit der großen Bedeutung des Wirtschaftlichen und der Wirtschaftlichkeit in derselben zusammen?

Eine weitere Frage wäre:
Woher kommen die Ziele der Wissenschaft? Kommen sie aus ihr selber oder kommen sie von außen her, durch die Gesellschaft, welche der Wissenschaft Ressourcen und Geldmittel für die Forschung bereitstellt? Und wenn sie von außen kommen, sind sie wenigstens wissenschaftlich gerechtfertigt oder wird überhaupt nicht über sie nachgedacht, weil man sich im wissenschaftlichen Alltag mit konkreten Forschungsgegenständen beschäftigt, aber nicht mit dem großen Rahmen, innerhalb dessen die gesamte wissenschaftliche Forschung stattfindet?

Eine dritte Frage wäre:
Was sind die Effekte der Organisation in Wissenschaft und Medizin? Sie gehen gewiss darüber hinaus, dass man in Form gesellschaftlicher Organisation, dem allgemeinen Glauben nach, alles in viel größerem Umfang und weit besser machen kann, als ohne sie. Ich habe bei Monika Wogrolly gelesen, dass Ärzte nicht nur Patienten untersuchen/behandeln, sondern zudem auch noch je ein bestimmtes Patientenkontingent pro Vormittag oder pro Tag absolvieren sollen. Wie sieht es umgekehrt mit der utilitaristischen Ethik aus – ist sie die bevorzugte Wahl der Organisation oder jene der Politik (also noch eine Ebene höher)?

Wie dem auch sei, es sieht so aus, als ob alle diese Fragen miteinander verbunden wären: Naturwissenschaft – Verdinglichung – utilitaristische Ethik – organisationale Zwänge – gesellschaftspolitische Wünschbarkeiten. Das ist möglicherweise meine Erkenntnis aus diesem Buch: Ab einer gewissen gesellschaftlichen Bedeutung, werden in der öffentlichen Diskussion nur noch große Hölzer gewälzt, die kleinen Hölzchen hingegen bleiben liegen. Monika Wogrolly spricht von ihrem Wunsch nach einer „Wiederaufnahme des Gesprächs und des zwischenmenschlichen Kontakts in einem von Maschinen dominierten institutionellen Kontext, der beziehungsethisch ausgebrannt scheint“ (S. 29) Ist das eine gute Beschreibung unserer vernünftigen, naturwissenschaftlichen, rationalen, ökonomischen, demokratischen Gesellschaft? Ich frage mich, was Organisation uns alles antun kann und wie sie die Dinge und menschlichen Tätigkeiten jeweils in etwas ganz anderes verwandelt, als was sie ihrer ursprünglichen Intention nach waren, während alle Menschen glauben, wie hätten sie „nur“ organisiert? In der Forderung nach der „Wiederaufnahme des Gesprächs“ sehe ich die Wiederaufnahme der kleinen Hölzchen, welche für die Menschen als Individuen von größter Bedeutung sind, vor den Menschen als Gesellschaft aber nicht gerechtfertigt werden können, weil sie zu flüchtig sind, um die verdinglichte Härte eines allgemeingültigen Sacharguments anzunehmen. Denn was sollte „Gespräch“ anderes bedeuten als die Aufforderung, das auszusprechen, was einem ein Anliegen ist?

26. Jänner 2010

 

© helmut hofbauer 2009