Helmut Hofbauer

 

Philosophischer Lebenslauf

(2016)

 

 

Tabellarischer Lebenslauf:

CV Helmut Hofbauer 2016

 

 

Jahr (circa)

Auseinander-
setzung mit
Werk
Kommentar
1982
Lesenlernen
 
3. Klasse Volksschule in Felling (NÖ): Schullehrer Dobeiner hatte Kinderbücher auf den Fensterbrettern seiner Schulklasse aufgestellt. Es gab Lesestunden, in denen wir still in unseren Büchern lasen. Wir durften uns die Bücher auch ausborgen und mit nach Hause nehmen. In dieser Zeit lernte ich, aus eigenem Antrieb ein Buch in die Hand zu nehmen.
1983-1991
Mithelfen am elterlichen Bauernhof
 
Diskussionen von unfreiwillig sokratischer Art mit meinen Eltern über Begriffe. Z.B.: Was ist "Arbeit"? Ist Arbeit notwendigerweise etwas Unangenehmes, und ist eine angenehme Tätigkeit Vergnügen? Ist Arbeit die einzig sachgerechte Verwendung von Zeit (also: "Stiehlt man dem Herrgott seinen Tag", wenn man nicht arbeitet?)? In dieser Zeit lernte ich, dass Wörter nicht einfach eine fixe Bedeutung haben, sondern ihr Inhalt von den Vorstellungen abhängt, die man in sie hineinlegt.
1983-1991
Busfahrt nach Horn
 
Die tägliche Busfahrt ins Gymnasium nach Horn dauerte 2x eine dreiviertel Stunde. Zeit (morgens von 6:30-7:15, nachmittags von 13:50- 14:35), in der ich viel zu müde war, um sie sinnvoll nützen zu können. Zeit zum Träumen und um die Gedanken schweifen zu lassen. Das war eine wichtige Zeit für mich, weil in ihr die Bewusstwerdung meiner selbst als Person stattfand: Diese Zeit hatte keinen besonderen Inhalt, deshalb hatte ich während der Busfahrten Zeit für mich.
1988-1991
Ludwig HIRSCH
 
Lernen, dass die Auseinandersetzung mit der Welt nicht 1:1 und unmittelbar sein muss, sondern auch ironisch gebrochen stattfinden kann, dass sie verschiedene Grade der Lautstärke oder Eindringlichkeit zulässt.
1989-1991
Edward ALBEE, Samuel BECKETT, Jorge Luis BORGES, Martin ESSLIN, John FOWLES, Joseph HELLER, Doris LESSING etc.
 
Mein Schachprofessor am Gymnasium borgte mir jeweils drei englischsprachige Bücher, von denen ich üblicherweise eines las und zwei ungelesen zurückgab, weil sie mir schwer waren. Beschäftigung mit dem Theater des Absurden.
1989-1991
Thomas BERNHARD
 
Ein älterer Mitschüler aus einer anderen Klasse machte mich auf das Werk von Thomas Bernhard aufmerksam. In der Folge las ich alle Romane von Bernhard. Was ich dabei lernte: ein Thema ernst zu nehmen.
1990-1991
Friedrich NIETZSCHE
 
Beschäftigung mit der Frage, was man als Mensch im Leben werden sollte und welche Einstellung man zu der Frage einnehmen könnte.
1992
Reise nach Ecuador
 
45 Tage; erste selbst organisierte und allein durchgeführte Reise
1992-1993
Arthur SCHOPENHAUER
 
Lektüre der Welt als Wille und Vorstellung. Meine Einführung in das Thema der Erkenntnistheorie zwischen Subjektivität und Objektivität.
1994-1995
Pierre BOURDIEU, Niklas LUHMANN
 
Beginn des Interesses für soziale Zusammenhänge im Fragehorizont zwischen individueller Selbstbestimmung und Fremdbestimmung des Menschen durch gesellschaftliche Mechanismen.
1996-1997
Fernando SAVATER
Diplomarbeit: Ethik anhand von Fernando Savater
Mein Spanischlehrer Jorge Sánchez-Cabrera hatte mich auf Fernando Savater aufmerksam gemacht. Diplomarbeit über die Ethik dieses zeitgenössischen spanischen Philosophen, dessen Werke ich auf Spanisch gelesen habe. Bei Savater (allein) fand ich einen Begriff von "Ethik", der mir sinnvoll erscheint: Ethik als Beantwortung der Frage "Was soll ich tun?" - ohne Einschränkung auf moralphilosophische Fragestellungen. Dieser Ethikbegriff verunmöglicht es mir, mit anderen Philosophen über Ethik zu sprechen, weil sie Ethik auf Moralphilosophie einschränken wollen.
1997
Erste Zweifel an der Wissenschaft
Artikel: "Wissenschaft …interessiert mich nicht!" und: "Die Wirklichkeit …muss man mit dem Mikroskop anschauen!"
Zwei Artikel für die Studentenzeitschrift "Ad hoc", die damals beide sehr stark von meinen wissenschaftsgläubigen Redaktionskollegen abgelehnt worden sind. Die Wissenschaft galt ihnen als etwas Reines und uneingeschränkt Gutes. Ich erlebte sie zunehmend als Behinderung meiner Erkenntnisinteressen sowie als Zwang, mich mit Themen auseinandersetzen zu müssen, die mich nicht interessierten. Ich erlebte, wie einzelne Studienkollegen durch die Internalisierung wissenschaftstheoretischer Imperative in Hinterwelten abdrifteten und den Kontakt zur alltäglichen Lebenswelt verloren.
1998-2000
Sozialtheorie, Begriff der "Gesellschaft"
Dissertation: Bezugspunkt Gesellschaft
Beschäftigung mit der Frage, welche Einstellung man als Einzelmensch der Gesellschaft, in der man lebt, gegenüber sinnvollerweise einnehmen kann. Was ist die Gesellschaft überhaupt? Ist sie eine Gemeinschaft von Menschen oder besteht sie aus etwas anderem als aus Menschen (aus Institutionen, sozialen Regeln, Kommunikationen)? Kaum eine philosophische Arbeit hat mich in meiner Erkenntnis eines Themas weiter vorangebracht als diese. Gleichzeitig musste ich lernen, dass die Verständigung mit anderen Menschen immer schwieriger wird, je weiter ich mich von den allgemein für wahr gehaltenen (unreflektierten) Vorstellungen über Gesellschaft entfernte: Der Gedanke, dass die menschliche Gesellschaft aus etwas anderem als aus Menschen bestehen könnte, ist beispielsweise für viele Menschen so unerträglich, dass sie ihn nicht akzeptieren können.
1999-2000
Michel DE MONTAIGNE, die FRANKFURTER SCHULE
 
Zwei zusätzliche Themen, die ich für mein Rigorosum in Philosophie vorbereitet habe.
2000-2001
Erkenntnistheorie, Lerntheorie, Wissenschaft
Buch: Einladung zur Odyssee
Beschäftigung mit der Frage, welches Konzept von Erkenntnistheorie für den Einzelmenschen am sinnvollsten ist. Wissenschaftliche Erkenntnis überfordert die Ressourcen des einzelnen Menschen, sowohl was sein Zeitbudget als auch, was seine materiellen Ressourcen und seine Ausstattung betrifft. Gleichzeitig lässt sie viele Ressourcen ungenützt, in dem sie die Funktionsbedingungen des menschlichen Gehirns unberücksichtigt lässt. Bestimmung von philosophischer Erkenntnis als einzelmenschlicher Erkenntnis im Gegensatz zur wissenschaftliche Erkenntnis als kollektivem Erkenntnisprojekt der Menschheit.
2001
Reise durch Kolumbien, Ecuador und Peru
 
2001-2003
Kulturtheorie, Begriff der "Kultur"
 
Beschäftigung mit Kulturtheorie, ausgehend von der Idee, dass einzelmenschliche Erkenntnis bzw. Lernen so etwas wie Selbstkultivierung ist. Erkenntnis, dass Selbstkultivierung in den Kulturdefinitionen von Ethnologen und Kulturtheoretikern gar nicht vorkommt. Zum zweiten Mal (nach der Ethik anhand von Fernando Savater) mache ich die Erfahrung, dass ich ein selbstgewähltes Thema nicht mit Akademikern diskutieren kann, weil es in ihrem Diskurs, so wie sie ihn ausgestaltet haben, keinen Platz hat.
2004-2009
Interkulturelle Kommunikation
Buch: Herausführung aus der Interkulturelle Kommunikation
Beschäftigung mit Interkultureller Kommunikation im Rahmen meiner Unterrichtstätigkeit am Germanistischen Institut der Universität Breslau (Polen). Einsicht, dass die Gründung dieses Fachs vom Interesse an anderen Kulturen getragen war, dass es sich jedoch gegenwärtig besser auf dem Markt verkauft, wenn man die Angst vor "interkulturellen Missverständnissen" schürt: Zeit für eine Herausführung aus der in eine Sackgasse gelangten Interkulturellen Kommunikation
2010-2011
Wissenschaftstheorie, Begriff der "Wissenschaft"
Buch: Wer hat das Wissen in der Wissenschaft versteckt?
Auseinandersetzung mit dem paradoxen Phänomen der Wissenschaft in 12 Einzelstudien. Paradox ist sie deshalb, weil in der Wissenschaft eine privilegierte Gruppe von Menschen (die wissenschaftliche Gemeinschaft) daran arbeitet, Erkenntnis für alle Menschen zu schaffen: Kann man den Menschen Erkenntnis und Wissen schenken, indem man sie von Erkenntnis und Wissen ausschließt und ihnen zu verstehen gibt, sie seien nicht gut genug für wissenschaftliches Wissen?
2003-heute
  Philosophische Arbeitsblätter
In meiner Zeit als Dozent am Germanistischen Institut der Universität Breslau (Polen) begann ich, Arbeitsblätter für das Fach Interkulturelle Kommunikation zu erstellen. Mein Ziel war es, Inhalte möglichst auf einer Seite zu komprimieren, sodass sie sich kopieren und als Unterlage für den Unterricht verwenden lassen. Diese Gewohnheit behielt ich später bei und habe in der Folge zahlreiche philosophische Arbeitsblätter erstellt. Vielleicht haben Menschen nicht die Zeit, zum Lesen langer Bücher, aber für die Lektüre von 1-2 Seiten. Die philosophischen Arbeitsblätter enden mit Fragen, weil Philosophie kein Wissen produziert, sondern zeigt, wie man Dinge so und auch anders sehen kann.
2004-heute
Wirtschaft
 
Beginnendes Interesse an Wirtschaft. 2007-2008 Postgraduate Studium "Management und Marketing" an der Wirtschaftsuniversität Breslau, 2009-10 "Management College" am WIFI Wien. Vorstellung, in der Wirtschaft ein Konzept der Erkenntnis zu sehen, das der Wissenschaft entgegengesetzt ist: In der Wissenschaft versucht man, "die" Wahrheit zu erkennen und "der Realität gerecht zu werden"; in der Wirtschaft versucht man, sich in der Realität zu orientieren und etwas zu finden, das Anderen noch nicht aufgefallen ist (eine Marktlücke). Überraschende Einsicht infolge meiner Beschäftigung mit Wirtschaft: dass sich meine unmittelbaren Mitmenschen gar nicht für Wirtschaft interessieren! (Als "weltfremder" Philosoph hatte ich das Vorurteil gehabt, Nichtphilosophen würden sich für Wirtschaft und Karriere interessieren.)
2012
Organisationstheorie
Buch: Vom ungeschützten Wort. Philosophie in der organisierten Welt
Aufflammendes Interesse an Organisationen: Einsicht, dass wir einander in Gesellschaft nicht als Individuen begegnen, die offen sind für das Wort des anderen Menschen als Menschen. Diskussionen über einzelne Themen sind in der Gesellschaft organisiert und zur Sprache kommen kann nur, was in diesen Diskussionen als mögliches Thema vorgesehen ist. Was als mögliches Thema vorgesehen ist, wird stärker von den Interessen der dahinterstehenden Organisationen bestimmt als von den Menschen, die diskutieren.
2013-14
Ethik, Moralphilosophie, Geschichte der Ethik
Buch: MoralkEulen in die Ethik tragen
Auf andere Menschen mit der Moralkeule einzudreschen, gilt als verwerflich. Aber ist nicht die gesamte gegenwärtige Disziplin der Ethik darauf ausgerichtet, als Moralkeule zu dienen? Das Buch versucht in einem geschichtlichen Überblick zu begreifen, wie es passieren konnte, dass sich die Ethik in ihr Gegenteil verkehrt hat: von einer Disziplin, in der der Mensch sich fragte, was er tun kann und will, in eine, in der es darum geht, was er tu muss und nicht tun darf.
2014-15
Selberdenken
Buch: Twisten mit dem Verstand
Beginnendes Interesse am Thema Selberdenken. Vor dem Selberhandeln (Ethik) steht eigentlich das Thema Selberdenken (philosophieren). Aber denkt beispielsweise jemand selber, der einen Beitrag zu einem Fach liefert? Der sich an einer Diskussion beteiligt, die nicht seine eigene Diskussion ist? Der in seiner Funktion, z.B. als Wissenschhaftler, denkt, aber nicht als er selber?
2013-2015
Gettier-Problem, Erkenntnistheorie
Buchbeitrag über das Gettier-Problem im Buch Ist der Patient ein Mensch?
Das Gettier-Problem als ein Beispiel für ein Problem, das von den akademischen Philosophen (der Analytischen Philosophie) akzeptiert wurde, weil es innerhalb eines vorgesteckten Rahmens (der so genannten "Standardanalyse des Wissens") aufgeworfen wurde. Der Versuch, das Problem außerhalb seines akademischen Rahmens (z.B. durch Infragestellung seiner Ausgangspunkte) zu behandeln, führt bei akademischen Philosophen zu Verständnislosigkeit. Bei nichtakademischen philosophieinteressierten Menschen führt bereits die Tatsache, dass das Problem "Gettier-Problem" heißt und dadurch auf eine spezialisierte Fragestellung hinweist, zu Ablehnung und Nichtbereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. Anhand des Gettier-Problems kann man sehen, wie eine Fragestellung, die ihren Ausgangspunkt in allgemeinen menschlichen Haltungen und Einstellungen hat, unzugänglich für die menschliche Reflexion wird, indem sie durch Verfachlichung der menschlichen Lebenswelt entzogen wird.
2016
Begriff des "Nutzens"
Aufsatz
Um uns von Maßnahmen zu überzeugen, wird uns oft deren Nutzen vor Augen geführt. Unternehmer werden daran erinnert, dass sie mit ihren Produkten und Dienstleistungen Kundennutzen schaffen sollen. Aber meiner Beobachtung nach bestimmt nicht der Nutzen unsere wirtschaftlichen Austauschprozesse, sondern diese werden von Nöten und Zwängen angetrieben. Nutzen würde in uns ein Gefühl von Macht und Überfluss erregen; um uns zum Kaufen zu bewegen, muss man aber das Gegenteil erreichen, nämlich in uns ein Gefühl von Ohnmacht und Defizit erwecken.
2014-17 Selberdenken Buch: Überleben unter Menschen. Weiterleben mit der Rest-persönlichkeit. Einsicht, dass ich zu experimentieren beginnen muss, weil die herkömmlichen Textformen keine sprachlichen Formen bieten, um Selberdenken zum Ausdruck zu bringen. Selberdenken ist ja nicht nur, wenn eine Person selbst denkt, sondern wenn sie über ihre eigenen Probleme nachdenkt. All unser Nachdenken dient aber dazu, gemeinsame Probleme zu lösen oder vielmehr: Recht zu behalten und den Anderen zu zeigen, wie toll wir sind. Wenn jemand selber denkt, werden die Anderen sagen: "Der denkt schlecht! Er denkt etwas, das nicht von allgemeinem Interesse ist!"

© helmut hofbauer 2017