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Was ist eigentlich Phänomenologie?

 

Diesen Text hatte ich schon einmal auf meiner Homepage,

ich habe ich jetzt wieder draufgegeben, weil er mir wichtig ist - und zwar aus folgendem Grund: Ich denke, es gibt verschiedenerart verbrämte (und auch vermurkste) Arten von Phänomenologie auf dem Markt, es gibt die veretymologisierte Version davon von Heidegger (mit der soll, wer mit ihr kann) und es gibt die verpsychoanalysierte Version von Lacan (mit der soll auch, wer damit kann) und andere verpsychologisierte Versionen anderer französischer Autoren, aber:

im Grunde, meine ich, dass hinter der Phänomenologie ein einziger und ganz einfacher Gedanke steht (hinter dem ich auch stehe), nämlich dass die (individual-)menschliche Erkenntnis in der Erfahrung (d.h. in den Phänomenen) ihren Grund finden kann, ihren festen Grund, auf dem sie stehen kann, und damit auch ihre "Wahrheit".

Der Grund dafür nun wiederum, warum das überhaupt möglich ist, ist der, dass - kurz gesagt - eine Sache manchmal einfach so ist, wie man sie eben erlebt, und es völlig egal ist, wie sie objektiv gesehen ist, oder ob sie objektiv gesehen anders ist als wie man sie erlebt.

Damit will ich sagen, man kann mit der phänomenologischen Methode nicht grundsätzlich ausschließen, dass man glaubt, eine Oase zu sehen und in Wirklichkeit war es eine Fata Morgana. Es gibt immer eine noch umfassendere Wahrheit, die über den einzelnen Beobachtungsbereich hinausgreift - die Frage ist nur die: Welche Relevanz diese noch umfassendere, noch objektivere Wahrheit im Einzelfall hat und ob sie überhaupt irgendeine Relevanz hat?

Deshalb noch einmal in möglichster Kürze warum ich glaube, dass man phänomenologisch philosophieren kann: Sie können mit Ihren Freunden ein Wochenende auf dem Land verbringen. Wenn Sie dieses Wochenende als furchtbar erleben, dann hilft es Ihnen gar nichts, wenn es "objekiv gesehen" (in diesem Zusammenhang scheint der Ausdruck sogar seinen Sinn zu verlieren) gar nicht so schlimm war. Manchmal ist etwas eben einfach so, wie man es erlebt -

- und deshalb gilt die Phänomenologie!


Wenn man mich danach fragen würde, was ich denke, was „Phänomenologie“ ist oder sein sollte, was würde ich dann eigentlich sagen?

Ich meine, man kann natürlich, wenn es um die Frage nach der Phänomenologie geht, darüber sprechen, was Edmund Husserl, der allgemein als ihr Gründer anerkannt wird, letztlich wollte, dass die Phänomenologie sei. Und ebenso kann man auf die Frage nach der Phänomenologie anfangen, über die anerkannten phänomenologischen Philosophen zu reden, als da sind Roman Ingarden, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty, Max Scheler, Martin Heidegger, Hannah Arendt, Nicolai Hartmann, Helmuth Plessner, Paul Ricoeur, Jacques Lacan, Hans-Georg Gadamer und Eugen Fink.

Aber ob man auf diese Weise herausbekommen kann, was Phänomenologie ist? Oder ob man auf diese Weise nicht doch nur beschreibt, was Husserls Meinung über die Phänomenologie war? Oder aber zu der Lösung kommt, dass alle Philosophen, die in der phänomenologischen Tradition stehen, Phänomenologen sind?! Oder sogar, dass jene Philosophieprofessoren, die sich mit den anerkannten phänomenologischen Philosophen beschäftigen, Phänomenologen sind??

Ich bin mit alledem nicht zufrieden; ich würde es vorziehen, dass man mir eine Idee von der Phänomenologie vermittelt, wenn man mir von der Phänomenologie erzählt. Ich möchte ganz allgemein einmal bemerken, dass es das menschlich Naheliegendste ist, zuerst einmal die Idee oder das Konzept einer Sache darzustellen, wenn man nach einer Sache gefragt wird – und nicht deren Geschichte und allerhand buchfüllende Details. Aber vielleicht ist es so, dass, weil die Kinder auf diese Weise fragen, es den erwachsenen Menschen kindisch und den Akademikern banal erscheint, in einem solchen Sinne auf eine Frage zu antworten.

Was würde demnach also ich antworten auf die Frage nach der Phänomenologie? Wie würd ichs einem Kinde erklären? Ja, wie habs ich selber denn eigentlich verstanden?

Ich denke, die Phänomenologie ist eine Reaktion auf den deutschen Idealismus. Dieser hatte auf dem Grund des leeren menschlichen Bewusstseins eine metaphysische Suche nach Kategorien und Grundlagen desselben und des Seins überhaupt veranstaltet solange, bis alles nur mehr ein müßiger Streit um Worte zu sein schien und das Bedürfnis neu erwachte, wieder einmal über „die Dinge selbst“ zu reden und nicht nur immer über das apriorische Bewusstsein, das Bewusstsein vor aller Erfahrung.

Diese „Dinge selbst“, das sind die Phänomene. Die Phänomene sind die Dinge, so wie sie uns erscheinen. Die Phänomenologie ist nämlich auch ein Konkurrenzunternehmen zum Positivismus. Der Positivismus, wollte sich den positiva, den Dingen selbst möglichst direkt zuwenden und sie durch Beobachten und Messen einfangen. Dagegen verwehrt sich die Phänomenologie, indem sie darauf besteht, dass uns die Dinge selber nicht zugänglich sind, sondern eben nur ihre Erscheinungen.

Die Idee zur Phänomenologie scheint Husserl von seinem Lehrer, dem österreichischen Philosophen Franz Brentano und seiner „intentionalen Psychologie“ übernommen zu haben. Sie lautet zusammengefasst so: Alles, was ist, alles Wirkliche, erscheint uns im Bewusstsein, als einzelne Bewusstseinsinhalte; wenn ich an irgendwas denke, einen Tisch etwa, geht die Intention, die ich habe, über den Bewusstseinsinhalt, über die Vorstellung eines Tisches hinaus und richtet sich auf einen wirklichen Tisch draußen in der Wirklichkeit. Nun ist es aber so, dass Scheinbares und Wahres gleichermaßen über meine Sinnesorgane in mein Bewusstsein kommen und dort als Bewusstseinsinhalte aufscheinen; gesucht ist demnach eine Methode der Reinigung dieser Bewusstseinsinhalte, um Wahres von Falschem zu trennen. Diese Methode der Reinigung besteht nun darin, dass ich nach dem Wesen einer Sache oder nach dem Wesentlichen an einer Sache frage. (Das hat Husserl dann weiterentwickelt mit seiner „phänomenologischen Reduktion“, aber im Grunde bleibt es dasselbe.) Zusammengefasst, wenn ich meine Bewusstseinsinhalte betrachte und mich danach frage: Was ist das Wesentliche an diesem oder jenem Ding, an dieser oder jener Erfahrung? - dann betreibe ich Phänomenologie.

Nun hat Husserl den meiner Ansicht nach erschreckenden Fehler gemacht, in der Phänomenologie eine Wissenschaft und noch dazu eine apriorische Wissenschaft sehen zu wollen. Was die apriorische Wissenschaft betrifft – da hätte er doch gleich weiter Deutschen Idealismus betreiben können! Denn die Phänomenologie, so wie ich das verstehe, ist ja die Abwendung von den Fragen nach dem Apriorischen, zugunsten einer Hinwendung zu den Phänomenen. Um es noch klarer zu formulieren: Wenn ich mich um die Fragen nach den apriorischen Gegebenheiten kümmere, dann richte ich mein Bewusstsein auf logische Fragen danach, was vor aller Erfahrung da ist und alle mögliche Erfahrung grundlegt. Wenn ich mich phänomenologisch der Wahrheit nähere, dann lasse ich solche apriorische Fragen offen und wende mich den Phänomenen zu, um diese ganz genau zu betrachten und mich von ihnen belehren zu lassen.

Und was nun den Fehler betrifft, die Phänomenologie als eine Wissenschaft zu sehen, da möchte ich fast sagen, da hätte Husserl ja auch bei den Positivisten mitmachen können. Denn in der Phänomenologie geht es – meiner Ansicht nach, aber offenbar nicht nach jener Husserls oder anderer Phänomenologen – um die Phänomene. Die Phänomenologie ist die erste Denkrichtung in der Geschichte, die in ihrer Wahrheitssuche und Erkenntnistheorie die Phänomene richtig zu würdigen begann. Aber damit ein solches Projekt nicht von vornherein auf Abwege gerät, muss man sich zuerst einmal gehörig die Frage stellen, was denn ein „Phänomen“ überhaupt ist.

Was ist ein Phänomen? Ich habe die Antwort ja schon gegeben, ein Phänomen ist ein Ding in der Wirklichkeit, so wie es uns in unserem Bewusstsein erscheint. Aber so versteht das ja noch niemand; deshalb muss ich die Antwort noch etwas radikalisieren: Die bewusste Wahrnehmung von Phänomenen, also die bewusste Idee, das, was man sieht und denkt und sich vorstellt, als Phänomene wahrzunehmen, ist eine neue Position im alten philosophischen Streit zwischen Schein und Wahrheit, der seit jeher, seit den Anfängen der Philosophie besteht. Immer schon hat die Philosophie versucht, nicht auf den Schein hereinzufallen und unter/hinter/über dem Schein die Wahrheit zu suchen. Die Wahrheit gab es seit jeher in zwei Gestalten: entweder in den Dingen selbst, so wie sie richtig wahrgenommen werden (siehe Aristoteles, Universalienstreit, Empirismus, Positivismus...) oder, zweite Möglichkeit, in der richtigen Idee, die man über die Dinge hat (siehe Platon, Universalienstreit, Rationalismus, Deutscher Idealismus...). Das heißt, die Wahrheit über die Dinge wurde immer entweder in den Dingen selbst oder in den richtigen Ideen über die Dinge gesucht. Die Hinwendung zu den Phänomenen, mithin also die Idee der Phänomenologie, so wie ich sie verstehe, bedeutet zu sagen: Nicht da, noch dort, sondern dazwischen, zwischen den wahren Ideen und den Dingen an sich, (weil beide uns nicht zugänglich sind), ist die Wahrheit zu suchen, nämlich in den Phänomenen, in dem, was wir tatsächlich erleben und was uns tatsächlich zu Bewusstsein kommt.

>> 2. Teil

© helmut hofbauer 2006