| 2.Teil
Das
ist aber noch nicht die ganze Geschichte: Die Phänomenologie
wendet sich also den Phänomenen zu – und damit
von den an sich wahren Ideen und den Dingen an sich ab.
Das bedeutet aber nun nicht nur, wie ich gesagt habe, eine
ganz neue Position in dem alten philosophischen Streit zwischen
Schein und Wahrheit, sondern auch eine völlig neue
Bewertung von Schein und Wahrheit selber. Während nämlich
für alle Philosophie vor der Phänomenologie klar
war, dass die Wahrheit das ist, was zu suchen ist und der
Schein das, was uns von der Wahrheit abhält, sucht
die Phänomenologie die Wahrheit im Schein!!! Das phainomenon
ist etwas, das erscheint. Ihm wendet die Phänomenologie
ihre Aufmerksamkeit zu, sie wendet sich also dem Schein
zu. Das ist eine völlig neue Idee, die allen herkömmlichen
Wahrheitskonzeptionen widerspricht. Die Wahrheit im Schein
zu suchen, wäre für die Philosophen vor der Phänomenologie
wie auch für die allermeisten Nichtphilosophen, wie
auch im übrigen für die Wissenschaft eine völlig
absurde Idee. Wie lässt sie sich erklären?
Sie lässt
sich so erklären, indem man danach fragt: In welcher
Realität lebt denn der Mensch eigentlich? Lebt der
Mensch in der Welt der Dinge, so wie sie wirklich sind?
– Nein! Lebt der Mensch in der idealen Welt der Ideen?
– Auch nicht. Wo lebt der Mensch also? – Um
es ganz einfach so herauszusagen, er lebt in seinem Bewusstsein.
Vielleicht kann ich das mit Luhmann erklären, für
den es „soziale Systeme“ gibt und „Bewusstseinssysteme“.
Ein soziales System etwa nimmt nicht die Wirklichkeit wahr,
wie sie ist, sondern das Wirtschaftssystem etwa nimmt nur
Kaufen/Nicht kaufen wahr und ist blind für die Umweltverschmutzung.
Wir individuelle Menschen nun sind Bewusstseinssysteme,
wir nehmen auch nicht wahr, was eigentlich los ist, also
etwa ob uns ein kleines Äderchen im Hirn platzt, (solange
das nicht gravierendere Folgen nach sich zieht), sondern
wir nehmen nur wahr, was uns ins Bewusstsein kommt –
oder vielleicht: was unser Bewusstsein zulässt, dass
uns zu Bewusstsein kommt. Mit einem Wort, unser Bewusstsein
spielt uns etwas vor, spielt uns eine Realität vor.
Der
Mensch lebt in seinem Bewusstsein, und dieses erschafft
für ihn eine Scheinwelt, aber: Da er sein ganzes Leben
in dieser Scheinwelt zubringt, ohne Möglichkeit aus
ihr auszusteigen und sie durch einen Blick von außen
zu relativieren, da der Mensch also im Schein lebt, ist
dieser Schein für ihn Wahrheit! Jedenfalls dann, wenn
man danach fragt, in welcher Realität der Mensch nun
wirklich lebt.
Um
nun die Frage: Was ist eigentlich ein Phänomen? zu
einem würdigen Abschluss zu bringen: Ein Phänomen
ist nicht das erste Anzeichen von einem wirklichen Ding,
dergestalt, dass man wieder zu wirklichen Dingen kommen
würde, wenn man nur die Phänomene ein wenig genauer
untersucht. Ein Phänomen ist also nicht die Erscheinung
eines wirklichen Dinges, sondern es ist das wirkliche Ding
als Erscheinung oder, noch radikaler formuliert: Es ist
die Erscheinung als wirkliches Ding. Wenn ich mit dem Bewusstsein,
nach Phänomenen Ausschau zu halten, meinen Blick auf
die Wirklichkeit richte, so ist es das Bewusstsein davon,
dass ich "nur" Phänomene zu sehen bekomme,
wenn ich "zurück zu den Dingen selbst" gehen
möchte, dass ich von Phänomenen umgeben bin und
in einer Welt lebe, die komplett aus Phänomenen besteht,
das heißt, aus Dingen, die kein anderes Sein haben
als die Weise, wie sie mir erscheinen. Wenn man ein Bewusstsein
vom Phänomen hat, also davon, was ein Phänomen
wirklich ist, dann hört man auf damit zu fragen, wie
die Dinge in Wirklichkeit sind, weil man verstanden hat,
dass es das gar nicht gibt, dieses "in Wirklichkeit"
hinter den Erscheinungen - sondern dass die Dinge so sind,
wie sie uns erscheinen, dass die Dinge in Wahrheit ihre
Erscheinungen sind. Deshalb wendet man sich den Erscheinungen
zu, um diese genauer zu betrachten, weil man verstanden
hat, dass die Wahrheit auf dieser Ebene liegt: auf der Ebene
der Phänomene.
Dass
man sich auch dem Schein, den Phänomenen zuwenden und
sie untersuchen könne, dass man sie genau beschreiben
und miteinander vergleichen könne und auf diese Weise
innerhalb der Scheinwelt des Bewusstseins Wesentlicheres
von Unwesentlicherem, Wahreres von weniger Wahrem trennen
könne, das halte ich für die verdienstvolle Idee
der Phänomenologie, die gemacht und sofort wieder vergessen
wurde. Husserls „eidetische Phänomenologie“,
scheint mir ja ein richtiger Rückfall in den Platonismus
zu sein, er konnte sich offenbar nicht halten auf der prekären
Ebene der Phänomene und so musste, wenn er die Phänomene
hinterfragte, am Ende eine ewige Wahrheit und also eine
Idee herauskommen. Phänomene sind ja tatsächlich
prekäre, flüchtige Dinge, ihre Wahrheit ist heute
so und morgen anders, na so, wie sie eben erscheinen –
und die Versuchung ist groß, wenn man sie hinterfragt,
nach einem Ergebnis zu suchen, das etwas anderes ist, als
wieder ein Phänomen. Das heißt, wie wir schon
wissen, entweder nach einer Idee oder nach dem Ding, wie
es wirklich ist. Wenn man das tut, verlässt man aber
die Ebene der Phänomene schon wieder, welche die eigentliche
Ebene der Phänomenologie darstellt.
In
diesem Sinne ist zu fragen: Wie könnte denn die Phänomenologie
überhaupt Wissenschaft sein? Die Phänomenologie
spielt sich auf der Ebene der Phänomene ab und hinterfragt
diese in ihrem Zusammenhang; die Wissenschaft hingegen fragt
letztlich immer wieder nach den Dingen selbst. Ein wissenschaftliches
Resultat ist kein Phänomen, sondern eine Tatsache,
und Tatsachen sind es auch immer wieder, die die Gesellschaft
von der Wissenschaft erwartet - und nicht Erklärungen
beispielsweise darüber, wie es einem bestimmten Menschen
nun wirklich geht, wenn er verliebt ist.
Befremdlich
an der Tatsache, dass Husserl unbedingt wollte, dass die
Phänomenologie Wissenschaft sei, ist auch, dass die
Wissenschaft ja auch intersubjektiv und der Intention nach
sogar objektiv ist. Nun ist zu fragen: Lebt denn der Mensch
in einer intersubjektiven Welt? Können Sie denn, werter
Leser, wenn ich gerade Zahnschmerzen habe, meinen Zahnschmerz
mitfühlen? – Nein. Die Intersubjektivität,
in der wir Menschen leben, ist eine nachträgliche,
sie ist eine Erscheinung der Sprache und natürlich
auch eine Folge dessen, dass wir alle einander nicht völlig
unähnlich sind. Ich kann also annehmen, dass Sie auch
wissen, was Zahnschmerz ist. Aber im Grunde leben wir eingesperrt
in unserem eigenen Körper und in unserem eigenen Bewusstsein;
wir leben in einer individuellen Welt, die durch Sprache
und Kommunikation erst nachträglich zu einer gemeinsamen
wird. Wenn man darüber nachdenkt, kann man auch nachvollziehen,
was für eine Verfälschung der Phänomene sich
ergeben muss, wenn man die Phänomenologie als Wissenschaft
betreibt: Man setzt dann von vornherein ein intersubjektives
Maß an die Erfahrungen und Phänomene an, die
zur Sprache kommen sollen und das hat zur Folge, dass ein
jedes Phänomen, das über den intersubjektiven
Durchschnitt hinausgeht, ratzeputz geköpft und abgehobelt
wird, ja, eigentlich kann ein Phänomen unter solchen
Bedingungen überhaupt nicht zur Sprache kommen. Wenn
man die Phänomene nicht an ihrem ureigensten Entstehungsort,
dem individuellen menschlichen Bewusstsein aufsucht, dann
gibt es sehr schnell nur mehr Gemeinplätze zu hören,
aber keine einzige authentische Erfahrung mehr, die irgendein
Mensch wirklich gemacht hätte.
Und
in diesem Zusammenhang hätte ich auch noch einen letzten
Hinweis anzubringen: Es ist auch befremdlich, dass die Phänomenologie
„Phänomenologie“ heißt. Wie ich dargestellt
habe, muss und kann das phänomenologische Projekt kein
anderes als ein individuelles sein. Schließlich geht
es dabei ja darum, Phänomene auch tatsächlich
zu erfassen, das heißt authentische Erfahrungen, authentisches
Erleben, dort zu sehen und zu beschreiben, wo es geschieht
und in dem Zusammenhang, in dem es geschieht. Nun, der Ort,
an dem es geschieht, ist die individuelle menschliche Innenwelt,
und der Zusammenhang, in dem es geschieht, ist der der persönlichen
Lebensgeschichte – die Hinwendung zur eigenen Innenwelt
und zur persönlichen Lebensgeschichte aber bedeutet
eine Abwendung von allen –ismen und –logien.
Insofern ist es, wie ich glaube, ein Widerspruch in sich
selber, dass die Phänomenologie „Phänomenologie“
heißt.
Insgesamt
kann ich sagen, dass ich die Phänomenologie für
eine gute Idee halte. Es ist tatsächlich sinnvoll,
dass er Mensch sich den Phänomenen zuwendet. Das geschieht
sonst nirgendwo: Die Wissenschaft beglückt uns mit
Beschreibungen der Welt, die zwar richtig und wissenschaftlich
erwiesen sind, aber allgemein, und uns im Grunde nichts
angehen. Das soll nicht gegen die Wissenschaft gehen, aber
ich würde einem jungen Menschen, der auf der Suche
nach der Wahrheit in seinem Leben ist, nicht das Studium
der Elektrotechnik empfehlen, da könnte ich ihm genausogut
das Studium der Soziologie, der Amphibienkunde, des Telefonbuchs
oder sonstwas empfehlen. Andererseits halte ich die großen
metaphysischen Fragen von der Art: „Woher kommen wir?“,
„Wohin gehen wir?“ und „Wozu sind wir
eigentlich hier auf dieser Welt?“ auch für unbeantwortbar.
Praktikabel aber ist, sich zu fragen, „Wie gehts mir
eigentlich?“, „Was erlebe ich eigentlich?“
und „Wie passt das alles, was ich erlebe, eigentlich
zusammen?“ Das ist es jedenfalls, was ich tue, wenn
ich Phänomenologie treibe.
Mein
Problem mit den Phänomenologen ist dabei nur, dass
ich mich mit ihnen nicht verständigen kann; sie schauen
das an, was ich mache und können es nicht als Phänomenologie
erkennen. Ja, aber dann muss ich fragen: Was sollte es denn
sonst sein? – Analytische Philosophie etwa? Sprachphilosophie?
Pragmatismus? Utilitarismus? ... Es wäre doch absurd,
wenn ich gerade bei den Phänomenologen kein Verständnis
finden könnte! Wiewohl mir schon bei gewissen angeblich
phänomenologischen Vorträgen das Verständnis
ausgegangen ist, wenn in bester Heideggerscher Tradition
endlos griechisch etymologisiert wurde, anstatt eine einzige
wirkliche Erfahrung zur Sprache zu bringen.
Ich
verstehe Phänomenologie eben so, wie ichs verstehe.
Und ich verstehe Phänomenologie so, wie es für
mich Sinn macht. Und Sinn macht es für mich nur, wenn
man diese Hinwendung zu den Phänomenen ernst nimmt.
Auch wenn Husserl das letztenendes doch wieder anders gemeint
hat. Aber ohne diese Hinwendung zu den Phänomenen scheint
mir an der Phänomenologie nichts Neues und auch nichts
Interessantes zu sein. Ohne das verliert die Idee der Phänomenologie
ihre Konturen, und es wird tatsächlich so, dass Phänomenologie
ist, wenn man sich mit den anerkannten phänomenologischen
Philosophen beschäftigt.

Referenz:
Helmuth
Vetter: Stichwort: „Phänomenologie, phänomenologisch“
– für ein noch in Entstehung befindliches Wörterbuch
phänomenologischer Grundbegriffe. Zu finden auf der
homepage der Österreichischen Gesellschaft für
Phänomenologie:
http://phaidon.philo.at/~oegesph/ArtPhä.htm
Julian Marías: Historia de la filosofía. Revista
de Occidente. Madrid 1974 (erste Aufl.1941), S. 360-366
und S. 392-405.
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